KoPlaWu

DIGITAL CAMERAWir saßen in der RTW- Unterkunft und wollten die abendliche „Bereitschaftszeit“ vor dem TV- Programm einläuten, als der Brüllwürfel mit lautem Alarm zur Arbeit rief: „Hausunfall im Treppenhaus“ stand auf dem Display zu lesen. „Ist womöglich ein Treppensturz“, folgerte ich mit messerscharfem Verstand. Sehr viele andere Möglichkeiten gab die Meldung nicht her … 😉

Wir fuhren los und trafen nach ein paar Minuten Alarmfahrt dort ein. Beim Aussteigen aus dem Pflasterlaster hielt hinter uns ein Streifenwagen. „Was macht ihr denn hier?“, fragte ich etwas irritiert, da für einen einfachen Hausunfall die Polizei gewöhnlicherweise nicht erforderlich ist. Schließlich kann man keine Teppichkante verhaften, nur, weil sie im Weg gelegen hat. „Wir wurden zu einer ‚hilflosen Person im Treppenhaus‘ gerufen“, antwortete das Streifenhörnchen, während wir zum Hauseingang gingen. Hatte ich im ersten Moment an häusliche Gewalt oder einen böswilligen Alarm gedacht, zu dem sie möglicherweise alarmiert worden waren (wir werden schon mal missbraucht, wenn der Ex seiner Angebeteten „einen auswischen“ will und alle möglichen Anrufe bei Taxizentralen, Pizzadiensten, Polizei oder Feuerwehr macht. Letzteres kann ganz schön teuer werden), war mir jetzt nach der Antwort wahrscheinlicher, dass dort im Treppenhaus ein mittlerer Auflauf auf uns wartete, aus dessen Menge gleich mehrere Menschen den Notruf gewählt hatten. Nur eben die einen bei der Polizei („Hier liegt einer!“ – „Gehört der ins Haus?“ – „Nö.“ -> Vermutung: Obdachloser im Treppenhaus), die anderen bei der Feuerwehr („Hier liegt einer.“ – „Blutet der?“ – „Ja.“ -> Vermutung: Hausunfall).

Von Bewohnern des Hauses wurden wir sofort auf den Treppenabsatz zwischen dem Erdgeschoss und dem ersten OG geleitet, auf dem im Halbdunkeln (eigentlich war es schon dreiviertel- dunkel) bäuchlings und reglos ein etwa 55jähriger Mann lag. Die Haare verklebt vom Blut, beide Hände flächendeckend rot, ein paar kleinere Blutpfützen unter sich, die Wand rotbraun beschmiert. Damit war klar: Hier suchte offensichtlich kein Sandler ein warmes Nachtlager. Der Herr war wahrscheinlich tatsächlich die Treppe hinunter gefallen. Einige Bewohner standen ober- und unterhalb des Treppenabsatzes und wussten nicht so recht, was sie mit der Situation anfangen sollten.

„Hallo. Feuerwehr. Hören Sie mich?“, versuchte ich ihm ein Gespräch aufzuzwingen. Er drehte sein Gesicht schwerfällig in meine Richtung. „Äh… ja.“ –  „Was ist passiert?“, bohrte ich weiter. „Ich… äh, ich… ich wollte… ich…“ Also, wirklich bei sich war der Mensch nicht unbedingt. Hatte er Alkohol getrunken? Oder war er aufgrund des Unfalles so unsortiert?

„Sind Sie die Treppe hinunter gestürzt?“ – „Ich… ich weiß nicht… “ – „Wie heißen Sie denn?“ – „Richter. Erich Richter. Ich… äh…“ Dann brach er die Antwort ab. Gut, zumindest verstand er meine Fragen und bekam seinen Namen zusammen. Damit konnte man arbeiten. Der hinter mir stehende Polizist stubste mich an: „Frag doch mal nach seinem Geburtsdatum“, forderte er mich auf. Bevor ich die Frage weitergeben konnte, antwortete der Patient schon, und der Beamte konnte sogleich über seine Leitstelle eine Personenauskunft einholen. Zwischenzeitlich bohrte ich weiter, um Details zu seinem Orientierungszustand zu erfahren: „Wohnen Sie hier?“ – „Ich… ja, ich…“, stammelte er. Einer der interessierten Bewohner warf ein, dass er den Patienten dort aber noch niemals gesehen hätte. Merkwürdig. Wir setzten den Patienten nach dem Anlegen einer Halskrause und einem kurzen Körpercheck erst einmal vorsichtig auf, um seine Lebensgeister etwas zu wecken. Wenn solche Patienten die Umgebung aus einer vernünftigen Perspektive heraus sehen, können sie sich oft wieder erinnern. Immerhin lag unser Mann bis dahin noch mit dem Gesicht in Richtung Boden, ein Blickwinkel, aus dem es auch gesunden Menschen schwer fällt, sich zu orientieren.

