Kaminbrand bei Flodders

Der Wind blies leicht über die Felder, während ich meinen Lenkdrachen zusammenfriemelte. Ich wollte mal wieder meinen genetisch bedingten männlichen Spieltrieb befriedigen, unter dem ich seit meiner Geburt leide. Just in dem Moment, als der bunte Apparat ready to fly war, klingelte das Panikkästchen der FF, welches ich bei Besuchen in meiner alten Heimat immer noch am Gürtel trage: Er wies mich dezent brüllend auf einen Kaminbrand im Nachbardorf hin! Da der Luftsegler im zusammengebauten Zustand nicht wieder in den Kofferraum passte, schob ich das sperrige Ding also eilig auf die Rückbank des Autos und flitzte zum Gerätehaus.

Dort angekommen, stellte ich fest, dass bereits das Löschfahrzeug und die Leiter ausgerückt waren. Nachdem ich mich eilig in die Heldenplünnen gestopft hatte, besetzte ich mit einigen weiteren Kameraden das Tanklöschfahrzeug. Der Bomber rollte dröhnend los. Mein Truppmann wusste mehr als die übrige Besatzung: „Die Kollegen sind schon etwa eine halbe Stunde vor Ort“, wusste er zu erzählen, während er sein Atemschutzgerät vorbereitete. „Aber die kommen wohl alleine nicht klar.“ Das klang interessant….

HLF-SigNachdem wir in dem kleinen Dorf ohne Straßennamen die Einsatzstelle eingekreist hatten und nach einer Funkeinweisung endlich vorfuhren, machte ich mir erst einmal ein Bild der Lokalität, während unser Betreuer zum Einsatzleiter ging: Die Drehleiter hatte bereits den Kamin angeleitert, aus dem weißgrauer Rauch quoll. Unser Löschfahrzeug sowie die Ortslöschgruppe waren bereits vor Ort, zwei Schlauchleitungen führten „trocken“ ins Haus. Obwohl: „Haus“ ist vielleicht etwas neutral: Die Bruchbude machte den Eindruck, als würde sie schon seit Jahren nicht mehr bewohnt! Der zugewucherte Rasen hinter dem nicht mal als Brennholz tauglichen Absperrgebilde (ich vermeide das Wort „Zaun“) umzingelte fleckig- bröckelig geputzte Mauern, die Scheiben ließen durch die blinde Oberfläche zerfetzte Gardienen erahnen. Auch das Dach sah mehr nach Trümmerlandschaft aus als nach einem Wetterschutz: Hier und da klafften fingerbreite Spalten zwischen den maroden Schindeln. Auf einem Balkon, dessen hölzerne Umrandung ein Huhn hätte umwerfen können, lungerte eine etwa 25jährige Frau herum, die im gleichen Zustand wie das Haus war: Klebrige Haare, Schlabbershirt in allen Farben, die der Speiseplan der letzten Tage hergab, eine Trainingshose, die der Figur der Trägerin nach noch nie zum Trainieren angezogen wurde. Die Hühner indes turnten nicht auf dem Balkon an der maroden Umfassung herum, sondern vertrieben sich die Zeit im Garten – zwischen drei oder vier Ziegen.

Vor dem Haus zwischen den Kollegen stand der Budenkönig: Auf einem Gestell mit bunten Gummischuhen unter ungepflegten Beinen trohnte ein Feinkostgewölbe, welches notdürftig von einem löchrigen Shirt verhüllt, oder besser, bespannt wurde. Als Abschluss dieser fleischgewordenen Horrorshow folgte noch ein Vogelnest auf einer grau- faltigen Stachelbeere, aus der heraus von Zeit zu Zeit ein nervöser Lappen über die Sucuk- ähnlichen Sabbellappen flitzte. Mit etwas bewölktem Blick und hängenden Armen schaute er unserem Treiben zu.

