Springer: Was ich dabei so denke…

DIGITAL CAMERANachts, um viertel nach irgendwann, geht auf der Wache das Alarmlicht an, die Leitstelle stört: „Einsatz für den Löschzug, Höhenrettung, RTW2. Hölderlinstraße. Person auf Baugerüst droht zu springen.“ Decke weg, ich fahre in die Socken.

Oft gibt es bei solchen Einsätzen zwei Möglichkeiten: Entweder der „Springer“ liegt bei unserem Eintreffen schon unten, weil er sich wirklich umbringen wollte, oder er sitzt noch oben. Dann ist der „Versuch“ ein Hilferuf, es ist dann nur eine Frage des Verhandlungsgeschickes, wann sich der Patient einfangen lässt.

Abwärts...

Abwärts…

Schnell bin ich angezogen, rutsche im Flur an der Stange hinunter in die Fahrzeughalle und streife mir am Löschfahrzeug die Schutzkleidung über.

Selten, dass mal jemand „die Sache durchzieht“, wenn unsere Höhenretter schon Kontakt aufgenommen haben. Man kann sich aber nie sicher sein. Zudem liegt die Einsatzstelle in der Nähe eines Festivals, da ist unter Umständen mit vielen besoffenen Schaulustigen zu rechnen, wenn unsere Armada um die Ecke pfeift. Womöglich auch bloß ein besoffener Halbstarker, der seinen Kumpeln was beweisen will. So’n Vollpfosten eben, wie sie schon mal von uns oder der Polizei von Gerüsten gepflückt werden.

Nach ein paar Minuten fahren wir an der Einsatzadresse vor. Tatsächlich: Da sitzt eine Figur auf dem Gerüstgeländer! Ganz oben, viertes OG. Nur die Umrisse sind zu erkennen. Die Höhenrettung trifft ein, während wir vom Löschfahrzeug absitzen. Der Chef verteilt sofort die Aufgaben: „Die Höhenrettung rauf und Kontakt aufnehmen“, und zu uns vom LF: „“Ihr baut den Sprungretter auf.“

Ein Gerüst aus Gummischläuchen, bespannt mit Plane. 3,5m x 3,5m. So groß, und doch so klein...

Ein Gerüst aus Gummischläuchen, bespannt mit Plane. 3,5m x 3,5m. So groß, und doch so klein… (Foto: MF)

Ein Sprungretter ist trotz seiner Ausmaße von über 12m² Grundfläche von dort oben sehr klein, wodurch ein Verfehlen leichter ist als eine Punktlandung. Wer daneben springen will, schafft das auch. Da machst du nichts. Jedoch kann eine zu rettende Person im „Festnahmegerangel“ auch unbeabsichtigt abstürzen, daher ist so ein Ding bei Suizidenten nicht völlig sinnlos.

Das mit dem Aufbauen ist schnell gesagt, aber in diesem Fall etwas problematisch umzusetzen: Etwa drei Meter vor dem Gebäude mit dem Gerüst steht ein Bauzaun. Mit Klammern und Schellen verschraubt. Zwischen Bauzaun und Haus  war das ganze Baumaterial gelagert: Stapel mit Gerüstbohlen, Gitterboxen, Stangen, Gerätecontainer, Dixiklo. Und kein Platz für den Sprungretter! Super Voraussetzungen für einen effektiven Einsatz.

Alles, was wir jetzt machen können, ist eigentlich reines Alibi. Wirklich sicher einsetzen können wir den Sprungretter bei diesen Voraussetzungen nicht!

