Schlauchwäsche und Schlagsahne

DIGITAL CAMERAWenn einer Wache zum Beispiel aufgrund von krankheitsbedingten Ausfällen Personal fehlt, müssen andere Wachen aushelfen. Reihum ist jeder Kollege mal dran, dieses mal „erwischte“ es mich. Der Wachführer rief mich zu sich: „Henrik, du musst nächste Schicht wandern. In den Osten. Feuerwache 3 braucht jemanden für den Angriffstrupp.“ Nun gut, Befehl ist Befehl. Seesack mit den benötigten Klamotten gepackt, Alarmzeug ins Auto, zwei Tage später nahm ich den Dienst in Wache drei auf. Eine einsatzmäßig ruhige Wache. Sehr ruhig. Vielleicht sogar noch ruhiger… Allerdings befindet sich dort die Schlauchwaschanlage der Stadt. Und die sorgt ständig für Arbeit.

Nach der Dienstübernahme fing ich also mit den Kollegen an, dort Lärm zu machen: Auf einer riesigen Spule wird der Löschwasserdarm gereinigt und duckgeprüft, in zwei Trocknungsmaschinen werden die Dinger fluffig geföhnt und aufgewickelt.

Diese Anlage hat in etwa zeitgleich mit mir den Dienst bei der Feuerwehr aufgenommen, sieht aber erheblich mitgenommener aus. Zumindest bin ich der festen Überzeugung. Und wehe, jetzt sagt jemand was anderes!

Da die Anlage also altersschwach ist (eine Ersatzbeschaffung ist geplant, da diese aber sehr teuer ist, dauert es eine Legislaturperiode, bis sie angeschafft werden kann), kommt es ab und zu schon mal zu einer Betriebsstörung. Zum Beispiel wickelt sie nach dem Trocknen schon mal einen Schlauch nicht korrekt auf, was ich dann in der angrenzenden Fahrzeughalle nachbesserte. Nach so einer „Nachbesserung“ kam ich mit einem Schlauch unter dem Arm wieder in den Waschraum und sah, wie der Kollege vor der Waschanlage stand. Mit der linken Hand hielt er eine Schutzabdeckung hoch, mit der anderen fummelte er an dem Gasdruckdämpfer, der eigentlich den Job seiner linken Hand tun sollte: Der Dämpfer war abgebrochen. „Ich glaube, wir haben schon Feierabend“, meinte er. „Die Klappe wird nicht mehr gehalten, wenn ich einen neuen Schlauch einlegen muss. Datt Dingen iss über die Wupper.“ – „Zeig mal“, drängte sich ein weiterer Kollege dazwischen. „Da ist doch bloß ein Bolzen abgebrochen. Durch den Träger bohren, Schraube durch… muss doch gehen!“ Davon war Kollege 1 nicht so begeistert: „Wir müssen den Service bestellen. Der soll das Teil mit ohne den Bolzen austauschen. Oder übernimmst du danach auch die Wartung der Maschine?“ Jetzt mischte ich mich ein: „Und dann willst du drei Wochen warten, bis das bestellte Teil da ist? Bis dahin können wir improvisieren. Haben wir eine Bohrmaschiene hier?“ Natürlich hatten wir. Wir sind Feuerwehr…