Ich nervte weiter, da oft nach einiger Denkanstrengung die Erinnerung zurück kommt, wenn jemand vorher einen Schlag an die Murmel bekommen hatte. Zudem ist man ja auch neugierig: „Was haben Sie denn hier gemacht? Der Herr dort sagt, Sie wohnen hier nicht.“ – „Ich… äh… ich arbeite hier. Ich muss… ich muss… ich muss…“ – „Was müssen Sie?“ Scheinbar war der Mann noch so eingeschränkt, dass er Mühe hatte, vollständige Sätze zu bilden. „Ich muss rauf, ich muss da noch Arbeiten.“ – „Nö“, widersprach ich bestimmt. „Das glaube ich nicht. Heute werden Sie nicht mehr hier arbeiten.“ Scheinbar war er ein Angestellter der Wohnungsbaugesellschaft, der in leerstehenden Wohnungen die nötigen Reparaturen durchführte. „Wissen Sie denn, wo Sie gerade sind?“ Er überlegte schwer. „In der Dollmannstraße.“ Stimmte wieder nicht. Dort besaß die WBG zwar auch einige Häuser, diese Straße befand sich aber etwa vier Kilometer entfernt. Der Mann musste offensichtlich erst einmal sein Rechenzentrum neu starten.

Ein Überblick über die Verletzungen zeigte zwei größere Wunden an den Fingern der linken Hand, wie aufgeplatzt.Wahrscheinlich hatte der Mann beim Sturz die Finger zwischen Treppenkante und Körper eingequetscht und war darüber hinweg gerutscht. Außerdem hatte er eine tiefe Platzwunde über dem linken Auge, die mir etwas Sorgen machte. Von ihr stammten auch die Mengen an Blut, die jetzt in den Haaren klebten und auf dem Treppenabsatz langsam eintrockneten. Der Mensch, der gerade Flurwoche hatte, hatte dieses mal ganz schön Pech…

War die Verletzung so stark, dass er vielleicht sogar ein Hirnbluten erlitt, was auch die Desorientierung verursachte? Oder war der Patient so durcheinander, weil er Alkohol getrunken hatte? Immerhin trug er eine Fahne vor sich her wie bei einer Patronatsprozession.

Während der weiteren körperlichen Untersuchung überlegte ich, wie schwer die Verletzungen sein mochten. Pupillen beidseits gleich, keine Sehstörungen, Schädel stabil, auch sonst waren keine weiteren Verletzungen zu entdecken. Auf Nachfrage gab der Angeschlagene keine weiteren Schmerzen an. Wir deckten die mittlerweile nicht mehr blutenden Wunden notdürftig mit Verbandmaterial aus unserem „Experimentalkoffer für den Notfall“ ab. Der Patient schaute erstaunt seine blutverschmierte rechte Hand an: „Was ist… was ist dass denn? Wieso… woher… was ist…“ stammelte er. „Ihre rechte Hand ist in Ordnung, die ist nicht verletzt“, half ich ihm auf die Sprünge. „Aber Sie haben sich ganz schön die Runkel angedötscht, über dem Auge ist eine große Wunde. Und die linke Hand ist auch aufgeplatzt. Darum verbinde ich die gerade.“ Er schaute mich entgeistert an: „Den Kopf verletzt? – Aber ich muss noch arbeiten!“ Ich widersprach abermals: „Nein. Damit können Sie nicht arbeiten. Um diese Zeit schon mal gar nicht, wir haben schon nach Acht. Mit dem Schaden müssen Sie erst einmal im Krankenhaus versorgt werden, für heute ist Feierabend. – Tut Ihnen etwas am Rücken weh?“ Mit meiner Hand drückte ich an mehreren Stellen auf die Wirbelsäule, fühlte aber nichts verdächtiges. „Nein, tut nichts weh. Aber ich muss noch arbeiten.“

