Aufgesetzter Schuss

NEF-HeimWir waren gerade beim Essen auf der Rettungswache, als der Drucker ein Alarmschreiben ausspuckte: „Schussverletzung“. Es wurde kein Notarzt mitalarmiert. Alleine diese Tatsache relativierte die Meldung schon wieder: Es hatte wohl beim Notruf nicht so dramatisch geklungen. Jetzt waren wir gespannt …

Das bestätigte die Leitstelle auch über Funk, als wir uns in den Einsatz meldeten: „Der Anrufer hat sich wohl in die Hand geschossen. Schaut mal nach, es klang irgendwie sehr unaufgeregt. Ist wohl auch keine große Verletzung.“ Aha. Unfälle passieren halt. Auf der Fahrt frotzelten wir vor uns hin: „Beim Jonglieren sollte man das Ding auch entladen“, „Jaja, beim Gewehr putzen in den Rücken geschossen. Unfälle eben.“ und: „Pass auf, der Finger klebt bestimmt an der Wand gegenüber!“

Am Einsatzort betraten wir eine etwas chaotische Wohnung. Alles war sehr unaufgeräumt, so dass man erst auf dem zweiten Blick sah, dass im Flur einige durchlöcherte Zielscheiben an verschiedenen Stellen aufgehängt waren. Kein Zweifel: Hier wurde der Guerilla-Krieg geübt. Der Notrufer slavischer Abstammung klärte uns auf Nachfragen kurz auf: „Chabä chier geschossen, mit Luuftpistolle. Dan wolltä gucken, ob noch Druck in Pistolle. Gesätzt auf Chaand, abgedrückt, und, schauen hier …“ Er zeigte uns seinen linken Handballen, auf dem ein etwa 2 Euro- Stück großer, kreisrunder Bluterguss prangte, in dessen Mitte keck ein etwa 5mm großer Blutstropfen thronte. Ich untersuchte die Wunde. „War die Waffe geladen?“ Er zuckte die Schultern: „Weiß nicht genau. Glaube, dass nicht. Abär wenn schauen, chier Magazin, da noch ein Ladung drien.“ Er zeigte mir ein kleines Trommelmagazin, in dem sich tatsächlich noch ein Diabolo befand. Beim Bedrücken der Wunde fühlte ich aber kein Projektil. „Wo ist denn die Waffe, mit der das passiert ist?“, fragte ich. „Schauen in Ziemmer näben“, sagte er und führte uns in das Schlafzimmer, in dem auf einem Schreibtisch neben jeder Menge Kram auch eine Sport- Luftpistole lag. Diese schaute ich mir kurz an, um die Zulassungszeichen zu sehen: Bei einer zulassungspflichtigen Waffe hätte ich die Polizei hinzuziehen müssen. Diese war allerdings bereits ohne unser Zutun parallel von unserer Leitstelle in Kenntnis gesetzt worden.

Als ich die Waffe, auf der ich die erforderlichen Freigabezeichen fand, gerade wieder weggelegt hatte, betraten die beiden entsandten Staatsdiener die Wohnung. „Oh“, entfuhr es mir, „ihr seid aber fix!“ – „Klar“ , entgegnete das Streifenhörnchen, „ist ja auch interessanter als irgendwelche Ruhestörungen oder Falschparker.“ Ich informierte sie kurz und zeigte ihnen die Waffe. Während der Ordnungshüter sich die Pistole besah, klärte ich den Besitzer auf: „Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob da vielleicht eine Kugel zwischen den Fingerknochen steckt oder nicht. Wir sollten ins Krankenhaus fahren. Dort wird ein Röntgenbild gemacht, dann wissen wir mehr. Haben Sie ihre Versichertenkarte gerade greifbar?“

Der Polizist hatte die Freigabezeichen ebenfalls gefunden und legte die Waffe wieder auf den Schreibtisch: „Das ist nichts für uns. Wir rücken wieder ab“, meinte der Vor- Läufer. Beide wandten sich zur Tür und schickten sich an zu gehen, als der Patient sie zurück rief: „Halt! Nicht gähen.“ Die Polizisten drehten sich um: „Warum nicht? Was ist denn noch?“ – „Fiende Kamera nicht. Momänt.“ – „Aber die können Sie doch auch ohne uns suchen!“ – „Nein, Momäänt. Will Fotto.“ Die Beamten drehten sich um: „Ach, wir brauchen kein Foto. Wir gehen wieder.“ Der Angeschossene schaute etwas beleidigt hinterher, kramte dann weiter. Mein Spannmann wurde ungeduldig: „Was suchen Sie denn jetzt noch?“ – „Kamera. Will Film. Für Juttup. Fiende nicht…“ Wir verdrehten die Augen: „Sie brauchen jetzt keine Kamera, nur Ihre Versicherten- Karte“, drängelte mein Mitarbeiter, und ich ergänzte: „Sie können ja später mit Ihrem Handy ein Foto in der Notaufnahme machen, wenn Sie wollen. Aber jetzt kommen Sie erst einmal mit. Wir wollen los.“ Ach ja, dachte er sich wohl, mit dem Streichelhandy kann man ja auch filmen! Augenblicklich fing er an, an der Elektronik im Taschenformat herum zu fummeln, während wir in Richtung Aufzug gingen. Ich schüttelte den Kopf. Wie konnte man nur so blöd sein, einfach so auf seine Hand zu schießen? Was hatte er denn geglaubt, was passieren würde? Und wie blöd musste man sein, wenn man dieses Zeugnis seiner eigenen Beschränktheit danach auch noch der Weltöffentlichkeit auf Youtube zeigen will, um sich vor allen Kollegen, die den Film dann sehen werden, als Vollpfosten zu präsentieren? Ich würde mich doch eher in Grund und Boden schämen, so bekloppt gewesen zu sein!  Manche Köpfe sind mir mit ihren inneren Vorgängen etwas suspekt…

