„Kunst“ liegt im Auge des Betrachters

DIGITAL CAMERAIch war für einen Auftritt auf einem Geburtstag gebucht. Eine kleine Gesellschaft von etwa 25 Personen wollte sich von mir in einem Gasthof mal ordentlich was um die Ohren blasen lassen. Mein schlimmster Auftritt stand mir bevor …

Als mich der Anruf des Feierwütigen erreichte, kamen wir schnell überein: „In zwei Monaten habe ich eine kleine Fete. Haben Sie dann Zeit?“ – Hatte ich. Schnell waren wir uns mit der Gage und der erwarteten Spieldauer einig. Später über WhattsApp fragte der Schottlandfan, ob er sich auch einige Lieder wünschen könne. „Natürlich“, schrieb ich zurück, „ich maile Ihnen mal mein Repertoire.“ Und das Unheil nahm seinen Lauf: Ohne darüber nachzudenken, wie lange ich einige Stücke schon nicht mehr gespielt hatte oder ob es darunter auch „Problemfälle“ gab, durchforstete ich mein Notenlager nach allem, was schottisch klang: Ließ ich die bretonischen Klamotten weg, kam ich immer noch – selbst ganz erstaunt – auf 63 Stücke. Darunter waren allerdings auch Stücke aus der Kreidezeit, die ich schon längst wieder verdrängt hatte. Diese Liste schickte ich dem Kunden, in der Erwartung, dass er zeitnah seine Wünsche äußern würde.

Kaum 20 Tage später kam auf erneute Anfrage schon die Antwort: 6 Stücke standen auf der Liste, 3 davon hatte ich komplett vergessen… (-.-) Also übte ich eine Woche lang täglich etwa 20- 30 Minuten, was für ein ganzes Programm nicht unbedingt viel ist.

Der Tag der Privatbeschallung war gekommen.

Die Nacht zuvor hatte ich auf dem RTW eine vom hilfesuchenden Bürger oft in Anspruch genommene Schicht und war entsprechend müde, als ich mir die Tracht für den Auftritt anzog. In dem Bewusstsein, dass ich die gewünschten Stücke nicht perfekt spielen konnte und aufgrund der späten Rückmeldung auch das übrige Programm nur auf die Schnelle zusammenschustern konnte, betrat ich gestresst den Saal. Es war ein überheizter Wintergarten in einem Landgasthof. Alle schauten mich erwartungsvoll an, und da ich auch Wunschtitel spielen sollte, wusste ich, dass zumindest einige der Gäste die kommenden Stücke kennen würden.

Die flotten Sprüche nach dem ersten Stück („Was tragen Sie denn so unter dem ‚Röckchen‘ ?“ – „Lippenstift.“) brachten zwar fürs Publikum, aber nicht für mich die erwünschte Entspannung.

Nach dem zweiten Stück lief ich aufgrund der enormen Heizleistung in der Bude aus, der Schweiß rann mir in dem Wüstenklima nur so hinunter: Die Jacke flog fix auf einen Stuhl.

Im dritten Stück verhaspelte ich mich aufgrund der Konzentrationsschwäche (in der müden Denkmurmel waren scheinbar „50% off“) dermaßen, dass ich abbrechen und neu ansetzen musste („Öhm… datt war Kappes. – Kann ich noch mal reinkommen?“). Und als ich das vierte anmoderieren wollte, starrte ich mit leerem Kopf auf den Programmzettel: Ich hatte schlicht die Melodie vergessen! Ein Fluchtinstinkt setzte ein. Ich wollte weg.

Also gleich das fünfte Stück. Nun waren meine Lippen ausgetrocknet, die Luft ging zur Hälfte nicht in das Kunstschaf unter meinem Arm, sondern gleich am Mundstück vorbei. Ich musste das Stück abkürzen. Danach hatte ich den Kaffee auf und machte erst mal Pause. Katastrophenalarm! So eine Leistung war vielleicht auch damals im Krieg der Grund, warum so viele Piper von hinten erschossen wurden… Ich schämte mich. So etwas war mir noch nie passiert!

