„Ich muss Sie retten! Jetzt!“

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…oder: Wenn es was zu retten gibt, gibt es kein Halten

Wir machten Dienst auf dem Rettungswagen, als abends der Piepser trällerte: „Wohnungsbrand, Karlstraße 72, 2. OG“ stand auf dem DME. Oha, dachte ich mir, das ist ja gleich um die Ecke! „Mach hin, und nimm den Helm mit. Da sind wir die Ersten vor Ort!“ , rief ich meinem Kollegen zu, der noch erschrocken die Meldung las. „Wir können dann schon mal erkunden. Oder das Haus räumen. Mal sehen.“ Mein Spannmann lief mit mir in die Fahrzeughalle, nahm sich Jacke und Helm und wir fuhren mit Blaulicht los.

Kurz, nachdem wir über Funk den Status für „im Einsatz“ gesendet hatten, meldete sich die Leitstelle: „Die Adresse ist nicht Nummer 72, sondern Nummer 121“, teilte uns der Disponent mit. Dass erst eine falsche Hausnummer in der Alarmierung genannt wurde, behielt ich im Hinterkopf: Oft sind die Anrufer so aufgeregt, dass es schon mal passiert, dass auch die zweite, korigierte Nummer falsch ist. Der Notfall ist dann irgendwo im Bereich der gemeldeten Adressen.

Nach wenigen hundert Metern bogen wir in die angegebene enge Wohnstraße ein und suchten den gemeldeten Wohnungsbrand. Es war schon dunkel, der Straßenzug durch ausladende Bäume und eine leichte Kurve etwas unübersichtlich. Aber am Einsatzort mussten bestimmt schon Zeugen und Bewohner vor der Tür stehen. Vielleicht sah man auch eine Verrauchung auf der Straße?

Hausnummer 62 … 76 … 82 … – „Da vorne stehen Leute vor der Tür!“, rief mein Kollege und deutete zwischen die geparkten Autos, irgendwo in Höhe Nr.86. Richtig: vier oder fünf Personen standen vor einem Haus und winkten uns zu, als wir uns mit Blaulicht näherten! Ich warf den Anker, fast waren wir schon vorbei, der Kollege sprang aus dem Rettungswagen und lief ihnen entgegen. „Haben Sie uns gerufen?“, fragte er die Gruppe. „Wie? Gerufen?“, grinsten sie zurück. „Na, wegen dem Feuer!“ Mein Kumpel wurde etwas ungeduldig. „Feuer?“, kicherte eine Frau unter ihnen, „Nee, hier ist nichts. Wir haben nicht angerufen. War doch nur Spaß!“ Angepisst kam der Kollege wieder ins Auto: „Boh, ey, was für Blödmannsgehilfen! Glauben die denn, wir sind der Pizzadienst? Die haben doch gesehen, dass wir im Einsatz sind!“ Ich fuhr weiter: „Und das sind nicht einmal gedankenlose Rotzige! Ein Stück weiter ersticken womöglich Menschen, und die machen hier Spökskes mit uns!“ Bei Kindern und Halbstarken passiert es öfters, dass sie uns winken. Dementsprechend steigen wir nicht erst aus, sondern fragen – sofern wir überhaupt anhalten – erst mal durchs offene Fenster. Von Erwachsenen jedoch erwarte ich etwas mehr Hirn. Das wurde bei dieser munteren Truppe aber scheinbar in irgendeinem Kühlschrank vergessen.

Wir folgten der Straße weiter um die Biegung herum und bis vor das Haus mit der Nummer 121. Auch dort standen Menschen vor der Tür, allerdings weit weniger amüsiert. „Ich stelle das Auto da hinten auf dem Platz ab, da sind wir gleich keinem im Weg.“ Immerhin war noch ein ganzer Löschzug unterwegs.