Im Fahrstuhl nach unten und auf dem Weg zum RTW filmte er mich fleißig von hinten, weil ich vor ihm und meinem Kollegen her ging. Im Auto fummelte er weiterhin mit seinem Quatschkasten herum. Ich fuhr los, während mein Teamführer dem Scharfschützen einen Verband anlegte. Dann wurde es ihm zu bunt: „Ich möchte nicht, dass Sie mich hier im Auto filmen. Bitte stecken Sie ihr Handy weg.“ Der Angesprochene fummelte weiter am Handy herum, als wenn er es ausschalten würde, richtete es aber immer noch auf den Verbandwickler. „Hallo! Ich möchte nicht, dass Sie hier drinnen filmen! Ist das jetzt so ein Problem, das Ding weg zu stecken? Hören Sie auf zu filmen!“ Der Osteuropäer wurde

Es blieb bei der ersten Hilfe.

Es blieb bei der ersten Hilfe.

frech: „Ich nur filmän. für Juttup. Nicht schliem, nur für Ienternät.“ – „Genau“, gab der Kollege zurück, „und da möchte ich so nicht auftauchen. Also hören Sie jetzt auf zu filmen, oder Sie können aussteigen.“ Jetzt schmollte der Waffenexperte: „Wenn niecht filmen, ich aussteigen.“ Er dachte wohl, mein Spannmann würde dann klein beigeben, aber weit gefehlt. Er rief mir nach vorne zu: „Henrik! Halt mal an, der Kunde will aussteigen.“ Ich hielt an, der Patient, der nun keiner mehr sein wollte, stand auf und stieg in sich hinein brummelnd aus. Dann sah ich noch durch die Seitenscheibe, wie er interessiert unsere Abfahrt filmte.

Ich weiß, dass wir in der Öffentlichkeit bei Einsätzen nur ein eingeschränktes Recht am eigenen Bild haben. Im RTW sieht das meines Erachtens aber anders aus: Hier genießen wir sozusagen „Hausrecht“. Und wenn dem Schützen sein Youtube- Filmchen wichtiger ist als die Versorgung seiner Wunde, kann er auch selbst bei einem Arzt vorstellig werden. Es war schließlich keine lebensbedrohliche Verletzung. Vielleicht hat der dann ja nichts dagegen, bei seiner Arbeit gefilmt zu werden.

Ich habe jedenfalls noch Stunden später immer wieder amüsiert den Kopf darüber geschüttelt, wie beschränkt doch manche Menschen sind.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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10 Antworten zu Aufgesetzter Schuss

  1. Yannic schreibt:

    Rettung D****g 1 NEF 1
    Gruß aus dem westlich an deinen Heimat-Kreis angrenzenden Nachbarkreis! 😉
    Macht immer wieder Spaß deine Texte zu lesen!

  2. Micha I schreibt:

    und? Biste bei yutubb? 🙂 setz mal nen Link.

    • firefox05c schreibt:

      Ich habe nichts finden können. Ich weiß leider nicht einmal, unter welchem (russischen? polnischen? serbokroatischen?) Stichwort ich suchen sollte… 😉

  3. Johnny schreibt:

    Dachte ich’s mir doch. Irgendwoher kannte ich dieses Bild…

    • firefox05c schreibt:

      Was meinst du damit, dass du dieses Bild (ich nehme an, du meinst das NEF) schon kanntest? Ich hatte es noch nirgendwo anders veröffentlicht… Mit „Symbolfoto“ ist nicht gemeint, dass ich es aus einer fremden Quelle habe, sondern nur, dass es mit der Geschichte nichts zu tun hat.

      • Johnny schreibt:

        Ich meinte das Motiv. Sieht aber dem Bild von einem Freund von mir zum verwechsen ähnlich. Da stand nur ein RTW in der zweiten Garage. War nur falsch formuliert 😀

  4. Talianna schreibt:

    Na, da kann der gute Mann aber froh sein, dass er wenigstens einen Bluterguss hatte – wär’s nur Show gewesen, hätt‘ er Euren Einsatz selbst zahlen dürfen, oder?

    • firefox05c schreibt:

      Solche Umstände lassen sich im Nachhinein leider nicht beweisen. Aber doof war es allemal.

      • Talianna schreibt:

        Ich kenn’s halt von den Fehlalarmierungen an der Uni – die dann aber eher wegen technischer Defekte kommen. Unser Brandschutzbeauftragter flucht darüber wie ein Rohrspatz, zumal bei uns im Gebäude dann auch „was größeres“ anrückt, da wir einen Raum mit Gefahrengruppe IIIa haben. 😉

        Daher kam ich überhaupt erst drauf, dass es dann Geld kosten kann.

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