Noch eine Angeltour…

Die Tour begann, wie immer, mit dem Anruf eines Kollegen: „Wann können wir denn mal wieder zum Angeln fahren?“ – Wie also auch beim letzten Mal bei der Tour an der Ruhr. Nur mit dem Unterschied, dass der Kollege mittlerweile ein kleines Wohnmobil gekauft hatte. Also, nicht direkt eine rollende Luxusvilla. Mehr ein 2-Personen-Schuhkarton, der für eine Höchstgeschwindigkeit von über 160 Klamotten zugelassen ist. Hinten ist jedenfalls nicht viel mehr Platz als in einem solchen: Um in der Schlafecke, die zum Schlafen aus der Sitzecke gebaut wird, mit zwei Personen übernachten zu können, muss man sich schon verdammt lieb haben…

die Diemel bei Marsberg

die Diemel bei Marsberg

„Ja, nun… wenn du meinst…“ , kam meine begeisterte Antwort in typisch ostwestfälischer Art. „Und wohin?“ – „Wir sollten mal die Diemel ausprobieren.“ – „Warst du schon mal da?“, fragte ich. Natürlich war er das. „Da haben wir einen Klopper nach dem anderen gezuppt! Ganz tolle Strecke!“ Ich wurde stutzig, denn für Gewöhnlich haben  seine Geschichten einen Haken: „Wann war denn das?“ Und auch dieses Mal wurden meine Befürchtungen bestätigt: „Och… ich glaube, das war damals in den Achtzigern…“ Klar. Es ist ja nicht so, dass zwischenzeitlich Horden von Fischwilderern die Pfützen heimlich abgrasten. Und die Wirtschaftskrise an den Angelvereinen nicht spurlos vorüber gegangen wäre. Und die Gewässer weiterhin unter der Urbanisierung zu leiden hätten. Seine Einschätzung der Angelstrecke hatte also nur bedingten Informationswert. Etwa so viel wie die Aussage: „Der Krieg ist aus, Berlin ist gefallen!“…

Gesagt, getan. Wir fuhren also am besagten Tag trotzdem in Richtung Marsberg. Allerdings ohne Kühlung für die Vorräte: Der Kollege war zu knauserig mit dem Gas, um den Kühlschrank in Betrieb zu nehmen . Ein Sparwunder, dieser Herr.

Unterwegs erzählte er mir von einer weiteren Hiobs- Botschaft: „Ich habe doch gestern mit dem Gewässerwart der ersten Strecke telefoniert. Der meinte, dieses Jahr wäre es mit Angeln nicht ganz so toll: Das Rinnsal wäre ziemlich verkrautet…“ Na, das konnte ja heiter werden. Wir hatten nämlich keinen Rasenmäher, den wir vorab die Diemel runter schieben konnten.

Geplant war, dass wir den Nachmittag an der Strecke oberhalb von Marsberg angeln wollten, am nächsten Morgen an der Strecke unterhalb.  So fuhren wir morgens in den Zielquadranten, suchten uns einen Parkplatz und sortierten uns irgendwie um den Tisch seines rasenden Schuhkartons, um lecker Kuchen aus der örtlichen Bäckerei zu mampfen (Ja, so etwas gibt es auch hier am Ende der Welt!).

Platt. Zum Glück nur unten.

Platt. Zum Glück nur unten.

Als wir dann ausstiegen, um uns fußläufig schon mal die Angelstrecke anzusehen, fiel es mir auf: „Du, ich glaube, dein Reifen ist platt.“ – „Bitte was??“ – „Joa… Aber ist vielleicht nicht so schlimm. Der ist nur unten platt, kannst du später vielleicht spachteln. Hast du ein Reserverad mit?“ Hatte er zum Glück. Und es war sogar Luft drin und Profil drum. Also wechselten wir zunächst einmal das Rad, bevor wir das Wasser aufsuchten. „Den lasse ich flicken“, meinte mein sparsamer Kollege. Ich hatte Bedenken: „Hmm… das machen die Werkstätten aber ungerne. Bei den heutigen Reifen ist das nicht immer sehr betriebssicher.“ – „Ach“, warf der Bekannte meine Bedenken über Bord, „da gehe ich zu einem Türken oder so, der macht das.“ Nun, es war seine eigene mobile Schlafbüchse. Und sein Leben. Sollte er machen, was er wollte…