Kollege 2 bohrte den abgebrochenen Bolzen aus, ich fummelte anschließend eine passend geschliffene Schraube durch das Loch und montierte den Dämpfer wieder. „So“, sprach ich Kollege 1 an, „jetzt kannst du den Service mit dem Bolzenträger bestellen, und bis der da ist, tut es die Schraube.“ Aber noch während ich die Maschine an den Dämpfer befestigte (kann man so oder so sehen… 😉  ) , unkte der Kollege 1 schon wieder los. Wie ein Äffchen baumelte er an einem Schlauchende, welches aus einem der beiden Trocknungsautomaten hing: „Ich glaube, wir haben schon wieder ein Problem. Der Trockner hat den Schlauch gefressen. Da geht nichts mehr“,  verkündete er. Auch Kollege 2 zerrte nun am Schlauch, betätigte willkürlich irgendwelche Knöpfe und Hebel. Aber die Maschine ließ den Schlauch nicht los, rührte sich keinen Millimeter mehr. „Tja. Doch Feierabend?“, hoffte er. Ich schraubte den Dämpfer fertig und sah mir dann die klemmende Sache an. Es sah aus, als wollte der Trockner eine Rüschengardine aus dem Schlauch falten. „Da muss ich mal drinnen schauen“, fasste ich den Entschluss. Klappe auf, Saugaggregat raus, Henrik rein. Aus dem Dunkeln kam ich einige Augenblicke später wieder hinausgekrochen wie der Maschinist Johann auf U96: „Einen dreizehner Schlüssel. Und einen Schlitz, einen großen. Dann woll’n wir mal sehen.“ Die Kollegen schauten sich belustigt an: „Sisse. [Anm: Neben „Hömma“ eine der universal verwendbaren Ruhrpott- Vokabeln. In Einzelfällen auch als eigenständiger Satz für sich stehend] So geht datt. Nix Feierabend.“

Mit dem Werkzeug und einer Taschenlampe verschwand ich dann wieder im Trockner, löste ein paar Schrauben, bis der gefressene Schlauch frei kam, zog alles wieder fest und baute das Saugmoped wieder ein. Dann feixte ich: „Ihr sabotiert doch bloß die Anlage, um keine Schläuche waschen zu müssen. Gebt es zu!“ Gespielt betreten wandte sich Kollege 1 ab: „Mist. Hasse mich erwischt…“ Weiter ging es, bis einige Minuten später Frühstückspause war.

Arbeit gibt es hier immer genug: Etwa 400 Schläuche warten auf Reinigung

Arbeit gibt es hier immer genug: Etwa 400 Schläuche warten auf Reinigung

Nach der Pause tönte es aus den Wachlautsprechern: „Henrik, zur Schlauchpflege.“ Ich betrat also die Waschanlage, wo beide Kollegen verdutzt wie Eichhörnchen in die Seitenklappe des zweiten Trockners schauten, aus der ein fertig gewickelte Schlauch entnommen werden sollte. Doch darin sah es eher aus wie ein Kunstwerk: Der Schlauch hatte sich beim Wickelvorgang hinter einer Platte verklemmt und eine wunderbare, leuchtend gelbe Rosenblüte gebildet. Nicht das, was man nach einem fertigen Arbeitsschritt hinter dieser Klappe erwarten durfte. Die Kollegen hatten in diesem Zusammenhang auch wenig Kunstverständnis. „Hömma, datt gibbet doch nich!“, fluchte Kollege 1 los. Und ich: „Nee, ne? Jetzt wollt ihr mich aber verarschen! Ist die Anlage jede Schicht so oft kaputt?“ Ich schaute mir die Sache kurz an. „Nö“, meinte Kollege 2, „nur heute ist der Wurm drin.“ Gezerrt hatten die Kollegen schon, damit brauchte ich also nicht anfangen. Wenn es mit Gewalt nicht ging, dann eben noch mal mit einer OP: „Na gut. Einen sechser Imbuß brauche ich dann mal. Bis gleich.“ Gut, dass die Handwerkzeugkiste auf dem Löschfahrzeug reichlich ausgestattet ist…

Böse, schlauchfressende Maschine...

