Enten schon wieder…

An einem sonnigen Nachmittag ging das Alarmlicht auf der Wache an. Der Gong ertönte, die Stimme der Leitstelle meldete aber nichts dramatisches: „Einsatz für das LF, Tierrettung. Entenküken im Gully.“ Wir gingen in die Fahrzeughalle. Ich schlug vor: „Lasst uns mal die Tierkiste mitnehmen, falls die Mutter weg ist und wir die Kleinen eintuppern müssen.“ Auch, wenn Küken ohne ihre Mutter kaum eine Überlebenschance haben, konnten wir sie trotzdem nicht vor Ort ihrem Schicksal überlassen.Auf der Fahrt (ohne Sondersignal) stellten wir Vermutungen an: „Wenn die nur in einen Gully gefallen sind, dann könnten die Passanten sie doch zusammen mit dem Fangkorb ganz einfach selbst herausheben!“ und „Wenn die Entenmütter nur nicht immer so dämlich wären, über Gullies zu laufen, bei denen die Küken durch den Deckel passen…“

Nach kurzer Suche sahen wir eine Passantin vor einem Park, die uns zuwinkte. Die etwas dümmlich aussehende Mittvierzigerin hatte einen kleinen Hund auf dem Arm, eine klassische Trethupe, bei dem man sich unweigerlich fragte, ob die Batterien zum Betrieb unter dem Bauch eingesetzt oder einfach in den Hintern geschoben wurden. Mit ihrem freien Arm wedelte sie zu uns herüber: „Da hinten, ein paar Meter den Fußweg in den Park hinein, dort ist der Gully mit den Küken!“ – „Nun denn, dann wollen wir mal erkunden“, meinte unser Anstaltsleiter. Wir gingen also in den Park.

Etwa fünfzig Meter den Weg entlang sahen wir schon zwei weitere Spaziergänger mit etwa drei Metern Abstand von einem Regenablauf stehen, dessen schwerer Deckel bereits ausgehoben war. Am Rande des nun offenen Gullies stand eine Ente mit ihrem letzten verbliebenen Küken und schnatterte in das Loch hinein.  Als wir uns dem Gully näherten, ging die Mutterente ein paar Meter zur Seite, immer noch nach ihrem Nachwuchs rufend. Jetzt hörte ich auch aus dem Ablauf ein wildes Piepsen. Ich schaute in den Gully hinein: Der Fangkorb, der für gewöhnlich im Schacht hängt, fehlte, so dass ich in den offenen, über einen Meter tiefen Schacht schaute, auf dessen Grund neben Straßenschmutz und vermoderndem Laub bei genauem Hinsehen auch einige dicht zusammengedrängte Federknäule hockten. „Wie viele sind das denn da unten?“, fragte ich einen der beiden Passanten. „Es sind fünf Küken“, meinte ein Herr, der ebenfalls auf die Rettung der braun gescheckten Tennisbälle wartete.
„Ich weiß nicht, wie lange die schon da drin sind. Ihre Mutter ruft immer.“ Das konnten wir allerdings auch schon hören: Mutter, nun etwa drei Meter weit weg, schnatterte, die Küken unten im Loch antworteten aufgeregt und wollten raus. „Ich versuche mal, an sie heran zu kommen“, sagte ich zu meinen Kollegen, und hängte mich, so weit es ging, mit dem Oberkörper in das Loch. Doch trotz Recken kam ich nur bis auf etwa zwanzig Zentimeter an sie heran. Zudem fiel mir nun auch der seitliche Ablauf am Grund auf, der natürlich offen war. „Ich komme nicht an sie heran. Zudem müssen wir aufpassen, dass die Kleinen nicht in den Ablauf flüchten“, stellte ich fest. Der Kollege riet zur einzig sinnvollen Möglichkeit: „Die müssen wir mit dem Kescher herausholen.“

Mittlerweile war auch die Frau mit ihrem Hündchen wieder am Kanal. Fiffi lief ohne Leine interessiert am Gullyrand herum. Ich sprach die Besitzerin an: „Sie sollten Ihren Hund hier wegnehmen, damit er die Mutter nicht verjagt. Sonst können Sie die Kleinen nämlich vergessen, wenn die Alte abhaut!“ – „Oh ja, natürlich…“, begriff die Angesprochene mein Anliegen, und nahm die Floh- Rikscha („Taxi“ wäre bei der Körpergröße etwas übertrieben…) wieder auf den Arm.

Ente schnattert, Küken piepsen. Bei näherem Hinsehen zählte ich nicht nur fünf, sondern sogar sieben verunglückte Rabauken im Abgrund!

Ich holte den Kescher, der zur Beladung unseres Dienstfahrzeuges gehört. Nach dem Auseinanderklappen musste ich ihn allerdings vorne etwas zusammen biegen, damit er ins Gullyloch passte. Dadurch war dann jedoch das Netz am vorderen Rand ziemlich schlaff, was bei den beengten Platz im stinkigen Loch nicht gerade die bevorstehende Angelei nach den Viechern erleichtern sollte. Ich schob den Kescher vorsichtig ins Gullyloch und hoffte auf einige wilde Fluchtmanöver der Federflummies. Aber nix „Flummi“: Die Kleinen hatte gelernt, bei Gefahr stur sitzen zu bleiben und auf ihre Tarnung zu vertrauen! So schob ich sie in der dunklen Höhle mit den Armen des Keschers durcheinander wie ein paar Kartoffeln. Eines fiel mehr durch Zufall auf das Netz, und ich hob es ans Tageslicht. Ohne viel zu zappeln ließ es sich aus dem Netz befreien und neben das Regenloch setzen. Mutter machte „Quak- quak!“, Küken flitzte wie aufgezogen durch die umstehenden Menschenbeine zu ihr rüber.

