Diagnosestellung: Die Verdachts- Odyssee

DIGITAL CAMERAKurz nach der täglichen Übernahme des RTW bekamen wir schon die erste dringende Anfrage fürs Team: „Einsatz mit Notarzt: TV, Bew“, stand auf dem Klingel- Tamagochi. Die Ärztin, die mit uns fast zeitgleich am Einsatzort eintraf, war noch nicht so oft als Straßendoktorin unterwegs und kannte sich mit den Feuerwehr- Internen Abkürzungen noch nicht so aus: „TV? Was erwartet uns jetzt da drinnen, ‚Thorax-Verletzung?‘ “ Wir schmunzelten: „Nein. ‚TV‘ heißt für Gewöhnlich „Tabletten- Vergiftung“. Und „Bew“ ist kurz für „Bewußtlos“. Also ganz was anderes.“

Zusammen enterten wir den zweiten Stock der gepflegten Behausung, wurden dort von der Tochter des Patienten empfangen und ins Wohnzimmer dirigiert: „Ich habe ihn da auf dem Sessel gefunden. In der Küche lag dieser Blister mit den neuen Tabletten, die er gestern verschrieben bekommen hatte. Schlafmittel oder so. Da fehlen jetzt fünf!“ – Fünf Stück. Eher ungewöhnlich für jemanden, der sich womöglich umbringen will. Der würde dann nämlich mindestens alle nehmen, und zur Sicherheit wahrscheinlich noch Alkohol draufkippen. Aber vielleicht versehentlich doppelt eingenommen? Ich schaute kurz auf die Packung. Der Patient sollte morgens und abends je eine nehmen, war darauf vermerkt. Seit gestern Nachmittag sollten also nur zwei fehlen. Bei „einmal doppelt“ drei. Sehr seltsam…

Die Ärztin war schon bei dem etwa sechzigjährigen Patienten: Er lag rücklings mit dem Oberkörper auf der Sitzfläche eines Sessels, die Beine weit von sich, und sabberte mit stark hängendem Mundwinkel vor sich hin. Auch nach Schütteln und Anbrüllen war er zu keiner Kommunikation bereit. Wir legten ihn erst einmal glatt auf den Boden. Wie sieht denn das auch aus, wenn der da so herumlümmelt… 😉 Ich zeigte der Ärztin die Tabletten: „Ich glaube, das sind gar keine Schlaftabletten. Und es fehlen auch nur fünf.“ Sie schaute kurz auf die Packung: Nö. Das ist bloß ein Eisen- Präperat. Das kann nicht die Ursache sein.“ Während die Ärztin und mein Kollege den Patienten verkabelten und die Untersuchung begann, ging ich mit der Tochter noch mal kurz durch Schlafzimmer und Küche, um nach weiteren leeren Tablettenblistern zu suchen: Ohne Erfolg. Der erste Verdacht bestätigte sich also nicht.

Zwischenzeitlich hatten die Kollegen die ersten Untersuchungsergebnisse: Der Blutdruck, den wir von unserem teuren Apparat messen ließen, lag etwa bei 200mm HG (gewöhnlich erwarten wir um die 140), Puls etwa 100 (zu hoch), der Sauerstoffgehalt im Blut war jedoch gut, die Atmung etwas tiefer als gewöhnlich. Das EKG war in Ordnung.

Die Ärztin dachte aufgrund des hängenden Mundwinkels des Patienten laut den zweiten Verdacht: „Hatte der Mann vielleicht einen Schlaganfall? Dazu würde auch der Druck passen.“ Wir befragten die Tochter: „Sind bei Ihrem Vater Probleme mit dem Herzen oder dem Blutdruck bekannt? Oder hat er schon mal einen Schlaganfall gehabt? Hing der Mundwinkel vorher auch so herunter?“ Sie verneinte alles: „Der nimmt sonst auch keine Tabletten ein.“ Mir fiel ein recht frischer Bluterguss im Auge und an der Nasenwurzel auf: „Schau mal“, stieß ich die Ärztin an, „das Veilchen. Vielleicht ein Hirnbluten nach Sturz?“ Es kann sein, dass bei einer solchen Sturzverletzung erst Stunden später die Folgen einer Hirnblutung auftreten, die in Bewußtlosigkeit und schließlich tödlich enden können. „Wissen Sie, woher Ihr Vater die Verletzungen im Gesicht hat?“ – Nein“, überlegte die Tochter,  „gestern Nachmittag war ich auch schon mal hier, da hatte er sie noch nicht.“ Das war jetzt schon der dritte Verdacht.