Böse, schlauchfressende Maschine…

Die Platte in der Maschine, hinter der sich der Schlauch verstecken wollte, war schnell demontiert und der Kunstdarm befreit. Zur erneuten Druckprüfung (der Schlauch wurde schließlich ziemlich durchgeknetet) wickelte ich ihn dann in der Fahrzeughalle von Hand auf, als die Kollegen mich schon wieder riefen: „Watt hasse denn nun inne Maschine fabriziert? Der Trockner streikt ja schon wieder!“ Ich kam wieder zurück in die Schlauchwäsche und schaute das Elend: Statt irgendwo in den Tiefen der Ingenieurskunst der Firma Hafenrichter aufgespult zu werden, quoll der Schlauch in Schleifen unter dem Trockner heraus. Das darf doch nicht wahr sein! „Leute, mal ehrlich: Wo habt ihr die Kamera versteckt?“, entfuhr es mir. Langsam konnte ich es nicht mehr glauben, was hier abging! Es war wie verhext! Erneut demontierte ich den Sauger aus dem Trockner, kroch in das Gehäuse und stellte fest, dass sich der Löschwasser- Tubus dieses mal um die Einzugswalzen gewickelt hatte, statt weiter hinten in der Maschine zum Aufwickeln  zu verschwinden. Mit etwas gezerre im Inneren des Trockners, ein wenig fluchen und einer kleinen Schürfwunde am Ellenbogen war der Schlauch auch ohne OP wieder frei. Als ich wieder heraus kam, erstatte ich den Kollegen Bericht: „Schaden behoben, Boot wieder klar, Herr KaLeu.“  Vier Pannen an einem Morgen! Den Rest der Arbeitszeit funktionierte dann alles ohne größere Zwischenfälle.

Zumindest bei der Schlauchpflege. Denn auch bei mir häuften sich an diesem Tag die „technischen Ausfälle“. Nicht, dass ich nach all‘ der Pannenhilfe noch einen Höhenflug bekam: Nachmittags sollte es anlässlich eines Geburtstages Kuchen geben. Natürlich auch mit Sahne.Um mich nicht als „Gast“ nur bedienen zu lassen, bot ich mich an: „Kann ich was helfen?“ – „Sicher. Die Sahne muss geschlagen werden.“ Ich feixte: „Eigentlich habe ich es ja nicht so mit unnötiger Gewalt. Aber dann will ich die Sahne mal schlagen…“ Da ich nur einen Liter- Messbecher fand und ich nicht wusste, wie viel Volumen die Sahne entwickeln würde, kippte ich zunächst nur zwei der vier Packungen in den Messbecher und schlug, was das Zeug hielt. Als die Sahne ausreichend fest war, füllte ich sie in eine Porzellanschüssel um, damit der Becher für die zweite Portion wieder frei war. Als ich die fertige Sahne in den auf Kopfhöhe befindlichen Kühlschrank schieben wollte, passierte es: Die Schüssel rutschte zurück und mir lang am Bauch runter! Ein Teil des Inhaltes klatschte Geräuschvoll auf den Boden, was ich mit einem melodischen „Oh-ooooh!“ zu übertönen suchte, und die Schüssel klappte dann glücklicherweise vor mein T-Shirt, wo ich sie gerade noch auffangen konnte. Mist! Dreck! Die schöne Sahne! Es gelang mir unauffällig, die Schüssel beim Zurückklappen etwas am Shirt hoch zu ziehen, so dass etwa zwei drittel der Sahne gerettet werden konnten. Die Kollegen sind da hoffentlich nicht ganz so empfindlich. Mein Bauch sah allerdings aus wie eine Stuckarbeit, der Boden wie nach einer Schneeballschlacht. Klasse…

Sofort halfen mir die Kollegen beim Aufwischen der Sauerei, bevor sich noch jemand darauf lang machte. Ich verschwand in meinen Ruheraum und zog mir vorsichtig das Shirt aus. Na, gut, dass ich später noch Gardinen waschen wollte. Da konnte ich das Shirt gleich mit waschen (jaja, liebe Hausfrauen, ich weiß. Aber in dem Moment war es mir egal, dass man Gardinen und Buntwäsche nicht zusammen waschen soll. Feuerwehrleute sind da eine Spur tolleranter!).

