Fauler Opa

Vorweg: Wenn ihr gerade etwas zu Essen vor euch habt, lest den Artikel vielleicht später. (Diesen Hinweis trotz meiner Überzeugung, dass er den gleichen Effekt wie der Zettel „frisch gestrichen!“ an einem Türpfosten hat.)

DIGITAL CAMERAWir wurden zu einem Krankentransport gerufen: „Schlechter Allgemeinzustand“. Oft versteckt sich hinter so einer Meldung ein Hilfeersuchen, bei dem der Patient über mehrere Tage hinweg „immer schlechter drauf“ ist: Schwächer wird, zunehmend Atemnot bekommt oder die Erkältung jetzt also überhaupt nicht mehr auszuhalten ist (in der Art von TMS o.ä.). Mit entsprechenden Erwartungen betraten wir also das Wohnhaus, in dem uns im zweiten Stock ein älterer Mann empfing. Von oben nach unten: Graue Haare, eingefallene Wangen, grauer Bart, schmuddeliges T-Shirt, Unterhose mit viel Freilauf, Riemchenschlappen. Zwischen letztem und vorletztem ein buntes Bein.

Während er uns in die etwas verwahrloste Wohnung bat und humpelnd durch den dunklen Flur vor uns her wackelte, versuchte ich, in dem Tattoo auf dem Unterschenkel ein Motiv zu erkennen. Verschiedene Rottöne, blau, schwarz … ich meinte auch, grünliche Farbflecken zu erkennen. Sind da Flammen? Was asiatisches mit Drachen oder so? Oder ein Blumenstrauß? – Nö. Viele Leute lassen sich ja die merkwürdigsten Sachen stechen, und je komplizierter das Motiv ist, desto schwerer wird es, es zu erkennen. War hier wohl auch ein künstlerisch besonders wertvolles Stück. Nun ja, wem’s gefällt … Im Gegenlicht, welches durch die Balkontür fiel, sah ich den beschmierten Laminatboden. Es sah aus, als hätte eine Horde Kinder nach einer Poolparty in der Bude „fangen“ gespielt. Der Wohnzimmertisch beherbergte das übliche Sammelsurium aus Rechnungen, Kippen, benutzten Tellern und Getränkeflaschen, welches wir oft gepaart mit dem Hinweis, dass man gerade etwas aufräumt, antreffen. Auch der Rest der Wohnung ließ mit dezenten Indizien ungefragt darauf schließen, dass die Raumpflegerin wohl zur Zeit im Mutterschaftsurlaub weilte. Und das womöglich nicht mit dem ersten Kind. Der Eindruck wurde nicht zuletzt durch die Luft im Zimmer geschürt, die roch, wie ein abgekochter Kasslerknochen.

Da der Herr so schlecht lief, tippte ich auf einen Sturz vor zwei Tagen, der ihm jetzt noch im Knie oder der Hüfte Schmerzen bereitete. Das hatten wir schon so oft: Oma vermisst mit ihrem Körper das Zimmer, jammert dann zwei bis fünf Tage über die Prellung an der Hüfte (die ja durchaus heftig Pine machen kann), und anstatt zu christlichen Zeiten zum Hausarzt zu reisen, wird morgens um halb drei die Nummer des Lebens gewählt, weil man vor Schmerzen nun ja wirklich nicht mehr schlafen könne …(„Echt jetzt? Watt’n Zufall: Wir auch nicht.“)

