Frauentausch

DIGITAL CAMERAEs war am späten Nachmittag, als die Leitstelle das Licht in unserer Wache einschaltete. Aus den Lautsprechern klang es sachlich: „Einsatz für das Löschfahrzeug: Türöffnung.“ Wir fuhren also los, um in einer Wohnung nach einem seit Tagen vermissten Menschen zu schauen. Der Pflegedienst, der drei mal in der Woche nach einer älteren Dame schaute, hatte die Feuerwehr verständigt, nachdem der Mitarbeiter vergeblich an der Tür klingelte.

Es war im November. Nass, kalt, regnerisch. Kaum jemand auf der Straße. An der Einsatzadresse, einem alten, etwas verwohnten Mehrfamilienhaus an einer Hauptstraße, trafen wir zeitgleich mit dem RTW und der Notärztin ein und bekamen von der Pflege eine kurze Einweisung: „Die Patientin hat es mit dem Herzen, und in letzter Zeit war sie auch  nicht gut beisammen. Vorgestern war ich zuletzt hier. Und nun hört man von drinnen nichts, obwohl sie zu Hause sein müsste.“ Solche Einsätze enden meist auf zwei Arten: Der Bewohner ist im Urlaub oder im Krankenhaus, oder er liegt tot in der Bude. Die Kollegen in weiß schleppten also das Notfall- Gedöhns und die in blau den Werkzeugkoffer in das Treppenhaus.

Koffer mit Werkzeugen für verschiedene Türöffnungsmöglichkeiten

Koffer mit Werkzeugen für verschiedene Türöffnungsmöglichkeiten

Da die Wohnungstür nicht abgeschlossen war, hielt sie die Helfer nur Sekunden auf (warum, schreibe ich nicht. Aus Gründen. 😉  ). Das Werkzeug konnte also schon mal in der Kiste bleiben. Nach dem Betreten der Wohnung war die alte Frau schnell gefunden: Im Schlafzimmer vor dem Bett lag sie, das Gesicht nach unten, teils dunkel verfärbt, reglos am Boden. Sie musste in der letzten Nacht verstorben sein.

Aber noch jemand war im Raum, der uns zunächst einen Schrecken einjagte: Ein riesiger, schwarzer Hund, der nun die Eindringlinge freudig begrüßte! Zum Glück hatte er nicht die Revieransprüche eines Terriers. Aber dafür ein wuscheliges Fell, in dem wahrscheinlich keine Flöhe, sondern Mäuse lebten! Er lief nach einer kurzen Begrüßung zur Wohnungstür, wo ihm der Wachführer den Weg versperrte, und wieder zurück ins Schlafzimmer. Aufgeregt sprang er um die Notärztin herum, die nun den Tod seines Frauchens feststellen musste. Der Hund war jetzt Waise …

Der Angriffstrupp- Führer, der selbst ein Herz für Hunde hatte, schaute besorgt auf das Tier: „Der muss ganz schön Hunger haben. Und vor allem hat der bestimmt Druck bis zum Platzen!“ Er fasste sich also erst ein Herz, dann die Leine aus dem Flur und ging mit dem armen Tier erst einmal los. Der Hund folgte bereitwillig: Hatte er doch womöglich schon die ganze Nacht und den ganzen Tag einhalten müssen, weil niemand mit ihm Gassi gehen konnte!

Das übliche Prozedere nahm seinen Gang: Die Polizei traf ein, die Personalien der Verstorbenen wurden festgestellt, die Notärztin stellte die vorläufigen Papiere aus und übergab die Einsatzstelle. Wir verständigten das Tiefbauamt der Stadt, die sich auch um den Transport von Fundtieren kümmert. Bis zu deren Eintreffen lief der Kollege Hundeführer ein ums andere mal mit dem freudig wedelnden Tier um den Block. Ein seltsames Bild: Ein riesen- Köter mit Zottelfell, an der Leine eines Feuerwehrmannes in voller Einsatzkleidung – abgesehen vom Helm!

Als der bestellte Transporter eintraf und den Flokati abholte, schaute die Notärztin betrübt zu, wie das wandelnde Familienplümo in einen Käfig buchsiert wurde: „Hoffentlich gibt es Angehörige. Der ist ja so lieb. In dem Alter würde er bestimmt im Tierheim versauern. Wer will schon so eine Kuh im Wohnzimmer?“ Der Bolfo war verstaut, der Transporter fuhr ab, und die Straßenmedizinerin schaute traurig hinterher.

Ein paar Wochen später traf ich sie wieder. „Wegen diesem Einsatz neulich, weißt du?“, erzählte sie nebenbei. „Die Tote in der Mainzer Straße. Mit diesem tollen Hund. Der Wauz ließ mir keine Ruhe.“ – „Und das heißt?“, fragte ich interessiert. „Ich habe über das Tierheim Kontakt zu den Hinterbliebenen aufgenommen. Die hatte einen Sohn in Frankfurt und eine Tochter in Hamburg. Aber beide hatten kein Interesse an dem Hund.“ „Oh je“, befürchtete ich. „Dann wird der jetzt zum Vermitteln frei gegeben?“ Sie grinste übers ganze Gesicht: „Nö. Geht nicht mehr. Ich habe ihn mit Erlaubnis der Tochter mitgenommen. Die meinte einfach: ‚Ich kann den in meiner Stadtwohnung nicht gebrauchen. Wenn Sie ihn also wollen…‘! Die Papiere hat sie mir zugeschickt, als der Nachlass geregelt war. Der ist jetzt meiner!“

Von der engen Altbauwohnung einer Dame, die kaum noch mit ihm Gassi gehen konnte, nach deren Ableben in die große Wohnung eines jungen Paares. Besser konnte es für ihn nach dem Trauerfall ja wohl kaum laufen!

Advertisements

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
Dieser Beitrag wurde unter Feuerwehr und Rettungsdienst abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Frauentausch

  1. dassteph schreibt:

    Supertolle Kollegin! !!

  2. Peter Geher schreibt:

    „“Ich habe über das Tierheim Kontakt zu den Hinterbiebenen aufgenommen“
    Da fehlt nen L 🙂

  3. Strawberry schreibt:

    Wow, das ist mal super und freut mich für den schwarzen Riesen! Zwei Daumen hoch für die Notärztin!! 🙂

  4. La Giù~Lia schreibt:

    Ich glaube, ich hätte schon längst ein ganzes Rudel, wenn ich könnte wie ich wollte. Leider ist es immer ein Gezerre mit Vermietern, dass man sich Haustiere – noch dazu „Kuh-große“ Hunde – holen darf. Naja, und dann ist da noch das Problem mit dem Arbeitengehen etc. etc. Aber find ich gut, dass die Dame da so entschieden gehandelt hat! Schön, dass Wauzi nun n neues Heim hat.

    Und Schlüsseldienste, die ohne Werkzeuge in eine nicht verschlossene Wohnung kommen, hatte ich auch schon zu Hause, als ich mich mal ausgesperrt hab…. 😉 Ich weiß also, was Du meinst hehe…fand aber die Formulierung „aus Gründen“ sehr witzig 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s