Während ein Kollege den Werkzeugkasten im Löschfahrzeug nach dem richtigen Schraubenschlüssel für die Bauzaunklammern durchsucht, bringe ich mit einem weiteren Beamten das große, orangene Paket mit dem Retter vor den Zaun und löse die Verschnürung.  Nach dem Aufblasen, was in wenigen Sekunden durch eine angeschlossene Druckluftflasche geschieht, sind wir aber zunächst noch nicht in die Lage, den Sprungretter in die Nähe der erwarteten „Landezone“ zu bringen: Der Zaun muss erst einmal demontiert werden! In aller Eile nehmen wir nun zu dritt den Zaun auseinander. Demontieren, das können wir…

Hoffentlich springt oder fällt die Frau oder der Mann nicht herunter, während wir hier noch die Zaunelemente bearbeiten. Hier gibt es durch die gelagerten Baumaterialien kaum eine Stelle, auf der der Körper nicht zerreißen würde. Keine nette Vorstellung…

Immer zwischendurch nach oben schauend, arbeiteten wir drei Elemente aus dem Zaun heraus. Schaulustige vom nahen Festivalgelände kamen heran. Nun trugen wir den aufgeblasenen Sprungretter an die Fassade, aber wegen dem vielen gelagerten Zeug mussten wir ihn auf einen Stapel Gerüstelemente balancieren.

Würde die Person jetzt hinab stürzen, würde sie sich unweigerlich schwer verletzen: Der Boden des Sprungretters stand nur auf einer Breite von etwa 1,20m auf dem Stapel, der Rest hing in der Luft! Aber was soll man machen? Alles wegräumen? Dann würde der Patient auf dem Gerüst irgendwann vor Schwäche abstürzen, es würde ewig dauern. Man kann nur hoffen, dass es von oben so aussieht, als wäre es zwecklos, sich genau hier umbringen zu wollen. Und falls der Mensch dort oben wirklich stürzt, dass er so fällt, dass er trotzdem noch eine Chance hat, die Sache zu überleben. Irgendwie kam ich mir mit diesem Sprungkissen- Gefrickel hilflos vor.

Der eingesetzte Höhenrettungstrupp hat inzwischen Kontakt zum Patienten und kommt ihm offensichtlich zu nahe: Wir hören eine erregte Frauenstimme von oben, die die Kollegen beschimpft und keift.

Eine Frau? Oft sind es ja eher Männer, die solche öffentliche Aktionen wählen, um sich umzubringen. Frauen bringen sich oft unauffällig um.

Jetzt fängt sie an zu zetern, sie klettert rutschend und schlitternd mit ihren Balerinas auf den regennassen Rohren auf dem Gerüst entlang, um sich von den Kollegen zu entfernen. Deutlich kann ich von unten sehen, wie ihre Schuhe immer wieder wegrutschen und sie sich auf ihrer Klettertour nur mit Mühe halten kann.

Gleich schmiert die ab! Und mittlerweile ist sie über den Aufstellbereich des Sprungretters hinweg geklettert! Der Einsatzleiter warnt uns schon, wir sollen bloß die Frau im Auge behalten, wenn wir dort vor dem Gerüst arbeiten. Kommt die runter und trifft uns, sind wir mindestens schwer verletzt. Womöglich erschlägt sie sogar einen von uns. Wenn man dort zwischen dem ganzen gestapelten Zeug herumklettert, kann man nicht immer nach oben sehen.

„Der Sprungretter muss weiter nach links rüber!“, ordnet der Chef an. Dort steht aber immer noch der Rest des Zaunes im Weg. Also müssen wir wieder schrauben, Elemente wegtragen. Dann wieder die Frage: Wohin mit dem Rettungsgerät? Es bleibt nur ein weiterer Stapel, dieses mal mit Gerüstbohlen. Wir stellen das orangene Ding auf den Stapel, möglichst nahe ans Gerüst.

