Der Helm eines Feuerwehrmannes …

… ist für viele Spiegel ihrer Einsatzerfahrung: Er ist schmutzig, verkratzt, das Visier sieht oft aus wie eine schlecht gepflegte Duschwand, kurz: Ein Dreckdeckel, der Geschichten erzählt. So wie Omas Gesicht. Nur dass die sich ab und zu wäscht. Wobei das mit der „Erfahrung“ eher relativ zu sehen ist: Unter Umständen reicht ein unspektakulärer Containerbrand, bei dem man seine Runkel mal kurz über die Abgase hält, und der Helm hat eine Heldenpatina.

Die Hurra-Tüte hat aber auf der anderen Seite auch eine Funktion, die sich nicht nur auf den Schlagschutz beschränkt: Mit dem Reflexband und der nachleuchtenden, hellen Farbe soll er den Träger bei Dunkelheit kennzeichnen. Und ein Visier, durch das man nichts sieht, benutzt man natürlich auch nicht. (Nun könnte man es einfach entfernen, aber ein DIN- Helm ohne Visier sieht scheiße aus … 😉  )

Dreckbecher

Dreckbecher

Solch ein über die Zeit versifftes Exemplar hatte ich eines Morgens nun auch vor mir, als ich als Maschinist die Gruppenkabine des Löschfahrzeuges reinigte. In der Mannschaftskabine des Löschfahrzeuges sitzend, betrachtete ich nachdenklich die Schutzkugel. „Den sieht doch keiner mehr“, dachte ich bei mir, „und die Okularblende ist auch nicht mehr wirklich im gebrauchstauglichen Zustand.“ Bei der Entscheidung zwischen „Boah, watt für’n alten Haudegen!“ und der Sicherheit entschied ich mich als Sicherheitsbeauftragter der Wache natürlich dafür, ein leuchtendes Vorbild für die Kollegen zu generieren. Also habe ich den Helm zunächst mit Seifenwasser gewaschen. Das Visier sah schon merklich besser aus, den Helm juckte diese Behandlung allerdings nicht. Nun gut, es gab ja noch die Politur. Auf zum Putzmittelschrank, das Fläschchen mit der Poliercreme hergesucht, Läppchen dabei. Ich scheuerte wie blöde. Wie ein Indianer beim Feuer machen. Aber mit feuchtem Holz. Der Schweiß rann mir schnell am Rücken hinab, aber ich gab nicht auf: Der Dreck musste nun runter! Erfreut stellte ich fest, dass das Visier schon fast wie neu aussah und der Kappes- Protector langsam wieder Farbe bekam. Allerdings gab es auch nach etwa einer halben Stunde harter Arbeit noch viele Flecken, die auch der Politur widerstanden. Mittlerweile war die Frühstückspause herangenaht. Zur Erholung unterbrach ich also meine Arbeit zunächst.

Im Frühstücksraum sprach ich meinen Wachführer, bekannter Motorradfahrer, an. „Hast du zufällig ein wenig ‚Never Dull‘ hier auf der Wache?“, fragte ich ihn beiläufig. Diese getränkte Polierwatte ist unter Mopedfahrern sehr beliebt, weil man damit sehr gut alle Arten von Verschmutzungen und kleiner Kratzer vom heil’gen Blechle entfernen kann. „Hmm“, antwortete er, „da muss ich gleich mal in meinen Spind schauen. Ich glaube, da ist noch was. Wozu brauchst du die denn?“ – „Och, ich muss da ein paar Abriebspuren entfernen…“, sagte ich beiläufig, während ich mein Müsli löffelte. Er hatte noch eine weitere Idee: „Was ist denn mit dem Putzstein? Der geht für sowas doch gut!“, fiel ihm ein. Richtig! Das Zeug war extra für solche hartnäckigen Sachen beschafft worden! „Was machst du denn damit?“ Ich machte eine Geste um den Kopf, er wusste, worum es ging und grinste. Ich hatte schließlich einen gewissen Ruf unter den Kollegen …

Selten so geglänzt!

Selten so geglänzt!

Nach dem Frühstück kramte ich also den „Putzstein“, eine Dose mit harter Seife, aus dem Schrank und widmete mich wieder dem Helm. Nach und nach blieben nur noch die tieferen Kratzer auf der Murmel zurück. Sie sah fast aus wie neu! Noch mal mit der Politur darüber gefeudelt, damit die Schale bei Regen auch schön perlt, und zurückgelegt, wie ich sie vorfand.

Einer der Kollegen würde sich freuen. Wenn er SEINEN Helm sieht. 🙂

Ich verließ das LF wieder und widmete mich den täglichen Arbeiten auf der Wache, bis eine halbe Stunde später die Glocken gingen: Die Brandmeldeanlagen eines Hotels hatte ausgelöst!

