nächtliche Extratour

Es gibt Patienten, die machen gerne ihre Extratouren, auch gegen den Rat der Ärzte oder des Pflegepersonales. Denn die sind ja sowieso doof und wollen einen nur ärgern. Aber manchmal folgt die Strafe für solche eigenmächtigen Aktionen auf dem Fuße.

Eines schönen Sommertages hatte ich mal wieder Dienst auf dem Liegendtaxi, welches am hiesigen Krankenhaus stationiert ist. Spät am lauen Abend schlich ich um den Karbolschoppen herum, um in Ruhe mit dem mir zugeteilten Weibchen telefonieren zu können: Der abendliche Anruf, wenn ich Dienst habe, ist eine Tradition seit etwa 14 Jahren. Leise plaudernd schlenderte ich also über den Wirtschaftshof des Hospitals, als ich plötzlich seltsame Geräusche vom Gebäude hörte: Erst schabte irgend etwas, dann ein leises Rumpeln, gefolgt von einem halblauten „Hallo?!“

Was war das? „Schatz, warte mal einen Moment. Da ist irgendetwas. Ich weiß noch nicht genau …“, sagte ich zu meiner Frau am Quatschtäfelchen. Sie kannte meinen Tonfall, wenn ich keine langen Erklärungen geben konnte, und wider der neugierigen Frauennatur  schwieg sie jetzt.  Ins Dunkel lauschend ging ich langsam in Richtung des Gebäudes. Es schabte schon wieder, auch ein leises Stöhnen war zu hören. Dann nochmal ein zaghaftes: „Hallo? Hilfe, bitte…“ Ich beendete das Gespräch mit meinem Augenstern: „Du, ich glaube, da braucht jemand Hilfe. Ich rufe später noch mal an.“ Beim Näherkommen sah ich im letzten Büchsenlicht eine Kellertreppe am Haus, von der aus diese Geräusche kommen mussten. DIGITAL CAMERA Daran hatte ich einen Moment später keine Zweifel mehr: Oben an der Treppe erkannte ich jetzt einen Rollstuhl! An der Treppe angekommen, sah ich auf dem kleinen Podest vor einer Kellertür einen gewichtigen Mann, in einen Trainingsanzug gehüllt, auf dem Bauch liegen. Er schaute mir etwas verzweifelt entgegen. „Was machen Sie denn da unten?“, fragte ich, während ich am ordentlich geparkten Rolli vorbei nach unten stieg. „Ich bin hier runter gekrochen, weil ich dachte, die Tür ist offen“, jammerte er. „Die anderen Türen oben sind ja alle zu.“ – „Ja sicher“, klärte ich ihn auf, „um diese Zeit ist außer dem Haupteingang alles abgeschlossen. Könnte ja sonst jeder reinkommen. Die Obdachlosen würden sich über den warmen Keller freuen! – Ist Ihnen was passiert?“ Er verneinte. „Aber ich komme nicht mehr hoch. Ich wurde gestern am Knie operiert. Und ich kann ja mit meiner kaputten Hüfte sowieso so schlecht laufen.“ Das leuchtete mir ein: Mit seinen geschätzten 120kg hätte ich auch meine Probleme, mit einem frisch operierten Knie wieder auf die Beine zu kommen. Damit auch noch die Treppe hochzusteigen war kaum denkbar. Ich setzte ihn erst einmal auf, so dass er sich an die Kellertür lehnen konnte. „Was machen Sie denn überhaupt hier draußen?“, fragte ich weiter, um herauszufinden, ob der ältere Mann wirklich Patient dieses Hauses oder doch verwirrt und im nächsten Altenheim abgängig war. Er fing an, herumzudruchsen: „Nun ja … Also, ich wollte von der Schwester noch ein Bierchen für die Nacht. Aber sie wollte mir keins bringen. Und zum Kiosk sollte ich auch nicht, um mir selbst eins zu holen. Mann, ein Bierchen kann doch nicht schaden!“ Ich tastete seine Gelenke ab, um sicher zu gehen, dass er nicht vielleicht doch gestürzt war. „Und dann haben Sie sich trotzdem rausgeschlichen?“ Er nickte: „Ja. Ich wollte doch bloß ein Bierchen. Ich habe mich dann an der Pforte vorbeigeschlichen und bin rüber zum Kiosk gerollt. Aber der hatte geschlossen.“ Auf dem Rückweg – ohne Bier – musste er dann erkennen, dass die Automatiktür des Haupteinganges nachts nur beim Herantreten von innen öffnet, von außen aber verschlossen bleibt: Er kam nicht mehr herein. „Und schellen wollte ich nicht, weil die Schwester mir doch verboten hatte, die Station zu verlassen.“ So rollte er mühselig – ohne Bier – ums Haus auf der Suche nach einer offenen Tür. Doch natürlich war nachts alles verschlossen. So entdeckte der Durstige die Kellertreppe, die seine letzte Hoffnung war: „Aber mit Rollstuhl komme ich ja nicht die Treppen herunter. Da bin ich ausgestiegen und hier runter gekrochen.“ Super Idee, aber nicht zu Ende gedacht: „Und wie wollten Sie ohne Rolli dann aus dem Keller bis in Ihr Bett kommen? Mannmannmann… Ich hole mal jemanden zu Hilfe. Alleine bekomme ich Sie nicht die Treppen rauf.“ Ich ließ ihn also in dem Loch sitzen und ging ums Haus herum in die Notaufnahme. Dort belästigte ich die Aufnahmeschwester: „Kannst du mal kurz mitkommen und mir helfen? Da liegt ein Patient hinter dem Haus im Kellerabgang und hat durst.“ Sie grinste: „Ach, da ist der? Die Innere hat schon angerufen und nach ihm gefragt. Die vermissen den auf der 5b  schon!“ Während wir zurück gingen, erzählte sie mir, dass der Mann scheinbar nicht zum ersten Mal so uneinsichtig war und damit schon für einige Probleme gesorgt hatte. Dieses Unglück traf also genau den richtigen!

