Update: Fingerschnitzereien und die Spätfolgen

Bereits Anfang Oktober 2013 schrieb ich ausführlich, wie ich mich beim Basteln ins Fingergelenk schnitt – und die darauf folgende Prozedur, in der ein Chirurg das wieder gut machen sollte, was ich verzapft hatte. Die Heilung zog sich allerdings hin.

Zunächst heilte der Finger ganz gut, nach einigen Tagen wurden die Fäden der äußeren Naht gezogen. Ich rechnete damit, dass die Sache bald ausgestanden sei. Pustekuchen:
Zunächst konnte man nach dem Abheilen der Borke ein Stückchen eines Fadens sehen, der zur inneren Naht gehörte. Nun gut, dachte ich, wird schon weggammeln. Immerhin soll die verwendete Strippe ja „resorbierbar“ sein. Dann schwoll das Gelenk nach einigen Tagen an und wurde warm: Eine Entzündung! Auf dem Gelenk thronte eine Schwellung etwa so groß wie eine halbe Erbse. Na Klasse, das hatte noch gefehlt… Immerhin schaute der Faden nicht mehr heraus, so dass ich davon ausging, das er sich aufgelöst hatte, wie es sich für ihn gehörte.

Der Finger wurde nicht besser: Ich fing an, ihn mit Salbe zu behandeln, worauf die Entzündung wieder weitgehend abklang. Nach etwa vier Wochen. Und – oh, wie überraschend – der Faden guckte wieder keck aus dem Gelenk heraus. Etwa einen halben Millimeter. Eine unglaubliche Frechheit! Der verarscht mich doch! Der Stummel ließ sich zwar mit der Pinzette fassen, saß aber fest. Toll… Mir war klar, dass es nicht ohne einen erneuten Arztbesuch geht.

Ich suchte also den Hausdruiden meiner Wahl auf, erklärte ihm die Geschichte, woraufhin er den Finger desinfizierte, sich den grinsenden Faden besah, und mir verkündete: „Na, dann werde ich die Oberfläche mal leicht betäuben, und dann sehen, ob ich ihn herausgezogen bekomme. Er wird sich abgekapselt haben. Das kommt schon mal vor.“

Er drehte sich zu seinem Schrank im Behandlungszimmer um, kramte im Inventar, und als er sich zurückwandte, hatte er eine Spritze, eine Kompresse, eine Pinzette – und ein Skalpell in der Hand! „Wenn er nicht so heraus kommt, werde ich einen kleinen Einschnitt machen müssen. Dann muss er sich lösen.“ EINSCHNEIDEN??? Er sagte: „Einschneiden“. Und meinte es ernst: Spritze in den Fingerknöchel, „Legen Sie sich bitte am besten kurz hin.“  Pinzette vor, herumgezerre, mittlere, stechende Schmerzen im Finger: „Hmm…“ (ein Geräusch, welches man allgemein nur ungerne von einem behandelnden Arzt hört) „… der rührt sich nicht. Ich werde dann doch den kleinen Schnitt machen müssen.“

Ich freute mich. Echt jetzt.

Ich sah, wie er das spitze Skalpell einmal gezielt in meinen Finger rammte. Ein Blutstropfen quoll aus dem Finger heraus, kleine Schweißperlen aus meiner Stirn. Er zog wieder am Faden. Außer den eben beschriebenen Schmerzen weiterhin kein durchschlagender Erfolg. Außer, dass ich wohl später mein durchgeschwitztes Unterhemd wechseln musste. „Das wird nichts“, eröffnete er mir. Nun ja, nachdem er mit meiner Hand ähnlich agieren konnte, wie ein Puppenspieler bei der Pupsburger Augenkiste, hatte ich mir das schon fast gedacht. „Der Faden hat sich zwar im Gewebe gelöst, sitzt aber unten drin trotzdem noch fest. Da muss wohl ein Chirurg offen machen. Dazu muss der Finger aber komplett betäubt werden.“ Offen machen. Schon wieder diese schweißtreibenden Äußerungen. Sauna? Unnötig. Geht mit Komplikationen zum Arzt, die Vermutungen des Gelehrten – zumindest, wenn er offen mit euch spricht, weil man sich auf eine direkte Kommunikation geeinigt hat – ersetzen einen Gang in die „schwedische Wärmegewöhnungsanlage“ voll und ganz.