Wir stiegen aus und liefen zum Haus hinüber, vor dem neben einigen weiteren Personen auch ein Herr mittleren Alters in Trainingshose und Pantoffeln stand, der uns etwas entgegen kam. Die Haustür war offen, das Treppenhaus erleuchtet. Da ich der Erste vor dem Eingang war, fragte ich: „Was ist passiert? Wo genau brennt es?“ Ich schaute an der Hausfassade hoch, um die brennende Wohnung vielleicht zu entdecken, Menschen, die an Fenstern stehen oder um sonstige Informationen zu bekommen. Gerade, als der Mann anhub, mir etwas zu erzählen, fiel mein Blick durch ein Fenster des Treppenhauses auf den Absatz im ersten Stock: Dort stand eine alte Dame, die verwirrt im Treppenhaus umher schaute, vor ihrer offenen Wohnungstür. Um sie herum war eine deutliche Verrauchung zu sehen. Im zweiten Obergeschoss sollte es brennen, der Rauch drückte also scheinbar schon die Treppe hinunter! Die Frau musste da weg! Die Omma kriege ich! SHOWTIME!!!

„Moment“, unterbrach ich den Bewohner, der erst zwei Worte herausbekommen hatte. „Ich muss mal eben die Frau da oben aus dem Rauch holen.“ Und schon wuselte ich, während ich mir noch den Kinnriemen des Helmes zuclipste, die Treppen hinauf, bevor dort ohne Atemschutzgerät nichts mehr zu machen sein würde.

Eine Fluchthaube zum Wegführen von Personen. Hatten wir leider nicht auf dem RTW.

Eine Fluchthaube zum Wegführen von Personen. Hatten wir leider nicht auf dem RTW.

Oma stand immer noch vor ihrer Wohnungstür, schaute verwirrt hinauf, dann zu mir hinunter, dann wieder in ihre Wohnung. „Tach. Sie müssen hier mal fix raus, oben brennt es wohl“, sprach ich sie höflich, aber bestimmt an. „Aber ich kann doch so nicht auf die Straße! Und ich muss den Fernseher noch aus machen.“ Ich widersprach ihr: „Nein, der kann ruhig die paar Minuten weiterlaufen, bis Sie wieder da sind. Wir gehen jetzt runter.“ Oma gab nicht auf, die Etikette sollte ja gewahrt bleiben: „Aber ich brauche noch eine Jacke, das ist doch kalt da draußen. Und die Nachbarn … Ich kann doch nicht in Pantoffeln raus!“ – „Nein, Sie brauchen jetzt keine Jacke. Wir nehmen nur noch den Wohnungsschlüssel mit, und dann gehen wir runter. JETZT! – Wo ist der Schlüssel?“ Der Rauch würde bestimmt gleich noch dichter, da wollte ich keine Zeit verlieren. Viele Menschen stecken ihre Wohnungsschlüssel von innen in die Tür, wenn sie zu Hause sind, und noch bevor die überrumpelte Dame antworten konnte, fasste ich mehr aus Reflex einmal um das Türblatt herum. Bingo! Ich hatte das Bund in der Hand. „So, und jetzt kommen Sie mit vor das Haus. Sie können sich gleich in unseren Rettungswagen setzen, da ist es schön warm.“ Ich schloss die Wohnungstür, damit nicht noch mehr Rauch in die Wohnung zog. Mit der alten Frau am Arm kam ich einige Augenblicke später unten aus dem Haus geschlufft. Diese Dame war schon mal in Sicherheit!

An der Tür kam mir der Einsatzleiter des zwischenzeitlich eingetroffenen Löschzuges entgegen: „Was ist mit der Frau? Hat die viel Rauch geatmet?“ Ich wiegelte ab: „Nein, die ist wohl gerade erst aus ihrer Wohnung gekommen, war nur wenige Augenblicke im Treppenhaus.“ Jahaa, und bevor sie sich wieder verkrümeln konnte, hatte ich sie schon am Schlafittchen. So fix sind wir. „Ich setze sie wegen der Witterung in unseren RTW. Den Wohnungsschlüssel hat sie auch, falls ihr da gleich noch mal rein wollt.“

