Verlaufen nachts um halb drei

DIGITAL CAMERAWir hatten nachts um zwei mit dem Rettungswagen gerade wieder die Unterkunft erreicht und uns auf unserer Ladeschale positioniert. Der letzte Einsatz ging mir noch ein wenig im Kopf herum: Ein 15jähriges Borderline – Mädchen, welches sich am Arm geritzt hatte, wurde in die Jugendpsychiatrie gebracht. Unterwegs erzählte sie uns von ihrem jungen, kaputten Leben. Bevor mich die Gedanken jedoch losließen und ich einnicken konnte, hörte ich leise von draußen ein Rufen: Hilfeee! Hilfeee!“ Es klang sehr schwach. „Watt iss datten?“, brummte ich. „Hat sich jemand mit einem Herzinfarkt in die Krankenwageneinfahrt geschleppt und stirbt jetzt vor sich hin?“ Mein Kollege brummelte zurück: „Keine Ahnung. Willst du nachsehen?“ – „Na klar. Muss mal sehen, was los ist. Vielleicht braucht da einer wirklich Hilfe. Und bei dem Gejammer kann ja keiner pennen.“ Wir zogen uns also wieder an und verließen die Unterkunft. In der Vergangenheit haben wir schon so einige „privat“ gebrachte Notfälle von der Auffahrt gepflückt, von „Omma Kreislauf“ bis zu einem verletzten Kind nach einem Autounfall.

Auf der Krankenwagenzufahrt stand ein Security- Mann, der scheinbar auch gerade erst auf die Szene trat, und leuchtete in den ersten Stock des Krankenhauses. Dort stand ein älterer Herr im blauen Trainingsanzug an einem geöffneten Fenster: „Helfen Sie mir. Ich komme hier nicht mehr raus!“ Also kein Infarkt, keine Lebensgefahr. Scheinbar hatte er sich im Medikamentenwahn oder demenzbedingt bloß verlaufen. Mein Kollege drehte sich auf dem Absatz um und ging wieder hinein. Aber sollte ich dem Security- Mann, der gerade mal wusste, wo er seine Kontrollkarte in die Kartenleser an den Türen stecken musste, die Sache überlassen? Und so lange der Mann am Fenster um Hilfe rief, bekam ich sowieso keine Ruhe. Also schien mir die beste Alternative, das Problem selbst zu lösen. Ich sagte dem Herren: „Warten Sie. Ich komme mal rauf. Dauert aber einen Moment.“ Das war für den Mann des Sicherheitsdienstes wohl das Signal, dass es nicht mehr seine Sache war: Er verzog sich einfach ohne jede Rückfrage.

Ich ging also zur Pforte. „Was gibts denn?“, begrüßte die Dame hinter dem Tresen mich. „Hallo. Ich habe da ein Problem mit einem der Patienten (Ja, es war jetzt von mir zu „meinem Problem“ befördert worden…), der sich wohl verlaufen hat. Er steht hinten im Ersten an einem Fenster. Ich glaube, dort ist der Aufenthaltsraum vom OP- Personal. Vermisst ihr einen?“ – „Ach, der ist das! Die von der Notdienstpraxis gegenüber haben schon angerufen und gesagt, bei uns würde irgendwo jemand um Hilfe rufen“, erzählte sie, während sie zum Tresor ging, um die Generalschlüssel zu holen. „Die von der chirurgischen Ambulanz waren schon draußen, haben aber nichts gefunden.“ Das Telefon klingelte, sie kam mit dem „General“ zurück und nahm den Hörer ab. „Pforte hier! … Ja … ja … aha … Jaja, da steht gerade ein Feuerwehrmann vor mir, der sagt, dass der Patient oben im OP- Trakt ist. Wir kommen mal mit dem Schlüssel rauf.“ Sie legte auf: „Das war ein Pfleger von der Urologie. Der vermisst den Patienten jetzt auch schon.“

Wir gingen gemeinsam in den ersten Stock, wo sich nicht nur der OP-Trakt befand, sondern auch die urologische Station, aus der uns jetzt der besagte Pfleger entgegen kam. Frau Pforte fragte ihn: „Wie kommen wir denn jetzt zum OP- Trakt?“ – „Am besten da drüben durch die urologische Ambulanz“, entgegnete der Pfleger. „Die sollte nachts eigentlich abgeschlossen sein. Aber ich glaube, die haben mal wieder vergessen, dicht zu machen.“ Jetzt waren wir schon zu dritt und betraten den langen Flur der urologischen Ambulanz, die nur tagsüber regulär besetzt war. „Die rechten Türen führen in den OP-Trakt“, meinte der Pfleger. Wir kontrollierten verschiedene Türen: Alle abgeschlossen. Eine der Türen führte in eine Auskleidekabine, die man häufig in Röntgenabteilungen hat. Sie war mit einem „Toilettenschloss“ versehen, welches innen einen Knauf, außen nur einen Schlitz für „Notöffnungen“ hatte. Während die Pfortenmutti mit dem Pfleger im Rücken eine andere Tür erfolglos mit verschiedenen Schlüsseln des General- Bundes beglückte, zog ich eine plattgefahrene Münze aus der Geldbörse,