Nach einem Telefonat mit einem in der Nähe befindlichen Krankenhaus teilte er mir mit, dass deren Chirurgie nur morgens eine „allgemeine Sprechstunde“ hat. Ich teilte ihm mit, dass ich dann doch zunächst im erstbehandelnden Karbolschoppen nachuchen würde, da dieser a) in der Nähe meines neuen Wohnortes lag und 2.) schließlich eine Art Garantieleistung zu erbringen hätte.

Auf dem Weg zum Krankenhaus stellte ich mir vor, wie der dortige Metzger meinen Finger der Länge nach aufspalten und neben allerlei Gerümpel auch den schuldigen Faden entfernen würde, um anschließend die Reste meiner Extremitäten mit dem Rat „zum Popeln werden Sie wohl in Zukunft den anderen Finger benutzen müssen“ notdürftig zusammen zu flicken.

An der Anmeldung wurde ich dieses mal gleich von fast allen erkannt: Die Sekretärin, zwei Schwestern und ein Pfleger erkundigten sich interessiert, was ich „in zivil“ dort zu schaffen hatte. Die Sekretärin rief sich meine Daten auf den PC und telefonierte mit der Chirurgin: „Hier ist ein Krankenwagenfahrer… Malteser  oder so… er meint, er hätte noch einen Faden im Finger.“ Klasse. Ein wenig säuerlich schaute ich in eine andere Richtung: Zum Ersten war ich kein „Krankenwagenfahrer“. Warum nicht gleich „Liegend- Taxi“? Ich betitele sie ja auch nicht nur als „Schreiberin in der Aufnahme“, oder die Aufnahmeschwestern als „Bettenanweiserinnen“! Zu den Berufen gehörte immerhin ein wenig an „Mehrausbildung“. Ich mag es nicht, wenn ich zum Beispiel mit dem Rettungswagen mit Blaulicht zu einem Altenheim komme, wo für uns „Kreislauf“ gemeldet wurde, und die Pflegerin ruft ihrer Kollegin gelangweilt zu: „Die Fahrer sind da…“ Genau, „die Fahrer“. Und diese hätten jetzt gerne von der „Omma- Wäscherin“ den Überleitungsbogen.

Zum Zweiten „glaubte“ ich nicht, ich hätte einen Faden im Finger, sondern ich hatte sie zuvor aufgeklärt, dass ich von meinem Hausarzt käme, der genau diese Diagnose gestellt hatte. Unabhängig davon, dass man diesen Faden sogar ohne Hilfsmittel als Laie sehen konnte. Manche Menschen bedenken nicht die Wirkung ihrer Äußerungen auf die Betroffenen. Nun gut, Aufregen hätte keinen Sinn gehabt, so setzte ich mich einige Minuten in den Wartebereich.

Nach erfreulich kurzer Zeit erschien eine resolute Schwester und rief mich zu sich: „Du hast was am Finger? Dann komm mal hier rüber in den Behandlungsraum.“ Ich folgte ihr, setzte mich im Schlachtraum auf die Pritsche und erklärte ihr mein Problem. „Na, dann zeig mal her“, meinte sie und entfernte das Pflaster meines medizinischen Hausgelehrten, um dann den Finger von der aufgetragenen Wundsalbe zu säubern. Sie packte eine Pinzette aus und prockelte etwas den herausstehenden, jetzt leicht blutigen Zipfel hin und her. „Och… da wollen wir mal sehen. Moment“, teilte sie mir routiniert mit. Während sie im Schrank mit den Behandlungsmaterialien verschiedene Tütchen und Kompressen zusammensuchte, erklärte ich ihr weiter, dass mein Hausarzt meinte, der Faden müsse durch Freischneiden aus meinem Körper geborgen werden. Kümmerte sie nicht: „Ach, wir schauen erst mal. Warte ab.“ Zuversichtlich bettete sie meinen Finger auf einer Kompresse, desinfizierte ihn kurz und packte eine Schere aus. Ich war – sagen wir mal: Extrem skeptisch. Wollte die jetzt etwa selbst daran herumprobieren? Reichte es nicht, wenn ich schon vom niedergelassenen Arzt halb erstochen und mein Finger  wie der einer Marionettenhand behandelt wurde?