Von oben sieht es bestimmt toll aus, von hier unten sieht man aber, dass auch hier wieder zwei Drittel des Sprungretterbodens in der Luft hängen. Ich glaube nicht, dass die Frau es überlebt, wenn sie stürzt. Das ganze Gerät wird beim Aufprall umschlagen. Hoffentlich wird nicht auch noch ein Kollege dabei verletzt…

Die Höhenretter greifen zu! Erst bekommen sie nur ein Handgelenk der Frau zu fassen. Die Frau versucht heftig, sich dem Griff zu entziehen. Ein paar mal sieht es so aus, als wenn sie jetzt wirklich stürzt! Aber der Höhenretter hält sie eisern umklammert, er weiß, dass sie tot ist, wenn sie sich losreißt. Das weiß hier jeder. Unendliche Sekunden dauert das Gerangel am Gerüstgeländer, die Frau zappelte außen auf den rutschigen Rohren, der Höhenretter hält sie von innen fest, gesichert von einem weiteren Kollegen. Dann gelingt es ihm, sie mit beiden Armen zu umklammern, er zieht sie fest an sich. Zwischen den beiden ist jetzt aber noch das Geländer im Weg! Sofort zieht ein weiterer Kollege sie über das Gerüst auf die Bohlen, wo sie schreiend und schimpfend festgehalten wird, bis sie einsieht, dass ihre Aktion jetzt vorbei ist.

Gott sei Dank, sie ist nicht abgestürzt! Wer weiß, was für ein Drama daraus hätte werden können, wenn sie vielleicht noch einen meiner Kollegen getroffen hätte. Oder mich. Wenn sie auf die Gerüstrohre geschlagen wäre. Wenn… Für sie wäre es sehr wahrscheinlich tödlich ausgegangen.

DIGITAL CAMERA„Drehleiter: Anleitern!“, gibt der Chef sofort den Befehl, auf den die Kollegen schon gewartet hatten. Sofort wird der Korb vor das Gerüst gefahren, schnell demontiert ein Höhenretter das Geländer und schiebt die Frau in den Korb, mit dem sie dann herunter gefahren wird. Wir können unseren „Alibi- Posten“ aufgeben, setzen den Sprungretter auf die gesperrte Straße und öffnen die Entlüftungsventile. Dann bauen wir den Bauzaun wieder auf.

Mittlerweile hat sie aufgegeben. Noch etwas widerwillig, aber ohne ernsthafte Gegenwehr stieg sie oben ein. Hier unten sehe ich sie einige Momente danach zum ersten Mal im Licht, als sie in den RTW geführt wird. Eine junge Frau, vielleicht Anfang dreißig, mit langen, blonden Haaren. Sie macht mir nicht den Eindruck, als sei sie sehr stark alkoholisiert. Ob sie weiß, dass sie uns hier und da echt erschreckt hat? Ob sie weiß, wie nahe sie durch die Klettertouren dem Tode war, vielleicht auch ohne, dass sie es ernsthaft wollte? Dass sie auch uns gefährdet und unter Umständen mit in den Tod gerissen hätte? Wo mögen ihre Motive gelegen haben? Mal wieder irgendeine Liebesgeschichte? Gibt es überhaupt irgendeinen Grund, der so eine Aktion entschuldigt?

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Über firefox05c

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4 Antworten zu Springer: Was ich dabei so denke…

  1. Michi schreibt:

    Schöne Sch***. Das sind Situationen, in denen ich dich um deinen Job nicht beneide. Wenigstens ist es hier gut ausgegangen.

    • firefox05c schreibt:

      Schlimm wird es erst, wenn man zusehen muss, ohne überhaupt etwas tun zu können. Man kann sich dann nicht einmal damit trösten, „alles getan“ zu haben.

  2. floriansblogger schreibt:

    Ganz bittere Situation, besonders mit den erschwerten Bedingungen das Wenige, was möglich ist, sinnvoll zu tun. Zum Glück für alle Beteiligten glimpflich ausgegangen.

  3. Finja schreibt:

    Hat mich gerade hieran erinnert:

    Finde es ehrt euch, dass ihr trotz des Risikos, dass die Frau auf euch stürzt (geht im Zweifel ja sehr schnell) „euren Job gemacht habt“. Gut, dass es so ausgegangen ist.

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