Geschwisterliebe…

Das Licht geht auf der Wache an, der Lautsprecher quäkt los: „Einsatz für das Löschfahrzeug, zwei verletzte Vögel nach Streitigkeiten.“ Wie jetzt, was ist denn das für eine Betitelung von Patienten? Naja, egal. Jedenfalls scheint die Leitstelle im Wachgebiet keine Rettungsfahrzeuge mehr zu haben und schickt uns zur ersten Hilfe.

Dachte ich jedenfalls. Am Löschfahrzeug angekommen, beendete der vor mir ins Fahrzeug gestiegene Chef gerade ein Funkgespräch: „Alles klar. Wohl Familienstreitigkeiten. Erwarten dann die Unterstützung durch die Polizei.“ Dann grinste er mich breit an: „Da haben wohl zwei Vögel eine Auseinandersetzung gehabt, liegen jetzt auf der Wiese. Anwohner haben uns angefordert. Wir nehmen einen Karton mit, falls wir sie einsammeln müssen.“ – Es ging also tatsächlich um zwei Vögel, die sich geschlägert hatten! Den Leuten fällt auch immer etwas neues ein…

Ohne „Blau“ fuhren wir los. Vor Ort, in einer Wohnstraße am Rande der Stadt, lagen wirklich zwei junge Rabenvögel herum, wahrscheinlich Saatkrähen, auf einer Wiese vor einem Reihenhaus im Abstand von etwa 10 Metern. Etwas erschöpft, aber durchaus interessiert an der Umgebung, warteten sie wohl auf die Rabenmutter. Eine Krähe ganz anderer Art auf dem Balkon lamentierte gleich verzweifelt los: „Unsere Tochter hat die von hier oben gesehen! Der eine hat auch glaube ich Blut am Kopf. Und meine Tochter hat sich so erschrocken, weil die da lagen! Richtig geschrien hat die! Da muss man doch was tun. Aber man kann die ja nicht einfach anfassen…“ – und deswegen hat sie die Feuerwehr gerufen. Weil sich zwei Halbstarke an die Bürsten gekrigt hatten und dabei wohl aus dem Nest gefallen waren. Vielleicht hätte sie dem Kind besser einfach erklärt, was ein Nestling so treibt, wenn er flügge wird. Aber womöglich wusste sie es selbst nicht.

"Soll ich den Jungen mal eben zu Ihnen hochwerfen? Dann könnense selbst mal gucken..."

„Soll ich den Jungen mal eben zu Ihnen hochwerfen? Dann könnense selbst mal gucken…“

Ich weiß nicht, ob sie gedacht hatte, wir würden die Tiere mit einem Wasserstrahl wieder in die Luft pusten, damit sie nach Hause flögen, oder sie mit Heilkräutern und ein paar Schamanensprüchen wunderheilen („Hoyoyooh!“- singend). Jedenfalls zog ich mir Untersuchungshandschuhe an, schnappte mir das erste Tier, welches geduckt mitten auf der Wiese saß, und untersuchte es kurz. Der junge Vogel mit dem noch recht zerrupften Gefieder auf dem kleinen, warmen Körper klammerte sich sofort an meinem Finger fest, seine scharfen Krallen durchdrangen meinen Gummihandschuh: „Also, kräftig genug ist der auf jeden fall. Hat eine kleine Verletzung am Flügel, sieht aber nicht wild aus.“ Mein Kollege setzte den zweiten Vogel, der scheinbar auch unverletzt war, schon ein paar Meter weiter unter eine Hecke: „Dann bring deinen auch hier zum Busch, da können sich die Streithammel etwas erholen. Zumindest, bis die Katze kommt.“ Ich zerrte an „meinem“ Raben herum, der sich wirklich enorm kräftig an meinen Finger krallte: „Würde ich ja gerne… wenn er nur wieder loslassen würde…“ Mittlerweile war mein Handschuh zerfleddert, aber das Vieh wollte sich nur unter Zwang von mir trennen! Bin ja auch nen Sympathischen…

Unter der Hecke blieben die beiden halbstarken Raufbolde jedenfalls erst mal sitzen, wir nahmen die Kartons ungefüllt wieder mit. Sollten sie dort ruhig auf ihre Mutter warten, die sie schon weiter durchfüttern würde. Es sind schließlich Wildtiere.

Die Balkonkrähe klärte ich jedoch vor unserer Abreise noch kurz darüber auf, dass man solche Ausreißer getrost kurz anfassen darf, um sie schnell an einen geschützteren Ort zu setzen, und dass die Mutter (oder eine Katze… 😉  ) sie schon finden würde. Sie sollte allerdings vielleicht den Balkon räumen, denn wenn die Rabenmutter in der Nähe Zuschauer sieht, will sie den Aufenthaltsort ihrer Brut womöglich nicht verraten, indem sie dort hin fliegt.

In der Rückmeldung teilte unser Anstaltsleiter dem Callcenter jedenfalls ordnungsgemäß mit, dass der Familienstreit zwischen den Minderjährigen wieder geschlichtet war und wir deshalb auf das Eingreifen der Polizei verzichten konnten.

Einsatzende.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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6 Antworten zu Geschwisterliebe…

  1. T K (@Sueder80) schreibt:

    Nächstes mal doch lieber wieder Enten?

  2. Schneewittchen schreibt:

    Ich hatte vor 2 Wochen ein ähnliches Vergnügen mit 2 Grünfinken, die miteinander stritten und sie aus dem Nest geflogen sind. Ich habe mich beiden nacheinander angenommen. Die Gefieder der beiden waren auch teilweise herausgerupft und die Sonne knallte auf die beiden nieder. Sie hatten dort auf der Straße wohl schon eine Weile gesessen und sahen erschöpft aus.
    Ich setzte die beiden Streithähne unter einem Busch ab, wo es viel Schatten gab und entfernte mich. Dennoch hoffe ich sehr, dass es den beiden wieder besser geht.

    lg die Alex ^^

  3. Ich glaube ich hätte Tränen gelacht, wenn ich die Meldung bekommen hätte 🙂 schön geschrieben 🙂

  4. Micha I schreibt:

    kicher. Erinnert mich an einen Besuch im Museum. Vor dem Museum stand ein RTW. Wir trotzdem rein. Wie wir die Wendeltreppe hoch wollten, höre ich wie jemand sagt: ah, das ist das Urpferd.
    Ich: ???? wie zum Geier redet der über nen Patienten.
    Was ich nicht gesehen habe: der eine hat was aus dem Auto geholt, während der andere bei der Patientin blieb und halt nen Blick auf ein Ausstellungsstück geworfen hat…..

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