Der Gruppenführer unseres Fahrzeuges kehrte nach einem kurzen Briefing durch den Einsatzleiter zurück: „Wir legen noch eine C- Leitung in den zweiten Stock. Henrik, du bringst Ralf drei Mulden und das Schultereisen nach unten in den Keller.“ Ralf, der Kaminkehrer in unserer Wehr, war mit der ersten Truppe angerückt, als noch vermutet wurde, dass die Sache „die übliche Kleinigkeit“ sei: Rauchentwicklung durch feuchtes Holz. Nun sollte er im Keller vor der Wartungsklappe sitzen, mit Funkkontakt zum Mann in der Drehleiter, der von oben mit einer Fallgranate (einem Metallzylinder mit Spitze)  den brennenden Pfropfen im Kamin traktierte. Ich schnappte mir also das Eisen und die Mulden und ging in den Keller. Oder besser gesagt: Ich kämpfte mich durch Kisten, Eimer, Mülltüten und sonstigem Kram die Treppe hinunter und den Gang entlang, bis ich unter einem Korb aus Spinnenweben den Kollegen fand, der wie ein Dackel auf allen Vieren angestrengt mit einem Spiegel aus dem Kehrwerkzeug in der Luke herumspiegelte. „Hallo“, begrüßte ich ihn im Halbdunkel, während ich mich etwas orientierte. „Was iss’n hier los?“ – „Ach, den Besitzer kenne ich schon. Der Kamin hat schon ein paar mal gebrannt. Aber dieses mal ist’s echt heftig.“ Er beschrieb mir die Ausgangslage: Die ersten Kräfte wurden zu dem alten Gemäuer gerufen, weil „etwas mit dem Kamin nicht stimmte“. Als sie eintrafen und sich in dem Gehäuse umsahen, war die Lage etwas unübersichtlich: Hinter den Tapeten und den Badezimmerfliesen aller Stockwerke drang Rauch hervor, aus den am Kamin installierten Steckdosen, die sich wie Kaugummi langziehen ließen, fielen Funken heraus. Und die Zwischendecken im Bereich des Abgasgemäuers waren warm. Es wurde also Zeit für Verstärkung, bevor die Bude „hochging“: Nicht mehr lange, und das Feuer würde sich ausbreiten!

Nun saßen wir bei fahlem Licht im Keller, bis die Kollegen die Strahler aufgebaut hatten, um etwas mehr Licht in den Sperrmüllbunker zu bringen. Zwischendurch stocherte der Kaminski mit einem Stoßbesen in dem staubigen Loch vor sich herum, Asche an der Stirn, Schweißtropfen an der Nase. Ich hatte also Zeit, mich etwas umzusehen: Im Keller waren neben jeder Menge Sperrmüll, alter Gartenwerkzeuge und kraus selbstgezimmerter Elektrik auch Gehege untergebracht: Ein Taubenschlag neben den Waschmaschinen, ein Verschlag mit einem Perlhühner- Pärchen, und in einem weiteren kleinen Raum mit einem eigenen Ausgang war der Nachtstall für die Ziegen eingerichtet. Neben dem Hinterausgang des Kellers standen mehrere Kisten mit jungen Puten. Außerdem fanden sich noch einige Ställe mit Kaninchen, von denen wohl von jedem einzelnen eine ganze Familie satt werden konnte. Abgerundet wurde die Sammlung durch die eingangs erwähnten Hühner, drei Ziegen und einigen Enten. Im Gegensatz zum durch Menschen bewohnten Teil des Gemäuers waren die Stallungen aber in einem recht gepflegten Zustand, was seltsam befremdlich aussah: Hier der Taubenschlag mit sauberem Streu und frisch befüllten Futterstellen, dort ein schäbiges Frühstücksbrettchen und ein schmutziges Messr (wozu auch immer an diesem Platz??) auf einer Waschmaschine, die ich ohne Schutzkleidung nicht anfassen mochte. Ich hatte den Eindruck, der Bewohner rechnet mit einem kurzfristigen Zusammenbrechen der allgemeinen Grundversorgung und der Not, sich dann selbst durchbringen zu müssen. In dieses Bild passte auch die holzbefeuerte Heizung, die wohl etwas unfachmännisch beschickt wurde und aus Ärger darüber den Kamin zukleisterte. Ich denke, bei einer Untersuchung der Asche würden Sachen zum Vorschein kommen, die Fachleute zum Staunen bringen würden, was alles zum Heizen taugte. Neben der Heizung standen übrigens zwei aufgeblasene Luftmatratzen und ein Sack Zement. Warum auch nicht- hier traf man ja auch sonst alles an, was sich lagern lässt: Rasenmähergehäuse, Öllaternen, Heugabeln, Tretroller, Satellitenschüsseln, Mäusezerfressene Matratzen … es sah in den kleinen Kellerräumen teilweise aus wie eine Zeitkapsel, die man eine Skipiste hat herunterrollen lassen.