Ein von einem Zug plattgefahrener Groschen, den ich seit der Kindheit als "Notschraubendreher" im Portmonee habe

Ein von einem Zug plattgefahrener Groschen, den ich seit der Kindheit als „Notschraubendreher“ im Portmonee habe

mit der ich das Schloss der Kabine öffnete. Der Pfleger, der so schnell nicht mitbekommen hatte, was ich getan hatte, schaute mich verdutzt an, als ich in der Kabine verschwand. „Hier durch, bitte. Wahrscheinlich ist der Patient auch hier rein und hat von innen abgeschlossen“, rief ich den beiden zu. „Jetzt findet der im Dunkeln wohl die Tür nicht wieder.“ Sie folgten mir durch die Kabine in den Flur einer Röntgenabteilung. Einige Untersuchungsräume standen offen, man sah im fahlen Licht der Notbeleuchtung Röntgen- und MRT- Geräte sowie weitere Maschinen. Aber keinen Patienten. Alles Menschenleer und dunkel.  „Hallo? Wo sind sie?“, rief ich den Vermissten.  „Die OP-Sääle sind noch weiter hinten“, sagte der Pfleger. Von irgendwo kam jetzt ein dünnes „Hier hinten! Helfen Sie mir!“

Wir gingen weiter und suchten eine Tür, die zum OP- Trakt führte: Alle verschlossen. Hinter einer hörten wir den Alarm einer ausgelösten Notausgangs- Sicherung, die der Patient scheinbar schon entriegelt hatte. Warum er dort aber nicht herauskam, weiß der Geier… Von innen ließ sich die Tür sicher öffnen, von unserer Seite aber brauchten wir wieder einen Schlüssel. Die Pfortenfrau fing wieder an, verschiedene Schlüssel an der piepsenden Tür auszuprobieren. Ich ging etwas weiter und stand vor einer Tür, die außen zwar einen Knauf hatte, aber nur eingeschnappt war. Dieses Mal blieb der Pfleger aufgrund der Auskleidekabinen- Erfahrung bei mir statt sich bei der Pförtnerin anzustellen. Ich zog schnell die Drahtnadel aus der Tasche, die ich im Dienst für genau solche Fälle immer mit mir führe, hakte einmal in den Türspalt, und das Schloss war in nicht einmal drei Sekunden überwunden! Der Pfleger hatte wohl so schnell nicht mitbekommen, wie und womit ich das fertig gebracht hatte. Jetzt stand er völlig baff im Gang und schaute mich fast schon entsetzt mit offenen Mund an: Er konnte es nicht fassen. Scheinbar brach eine Welt für ihn zusammen, denn bisher war eine solche „Knauftür“ für ihn wohl eine sichere Sache!

„Watt war datten jetzt?“, fragte er verdutzt.  „Tja. Feuerwehr…“ sagte ich im Hineingehen nur lakonisch, musste aber zufrieden grinsen: Ich war ohne Schlüssel schon zum zweiten Mal schneller durch eine verschlossene Tür gelangt, als die Pfortentante mit dem Generalschlüsselbund! War schon ein kleiner „Vorbeimarsch“…

Das nervige Piepsen der Notausgangs- Sicherung wurde lauter, als wir die Räume betraten. „Hallo? Wo sind Sie?“, rief ich in den Trakt, in dem einige OP- Tische, Infusionsständer und Instrumententische standen. „Hier hinten!“, antwortete der Patient, und kam uns aus einem Schwestern- Pausenraum entgegen. Gestützt auf einen Bürostuhl, den halbvollen Pipibeutel seines Katheters in der Hand, wackelte er den Gang entlang.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte der Pfleger. „Mit Ihnen rede ich nicht. Sie wollen mich einsperren“, brummte der Patient trotzig, und wandte sich an mich: „Der hält mich nämlich schon seit vier Tagen hier fest. Dabei bin ich doch schon entlassen, sollte um acht abgeholt werden. Aber der da lässt mich nicht raus!“, klagte mir der Mann sein Leid. Offensichtlich war er schwer durcheinander. Der Pfleger grinste mich nur wortlos an. Eine stille Übereinkunft zwischen Rettungsdienst und Krankenhauspersonal: „Glaubst du nicht, was der Patient über uns erzählt, glauben wir nicht, was er über euch erzählt…“ Manchmal ist das besser so. Ich wurde auch schon mal von einem älteren Herren beschuldigt, ich hätte ihm lachend ins Bett gepinkelt, während er darin lag…