Im schummrigen Wohnzimmer fragte ich den ächzenden Mann: „Tach erstmal. Wass‘ n los? Gestürzt?“ – „Nee. Schaunse mal, der Fuß tut so weh.“ Nun hatte ich Gelegenheit, den bunten Schocken etwas näher zu betrachten. Und schaute wie ein Kaninchen auf die Katastrophe: Es handelte sich bei dem bunten Bein keinesfalls um ein Tattoo – der Mann faulte da unten schlicht weg! Schmatzend löste er seine Palästina- Rennsandale von dem nassen Etwas. Der Schenkel war rundherum tief rot- blau verfärbt, offene, glänzende Stellen gingen in schwarze Flecken über, die Haut löste sich stellenweise ab. Der Fuß schillerte dick angeschwollen in allen Purpurtönen. Zwei Zehen waren tief blau, die drei anderen schon schwarz! Zwei dieser abgestorbenen Zehen pappten aneinander, waren bereits getrocknet und fingen offensichtlich an zu bröseln wie bei einer Mumie. Ein Horror! Nun wusste ich auch, warum der Boden in der Wohnung so verschmiert war: Die Flüssigkeit, die aus dem Fuß lief, durchweichte irgendwann den Schlappen. Und wir standen nun mitten darin. Nix mit Poolparty. Der Mann hatte nicht nur ein kosmetisches Problem an den Zehnägeln, soviel musste auch für Laien feststehen.

Ich war entsetzt. Mein Kollege bekam ebenfalls den Mund nicht mehr zu. „Wie lange laufen Sie denn schon damit herum?“, fragte er. Nicht, dass es jetzt wichtig wäre, aber man wundert sich ja doch etwas. „Das hat vor drei Wochen oder so angefangen. Ich habe eben mit meinem Sohn telefoniert. Er will, dass ich mal ins Krankenhaus gehe.“ Ich war immer noch etwas überfordert: „Jetzt erst? Heißt das, Sie waren noch bei keinem Hausarzt damit?“ – „Nö. Tagsüber geht es ja, wenn ich mich bewege. Aber nachts tut es weh.“ Klar. Kein Hausarzt würde seinen Patienten mit so einem Flunken nach Hause schicken! „Haben Sie denn nicht mal einen Verband drum gemacht?“ – „Nein. Nur am Anfang. Aber der suppt ja sowieso immer wieder durch.“

Natürlich war mir klar, dass ein einfacher Verband hier nichts half. Ich fing mich wieder. Die Fragerei brachte uns nicht weiter, da alle zusätzlichen Infos nichts an der Tatsache änderten: Der Mann hat höchstwahrscheinlich einen Gefäßverschluss und gammelte jetzt vor sich hin, musste also ins Krankenhaus. Egal, warum, egal, wie lange, egal, ob bereits behandelt oder nicht. Mehr gab es nicht zu entscheiden. Alles Weitere wäre allenfalls ein unterhaltender Smalltalk.

„Tja“, beschloss ich, „ein Pflaster reicht da wohl nicht mehr. Dann bringen wir sie mal in eine Gefäßchirurgie. Die nächste wäre im St. Ansgar. Vielleicht ziehen Sie sich schon mal eine Hose an, mein Kollege kann Sie dabei etwas unterstützen.“ – „Ins Ansgar?“, wandte er ein. „Geht es nicht auch irgendwo anders? Meine Frau ist da vor zwei Monaten gestorben…“ Aha, das könnte einiges erklären: Wahrscheinlich hatte der Mensch sich aufgegeben, als seine Frau starb und er nun alleine war! Es gibt Menschen, die fallen dann in ein Loch, in denen ihnen alles egal ist. Da der Angefressene jetzt schon mindestens, vielleicht sogar noch länger, in diesem Zustand herumvegetierte, kam es nun wohl auch nicht auf die Minute an. Ich telefonierte also mit einem etwas weiter entfernten Krankenhaus mit entsprechender Fachabteilung, ob sie den Mann problemlos aufnehmen könnten. Glücklicherweise gab es hier keine Einwände. Während der Kollege also aus dem Schlafzimmer eine Hose für den Patientein herkramte, lief ich wieder zurück zu unserem AOK- Shuttle, um einen Transportstuhl für die Treppe und die Trage vorzubereiten. Ein dunkler BMW fuhr vor, ein Mann mittleren Alters stieg aus. „Hallo, ich bin der Sohn des Mannes da oben und habe euch gerufen. Wie sieht es denn aus?“ Ich bin kein Arzt und wollte mich nun erst mal nicht ganz so weit aus dem Fenster lehnen: „Nun ja, bissl spät. Ich denke, ein oder zwei Zehen müssen abgenommen werden.“ Er seufzte auf und ging ins Haus. Ich war mir aber sicher, dass vermutlich der ganze Fuß nicht mehr zu retten war. Und die Hälfte des Unterschenkels war wohl auch nur noch Gammelfleisch…