Unterwegs telefonierte mein Kollege schon mal mit dem Gewässerwart, der uns die Angelkarte für den nächsten Tag verkaufen sollte. Das war gar nicht so einfach: Erst war ihm kaum zu vermitteln, dass wir nicht aus der Gegend kamen. „Waaas? Aus dem Ruhrgebiet?? Äh, ja… wann kommen Sie denn an?“ Dann war es schwer, ihm begreiflich zu machen, dass wir mit dem Reisezwerg schon in der Nähe standen. Scheinbar unvorstellbar, dass man in der Gegend übernachten will. Und nachdem wir mit ihm einen Treffpunkt ausgemacht hatten, an dem der Angelkartendeal über die Bühne gehen sollte, begriff er nicht, dass wir die einzige Tankstelle im Ort bereits auf der Karte gefunden hatten und es uns dank eines neuzeitlichen Navigationssystems nicht schwer fallen würde, die Tanke an der Hauptstraße auch zu finden. Er wollte uns unbedingt erklären, wie wir dort hin gelangen würden. „Mein Gott, der ist entweder sehr doof oder sehr starrsinnig…“, meinte ich, als er das Gespräch beendet hatte. Kumpel nickte: „Klar. Wahrscheinlich uralt. Wenn der mal nicht bis morgen vergessen hat, dass er uns um sechs treffen wollte.“ – „Oder gestorben ist…“ ergänzte ich Böses ahnend. Wir waren gespannt…

Nixen- Demo

Nixen- Demo

Bei der folgenden Wasserbesichtigung mussten wir feststellen, dass der Gewässerwart nicht übertrieben hatte: Die Diemel sah aus, als würde unter der Wasseroberfläche ein Demozug von langhaarigen Meerjungfrauen stattfinden. Grüne Fäden, so weit das Auge reichte…

Wir versuchten trotzdem unser Glück, denn an einigen Stellen war das Flüsschen frei. Und die Fische bissen tatsächlich! Allerdings hatte ich den Eindruck, dass wir einen Schulausflug der Salmoniden-Grundschule gestört hätten: Kein Fisch über 20cm, nur Jungforellen. Alleine an meiner Angel verhakten sich sechs Stück! Als Kochtopfangler ist das ziemlich blöd, wenn man nur untermaßige Zappler am Haken hat. Wie oft hätte man satt sein können, wenn die Kleinen ihre Eltern geschickt hätten. Oder wenigstens ein oder zwei Aufsichtspersonen.

Bachforelle in Regenbogner- Größe

Bachforelle in Regenbogner- Größe

Umfangreich und ausschweifend erklärte der Mitangler mir lauthals über eine Distanz von etwa 20 Metern, wie toll seine neue Angel und die neue Rolle wären, so dass ich nur noch die Hoffnung hatte, dass sich im Wasser vielleicht der eine oder andere schwerhörige Fisch befand, der bei den lauten Kundgebungen nicht sofort den sicheren Unterstand aufsuchte. Und wärend ich mich noch darüber ärgerte, hatte der laute Kollege Glück und fand wohl den einzigen hörgeschädigten Speisefisch in der Diemel: Eine Bachforelle (!)  in einer Größe, auf die mancher Regenbogner neidisch wäre, fiel auf sein Rotationsblech herein. Leider werde ich aber nicht satt, wenn nur der Kollege etwas fängt. Mist. Aber ich blieb auch weiterhin „Schneider“, abends gab es also Currywurst aus dem Suppenschlauch einer Großmetzgerei. Schmeckte aber erstaunlich gut!