Nun fragten wir uns, was wahrscheinlicher war: Schlaganfall oder Hirnverletzung? „Oder er hatte einen Schlaganfall und ist dadurch gestürzt. Oder umgekehrt. Man kann ja auch Flöhe UND Läuse haben…“ gab die Ärztin zu bedenken. Das war bereits das vierte Szenario: Eine Kombination aus Verdacht zwei und drei. Wir mussten die Notfall- Ursache bereits vor dem Transport möglichst genau wissen, weil es auch darum ging, in welches Krankenhaus wir den Patienten später bringen würden: Nicht jedes Haus hat eine für Schlaganfälle erforderliche Neurologie. Der nächste Karbol- Schuppen mit einer Neurologie hatte aber keine für ein Hirnbluten nötige Neuro- Chirurgie. Die war noch weiter weg …

Weitere Verletzungen fanden wir nicht, die Gelehrte legte also eine Kanüle in die Hand. Von dem Blut in der herausgezogenen Nadel benutzte ich einen Tropfen, um den Blutzuckergehalt zu bestimmen, was wir routinemäßig tun, wenn ein Zugang gelegt wird. Der Wert, den ich dann in den Raum sagte, überraschte uns etwas: „48. Bissl wenig.“ („Normal“ ist um die 100) „Jaja“, meldete sich die Tochter, die in der Tür stand und uns beobachtete, „mein Vater ist Diabetiker.“ – „Sie sagten doch, dass er keine Medikamente nimmt?“, fragte ich etwas vorwurfsvoll. Sie nickte: „Er nimmt keine Tabletten, richtig. Aber er muss Insulin spritzen.“ Toll, dass wir das erfahren. Wenn man nicht explizit nach allem fragt, bekommt man auch nur Antworten wie damals bei Robert Lembkes „Wer bin ich?“ …

„Nun“, schlug ich der Studierten vor, bevor sie etwas sagen konnte, „dann spritzen wir doch einfach etwas Glucose und sehen, was passiert. Auch, wenn der hängende Mundwinkel für mich eher auf einen Apoplex deutet. Aber man weiß ja nie. Und Zucker braucht er ohnehin.“ Von meiner Mutter, ebenfalls Diabetikerin, wusste ich, dass es durchaus Menschen gab, die bei einem Zukerwert von 30 noch lallen: “ ‚ch mussa Kola trinkn… issn bissl dusselig inn Kopp…“. Der Spiegel von 48 musste also nicht zwingend der Grund dafür sein, dass der Patient so verstockt schwieg. Konnte aber. Verdacht Nummer fünf.

Die Notfallmanagerin war meiner Meinung: „Vielleicht hatte er auch einen Schlaganfall, aber dann so lange hier gelegen, dass ihm der Zucker entgleist ist. Wir werden sehen.“ Die fünf Minuten nahmen wir uns noch vor dem Transport, um auf die Wirkung der Zuckerlösung zu warten.

Schneller Energiespender: Zwei Ampullen iV, und der Bordcomputer läuft wieder

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Ich zog also fix  etwas Gluckse auf, die der Patient gespritzt bekam. Nach einigen Augenblicken zeigte sich die Wirkung: Der Mann fing an, sich ungezielt zu bewegen und etwas zu stöhnen. Sieh mal einer an … Nach weiteren Zückerchen sprach er auch – noch etwas desorientiert – mit uns, und sogar der hängende Mundwinkel verschwand! Mir entfuhr das Wort, welches hier im Ruhrpott auch als Substitut für einen ganzen Satz verwendet werden kann: „Sisse.“ Gefolgt von einem näher erläuterndem: „Da isser wieder.“ Endlich hatten wir also die zunächst gar nicht so klare Diagnose gefunden. Der Blutdruck lag bei der erneuten Messung ganz unspektakulär bei 140/80. Uns drängte sich der Verdacht auf, dass die erste Messung durch irgendeinen Störfaktor verfälscht war.