Immer wieder treffen wir im Rettungsdienst Menschen, die vollständig verwahrlost sind. Und damit meine ich nicht nur lange Fußnägel und schmutzige Schlüpper: Vor einiger Zeit brachten wir eine Dame ins Krankenhaus, die schon Maden unter den Brüsten hatte. Eine andere hatte tagelang auf dem Boden gelegen, von dem sie aufgrund ihres Übergewichtes nicht mehr hoch kam. Der „Freund“ hatte ihr nicht etwa wieder hoch geholfen oder sich zeitnah Unterstützung durch uns geholt, sondern sie ihrer Anweisung entsprechend dort liegen gelassen und sie am Boden mit Essen und Trinken versorgt. Für sie war das in Ordnung. Nach eigenen Aussagen etwa 10 Tage lang! So lag sie dort, bepisst und beschissen, und war bei unserem Einsatz schon buchstäblich (sic!) mit dem Teppich verwachsen. Ohne Übertreibung konnte der Hausbesitzer wahrscheinlich sogar den Estrich unter ihrer Lagerstätte austauschen lassen. Wieder anderen bröckelt der Schmutz von den Unterarmen, das Leben betreibt bei weiteren Patienten einen neuen Evolutionsversuch unter dem alten Beinverband, oder sie leben in ihren eigenen Exkrementen. Ich bin auch nach mittlerweile zwanzig Jahren Berufserfahrung immer wieder erschüttert darüber und frage mich jedes mal, welches Schicksal auf welchen Charakter treffen muss, um sich dermaßen aufzugeben. Zuzusehen, wie man bei lebendigem Leibe vergammelt und von Maden aufgefressen wird.

Ich werde es nie verstehen.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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23 Antworten zu Fauler Opa

  1. BB schreibt:

    Krasse Sache – doch gleichzeitig auch: wieder mal großen Respekt vor jedem Notfallsanitäter (das heißt doch jetzt so, oder ?) und Notarzt, der sich immer wieder darauf einlässt und jeglichen Gestank, Verwahrlosung etc. „auf sich wirken lässt“ und dann auch noch hilft, anstatt (wie der vielleicht erste Gedanke sein könnte), wegläuft.

    • firefox05c schreibt:

      Danke. (Nur zur Info: „Notfallsanitäter“ ist ein neuer Versuch, den Retterberuf aufzuwerten und beinhaltet eine etwas erweiterte Ausbildung.)

  2. stuttgarterapothekerin schreibt:

    ich unterschreib mal bei BB…
    Hochachtung für Euren Job (v. a. bei der bestimmt suuuper Bezahlung….)

  3. jacob schreibt:

    Danke für die Warnung zum Anfang. Auch wenn ich dachte, abgehärtet zu sein, bin ich es anscheinend doch nicht so…
    Deine Frage, warum sich Leute so gehen lassen, kann ich leider auch nicht beantworten. Das ganze erinnert mich aber an einen Fall aus meinem Arbeitsbereich, dem stationären Wohnen. Mittelalter Mann, der von sich aus keine Notwendigkeit erkennt, sich zu waschen, zu rasieren, oder auch manchmal für das große Geschäft die Toilette aufzusuchen. Unser Vorteil, wenn ich es so nennen kann, ist, dass eben immer mindestens ein Betreuer im Dienst ist, um ihn zum waschen, was er alleine kann, etc. zu motivieren. Klappt zwar nicht jeden Tag, aber meistens jeden zweiten.
    Wenn du dann solche Charaktere hast und sie alleine wohnen, sehen sie wahrscheinlich aus wie die von dir beschriebenen. Bei anderen liegt es aber vielleicht auch einfach nur daran, dass sie sich zwar gerne sauberhalten möchten, das aber körperlich nicht hinbekommen und von außen – aus welchen Gründen auch immer – keine Hilfe bekommen.