Während durch die Stocherei mit der Fallgranate von oben und dem Arbeiten mit dem Stoßbesen von unten immer wieder Aschewolken aus der Wartungsklappe pufften, hörte ich oben im Gebäude eine Kettensäge, die ihren Spaß hatte: Die Böden um den Kamin wurden geöffnet, um das Innere der Decke zu kontrollieren. Man stellte mit der Wärmebildkamera Temperaturen um 90° fest! Währenddessen betrat eine Frau den Keller, die nicht gerade nach GNTM aussah: Ein ähnlich schmuddeliges Shirt wie ihr Mann, Beine wie Butterfässer in eine bunte Leggins geschossen und wieder nackte Füße in diesen Gummi- Crocs. Leute, aus diesem Material macht man Sexspielzeug und keine Schlappen!2015-09-12 18.02.00 Ihr folgte unser Stadtbrandmeister, dem sie erklärte: „Hier ist der Sicherungskasten. Ich glaube aber, die Leitungen am Kamin wurden von meinem Vater mal gelegt. Ich weiß gar nicht, ob die Kabel hier unten im Kasten mit angeklemmt wurden. Für die obere Wohnung gibt es nämlich noch einen anderen Kasten, vielleicht ist Vater damals auch an die Sicherungen dort gegangen.“ Das Chaos herrschte also nicht nur zwischen, sondern auch in den Mauern … „Tja, dann kommen wir nicht drum herum“, meinte der Häuptling. „Da müssen wir sicherheitshalber die Panzersicherungen ziehen, die dann nur ein Elektriker wieder freigeben sollte. Wer weiß, welche Stromkreise hier so betroffen sind.“ Schnell wurde noch die Frage geklärt, ob irgendwelche Viecher dadurch Schaden nehmen würden, dann wurde es dunkel in der Hütte – zumindest dort, wo unsere Strahler nicht ausleuchteten.

Während die Glut im Schacht herunterrieselte und vom Chimneyman immer wieder ausgeräumt wurde, trug ich zwischendurch immer wieder den Bottich mit qualmender Asche raus. Draußen wartete ein weiterer Kollege mit einer Kübelspritze, der den Müll ablöschte. „Warst du schon oben in der Wohnung?“, fragte ich ihn beiläufig. Er nickte wortlos grinsend. „Und? Siehts da so aus wie im Keller?“ „Jo“, seufzte er. „Handgranaten- Übungsstand. Da steht zwar ein Staubsauger, aber sie haben wohl nirgendwo nachlesen können, wo man ihn einschaltet.“ Ich konnte mir ein Bild ausmalen: Nicht zum ersten mal sah ich entsprechende Behausungen. Daher verzichtete ich auf eine persönliche In- Augenschein- Nahme.

Nachdem der Pfropf im Kamin ausgeprockelt und der Schacht nach einer Abkühlphase ausgefegt war („Kipp doch mal etwas Wasser oben rein, dann können wir den Kamin von der Straße aus kontrollieren…“), konnten wir unser Spielzeug wieder einpacken. Nach dem Einsatz hatten wir jedenfalls noch eine Menge Kopfkino auszutauschen: Solche seltsam eingerichteten Liegenschaften besucht man schließlich eher selten.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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10 Antworten zu Kaminbrand bei Flodders

  1. Tobias schreibt:

    Absoulut genial geschrieben! Musste öfters ziemlich heftig lachen…
    Und so geile Bezeichnungen wie „Panikkästchen“ merk ich mir. 😀

  2. René Z. (Rettungsdienstler) schreibt:

    Das sind mal wieder die besagten menschlichen Abgründe in die wir in unserem Job so blicken…

  3. Fabian schreibt:

    Mal wieder sehr schön geschrieben!
    Und ja, als ehemaliger Hausnotrufler und Rettungsdienstler war ich mittlerweile in einigen Wohnungen, in die ich freiwillig keinen Fuß gesetzt hätte.
    Übrigens, das auf deinem schönen Nachtfoto ist übrigens kein HLF, sondern ein LHF, Berliner Besonderheit 😉

  4. LMH schreibt:

    Als ich die Überschrift gelesen hab musste ich spontan überlegen, wie wahrscheinlich es ist, das ich sowohl Melder als auch Sirene sowie eine Duett von 2 mal Max B. Martin, die sich ihren weg zu meinen Nachbarn freisingen überhören könnte. Und seit wann ihr zur überörtlichen Unterstützung ins Saarland fahrt.

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