Kuschelecke vor dem Umbau

Kuschelecke vor dem Umbau

Die Nacht in der Schlafecke in der Größe einer Überraschungsei- Kugel verlief  sehr unruhig: Mücken, Püpse, schwüle Wärme, Starkregen. Und schlafen konnte ich auch nicht.

Am nächsten Morgen ging es nach einem kargen Frühstück zur besagten Tankstelle, die glücklicherweise auch Kaffee zu bieten hatte. Während wir also genüsslich das frisch aromatisierte Heißgetränk tranken und auf den Gewässerwart warteten, philosophierten wir schon fast bösartig über die Dorfbewohner, die sich so früh dort aufhielten. Einige der Frühaufsteher entsprachen aber auch zu genau dem Klischee, was man so über eine Bevölkerung mit eingeschränktem Genpool hat… 😉

sportliches Top- Ereignis am Rande: Nacktschnecken- Bergrennen! Total spannend!!!

sportliches Top- Ereignis am Rande: Nacktschnecken- Bergrennen! Total spannend!!!

Unter anderem hielt dort auch ein älterer Herr mit einem Roller auf der Tanke. Hingucker: Statt Helm eine Sicherheits- Bauernkappe, einen grünen Friesennerz über einer kurzen  (wirklich sehr knappen) Hose, unten kamen haarige Beine heraus, die in einem Paar grüner, Mist- verschmuddelter Gummistiefel steckten. Auf dem Roller führte er einen Schnee- und Eiskratzer mit. „Guck mal, den da! Der war heute Morgen bestimmt schon im Stall unterwegs“, meinte mein Begleiter. „Nein. Ich denke, eher auf dem Feld. Mit dem Eisschräpper hat er dann die Straße gereinigt, als der Trecker weg war.“ Komischer Kauz … Als er sich jedoch suchend umschaute, dämmerte es uns: „Oh… der ist bestimmt der Gewässerwart, der uns die Angelkarten verkaufen will…“ Und siehe da: Richtig. Er war es.

Zunächst stellte er erstaunt fest, dass unser rollendes Wohnklo ein auswärtiges Kennzeichen hatte. „Ich zeige euch mal die Strecke, damit es keine Mißverständnisse gibt“, meinte er dann, nachdem er die Formulare ausgefüllt hatte, und knatterte mit seinem Roller und dem Eiskratzer vor unserem Wohnmobil her, um uns zu zeigen, wo wir angeln durften. Dabei löste sich auch das Rätsel um das sperrige Werkzeug: „Das habe ich gleich mitgebracht, um die zugewucherten Hinweisschilder wieder frei zu schlagen.“ Aha. Wollen wir hoffen, dass er mit dem langen Stiel auf der Fahrt nirgendwo hängen bleibt. Obwohl: Dann hätten wir etwas zu lachen… 😉

Nachdem wir unsere Ruten klar hatten...

Nachdem wir unsere Ruten klar hatten…

Die Angelstrecke sah vielversprechend aus. Bis wir anfingen, unser Werkzeug zu benutzen: Der Starkregen der Nacht kam auf seiner Reise ins Meer nun pünktlich zur geplanten Nahrungsbeschaffung hier vorbei! Innerhalb von Minuten schwoll die Diemel zu einem reißenden Fluss an. Während ich auf einem kleinen Bootssteg stand und etwa 10 Minuten verzweifelt im Hochwasser angelte, stieg das Wasser bis über den Steg und umspülte meine Stiefel!

Nachdem wir unsere Ruten heraus geholt haben: Hochwasser...

Kam das Hochwasser.

„Hier gibt es nix mehr zu reißen“, meinte ich entmutigt zu meinem Kollegen. „Angeln kannste für heute knicken.“ Wir gaben also auf, ohne einen Fisch für das Abendessen überlisten zu können. Mist.

