Familienzusammenführung

Der Alarmgong ertönte, und auf dem vom Drucker ausgespucktem Schreiben stand: „Tierrettung. Katze in Not im Hausflur. Karlsring 15.“ Also gingen wir zum Löschfahrzeug, packten die Transportbox für Tiere zwischen die Pakete mit den Einsatzstiefeln und der Überhose und fuhren zur angegebenen Adresse. Bisher hatte uns die Leitstelle keine weiteren Infos zum Einsatz gegeben. War die Katze eingeklemmt? Krank oder verletzt? War sie äußerst aggressiv? Warum kamen die Bewohner nicht selbst mit dem wandelndem Rheumakissen zurecht?

„Zieht euch mal lieber die dicke Einsatzjacke an“, rief ich von meinem Fahrerplatz nach hinten zu den beiden Kollegen, die gleich das Säbelzahnmonster mit unbekannter Kampferfahrung einfangen sollten. „Und die Handschuhe. Besser ist das. Katzenbisse sind sehr infektiös.“

Am Eingang zum angegebenen Gehäuse empfingen uns schon einige Bewohner:  „Die arme Katze sitzt dort oben im zweiten Stock im Treppenhaus. Wir haben schon bei allen Bewohnern geklingelt, haben aber nicht herausbekommen, wem sie gehört.“ Unser Anstaltsleiter wollte die Lage einschätzen: „Lässt die sich denn nicht einfangen, oder wo liegt das Problem?“ Eine Mieterin zuckte mit den Schultern: „Wir haben uns nicht an sie heran getraut. Die hat auch ein bisschen Sabber am Maul. Man weiß ja nie…“ Aha. Sabber am Maul. Von meiner Katze wusste ich, dass sie schon mal gesabbert hat, weil sie Zahnprobleme hatte. Muss also nichts bedeuten, wenn Katze vorne undicht ist.
Trotz unzureichendem Kampfanzug reduzierter Schutzkleidung folgte ich den Kollegen in den Hausflur. Man hat schließlich ein gewisses Informationsbedürfnis (welches keinesfalls mit profaner Neugier zu verwechseln ist). Auf der Treppe zwischen dem zweiten und dem dritten Stock saß das furchtbare Raubtier, an dass sich die Bewohner nicht heran trauten. Allerdings auf dem Schoß einer weiteren Bewohnerin, bereitwillig deren Gekraule über sich ergehen lassend. Nix mit Tollwut!

„Die hat sich ganz lieb auf den Schoß nehmen lassen“, erklärte die Mittvierzigerin. „Und die Katze ist auch zahm. Ich glaube nicht, dass das eine wilde ist.“ – Offensichtlich: Es handelte sich um eine große Zwei- Personen- Katze, wohlgenährt, Marke „Siam de Luxe“. Solche Katzen laufen für gewöhnlich nicht herrenlos zwischen Mülltonnen herum. „Ich habe auch schon mal gefühlt, ob ich einen Chip tasten kann. War aber nichts zu finden. Und tätowiert ist sie auch nicht.“ Leichtsinnig, wie ich finde, wenn sie tatsächlich keinen Chip besitzt.

Wir schoben das Tier in die Transportbox, sie ließ sich auch bereitwillig eintuppern, und gingen mit ihr wieder zum Löschfahrzeug. Ich fragte mich, wieso die Bewohner nicht in der Lage waren, sich selbst zu helfen. Ist es tatsächlich so ein Problem, mit so einer lieben Katze selbst zum nächsten Tierarzt oder Tierheim zu fahren, um dort nachsehen zu lassen, ob das Fellbündel vielleicht doch gechipt oder anders registriert ist? Warum muss das die Feuerwehr machen, die in der Zeit nicht für andere Einsätze zur Verfügung steht?

Auf der Wache stellten wir die Kitty- Dose erst einmal auf der Werkbank ab und bestellten ein Fahrzeug, welches sie zum Tierheim bringen sollte. Leider mussten wir uns anhören, dass das zuständige Auto noch an einer Einsatzstelle gebunden war, bei der ein Tagesbruch kleineren Ausmaßes gesichert werden musste. Nicht, dass noch ein Radfahrer buchstäblich von der durchlöcherten Straße verschluckt wird…

2kg Extremflausch.

2kg Extremflausch.