Ich beschloss, darauf nicht mehr einzugehen, da der Mann in diesem Zustand sowieso kaum etwas neues in seiner Zentrale abspeichern konnte. „Sie kommen jetzt erst mal mit und lassen sich die Birne zusammenflicken. Dann sehen wir weiter.“ Manchmal ist es ganz schön nervig, bei Patienten, bei denen der Arbeitsspeicher nicht funktioniert, alles im Minutentakt wiederholen zu müssen. Aber der betreffende kann nichts dazu, dass sein Hirn nicht richtig funktioniert, und um eine Panik zu vermeiden, spult man gebetsmühlenartig die gleichen Informationen immer wieder ab.

Das nächstliegende Krankenhaus hatte zwar keinen speziellen Handchirurgen, aber ich ging davon aus, dass die Wunden dort trotzdem genügend versorgt werden konnten. Die Bewustseinsdefizite schätzte ich als eine Kombination aus den Folgen von Alkoholkonsum und Gehirnerschütterung ein. Von der Verdachtsdiagnose „Hirnbluten“ nahm ich erst einmal Abstand, da der Patient zunehmend agiler wurde und sich so langsam zu orientieren schien. „Willst du ihn nicht doch lieber ins St. Ansgar- Krankenhaus bringen?“, gab mein Kollege zu bedenken. „Es ist zwar eine weitere Strecke, aber dort können sie ihn richtig behandeln, falls er doch in den Kopf blutet. Ich will den nicht in einer Stunde wieder einladen und dann verlegen.“ Ich entschied mich anders: „Ich glaube nicht, dass da was entsprechendes vorliegt. Wir würden uns bloß blöde Sprüche und Kopfschütteln einfangen. Womöglich lehnen sie den Patienten ab. Und dafür sind wir dann quer durch die Stadt gegurkt.“ Das würde schließlich auch dazu führen, dass der Patient noch später behandelt würde. „Bereite doch schon mal den Transport vor. Ich wickel den noch ein bisschen ein.“

Mein Kollege lief zur Notfalldroschke, um die Trage zu holen. Im Treppenhaus war es recht eng, der Weg zur Haustür aber nicht weit. „Können Sie die paar Stufen zum Ausgang hinunter laufen, wenn wir sie stützen?“ fragte ich. „Ja, mal sehen…“, antwortete der Beschädigte. Als mein Spannmann wieder zurück war, ließ sich unser Kunde von uns aufhelfen und blieb einen Moment stehen. „Geht’s?“, fragte ich nochmal. „Jaja. Geht“, gab er das Startsignal, um zur Trage vor der Haustür zu laufen, was auch schon wieder recht gut funktionierte. Er hatte es schließlich an der Birne, nicht an den Füßen… 😉 All zu weit wollte ich ihn aber doch nicht laufen lassen, da er immer noch etwas unsicher auf den Beinen schien. Und er war ja schließlich schon ausreichend verletzt, da musste er nicht in unserem Beisein ein weiteres mal stürzen.

Als wir ihn ins Auto geschoben hatten, gab mir der Polizist noch einen Zettel mit, auf dem er die Adresse des Patienten notiert hatte. Diese stimmte mit der überein, die mir der Gestürzte einige Momente später auf Nachfrage mitteilte: So langsam fing sein durchgeschütteltes Hauptquartier wieder an zu arbeiten.

