Zwischenstopp

Wir waren ohne Alarm auf dem Weg zu einem Krankentransport. An einer roten Ampel mussten wir anhalten, und plötzlich erschien im Seitenfenster des Fahrers ein etwa 20jähriger Kopf. Der dazu gehörige Arm winkte ganz hektisch. „Hömma, braucht der Hilfe? Der will watt!“ entfuhr es mir.

Der Kollege fuhr die Scheibe der Fahrerseite herunter und wurd sofort überfallen: „Wo gehts denn hier zur Maspernstraße? Ich muss da hin und weiß nicht, wie …“ Wir schauten uns verdutzt an. „Äh, ja… also…“, stammelte mein überraschter Lenker. „Da kannst du hier den Bus nehmen, und dann in Richtung Innenstadt.“ – „Aha“, meinte der Petent. „Und welche Linie ist das? Wie weit fährt die?“ Die Ampel schaltete auf grün und ich die Warnblinkanlage ein.  Die Autos hinter uns überholten jetzt: Wir wurden zum Verkehrshindernis. „Welche Linie das ist, musst du auf dem Plan da drüben an der Haltestelle schauen.“ Hatte etwa jemand heimlich ein großes „i“ auf die Seite unseres Dienstwagens gesprüht?  Ich wollte die Sache abkürzen: „In diese Richtung fahren alle Linien zum Busbahnhof. Von dort steigst du einfach in die richtige Linie um.“ Mittlerweile fuhren die überholenden Autos dem Informationsbedürftigen fast den Hintern ab, da wir natürlich mitten auf der Straße standen. Er ließ jedoch nicht locker: „In welche Linie muss ich denn dann umsteigen?“ Mein Fahrer und ich verdrehten die Augen. Wollte der uns verarschen? Langsam wurde es seltsam. Aber man ist ja „Feuerwehr“, man hilft ja gerne.
Mein Kollege seufzte: „Wenn du am ZOB bist, schau einfach auf die Tafeln, wo eine Haltestelle „Maspernstraße“ steht. Da steigst du dann ein.“ , und ich ergänzte: „Du kannst auch gerne beim Ticketshop nachfragen, die wissen auch, welche Linie das ist.“ Eigentlich dachte ich, damit sei alles gesagt. Aber nun kam die Frage, die uns etwas aus der Fassung brachte und scheinbar sein eigentliches Ansinnen offenbarten: „Könnt ihr mich da nicht mal eben hinfahren?“ – Hallo? Ist unser Auto Spermaweiß? Haben Taxis blaue Lampen? Mein Spannmann verlor die Geduld: „Nein. Wir helfen ja gerne, aber wo kämen wir denn hin, wenn wir auch noch Taxifahrten übernähmen? Dann hätten wir keine Zeit mehr für Rettungseinsätze!“ – „Okay…“, brummelte der Hilflose enttäuscht und trollte sich zur besagten Haltestelle auf der anderen Straßenseite. Diese klare Ansage zerstörte die Hoffnung des jungen Menschen, mit uns billig mal eben quer durch die Stadt kutschiert zu werden.

Immer bereit. Aber bitte nur für Notfälle!

Immer bereit. Aber bitte nur für Notfälle!

Woher diese vermessene Hoffnung aber kam, ist mir völlig schleierhaft. Was fällt den Menschen eigentlich ein, überhaupt auf den Gedanken zu kommen, wir könnten „mal eben“ eine Taxifahrt machen? Glaubt die Bevölkerung mittlerweile echt, über uns für ihre persönlichen Anliegen verfügen zu können, nur weil sie Steuern bezahlt? Dann werden wir womöglich demnächst angesprochen, ob wir nicht die Geranien vom Gartencenter nach Hause fahren könnten, damit der eigene Kofferraum nicht so schmutzig wird!

Leute gibt’s …

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu Zwischenstopp

  1. Carsten schreibt:

    Oh ja, da fällt mir doch auch was zu ein:
    Es war weit nach Mitternacht in einer sehr angenehm warmen Sommernacht. Wir waren gerade etwa ne halbe Stunde vom letzten Einsatz zurück. Ich saß gemütlich auf der Couch unserer Rettungswache, ließ mich noch ein wenig durch den Fernseher berieseln und erhoffte so, die nötige Schwere für die Pritsche zu bekommen.
    Da klopft es plötzlich an die geschlossene Jalousie. Ehrlich gesagt, habe ich mich schon ein wenig erschrocken, denn gerechnet habe ich damit ja überhaupt nicht.
    Nach dem kurzen Schreckmoment sagte ich dann:
    „Ja bitte?“
    Es antwortete eine jugendliche männliche Stimme, unüberhörbar das warme Wetter für das ein oder andere Kaltgetränk genutzt: „Isch wolld fraaaagn, obs misch nahause faahn könnn!?“
    Ich: „Tut mir leid, aber steht draußen auf dem Schild vor der Wache irgendwas von Taxi-Unternehmen?“
    Stimme: „Nnnnööeee! Da schteeht Re.. Rett…Reddungsdiiiiens.“
    Ich: „Alles klar. Damit ist die Frage wohl beantwortet.“

    Aber die Bevölkerung scheint uns tatsächlich zunehmend als „günstiges“ Transportunternehmen zu betrachten. Günstig deswegen, weil sie es ja selbst nicht bezahlen müssen.
    Man muss manchmal echt ’ne Faust in der Tasche machen, wenn man sieht, weswegen man denn jetzt schon wieder gerufen wurde.
    Dienstleistungsunternehmen Rettungsdienst

    • firefox05c schreibt:

      Inhalt der Geschichte: Sehr ärgerlich. Stil: Schon mal überlegt, auch Geschichten zu bloggen? 😉

      • Carsten schreibt:

        Vielen Dank für die Blumen 🙂
        Ich habe da nicht mal im Ansatz drüber nachgedacht, war noch nie von Interesse für mich.
        Aber nach deinem und Pfeifenkopfs Anstoß denke ich vielleicht doch einmal darüber nach.
        Erlebnisse aus und um den Rettungsdienst gibts ja schließlich immer genug 😉

      • gnaddrig schreibt:

        @ Carsten: Schließe mich der Empfehlung an. Versuchs mit einem eigenen Blog, Du wirst sicher balt merken, obs für Dich funktioniert. Wenn ja – gut für die Leser. Wenn nein – nichts verloren.

    • Der Pfeifenkopf schreibt:

      Boar der Artikel ist ja schon der Hammer, aber der Kommentar setzt dem ganzen nochmal die Krone auf. Zu geil ihr beiden und für den Kommentator, wenns da echt noch mehr so geile Geschichten auf Lager hast. Blogge selber, die ersten zwei Leser haste sicher.

  2. Stefan schreibt:

    Och, das hab ich auch schon erlebt: Ein älterer Herr, der uns vor der Wache fragte, ob er uns anrufen könne wenn sein Taxi zum Bahnhof, welches er sich vorab für morgens um halb 5 bestellt hat, nicht kommt. Es würde ja immerhin in den Urlaub gehen und er macht sich echt Sorgen, das das ganze nicht klappt. Ausserdem wäre er ja auch schon seit langer Zeit Spendenmitglied bei unserer *HiORG*

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