Dann schob ich wieder erfolglos fluffige Kartoffeln im Loch hin und her..

„Ich komme hier so nicht weiter. Ich brauche etwas, um die Kleinen zu ärgern, damit sie aufs Netz hüpfen. Sonst bleiben die da unten, bis sie fliegen können!“ Ein Stock, der auf der Wiese lag, brachte mich weiter. Ich stocherte an den Flaumbällen herum, bis sie nach und nach auf das Keschernetz hüpften und ich das zweite, dritte, vierte und fünfte piepsende Knäuel ans Tageslicht bringen konnte. Die Entenmutter wartete in der Nähe und schnatterte jedes mal eifrig los, wenn sie eines ihrer „Küken aus der Unterwelt“ sah.

Das sechste Küken saß jedoch bewegungslos im Gully. Ich schob es mit dem Stock und dem Kescher hin und her, scheinbar apathisch saß es einfach nur im Halbdunkel. Ob es schon zu geschwächt war? So kleine Viecher bauen ja recht schnell ab, und wer weiß, wie lange die ärmsten schon dort unten gesessen hatten? Ich hatte Sorge, dass es für diesen Fluffyball zu spät sein könnte. Irgendwie konnte ich ihn aber auf das Netz buchsieren und ans Tageslicht holen. Vorsichtig fummelte ich den kleinen aus dem Netz und setzte ihn neben dem Gully ab. Zu meinem Erstaunen stellte er sich aber schnell auf die Beine, und nach dem obligatorischen „Piep-Piep!“ – „Naag-naag!“ – Dialog flitzte er putzmunter zur Alten rüber!

Jetzt starrte ich wieder angestrengt ins Loch vor mir. Ich konnte kein Küken mehr erkennen! Aber hatte ich eben nicht noch insgesamt sieben Häftlinge gezählt? Da ich bei dem strahlenden Sonnenschein natürlich keine Handlampe bei mir hatte, leuchtete ich mit dem Fotolicht meines Streichelhandys ins Loch. Nur verrottete Blätter, ein paar Zigarettenfilter… kein Küken… oder doch: „Ich glaube, es ist vor Angst in das Abflussrohr gelaufen. Aber wenn es da nicht selbst wieder herauskommt, kannst du den Deckel wieder zu machen. Da kommen wir nicht dran!“

Wenn man einen Moment ganz still vor dem Gully wartete, begann es leise zu piepsen. Gerade so laut, dass man es wahrnehmen konnte.

Ich hatte eine Idee: „Wenn wir uns etwas zurückziehen, wird die Mutter es rufen. Dann kommt es vielleicht wieder in die „Arena“ zurück, so dass wir es herausfischen können!“ Gesagt, getan: Während ich also die einige Meter entfernt wartende Mutter, die scheinbar genau wusste, dass noch eines ihrer Blagen vermisst wurde, vorsichtig mit den Armen wedelnd und gut zuredend an den Rand des Gullys trieb, machten alle übrigen Versammelten ein paar Schritte zurück. Mama Ente stand nun mit ihrem Kindergarten am Loch und quakte leise hinunter. Wir warteten einen Moment, dann hörten wir von unten hohl die Antwort vom kleinen Horst! Langsam kroch ich auf allen Vieren wieder zur dunklen Röhre, schaute hinein:

Kaum hatte sie alle beisammen, war sie verschwunden...

Kaum hatte sie alle beisammen, war sie verschwunden…

Tatsächlich, er saß wieder in der Mitte des Rondells und schaute erwartungsvoll nach oben. Jetzt konnte ich schnell den Kescher hinunterschieben, ärgerte den Piepser ein wenig mit dem Stock, und er watschelte auf das ausgebreitete Netz. Heraufholen und aus dem Kescher befreien war dann schon Routine. Freudig flitzte er zur Mutterente, die sich wortlos umdrehte und mit ihrem wuselnden Haufen ins Grün zog.

Blöde Kuh. Wenigstens ein Gruppenfoto hätte sie uns gönnen können…

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7 Antworten zu Enten schon wieder…

  1. machermama schreibt:

    Immerhin ein erfolgreicher Einsatz 😉
    Und ich hab das Gefühl du hegst eine gewisse Abneigung gegen bellende Ratten. Lach !

  2. Mercator schreibt:

    So süß, das ich fast schon ein bißchen Karies spüre…

    Nein, im Ernst – sehr schöne Geschichte. Häßliche Stories habe in der Zeitung genug zu lesen. Vielen Dank für diese nette Aufmunterung. Hab ich sehr gerne gelesen.

  3. almandor schreibt:

    Echt herrlich.

    Und ja, einem Hund muss man die Verwandtschaft zum Wolf noch ansehen. Wenn er aussieht als sei er mit einer Bisamratte verwandt ist irgendwas nicht korrekt.

  4. Chris schreibt:

    Die Bezeichnung für die Fußhupe waren einfach genial. Danke dafür und danke für euren täglichen Einsatz!

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