Sie zog den Faden mit der Pinzette hoch, ein stechender Schmerz machte sich im Gelenk breit. Sie zückte die kleine, spitze Schere – und schnitt den Faden einfach durch! IST DIE DENN BEKLOPPT??? Die soll den nicht kürzen, damit man überhaupt nicht mehr dran kam, dachte ich entsetzt, die soll mich für die kommende schwere Sektion zumindest physisch vorbereiten, zu der ich plötzlich und mental völlig unvorbereitet genötigt wurde! Doch im nächsten Moment wich mein aufsteigender Zorn einem Glücksgefühl: Die Schwester zog den glänzenden, etwa 1,5cm langen Faden schön sauber aus meinem Finger! Freude machte sich in mir breit. Halleluja! Sie hatte gesehen, dass aufgrund des Gezerres vom Hausarzt der Knoten im Faden so weit an die Oberfläche gekommen war, dass man ihn mit ein wenig weiterem Ziehen aufschneiden konnte. Super!

„Boh! Hömma, datt iss ja Klasse! Dass der jetzt so einfach raus ist! Gott sei Dank! Du hast ja mehr drauf, als mein Hausarzt!“, brach ein Schwall an Lobeshymnen über sie zusammen. Sie grinste, während sie die Geräte wegräumte: „Tja. Jahrelange Chirurgie- Erfahrung. Bei manchen Menschen gibt es schon mal Schwierigkeiten beim Auflösen der Fäden. Die anderen Fäden im Finger sollten aber keine Probleme mehr machen.“

Ein Gefühl der Befreiung breitete sich in mir aus. Jetzt konnte der Finger hoffentlich endlich heilen. Nach mittlerweile fast 15 Wochen fand meine „Halloween- Kostümbastelei“ in diesem Moment wahrscheinlich sein Ende. Sie steckte mir noch eine fast leere Tube Betaisadona- Salbe zu: „Die nächsten Tage schön sauber halten. Machst du ab und zu ein bisschen Salbe drauf.“

Bin in freudiger Erwartung, dass der Drops jetzt endlich gelutscht ist.

 

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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11 Antworten zu Update: Fingerschnitzereien und die Spätfolgen

  1. Mercator schreibt:

    „Pupsburger Augenkiste“
    Alleine diese Formulierungskünste als stilistisches Sahnehäubchen zu Deinen lebendigen und farbigen Schilderungen machen das Lesen oft zu einem Erlebnis für die ganze Familie (meine Tochter bricht übrigens gerade mal wieder zusammen vor Lachen – morgen weiß es dann die ganze Klasse im Gymnasium – Pubsburger… *brüll*).
    Vielen Dank!

    • Carsten schreibt:

      Jap. Bei der Formulierung bin ich auch fast vom Stuhl gefallen.
      Hatte ’nen feinen Lachflash und der hallt jetzt noch ganz schön nach.
      Danke dafür XD

      • firefox05c schreibt:

        Ich denke, ich muss in diesem Falle mal klarstellen, dass so einige meiner Formulierungen nicht von mir sind, sondern ich sie auch nur irgendwo aufgeschnappt habe. Ich stelle bis zum erneuten Abruf nur entsprechenden Platz auf meinem Bio-Server dafür bereit, während andere sowas gleich in den mentalen Spam- Ordner verschieben… 😉

      • Mercator schreibt:

        Macht nix – trotzdem genial!