Nachdem ich die Dame ins Auto gesetzt und meinem Kollegen zur Aufsicht übergeben hatte, lief ich noch mal zurück zum Hauseingang, um zu erfahren, ob mit weiteren Personen zu rechnen war. Mittlerweile war ein Notarzt eingetroffen, ein weiterer Rettungswagen, der Löschzug mit Verstärkung, ein Atemschutz- Gerätewagen und die Führungsfahrzeuge. Die Straße stand voll mit roten Autos. Vor dem Haus erfuhr ich jetzt erst, was überhaupt passiert war. Einer der Bewohner erzählte mir, dass er Rauch im Treppenhaus entdeckt hatte. Bei näherer Untersuchung stellte er fest, dass die Ursache der brennende Inhalt eines Briefkastens war! Mit einem Topf Wasser, den er holte, während seine Frau bei der Feuerwehr anrief, löschte er das im Postdepot wütende Feuer und verhinderte so ein Übergreifen auf den Rest des Stadtteils. Als wir eintrafen, hatte sich der Rauch im Erdgeschoss des Treppenhauses schon weitgehend verzogen, oben jedoch, wo die von mir zwangsabgeführte alte Dame so planlos rotierte, hing noch eine Wolke, die zwar gut sichtbar, jedoch im Grunde nicht mehr gefährlich war: Im Briefkasten hatte nur Papier gebrannt. Ich hätte Oma also auch einfach nur wieder zurück in ihre Butze schieben können. Wenn ich gewusst hätte, dass oben wirklich keine Wohnung brennt. Wenn ich mir die Zeit zum Zuhören genommen hätte. Aber welcher Feuerwehrmann hat die schon, wenn Rauch im Treppenhaus steht. Schließlich wissen wir aus Erfahrung, wie schnell sich Rauch ausbreiten kann, da sollte man schnell handeln.

Mit einem Seufzen stieg ich in unser Fahrzeug. Ich hatte das Mütterchen womöglich umsonst erschreckt. Während also die Frau bei uns im beheizten Rettungswagen und die anderen Bewohner, die sich die Zeit genommen hatten, sich erst eine Jacke herzusuchen, draußen in der Kälte warteten, wurde das Treppenhaus von den Kollegen mit einem Hochdrucklüfter mal ordentlich durchgepustet und sicherheitshalber die Wohnungen auf Brandgase durchgemessen.  Ich fragte die Dame in der Zwischenzeit: „Ist bei Ihnen denn außer dem Fernseher noch etwas anderes eingeschaltet? Der Herd vielleicht? Nicht, dass die Kollegen gleich doch noch etwas zu löschen haben.“ – „Nur noch das Licht im Wohnzimmer. Und dann habe ich da noch eine Decke auf der Heizung liegen. Für später, ich wollte ja eigentlich gleich ins Bett…“ – „Was haben Sie denn für eine Heizung? Zentralheizung, Nachtspeicher?“ Die Dame überlegte. „Nachtspeicher.“ Oh je, dachte ich mir, da sollte jemand nach der Decke  schauen. Die Abluftöffnungen waren bestimmt durch sie verhängt, und wer weiß, wie heiß die Frau die Heizung eingestellt hat! Durch so einen Wärmestau hatten in meiner Dienstzeit schon einige Wollmäuse hinter Nachtspeicherheizungen das Zeitliche gesegnet. „Sie wissen, dass es gefährlich ist, die Heizung zuzuhängen?“, ermahnte ich die Frau. „Das kann unter Umständen in die Hose gehen, wenn der Hitzestau in der Heizung zu groß wird. Stellen Sie lieber einen Ständer davor, auf den Sie die Decke hängen. Ist sicherer.“ Sie versprachs, kurze Zeit später konnten alle Bewohner wieder in ihre Wohnungen.

Für den Rückweg wendeten wir den Rettungsbomber und fuhren noch einmal an dem Haus vorbei, vor dem uns so dämlich gewunken wurde. Schade, dass die Bekloppten nicht mehr dort rumstanden. Ich hätte ihnen gerne ein paar Takte zu ihrem Verhalten erzählt.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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5 Antworten zu „Ich muss Sie retten! Jetzt!“

  1. Conny schreibt:

    Ach, das ist mal wieder wundervoll zu lesen. Und hey, möglicherweise hast du dem Ömmchen sozusagen im Voraus das Leben gerettet, indem du sie bzgl Heizung und Decke aufgeklärt hast 😉

    Den winkenden Blödmännern wünsch ich allerdings mal, dass sie am eigenen Leib spüren, wie das ist, wenn man dringend auf Hilfe wartet. Dann vergeht denen Grinsen und Winken.

    Grüße zur Nacht,
    Conny

  2. Klingt ein bisschen wie: Rette sich wer kann, ich komme! 😉

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