  4. Mr. Gaunt schreibt:

    Das Verdrängen von Krankheiten ist gerade im etwas fortgeschrittenen Alter offenbar recht häufig. Bei der Josephine Chaos habe ich glaube ich auch schon mehrere Einträge in diese Richtung gesehen, speziell Brustkrebs im SEHR späten Stadium.
    Wenn es nicht allzu dolle weh tut, dann wird sich das wohl geben, ausserdem behalten die einem im Krankenhaus sowieso immer da und danach geht es ins Altenheim und da kommt man nie wieder raus. Also besser abwarten…. So jedenfalls scheinen da oft die Gedankengänge zu sein 😦

  5. IK schreibt:

    Gut, dass ich kein Sani bin. Ich hätte meinen Teil zur Sauerei beigetragen. Da hilft dann auch kein MCP mehr. Meinen aller größten Respekt!
    (Und unser eins hat ein schlechtes Gewissen, wenn die Haare mal nicht so sitzen, wie sie sollten, wenn man sich in die Öffentlichkeit begibt… Oje)

    • firefox05c schreibt:

      Du hast natürlich recht, wenn du auf dein Äußeres achtest. Aber im Rettungsdienst merkt man auch schnell, dass es ein erheblicher Unterschied sein kann,wie jemand zu Hause herumläuft, und dem, wie er sich draußen zeigt. Die meisten Menschen sind natürlich nicht auf unseren Besuch vorbereitet, daher bleibt auch bei an sich gepflegten Menschen selten Zeit für die Haare oder auch nur einen gut sitzenden Schlafanzug. 😉
      Viele Patienten machen sich entsprechende Sorgen: „Nein, nicht diese Pantoffeln, die sind schon so alt. Und nicht der Morgenmantel, der ist schon abgewetzt…“ Ich beruhige die Menschen dann immer mit dem Spruch: „Wir fahren nicht zu einer Modenschau, sondern bloß ins Krankenhaus.“

      • IK schreibt:

        Hast du dich jemals so sehr geekelt, dass du an deine Grenzen gekommen bist und deinen Job nicht machen konntest? Um mal plump auf den Punkt zu kommen: schon mal gekotzt oder Ähnliches?

        Klar ist man nicht vorbereitet! Aber man erkennt an jeder Wohnung oder jedem Menschen, ob auf eine Grundhygiene und Eitelkeit Wert gelegt wird, oder nicht?

      • firefox05c schreibt:

        Natürlich hat auch bei mir schon mal „das Mittagessen noch mal angeklopft“, ich konnte mich aber zum Glück immer wieder rechtzeitig beherrschen, indem ich mich der Situation für einen Moment entzog (kurz den Raum verlassen o.ä.). Es ist aber oft schwer, nicht über die Grenze zu geraten. Manchmal ist der Fluchtinstinkt schon sehr groß…
        Am schlimmsten sind die Gerüche. An die werde ich mich nie gewöhnen. Ansehen konnte ich bisher fast alles, aber gegen Gerüche hilft keine mentale Abschottung. Die gehen durch.
        Was deine zweite Frage angeht: Ja, wir sehen schon, ob die Unordnung in einer Wohnung nur eine momentane Situation oder Dauerzustand ist, ob der Patient nur aufgrund seines Notfalles / momentanen Gesundheitszustandes desolat ist, oder schon seit Jahren. Also mach dir keine Sorgen, falls der Mülleimer gerade mal voll oder dein Polter nicht gebügelt ist, wenn du dem Rettungsdienst gegenüber trittst! 😉

      • gnaddrig schreibt:

        Das mit den Gerüchen kann ich bestätigen. Bin kein Rettungsdienstler, habe aber als taxifahrender Student einige Leute gefahren, die für ihre Duftglocke extra hätten zahlen müssen. Da war von wochenalter Unterwäsche bei hohem Bierkonsum bis wochenalten Verbänden alles mögliche dabei. Eine Reihe von Stammkunden habe ich nur bei offenem Fenster gefahren.