Ich sprang vorne ins Auto, machte die Maschine startklar, fuhr mit Blaulicht los und hörte hinten die Kollegen, wie sie sich fertig machten – unterbrochen von der erstaunten Frage eines der beiden: „Hä? Wo iss’n mein Helm? …“, nur wenige Augenblicke gefolgt von einem entsetzten: „Wass’n datt? Ey, wer war das? Das kann doch nicht wahr sein?!“ Der Anstaltsleiter neben mir lachte, auch ich musste mich arg zusammenreißen. „Das Ding sieht ja aus wie aus’m Grundlehrgang!“, schimpfte der Kollege weiter. „Henrik, warst du das? Da geht der einfach an meinen Helm! Das ist MEIN Besitz, da hast du nichts dran zu suchen!“ Ich argumentierte: „Aber ich habe doch nur an deine Sicherheit gedacht! Man hat dich unter dem Dreckeimer ja gar nicht mehr gesehen!“ Er ließ sich aber nicht so schnell beruhigen: „Komm, wir fahren gleich an einer Polizeiwache vorbei, da kannst du mich sofort rausschmeißen. Mit dem Ding kann man sich doch nicht blicken lassen! Das gibt ’ne Anzeige!“ Ich rief lachend nach hinten: „Jupp. Habe dir anderthalb Gramm Dreck geklaut. Viel Erfolg…“ Besagter Glanzkugelbesitzer schimpfte weiter wie ein Rohrspatz, mittlerweile lachten alle übrigen Mitfahrer. Ich verteidigte mich bei meinem Herbergsvater: „Er hatte vor ein paar Wochen mal gesagt, dass der Dreck nicht zu entfernen ginge. Das juckt natürlich. Was soll ich machen, da bin ich Sklave meiner Triebe …“ Sein breites Grinsen signalisierte mir vollstes Verständnis.

An der Einsatzstelle stiegen die Kollegen aus, um den ausgelösten Melder im Haus zu suchen: Ein amüsierter Kollege mit einem schmutzigen Helm auf dem Kopf vorne weg, der andere angefressen mit einem blitzsauberen in der Hand, der Chef lachend hinterher.

Der Alarm stellte sich als „Blind“ heraus: Bei Handwerkerarbeiten war etwas Rauch entstanden und hatte damit den Rauchmelder geärgert. Da ich zum Abrücken ein gutes Stück rückwärts eine Auffahrt entlang fahren musste, schickte ich den Glanzhelmbesitzer als Einweiser / Aufpasser raus. Ich sah die Gelegenheit, noch etwas Salz in die Wunde zu streuen: „Aber setz‘ dir ’nen Helm auf’m Kappes. Damit man dich auch sieht…“ Er murmelte beim Aussteigen noch etwas, was ich durch das Lachen der Kollegen aber nicht verstand. Auf der Rückfahrt zur Wache hörte ich ihn noch vor sich hin schimpfen: „… das passiert, wenn man zu viel Langeweile hat … Lass du mal deine Klamotten irgendwo liegen! … Hier muss man alles einschließen …“

Auch am nächsten Tag tat mir vom exzessiven Polieren noch das Nagelbett des Zeigefingers weh. Aber die Sache war der Mühe wert. Jetzt bin ich gespannt, was der Kollege sich als Revanche ausdenkt. Meinen Helm jedenfalls putze ich von Zeit zu Zeit selbst, der ist immer einigermaßen sauber. Erfahrung trägt man schließlich IM, nicht AUF dem Kopf.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu Der Helm eines Feuerwehrmannes …

  1. ich schreibt:

    Vielleicht macht der deinen Helm schmutzig?

    • firefox05c schreibt:

      Schuhcreme ins Schweißband. Harzer Käse über der Kopfspinne. Oder einen Brühwürfel in den Duschkopf. Irgendwas wird ihm schon einfallen… 😉

      • Grisu8001 schreibt:

        Brühwürfel im Duschkopf. Den muss ich mir auf jeden Fall merken. Der ist gut !!!
        1000 DANK !!!
        Gruß Maddin

      • firefox05c schreibt:

        Vorsicht: Je nachdem, wie groß die Kräuterhächsel sind, kann der Duschkopf verstopfen. Man muss ja auch ein wenig fachlich abwägen… 😉

  2. Wie war das? „Auf dieser Wache/in diesem Stationszimmer kannst du 100-Euro-Scheine verteilen und es interessiert niemanden. Aber wehe du stellst mal Essen mit deinem Namen in den Kühlschrank. Da kannste sicher sein, dass das wegkommt!“
    Kenne das Problem, wenn auch mit anderen Gegenständen auf Arbeit…

    • firefox05c schreibt:

      Als ich noch meinen Namen auf meine mitgebrachte Milch geschrieben hatte, war sie auch immer recht schnell verdunstet. Seit dem ich nur noch ein kleines Kreuz drauf mache, um selbst die Packung nicht zu verwechseln, hält ein Liter viel länger. Aber das ist ein anderes Phänomen. 😉

  3. energist schreibt:

    Oha, einen Helm ungefragt sauber machen… Da würden Dir hier auch einige an die Gurgel springen. Kann ich aber wie Du nur begrenzt verstehen – ganz abgesehen davon, daß es lodderig aussieht stinken die Dinger ungenutzt auch erbärmlich nach Rauch. Dazu kommt, daß wir leider nicht mehr die DIN – Helme haben sondern so High-Tech-Super-Plastik-Bomber mit integrierter Lampe, Augenschutz und Visier. Die letzten sind theoretisch ne super Idee, praktisch funktionieren sie nicht und müssen nach jedem Brandeinsatz mindestens gereinigt bis ausgetauscht werden. Dazu muß man den ganzen Helm zerlegen. Nun rate mal was die ganzen Schwarzkappen nicht machen….

  4. Scully schreibt:

    Dann war das Déjà-vu (nach drei Versuchen hat man das Wort der Autokorrektur dann auch mal beigebracht) gar nicht so falsch, als ich angefangen habe zu lesen 😀 Das gabs doch spontan.

    Aber ich durfte letztens auch feststellen, dass manchen Leuten zu wenig Chaos doch bisweilen nahezu unheimlich ist. „Scully, hör auf zu ordnen und lass uns wenigstens eine gewisse Grundunordnung!“ Dürfte ich mir neulich auch anhören. Aber dafür bin ich schlicht zu faul, weil dann müsste ich ja suchen.

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