Horneberger Schießen zur Europawahl

Zur Europawahl war neben der Wache ein Wahllokal eingerichtet. Kurz vor Ladenschluss klingelte es in unserem Dienstgebäude: „Hallo, ich bin von der Wahlkommission. Ähm… ich dachte, ich frage einfach mal nach, wir brauchen da nämlich etwas Hilfe. Vielleicht könnten Sie ja mal…?“

„Um was geht es denn?“, fragte ich. „Nun ja … Unser Vorsitzender hatte den Schlüssel für die Schlösser der Urnen in seiner Hemdtasche. Er vermutet, dass er ihn beim Mittagessen, als er sich vorn über gebeugt hat, verlohr. Jetzt kommen wir an die Wahlzettel nicht heran, um sie auszuzählen. Und da dachte ich, weil Sie doch direkt nebenan sind … Könnten Sie uns vielleicht mit etwas Werkzeug aushelfen? Ich müsste sonst den Zweitschlüssel im Wahlamt anfordern, und die haben doch jetzt selbst alle Hände voll zu tun.“

Nun, das hätte ich gerne selbst kurz erledigt. Aber hier ging es nicht um die Trinkgeldkasse des Kirchenchores, sondern um Wahlurnen. Die macht man ja nicht einfach für irgendjemanden offen! Wenn das der Verkehrte sieht, machen wieder die Räuberpistolen der „Wahlfälschung“ die Runde. Klar: Da kommt im Laufenden Betrieb ein Feuerwehrmann, die Urnen werden aufgebrochen und die Zettel entnommen. Sieht seltsam aus.

Zudem wusste ich nicht, wie genau Wahlen ausgezählt werden. Passierte das wirklich in jedem Wahllokal? Oder werden die Urnen abgeholt und im Wahlamt ausgezählt? Der Herr versicherte mir zwar, dass sie selbst die Zettel sortieren würden. Aber wie sollte er mir das nachweisen?
Ich belästigte unseren Anstaltsleiter. Der verstand meine Bedenken, wollte es selbst aber auch nicht einfach so entscheiden, und rief den Abteilungsleiter an. Dieser wiederum verwies auf das Wahlamt. Der Zettelbeauftragte bot auch sofort eine Telefonnummer an, bei der wir uns die Befugnis bestätigen lassen könnten. „Aber wenn wir da erst den Schlüssel bestellen, dauert das bestimmt eine dreiviertel Stunde, und der Mann, der den bringt, fehlt denen beim Auszählen. Darum dachte ich, auf diesem Wege geht es schneller.“ Verständlich. Das Ergebnis sollte schließlich zeitnah fest stehen.

Bei einem telefonischen „OK“ wäre ich kurz hinüber gegangen und hätte die Urnen schon geknackt bekommen, da war ich mir sicher (was ja noch nichts über die eventuelle Wiederverwertbarkeit der Zettelbüchsen aussagt…). Einen Bolzenschneider hatte ich schon locker im Holster sitzen, die Griffe bereits angewärmt. Es juckte.

Aber dann die Enttäuschung: Es klingelte erneut an der Tür, und ein weiterer Herr mit silbernem Dach und furchiger Fassade stand vor mir. Er hielt einen kleinen Schlüssel in der Hand: „Entschuldigung, ist mein Kollege noch bei Ihnen? Ich habe den Schlüssel nun doch wiedergefunden. Ich weiß auch nicht, wie der von der Hemd- in die Jackentasche gekommen ist…“  Das Problem hatte sich also selbst gelöst, bevor ich es konnte.

Nach ein paar Entschuldigungen gingen die beiden Zettelwarte wieder in ihren Wahlraum, um dem Wahlamt schnellstmöglichst die ersten Ergebnisse zu übermitteln.

Und ich durfte wieder mal nichts kaputt machen. Mist.

 

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5 Antworten zu Horneberger Schießen zur Europawahl

  1. ninaxy3 schreibt:

    Nächstes Mal vielleicht 😉

  2. linuxuser86 schreibt:

    Na da hättest Du ja mal mit dem Bolzenschneider direkt der Demokratie dienen können. Es hat eh eine gewisse Eleganz Behälter nicht zu „entschlüsseln“, sondern zu „entschlossen“.
    Achja: Mit dem Griesheimschlüssel hättest du wohl in der Tat eine Wahlfälschung begehen und dem Begriff Wahlurne eine ganz neue Dimension verleihen können.

  3. Ulrich Wolf schreibt:

    Die Auszählungen sind übrigens öffentlich. Du hättest dem Ereignis also ruhig beiwohnen können. Es wird wirklich im jedem Wahllokal durch den Wahlvorstand ausgezählt. 🙂

  4. A.F. schreibt:

    Also die Auszählungen sind öffentlich und finden immer direkt in dem jeweiligen Wahllokal statt. Das Auszählen in den Wahllokalen findet eben deshalb da statt um etwaige Anschuldigungen der Wahlfälschung zu verhindern. So frei nach dem Motto man könnte ja den LKW Transporter mit den Urnen austauschen und so.
    Für dich finde ich es schade das du nichts kaputt machen durftest. Irgendwie benneide ich dich da um deinen Job. 😀

  5. T K (@Sueder80) schreibt:

    Meine Zeit als Wahlhelfer ist zwar etwas her aber soviel ich weis wird die Urne bei der Auszählung vor Ort geöffnet. Das ganze ist öffentlich. Am Ende werden aber alle Wahlzettel zusammen mit den restlichen Unterlagen wieder in die Urne gelegt und die Urne mit dem Schloss wieder verschlossen und versiegelt sollte eine Neuauszählung erforderlich sein.

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