Plattfuß, verkrauteter Flusslauf, Starkregen, verpupste Nacht, und nun auch noch Hochwasser. Da liegt kein Glück bei mir drauf. Vielleicht sollte ich besser einen Jagdschein machen. Oder einen Sprengschein…

 

 

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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6 Antworten zu Noch eine Angeltour…

  1. Anna schreibt:

    Wieder einmal ein super geschriebener Beitrag, ich hab ein weiteres Mal Tränen gelacht 😀

  2. PallMall schreibt:

    AAAAHHH Angeln.. perfekt wenn du dich entspannen möchtest .. und trotzdem irgendwas töten. Hab mich köstlich amüsiert, vielen dank

    • firefox05c schreibt:

      Das finde ich jetzt etwas hart ausgedrückt: Es geht mir ja nicht darum, „irgendwas zu töten“. Die Fische, die ich herausziehe, werden – soweit sie maßig sind – auch mitgenommen und gegessen. Angeln nur um des Angelns willen halte ich für nicht gut. Diese Einstellung ist übrigens nicht selbstverständlich: In Holland zum Beispiel ist es Kultur, sie zu fangen und nach dem Trophähen- Foto wieder zurück zu setzen. Fisch verletzt durch den Haken, gestreßt, und in der unvermeidlich geschädigten Schleimschicht können sich Pilze festsetzen, der Fisch wird krank. Und Fische, die beim Abhaken Probleme gemacht und dabei größere Verletzungen erlitten haben, stecken nachher noch zappelnd in einem Mülleimer. Ich habe sogar mal einen Angler getroffen, der gar keinen Fisch mag. Er verschenkt sie, wenn er welche fängt. Dann sollte man sich überlegen, ob man die Fische nicht lieber in Frieden lässt: Wenn ich die Fische schon stresse und ihnen weh tue, soll es wenigstens den Sinn haben, mich zu ernähren. Ich weiß aber auch, dass das eine Philosophie ist, die nicht jeder teilt. Aber das wäre ein ganzer eigener (nicht so lustiger) Artikel, das zu erörtern. 😉

      • Scully schreibt:

        Gegen Angler, die ihren Fang am Ende verschenken, weil sie keinen Fisch mögen, find ich nun so nichts schlimmes. Da ist ein Mensch, der gerne Fisch ist, aber nicht angelt. Und ein Mensch, der gerne angelt, aber keinen Fisch mag. Passt doch prima. Ich mein, der ein oder andere Angler betreibt den Sport ja eigentlich nur aus Entspannungsgründen und ist ganz erschrocken, wenn er tatsächlich mal auf seinen (teils blanken) Haken mal was fängt. Ist wie mit Rauchern und ihren Raucherpausen: Manch ein Angler angelt eigentlich nur, weil „Ich geh in den Wald, mich an nen See setzen und meine Ruhe haben!“ mancherorts nicht als Argument zählt =P Genausowenig wie mach ein Chef „Ich geh mal eben fünf Minuten vor die Tür, lesen“ so wirklich aktzeptabel findet.
        Find ich, um wieder aufs Angeln zu kommen, solange er „waidgerechtes Angeln“ nicht nur buchstabieren kann, sprich, nicht nur weiß, wo sein Angelfischereiausweis liegt, sondern auch, was er dafür so mal gelernt hat noch weiß, eigentlich ok. Solang der Fisch dann eben nicht wieder (trotz entsprechendem Fangmaß) wieder zurückgesetzt wird oder lebend ins Gebüsch oder in die Tonne geworfen wird (tot is auch nicht viel besser, aber immerhin verendet das Tier dann nicht noch unötig lang und qualvoll).

        Also, solange am Ende der Abnehmer des Fangs geklärt ist, find zumindest ich es in Ordnung. Ob es am Ende mich oder meinen Nachbarn ernährt macht jetzt in meinen Augen nicht den riesigen Unterschied.

  3. Meyerlein schreibt:

    Ja, ja das Sauerland. Seit es meine Schwägerin dahin verschlagen hat (die quasi direkt an der Diemel wohnt) kann ich eins sagen: Die Vorurteile die man gemeinhin über die Sauerländer pflegt sind eins: Alle wahr. 😉
    Und zum Thema Jagdschein: Das ist wie angeln, nur mit Gewehr auf dem Rücken. Meistens sitzt man auch da vergebens. 😉

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