        Einige Kunden haben ihr Bargeld, auch Scheine, lose in der Hosentasche getragen, und bei manchen habe ich das dann nach Möglichkeit gar nicht angefasst sondern den Kunden gebeten, den Schein auf die Mittelkonsole zu legen (hatte dann passenderweise die Hände voll), und sobald ich um die nächste Ecke war habe ich das dann mit Desinfektionsspray behandelt, schon wegen des Geruchs.

        Und Wohnungen habe ich in dem Job auch zu sehen bekommen, an die ich ungern zurückdenke…

      • IK schreibt:

        Ich komm mir gerade vor, wie die Prinzessin auf der Erbse… Noch keine Messiewohnung betreten und unter so abartigen Gerüchen kann ich mir auch nichts vorstellen. Gibt es da was Vergleichbares aus den Alltag?

        @ firefox: Mich würde brennend interessieren, ob du schon einmal wegen eines Suizid(-versuchs) im Einsatz warst und wenn ja, wie du die Situation wahrgenommen hast und was zu tun war. Kannst du darüber mal was schreiben?

      • firefox05c schreibt:

        Etwas vergleichbares im Geruch? Na, vielleicht, wenn du im Sommer in den Urlaub fährst und bei der Rückkehr nach einer Woche feststellst, dass du vergessen hattest, den Mülleimer mit dem Katzenfutter raus zu bringen. Oder wenn du eine Suppe eine Woche in der Sonne stehen lässt, bis sie Blasen wirft.
        -Falls deine angegebene Mailadresse stimmt, würde ich dir gleich bzgl. deiner zweiten Frage schreiben.

  6. A.F. schreibt:

    Hi firefox, mal wieder ein toller, wenn auch etwas ekliger Artikel. Etwas muss ich aber noch zur Korrektur vorbringen. Maden fressen kein lebendes Gewebe. Die fressen nur bereits abgestorbenes und helfen teilweise sogar bei der Wundheilung, da sie unter anderem durch ihr fressen verhindern das sich schädliche Bakterien ausbreiten können.
    Zu der im Artikel auf geworfenen Frage warum sich Menschen so gehen lassen können wird es wohl nie eine einfache Antwort geben, dafür ist das Leben einfach zu komplex.

    • firefox05c schreibt:

      Richtig, Maden fressen nur abgestorbenes Gewebe. Für gewöhnlich legen Fliegen ihre Eier deshalb auch nur auf Aas oder ähnlichem. Zur erwähnten Frau bei der Türöffnung: Durch unbehandelte Ekzeme und Entzündungen stirbt irgendwann die abgelöste Haut in den Körperfalten ab – und das riecht man deutlich. Es ist schwer zu glauben, wenn man es nicht gesehen hat, aber diese besagte Frau war in einem derartigen Zustand, dass wir bereits vor dem Öffnen der Tür den Verdacht hatten und uns nach der Öffnung zunächst sicher waren, dass die Frau bereits länger tot sein musste – bis sie zum ersten mal stöhnte, als Frau Doktor die Leichenstarre überprüfen wollte. Ich war froh, dass die Patientin direkt hinter der Wohnungstür lag, so dass ich der Notärztin bei der anschließenden Versorgung aus dem Treppenhaus heraus assistieren konnte. Der Gestank war entsetzlich. Und der Anblick der Maden, die sich in jeder tieferen Hautfalte zeigten, tat sein übriges: Ich habe nach dem Einsatz geduscht und alle Klamotten gewechselt! Die Reinigung der Trage nahm viel Zeit in Anspruch, führte aber zum Erfolg. Die Sicherheitsgurte indeß verloren den Verwesungsgeruch auch nach mehrmaligem Reinigen und Desinfizieren noch nicht. Wir mussten sie entsorgen. Die Frau starb in der fogenden Nacht.
      Auch bei dem erwähnten Beinverband tummelten sich unter dem uralten Verband Maden auf der seit langem vernachlässigten Wunde – zwar bei einem lebenden Menschen, aber teilabgestorbenen Bein.
      Ich sehe es aber jedem nach, der es nicht glaubt, wenn ich das schreibe. Man muss so etwas wirklich erleben.