„Jetzt kommen Sie erst mal mit. Hier im OP- Bereich haben Sie nämlich nichts zu suchen. Außerdem ist es jetzt nachts, fast halb drei! Acht Uhr ist erst später.“ Der Mann ließ den Stuhl zurück und stützte sich bereitwillig auf meinen Arm: „Ich sollte aber um acht abgeholt werden, ich bin doch schon entlassen!“ Meinen Einwand, dass tags zuvor ein Sonntag war, an dem für Gewöhnlich keine Entlassungen stattfinden, ließ er nicht gelten. „Meine Schwiegertochter wollte mich abholen.“ – „Sie können doch nicht jetzt mitten in der Nacht hier abhauen.“ – „Doch, ich kann. Mit dem Taxi.“ – „Aber wo wollen Sie denn jetzt um halb drei hin?“ – „Zu meiner Schwiegertochter. Die wartet schon.“ – „Jetzt warten Sie doch ein paar Stunden, dann können Sie mit dem Arzt besprechen, wann Sie gehen.“ – „Nein. Rufen Sie mir bitte ein Taxi.“ Trotzig krampfte sich die Hand um seinen halbvollen Urinbeutel, so dass ich Sorge hatte, dass er sich das Zeug in die Blase zurückdrückte. Er war wild entschlossen, zu gehen.

Wir führten den Mann in den Stationsflur. Die Pfortendame verabschiedete sich von uns: „Ich muss wieder runter. Da ist ja jetzt keiner.“  Sie musste schließlich die ganze Telefonanlage überwachen, und auch nachts wurde telefoniert. Der Pfleger öffnete die Tür des Zimmers, in dem der Patient untergebracht war: „So, jetzt legen Sie sich erst noch mal ein paar Stunden aufs Ohr.“ Der Herr im Trainingsanzug setzte sich trotzig auf einen Stuhl im Gang: „Nein. Ich will nach Hause. Seit vier Tagen werde ich gegen meinen Willen hier festgehalten. Sie wollen mich nur wieder einsperren. Ich will ein Taxi.“ Und zu mir: „Der hat sogar die Tür abgeschlossen. Und als ich dann geklopft habe, weil ich raus wollte, hat er mir den Finger gezeigt und gelacht! Können Sie sich das vorstellen?“ Öhm… nö. Die Tür hatte kein Fenster, durch die der Patient den Finger hätte sehen können, und das Patientenzimmer abgeschlossen werden, wäre mir auch neu…

Eine Schwester kam jetzt aus dem Stationszimmer: „Tja, da können wir auch nichts mehr machen. Wenn der Herr par tout weg will, muss das jemand anderer entscheiden. Ich rufe dann mal den Arzt an. Hilft ja nichts. Der macht mir sonst die ganze Station strubbelig.“

Der Entflohene war jetzt also wieder da und saß im Flur, die Schwester rief den Arzt, während der Pfleger den Patienten bewachte und weiter versuchte, ihn zur Einsicht zu bringen. Problem gelöst. Ich ging deswegen zurück zu unserer Unterkunft, um ohne Hilferufe jetzt noch eine Mütze Schlaf zu bekommen, bevor die Nacht herum war.

Blaulicht- WeckerIm Ruheraum drehte sich mein Kollege noch mal zu mir um: „Was war los?“ – „Ich habe der Pfortentante geholfen, den Patienten wieder einzufangen. Der ist jetzt wieder auf Station.“ – „Das wäre für mich nur ein Anruf gewesen. Sollen sie den doch selbst wieder einsammeln…“, brummelte er. Ich legte mich hin und zog mir die Decke über die Ohren: „Dann hätte der noch ewig weiter gerufen. Und so lange der da rumruft, bekommen wir auch keine Ruhe.“

Der Rest der Nacht verlief ruhig. Also, etwa drei Stunden, bevor uns die Melder zum nächsten Einsatz schickten.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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7 Antworten zu Verlaufen nachts um halb drei

  1. Dein Kollege scheint ja auch eher einer zu sein.. bloß nicht mehr den Finger krum machen, als irgend möglich..

  2. Conny schreibt:

    Liebenswerter Einsatz ♥

  3. Markus schreibt:

    Das soll kein Vorwurf sein, nur eine Frage. Was wäre gewesen, wenn der RTW zu einem zeitkritischen Einsatz alarmiert worden wäre? Einen Melder hattest du dabei oder?

    • firefox05c schreibt:

      Natürlich hatte ich einen Melder dabei. Und der Rückweg aus dem ersten Stock hätte auch nicht so lange gedauert: Wir waren ja im gleichen Gebäudetrakt wie unsere Unterkunft. Keine Bange! 😉

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