Zurück in der Küche wollte ich die zweite Hälfte der Sahne schlagen. Also nahm ich den ausgeschabten Messbecher, und während die Kollegen mir einige blöde Sprüche einschenkten, tat ich gleiches mit der verbliebenen Sahne und steckte den Mixer hinein. Sahnekundige werden jetzt schon ahnen, was ich noch lernen musste: Ich hätte die Sahnereste aus dem Becher vorher besser ausgewaschen… Nach eifrigem Schlagen unterbrach ich die Mixerei, um die Festigkeit zu testen. Aber was war das? Tausend Flöckchen in der Sahne! Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Klasse. Scheinbar waren die alten, bereits steif geschlagenen Sahnereste jetzt zu Butterflocken geworden. Maaaaaann!!!!!! Ein Drittel der ersten Hälfte auf den PVC gehauen, die zweite Hälfte komplett versemmelt! Und gleich wollen 12 Kollegen den Kuchen nicht trocken runterwürgen! Die Krönung: Es war keine Zeit mehr, um Ersatz zu besorgen. Alles wartete eigentlich nur noch auf die Sahne, die jetzt größtenteils unter ständigem Rühren in den Ausguss gespült wurde.

Wenigstens hatte ein Kollege einen rettenden Einfall: „Ich glaube, wir haben im Kühlschrank noch eine Dose Sprühsahne.“ Gott! Sei! Dank! Mir war die ganze Sache so peinlich. In der Schlauchwaschanlage ein Retter vor dem Herrn, aber zu blöd, um Sahne zu schlagen…

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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13 Antworten zu Schlauchwäsche und Schlagsahne

  1. Erisch schreibt:

    Hach, also irgendwie ist es überall gleich 😀 Bei euch da oben wie auch hier unten in Südhessen 😉

    • firefox05c schreibt:

      Ist eure Waschanlage auch so antik? 😉

      • Erisch schreibt:

        Die war antik…die gibts net mehr (Die Arbeit wurde nach extern vergeben) Aber die Wache ist von ’56 und die Schlauchwäsche war auch so in dem Rahmen. Der Schlauchaufzug im Turm hat immer oben rumgemuckt unten war er lammfromm. Ist ja auch kein Weg nach oben immer wieder 😉

      • firefox05c schreibt:

        Genau. Warum soll er unten klemmen. Da macht es ja keine Mühe und somit keinen Sinn. 😉

  2. Wolfram schreibt:

    Und du bist sicher, daß deine erste Innenrevision der Maschine nicht für die weiteren Ausfälle verantwortlich ist?
    Hömma, bimma wech, komma näxtens wieder…

  3. Anna schreibt:

    Einfach klasse dieser Beitrag 😀 Ich hab Tränen gelacht!

  4. Michi schreibt:

    Sei bloß froh, dass du die Sahne vergeigt hast! Ansonsten würdest du demnächst fest an der Wache 3 arbeiten und dürftest jeden Tag in der Maschine rumkriechen. Ich weiß ja nicht, ob das auf Dauer so Spaß macht…

    Aber wie immer klasse geschrieben 🙂

  5. hightower schreibt:

    was wird eigentlich an diesen Hochdruck-Kunstdärmen gewasschen und womit ? Haut ihr da etwa m³ frisches Trinkwasser durch, damit die Leitungen der Abwasserfachkräfte nicht trockenfallen ?

    • firefox05c schreibt:

      Die Schläuche werden mit Hochdruckdüsen von außen abgestrahlt, um sie von groben Verschmutzungen zu befreien. Die Düsen verbrauchen dabei vielleicht 10 Liter pro Minute.
      Das Wasser, welches bei der Druckprüfung gebraucht wird, wird aufgefangen und wiederverwertet.

      • hightower schreibt:

        Ahhh, okay, wieder dazugelernt.

        Ich hab mich schon gefragt ob/warum Ihr die Schläuche von innen spült, aber draußen kommt da ja der Modder aller EInsatzstellen dieser Republik dran, den würd ich auch nicht einlagern wollen….

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