Wiederum ein paar Minuten später war der Patient bereits so aufgeklart, dass er sinnvolle Antworten geben konnte. Er erzählte uns, dass er seit dem Mittag des Vortages zwar nichts mehr gegessen, aber pflichtbewußt seine übliche Dosis Insulin gespritzt hatte. Und am Vorabend sei er zwar gestürzt, aber nach den üblichen Schimpftiraden und der Würdigung seines Veilchens vor dem Spiegel ganz normal in sein Ladegerät geschlüpft und am nächsten Morgen wieder aufgestanden. Als wir ihm mitteilten, dass die Kombination aus verpassten Mahlzeiten und dem Betreiben der gewohnten Insulin- Fixerei diesen Notfall provozierte, war er etwas verwundert. Einen Zusammenhang, den viele Diabetiker scheinbar nie verstehen werden. Selbst das Pflegepersonal im Altenheim begeht diesen Fehler dann und wann: Insulin spritzen, aber nicht überwachen, dass der demente Bewohner auch wirklich etwas isst.

Mit dem Patienten, der auf eigenen Füßen (öhm… auf wessen denn sonst? 😉  ) in unseren AOK- Shuttlebus stieg, konnten wir dann jedenfalls in das Krankenhaus „umme Ecke“ fahren, damit er dort zur Beobachtung in einer ganz normalen internistischen Station interniert wird.

Von wegen „TV“ …

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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5 Antworten zu Diagnosestellung: Die Verdachts- Odyssee

  1. BRC_MEDIC schreibt:

    Ich vermute der Blutdruck wird noch mit manueller Sphygg oder elektronisch gemessen ? Dann kann es schon mal zu solchen „Ausrutschern“ kommen (mit E-Sphygg). Ich traue meinen Ohren mehr (noch) – ist zwar nicht so bequem, aber sicherer (IMHO).

    • firefox05c schreibt:

      Wir haben seit einiger Zeit den C3 von Corpuls im Dienst. Der Apparat hat zwar viele Möglichkeiten, er ist aber um einiges empfindlicher gegen Störungen bei der Blutdruckmessung als der alte 08/16.

  2. Peter Vorweger schreibt:

    Super interessant, spannend und sehr lehrreich. Wie Dr. House, nur ohne schlechte Laune. Gern mehr davon.

  3. Mr. Gaunt schreibt:

    Ein Fall, wie er aus einer konstruierten Prüfungssituation stammen könnte. Die auf den ersten Blick naheliegendste Lösung immer sauber abprüfen. Wirklich ein bisschen wie bei Dr. House. Der ein oder andere Diabetiker ist ja auch schon unterzuckert auf der Strasse liegengelassen worden, weil „besoffen“.
    Sehr gut gelöst!

    • firefox05c schreibt:

      Ich habe in einem Krankenhaus mal eine Beschwerde mitbekommen: Ein etwas verwahrloster, nach Schnaps stinkender Obdachloser war dort als einfacher Volltrunkener (ohne sichtbare Verletzungen) „abgekippt“ worden. Als dann der Arzt vorbeischaute, um nach dem Mann zu sehen, stellte sich heraus, dass eine Pupille vergrößert war: Hirnbluten nach Sturz – wahrscheinlich durch den Rausch. Die Kollegen hatten in einem Anflug von Betriebsblindheit das getan, was sie (vielleicht sogar auch mit genau diesem Mann) schon so oft tun mussten: Alkoholiker einsammeln und ihren Rausch im Krankenhaus ausschlafen lassen.

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