Am Tisch unterhielt ich mich mit einigen Gästen. Alle waren Schottland- Fans, jeder war schon mal dort, und alle erzählten mir, wo sie mal mehr, mal weniger schöne Bagpipe- Klänge gehört hatten. Oh je, dachte ich, sie wissen womöglich, wie sich das für gewöhnlich anhören sollte! Nach einer halben Stunde Pause klemmte ich mir meinen Hamish wieder unter den Arm für die zweite Runde.

Eigntlich spiele ich lieber im Freien...

Eigntlich spiele ich lieber im Freien…

Und der Stress war wieder da: Hatte ich mich im ersten Teil doch so heftig verspielt! In diesem Block machten mir dann allerdings weniger die Lieder Probleme, sondern wieder verstärkt die trocknen Lippen. Am Mundstück klang es wie ein Ballon mit breitgezogener Öffnung. Nur mit Mühe konnte ich mich auf mein Spiel konzentrieren, während ich pumpte wie ein Maikäfer vor dem Abflug. Ich stand gefühlt in einer Pfüzte aus Schweiß, und nach drei Liedern, die ich leidlich hervorwürgte, war bereits wieder „Hängen im Schacht“. Ich musste meinen Lippen, die sich mittlerweile wie Sofakissen anfühlten, schon wieder eine Pause gönnen. Irgendwie musste ich sie doch trotz der Luft feucht halten können! Nächstes mal nehme ich mir einen Labello mit.

Nach einer weiteren halben Stunde spielte ich die letzten beiden Stücke, was einigermaßen klappte. Meine „Leistung“ war mir peinlich. Immerhin bezahlte man mich dafür! Im Stillen überlegte ich schon während meiner letzten gequetschten Töne, dem Jubilaren, der doch seine Gäste mit etwas exotischem verwöhnen wollte, einen Preisrabatt anzubieten. Um so verwunderter war ich, als er gleich zu mir kam und strahlte: „Das war ja sooo schön! Echt klasse! Ich werde Sie weiterempfehlen.“ Ich blickte skeptisch. „Es tut mir leid, dass ich mich im dritten Lied so dermaßen verspielt habe, dass ich… “ Er unterbrach mich: „Aber das war doch toll, dass Sie gleich gesagt haben, dass Sie noch mal anfangen möchten! Nicht einfach darüber hinweg zu gehen und zu hoffen, dass es keiner merkt, ist doch höchst korrekt! Das macht nicht jeder. Nein wirklich, es war ganz toll!“ Irritiert ging ich in den Nebenraum, wo meine Instrumententasche stand, der Gastgeber folgte mir. Während ich mein Gebläse auseinander baute und immer noch überlegte, ob die Gäste meine Zumutung wirklich für „schön“ erachteten, kramte er seine Geldbörse aus der Hose. „Ich weiß ja, was wir als Gage ausgemacht hatten“, sagte er. Aha, dachte ich, jetzt kommt’s. „Aber weil es so super war, gebe ich Ihnen etwas mehr.“ Watt? „Mehr„?? – Jetzt war ich wirklich baff. Der meinte das ernst! Tatsächlich zählte er mir satte 30% über den vereinbarten Betrag hinaus auf den Tisch!

Ich nahm dankend das Geld, packte fix meine Sachen und hinterließ auf Anfrage noch eine Visitenkarte bei der Gastwirtin. Auch diese war begeistert. Wie man sich doch irren kann!

„Kunst“ liegt eben immer im Auge des Betrachters…

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu „Kunst“ liegt im Auge des Betrachters

  1. Ruhrköpfe schreibt:

    Klasse und danke 🙂 LG Annette

  2. BB schreibt:

    JA, das erlebe ich auch immer wieder … und das führt dann im negativen Fall dazu, dass die Musiker einer Band sich alle denken: „Ist eh egal, wie gut oder schlecht wir spielen, die hören es sowie so nicht !“ und dann klingt es dementsprechend — aber wehe, es ist auch mal ein wirklicher Fachmann im Publikum, dann war das die schlechteste Werbung für eine Band.

  3. Chris schreibt:

    Nimms sportlich 😉 Die Zuhörer waren zufrieden, und lieber einmal zugeben dass Du dich verhaspelt hast als krumm und schief zu spielen. Wärs bei meiner Feier so gewesen, würd ich gar nicht drüber nachdenken. Aber gut – ich höre bei Dudelsack auch nur „klingt gut“ oder „ich will weg“, dazwischen differenziert mein Gehör nicht 😉

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