Im Krankenhaus übergaben wir den Mann in die Obhut des aufnehmenden Medizinmannes. Zum Abschied legte der Treppengeschädigte noch seine blutige Hand auf meine Schulter: „Danke, dass Sie mir geholfen haben“, und klopfte mir an den Oberarm. Ich weiß ein „Danke“ ja zu schätzen. Aber jetzt sah ich aus wie ein Metzger. Und das war mein letzter sauberer Dienstpullover, so dass ich mir vom Kollegen zum Wechseln einen leihen musste. Was soll denn sonst gleich die Oma im nächsten Einsatz von mir denken, die wir mit „Kreislauf“ ins Hospital bringen würden…

Noch einige Zeit nach dem Einsatz war ich mir nicht sicher, richtig entschieden zu haben. In dem Hospital, in dem wir den Patienten abgeliefert hatten, gab es im Falle eines Hirnblutens keine neurochirurgische Abteilung. Ich wartete förmlich darauf, dass jeden Moment der Melder losschrie, dass wir uns gefälligst rasch mit einem Notarzt in der Notaufnahme einzufinden hätten, um den Gestürzten in ein Krankenhaus mit Kopfdoktor zu verlegen. Wir wussten schließlich nicht einmal, wie tief der Patient gestürzt war, und so richtig klar denken konnte er bei der Übergabe auch noch nicht. Kam der benebelte Zustand wirklich hauptsächlich vom Tanken? Als ich aber am nächsten Morgen unseren Patienten mit Kopfverband vor einem Behandlungszimmer sitzen sah, war ich erleichtert, doch die richtige Bauchentscheidung getroffen zu haben. Wirklich wissen kann man nie, ob nicht vielleicht doch die Suppe ins Hirn sickert, da sich bei einer langsamen Blutung die Symptome auch erst Stunden später zeigen können. Aus Vorsicht aber wegen jeder KoPlaWu einen Schockraumalarm auszulösen, ist auch Blödsinn – darf man sich aber, wenn es mal „schief gegangen“ ist, garantiert von irgendeinem Klugscheißer anhören. Manchmal muss man vor Ort einfach auf Risiko entscheiden, und das ist nicht immer einfach. Aber wenn alles so einfach wäre, könnte es ja jeder machen. 😉

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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9 Antworten zu KoPlaWu

  1. OP-Tisch-Pilotin schreibt:

    Toller Sprinter!

  2. Ich hatte erst gestern mit meinem Kollegen drüber gesprochen. Man hat leicht Vorurteile gegen Menschen die etwas getrunken haben. 1000 Mal können sie nur einen C2 Intox haben, und beim 1001 Mal ist es dann doch die Blutung. Immer nicht so einfach.

    • firefox05c schreibt:

      (Habe es mal etwas editiert, hoffe, den Sinn getroffen zu haben)
      Ich habe es auch bei einigen Kollegen gesehen, dass sie betriebsblind werden: Der schlecht angezogene auf der Straße ist immer besoffen, die Oma mit vermeintlich „Kreislauf“ hat immer zu wenig getrunken, ist Opa dämmrig, hat er immer Zucker, ist es der Jugendliche, sind immer Drogen im Spiel. Ich versuche, möglichst unvoreingenommen an einen Notfall heranzugehen, um diese Fehler nicht zu machen. Aber du schreibst selbst: Wenn es 1000 mal so war, nimmt man es beim 1001. mal genauso an. Das passiert wahrscheinlich auch mir irgendwann mal.

      • Ich denke, es passiert irgendwann jedem, denn wir sind auch nur Menschen. Man muss nur Arsch in der Hose haben und dazu zu stehen und aus seinen Fehlern lernen.

      • Chris schreibt:

        Ja, da hast Du leider recht. Wer vor der Kneipe auf der Strasse liegt muß doch sternhagelvoll sein. Ich bin vor vielen Jahren genau vor einer Kneipe einfach umgefallen und wurde von der BF Wuppertal behandelt wie ein stück Schei…Wäre ich wegen einer schweren Erkrankung ungefallen und nicht wegen eines kurzen Blackouts möchte ich nicht wissen was passiert wäre mit dem rest meines Lebens.

  3. brandklatsche schreibt:

    Die Krux der Situationsabhängigkeit plus die von die beschriebene Betriebsblindheit werden immer wieder zu Fehlentscheidungen führen. Da hilft in meinen Augen eigentlich nur, sich selbst ab und an zu ermahmen und sich diese Fehlerquellen bewusst zu machen.

    Toller Blog übrigens – erheitert mich seit langer Zeit 😉

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