Katze musste also warten. In der Zwischenzeit wollte ich ihr zumindest schon mal einen Drink anbieten: „Ruhrpott Clearwater, 2013er Nordhang“. Ohne Soda. Hierzu fingerte ich sie aus der Box und fühlte den puren Flausch! Kennt ihr das, wenn man das Fell zwei mal anfassen muss, um es ein mal zu fühlen? Meine Finger versanken förmlich in dem haarigen Tiger! Ich kam nicht umhin, sie erst einmal auf dem Arm ordentlich durchzunudeln, bis wir beide in einer Wolke aus Haaren verschwanden. Sie könnte eigentlich mal wieder gebürstet werden, dachte ich mir. Aus dem, was dann übrig bleibt, mache ich mir dann einen Pullover… Allerdings fiel mir dann wieder ein, dass ich aufgrund meiner Frisurnot seit einigen Jahren nicht mehr über eine Bürste verfüge, daher verwarf ich diese Idee.

Als ich den Puschel mit den schwarzen Ohren so auf dem Arm hatte, fiel es mir auf: Die Katze roch leicht nach „Oma“, so ein leichter Parfum- Duft, der oft in den Wohnungen gepflegter älterer Damen schwebt. Diese Katze, war mir klar, wird also nicht lange auf den Besitzer warten müssen.

Nach etwa anderthalb Stunden kam dann auch das angeforderte Fahrzeug. Der Fahrer war etwas genervt: „Zwei Stunden habe ich an dem blöden Loch gestanden, und keiner fühlte sich zuständig! Und jetzt bin ich immer noch etwas unter Druck. Wenn ich hier fertig bin, soll ich noch zwei Hängebauchschweine abholen, die jemand gefunden hat. Hängebauchschweine! Sachen gibbet…“ – „Jaja, was zu Weihnachten so verschenkt wird, kommt nicht immer gut an und muss dann wieder weg“, seufzte ich. „Ich hole mal eben die Katze von der Werkbank.“ Zurück auf den Hof der Wache, wollten wir den Megaflauschklops gerade in einen anderen Transportkäfig umsetzen, da kam eine Oma etwas atemlos auf das Gelände gehetzt. Sie sah den Plüschbolzen auf meinem Arm und frohlockte los: „Da isse ja! Meine Katze, meine liebe Katze! Gott sei Dank!“ Ich gab den Flauschbommel nur ungerne her: „Ihre Katze? Was hat denn die im fremden Hausflur gemacht?“ Sie nahm die Mini- Wollfarm an sich: „Aber das war ja gar kein fremdes Treppenhaus. Ich wohne doch dort. Sie muss entwischt sein, als ich die Wohnung verlassen habe! Die Nachbarin hatte mir dann erzählt, was passiert war.“ Ich dachte nur bei mir: Die erzählt viel. Uns zum Beispiel, dass sie bereits alle Mieter nach der Katze gefragt hätte…

Glücklicherweise war die Dame an der Wache angekommen, bevor der Kollege mit dem Tier in Richtung Tierheim abgefahren war. Das hätte die Frau nämlich vor ein Problem gestellt, da sie kein Auto besaß. Zwei Minuten später, und die Katze wäre weg gewesen. So konnte sie ihren Liebling in ihre Jacke stecken und wieder glücklich nach Hause laufen. Und ich mir geschätzte zwei Pfund Haare vom Pullover klopfen.

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Über firefox05c

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15 Antworten zu Familienzusammenführung

  1. daslandei schreibt:

    Eine schöne Geschichte… aber Nachbarn gibts!

    Bei mir stand mal morgens ein fremder Rüde vor der Tür (wegen meiner läufigen Hündin). Auch ich hatte keine Ahnung, wem er gehörte und was ich nun mit ihm machen soll – es war natürlich auch noch Freitag. Also habe ich den Kerl ins Tierheim gebracht, die konnten aber auch erst montags klären, wo er hingehört. Mitten in der Nacht ist mir dann eingefallen, wo der Kerl hingehört und die Besitzer haben sich sehr gefreut zu erfahren, wo sie ihn finden…

  2. FlauschiBauchi schreibt:

    Hach, ich liebe deine Erzählweise und mir kullerten diverse Lachtränen hinunter bei solchen Begriffen wie Plüschbolzen und Mini-Wollfarm x’D Flauschbommel kannte ich und trotzdem mußte ich da wieder breit grinsen. Göttlich! Und ja, ich kenne das Gefühl wenn so eine flauschelige Pelznase einem auf dem Arm sitzt und man nicht mehr aufhören möchte das Fell durchzuwuscheln und am liebsten Löcher reinschmusen/kraulen/streicheln/liebhaben möchte ^^
    „Ohne Katzenhaare ist man nicht richtig angezogen!“ sag ich da nur *g*
    Morgen werde ich Muskelkater vom Lachen haben, ohje.