        Der andere (K)arsten

  2. brausi schreibt:

    Nebenbei gesagt: Tapfer gewesen! Ist scheiße, wenn etwas weh tut!

    • firefox05c schreibt:

      Was schon fast aufreibend ist: Die Ungewissheit, ob die Entzündung nun abklingt (kein Arzt nötig) oder weiter in das Gelenk vordringt (sofort Arzt nötig). Einige Tage hatte ich den Eindruck, alles wird gut, dann stieß ich mit dem Knöchel wieder irgendwo gegen und dachte, dass alle Salbenverbände nicht genützt haben. Nun gut, jetzt ist es ja vorbei…

  3. gedankenweber schreibt:

    Erschreckend, dass der erste Arzt nicht daran gedacht hat, dass der Faden verknotet ist. Eine Schlinge bekommt man durch ziehen nicht aus dem Gewebe.

    Skalpellschnitte heilen eigentlich recht gut, wenn sie nicht zu groß sind.

    Ich hatte Glück und konnte so einen Fadenrest selbst entfernen, allerdings war das keine Schlinge sondern wirklich nur ein gerades Stück. Hat mich aber auch verstört, dass der Fadenrest in der Praxis übersehen worden war. Ich war einige Tage zuvor zum Fäden ziehen in der Praxis gewesen.

    • firefox05c schreibt:

      Natürlich war uns klar, dass der Faden (er war Teil der inneren Naht an der Gelenkkapsel) irgendwann mal verknotet war. Wir hatten aber gehofft, dass er sich schon größtenteils aufgelöst hatte. Hatte er aber nicht: Der war noch komplett vorhanden! Andererseits war ich dann im Krankenhaus erstaunt, dass sich der Knoten, der ursprünglich ja fest an der Gelenkkapsel geknotet war, überhaupt bis zur Oberfläche hochziehen ließ. Ich mache dem Hausarzt daher keine Vorwürfe: Hätte nur noch ein Rest des Fadens im Gewebe „festgeklebt“ (meine Vermutung), hätte er ihn ziehen können. Den Versuch war es wert. Dass er den Knoten dann nicht gesehen hat, schiebe ich auf die Tatsache, dass die Wunde leicht geblutet hatte. Ich habe den Knoten selbst später im Krankenhaus nicht gesehen.

  4. Cashgirl schreibt:

    Grade mal durch den Blog gestöbert und auf diesen Artikel gestoßen.
    Die Geschichte hat mich direkt an ein ähnliches Ereignis erinnert: Vor zwei Jahren hatte ich mir ungeschickterweise die Hand mit Natronlauge verätzt, was ebenfalls Wundheilungsstörungen und eine dicke Entzündung mit sich zog.
    Also zum Arzt, der sich das ganze anschaute und feststellte, dass eine relativ feste Schicht auf der Wunde sowie Schmutz die Heilung verhinderte. Ehe ich mich versah, hatte der gute Mann auch schon mit den Worten „Wir versuchens mal ohne Betäubung“ ein Skalpell gezückt, um die Schicht rauszuschneiden und die Wunde quasi auf chirurgische Art und Weise zu reinigen.
    Ich hätte die Wand hochlaufen können vor Schmerzen und hab den Artikel dementsprechend mit großem Mitgefühl gelesen 😉

    • firefox05c schreibt:

      Und der Arzt hat noch seine Klöten? – Die hätte ich ihm abgerissen….

      • Cashgirl schreibt:

        Ja, das Ganze ist ohne weitere Personenschäden vonstatten gegangen (außer, dass ich nach der Prozedur aus den Latschen gekippt bin) 😀
        Dannach war ich nur so verschreckt, dass ich mich vor den dringend nötig gwesenen weiteren Arztbesuchen gedrückt und deshalb eine dicke Narbe bekommen habe. Mit Verätztungen ist leider nicht zu spaßen.

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