      • A.F. schreibt:

        Hi firefox, ich glaube dir schon das du so was erlebt hast. Es gibt genug berichte in der forensischen Literatur die das bestätigen. Ich wollte nur vermeiden das der Eindruck entsteht, das Fliegen einfach so lebendes Gewebe fressen. Eigentlich sind Maden auch nichts ekliges, die haben in der Natur einen wichtigen Job, denn sonst würden wir irgendwann in Leichen ertrinken.

      • firefox05c schreibt:

        Ich glaube, du meintest meine Formulierung „… bei lebendigem Leibe aufgefressen wird“. 🙂

    • Katja schreibt:

      Dem muss ich widersprechen.
      Zumindest bei Tieren ist es so, dass verlassene Jungtiere in lebendem Zustand, ohne Nekrosen, von Fliegen mit Eiern belegt und von den daraus schlüpfenden Maden bei lebendigem Leib gefressen werden. Die Maden dringen in die Körperöffnungen (Nase, Ohren, Anus) ein und beginnen zu fressen.
      Ich kann mir vorstellen, dass es bei Menschen im Prinzip genauso passieren kann?

  7. dassteph schreibt:

    Erstmal danke an alle Retter und Sanis die das täglich machen. Hoffentlich hat der Opa durch den kh- Sozialdienst nun Hilfe Zuhause. .

  8. merkur schreibt:

    Hallo,
    erstmal ein großes Lob für den Blog, ich lese jetzt hier seit fast 1,5 jahren still mit.
    deine erlebnisse zu einem Suizid(-versuch) würden mich auch sehr interresieren.
    Köntest du dazu bitte einen Eintrag schreiben oder es mir als email?
    Liebe Grüße merkur

    • firefox05c schreibt:

      Meine Beschreibungen von Erlebnissen mit Suizidenten können nur recht oberflächlich sein, wie du vielleicht an den drei bereits vorhandenen Geschichten sehen kannst. Das wird m.E. der Sache aber nicht gerecht, da ich nicht einfach nur einen „Sensationsblog“ ins Netzt stellen möchte, sondern es geht mir auch viel darum, dass der Leser auch Hintergründe versteht. Also beschränke ich mich auf einige wenige Ausnahmen – z.B. im letzten Post von IK ging es um eine Studienarbeit, zu der wir einen fachlich und juristisch umfangreichen Erfahrungsaustausch hatten. Das wäre aber für dieses Blog etwas zu speziell und wenig unterhaltsam.
      Ich hoffe, du bist nicht zu enttäuscht.

  9. Ich hatte meinen ersten Krankenpflegeeinsatz auf einer Diabetologie. Also direkt zum Anfang Schocktherapie. Was man da zu sehen bekommen hat…
    Da waren Dinge, wie oben beschriebenes an der Tagesordnung.
    Drei Menschen mit diabetischem Fußsyndrom in einem viel zu kleinen Zimmer, Fenster die ganze Nacht zu und die Heizung auf 5.
    Mit etwas Pech gibts dann noch Clostridien und MRSA dazu. Ich kann manchmal nicht verstehen, wie Menschen sich so verwahrlosen lassen können.
    Jetzt mal abgesehen von Leuten, die dahingehend eine physische bzw. psychische Ursache haben.
    Hach ja, ist immer wieder schön.

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