    Aber die Sache mit den Hängebauchschweinen würde mich nun doch noch interessieren wo die herkamen bzw was mit ihnen geschehen ist o.O

    Danke für die hellen lustigen Momente in dunkler doofer Nacht 🙂

    LG, FlauschiBauchi

  3. Judi schreibt:

    Genial geschrieben 😀
    Der eingetupperte nach Oma riechende Megaflauschklops sorgt auch bei mir für angenehmen Lachmuskelkater – danke dafür 🙂

    Und jetzt weiß ich auch, wie ich mich korrekt verhalte, wenn mir mal wieder eine heimat- aber ganz offensichtlich nicht herrenlose Katze unterkommt. Ist ja viel einfacher, die Feuerwehr zu rufen als mit dem Tierchen selbst zum Tierarzt zu fahren zwecks Chipüberprüfung, warum bin ich da noch nicht selbst drauf gekommen *gg*.
    Allerdings möchte ich dann bitte die Gesichter der anrückenden (freiwilligen) Feuerwehrler für die Ewigkeit auf meine SD-Karte bannen, wenn sie erfahren daß sie Katzentaxi spielen sollen. Und ich brauche einen Dolmetscher – auch nach 12 Jahren hier verstehe ich die hübschen Schimpfwörter in hiesigem Dialektt noch nicht alle und es wäre doch schade, wenn sie mich umsonst beschimpfen würden 😎

    LG
    Judith

  4. Michi schreibt:

    Nach dem „wandelnden Rheumakissen“ im ersten Absatz bin ich nicht mehr aus dem Lachen rausgekommen 😀 Für sowas liebe ich deine Texte!

    Wahrscheinlich dürft ihr irgendwann wieder zu dem Haus fahren. Nicht wegen der Katze, sondern weil es unter der Wohnungstür der Oma eine schöne Madenwanderung gibt. Vorher merkt da keiner, dass die Dame das Zeitliche gesegnet hat…

  5. thunderbolt85 schreibt:

    Seit kurzem bin ich über deinen Blog gestolpert und schaue seither täglich rein. Ich lese deinen Geschichten total gerne und es macht total Spaß so mal in den Alltag zu schauen.
    Freue mich auf viele weitere tolle Beiträge und wünsch dir schon mal einen guten Rutsch ins neue Jahr.

    Gruß Martin

  6. Anval schreibt:

    @Judi: es ist nicht nur viel einfacher, sondern vor allem auch noch viel(!) Spannender! Da hat man gleich noch richtig was zu gaffen!

  7. Pantöffelchen schreibt:

    Ach, herrliche Geschichte. Du schreibst toll.
    Jetzt muss ich selber erst mal meine 6 Kilo Extremflausch knuddeln ❤

    • firefox05c schreibt:

      6 Kilo?? Du schreibst aber schon von einer Hauskatze? 😉

      • Karmeli schreibt:

        Meiner hatte sage und schreibe mal 10,5 Kilo 🙂 Und dabei is der kleine mittlerweile wieder sehr schmale eine klassische Europäisch Kurzhaar 😀
        Aber da war auch sooo viel mehr zum kuscheln dran 😉

      • Pantöffelchen schreibt:

        Ein kleiner Maine Coon Kater 🙂 Megaflauschig sag ich dir!

  8. machermama schreibt:

    Wünsche frohe Weihnachten gehabt zu haben und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
    Ich habe deinen Blog nominiert für den Best Blog Award. Ich würde mich freuen wenn du mitmachst!
    Hier der Link.
    Liebe Grüße von der Machermama
    http://mamamachmal.wordpress.com/2013/12/31/best-blog-awand-teil2/

  9. Chris schreibt:

    Herrlich erzählt!!
    Wenigstens hab ich nicht als einziger Bauchweh… 😀

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