Hach, watt wärret schön jeweesn! :-)

Hach, watt wärret schön jeweesn! 🙂

An der Kellertreppe angekommen, entschlossen wir uns, den Ausreißer vor der Kellertreppe in den Rollstuhl zu setzen und ihn dann die Treppe rauf zu bringen. Das schien uns die einfachste und sicherste Lösung. Unter Ächzen und Stöhnen buchsierten wir den Klops also in dem engen Kellerloch auf seine Lafette und zogen ihn Stufe für Stufe hinauf, während die Schwester in den Stöhn- Pausen eifrig mit dem betröppelten Bierliebhaber schimpfte wie ein Rohrspatz: „Na, wissen Sie jetzt, warum Sie nicht alleine raus sollten? – Eigentlich sollten wir Sie bis morgen Früh hier liegen lassen, damit Sie Zeit haben, darüber nachzudenken! Wegen einem Bier… Warum hören Sie nicht, wenn man Ihnen etwas sagt? Meinen Sie, das ist alles nur Spaß? Die Nachtschwester rennt schon durchs ganze Haus und sucht Sie. Als nächstes hätten wir die Polizei anrufen müssen! So ein Unfug! … “ Und so weiter. Sie faltete ihn richtig zusammen, der Patient ließ es mit eingezogenem Kopf über sich ergehen, und ich amüsierte mich über seinen Starrsinn und die Konsequenz. Oben angekommen überließ ich den Durstigen der Schwester, die ihn durch den Haupteingang wieder ins Lazarett schob. Ich stellte mir belustigt vor, wie er an der kopfschüttelnden Pförtnerin vorbeigeschoben, unter weiteren Standpauken der Stationsschwester übergeben und von ihr im Patientenzimmer deponiert würde.

Natürlich musste ich jetzt meine Frau über den Vorfall aufklären. Dank solcher Zwischenfälle hat man sich auch nach all den Jahren jeden Abend etwas zu erzählen. 😉

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5 Antworten zu nächtliche Extratour

  1. Irgendeine schreibt:

    Ich stell mir das grad bildlich vor und amüsiere mich königlich. Ich arbeite in einem relativ alten Haus, wo es auch noch einige solcher tückischen Kellereingänge mit noch tückischeren, zu überwindenden, Treppen gibt. Ich wette der Mann hat sich nie mehr ohne Erlaubnis von Station getraut.

  2. Ralph schreibt:

    Äußerst Unterhaltsam zu lesen 😀

    Den Patienten kann ich aber nicht verstehen!

  3. Thomas Kuhn schreibt:

    Wenn ich mir überlege, am Tag vorher noch am Knie operiert, und dann auf dem Bauch die Kellertreppe runter. Das war bestimmt mal ein Unteroffizier. 😉

  4. linuxuser86 schreibt:

    Ich kann auf der anderen Seite aber auch vorstellen, wie man auf so einem Klop kommt als Patient: Im Krankenhaus ist es verdammt öde. Das Personal ist knapp, viel Zeit für den einzelnen Patienten bleibt da nicht. Lesen und fernsehen. Klar damit kriegt man einen Tag ‚rum. Einen zweiten auch. Aber dann? Da ist so ein Ausflug auf eigene Faust eine willkommene Abwechslung. Allerdings sollte man sich auch sinnvoll verhalten, wenn man ahnt, dass nicht alles nach Plan läuft.

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