Kopflose Zivilcourage

Die Durchsage um ein Uhr nachts auf der Feuerwache, nachdem das Alarmlicht in allen Räumen aufgeflammt war, versprach uns Arbeit als Streetworker: „Einsatz für das Löschfahrzeug! Stuttgarter Straße, Höhe 270. Dort unbekannter Gefahrstoff auf der Straße!“ Oft ist es einfach nur etwas ausgelaufenes Öl, im Frühsommer auch schon mal durch Regen zusammengeschwemmte Birkenpollen, die den Rinnstein entlang schippern, und auch einen umgekippten Eimer Wandfarbe haben wir schon weggespült. Es blieb also spannend.

Wir fuhren mit dem Löschbomber also zur Einsatzstelle, wo wir bereits von mehreren Eingeborenen erwartet wurden: „Da aufen Auto und auffe Straße, da iss watt, datt so stechend riecht!“, teilte uns ein aufgeregter älterer Mann mit. Er hüpfte dabei um ein Mercedes Cabrio herum, das zwar schon den einen oder anderen Sommer (vielleicht auch beide…) gesehen hatte, aber für welches man immer noch so manche Pfandflasche sammeln musste, um das nötige Kleingeld dafür zusammen zu haben. Im Bereich des Vorderwagens trödelten zwei, drei kleine Rinnsale über den Boden zum nächsten Gulli. „Ist das Ihr Auto?“, fragte unser Chef. „Nö, datt hört so ’nem jungen Mädel, die wohnt paar Häusken weiter. Datt machte Bude aba nich auf, wennze klingelz.“ Klar. Mitten in der Nacht würde ich mir das vielleicht auch überlegen…

Tatsächlich identifizierte meine Schraubernase die in der Nachtluft hängende Wolke als den Geruch von Schwefelsäure, auch bekannt unter Batteriesäure. Meine erste Vermutung, die ich dem Wachführer natürlich sofort unter die Nase rieb: „Bei dem Hobel ist womöglich die Batterie kaputt. Also besser keine Geschmacksprobe von dem Zeug nehmen.“

Teststreifen für Öl und zum Säurenachweis gehören mit zur Ausstattung unserer LF.

Teststreifen für Öl und zum Säurenachweis gehören mit zur Ausstattung unserer LF.

Der Schnelltest mit Lakmuspapier bestätigte auch, dass das Stinkezeug eine Säure war. „Nun, dann werden wir die einfachste Methode wählen: Mit viel Wasser wegspülen“, fasste unser „Papa Schlumpf“ den Einsatzbefehl. „Um jetzt Säurebinder dafür nachzubestellen, ist das einfach zu wenig.“ Solche geringen Mengen an Säure, wie sie hier vorlagen, kann man ganz gut verdünnen, die Konzentration wird dabei in einen ungefährlichen Bereich verschoben. Mit über anderthalb Tonnen Wasser sollte das bei geschätzten 300ml Säure machbar sein.

Die nähere Untersuchung des Cabrios ergab jedoch keinen technischen Defekt, denn auch die Dachkante über der Windschutzscheibe, der Außenspiegel und auch das Verdeck wiesen Säurespuren auf. Selbst quer über den Gehweg sah man eine feuchte Spritzspur. Es war also ein Anschlag! Das Zeug war bis in die Lüftungsschlitze hinter der Motorhaube gelaufen. Während der Vorsteher folgerichtig die Polizei nachforderte, zogen die Kollegen den Schnellangriffschlauch aus dem Dienstfahrzeug, ich nahm die Pumpe in Betrieb und wir begannen, das Auto zu baden und die Straße drumherum ordentlich einzuweichen.

Die anwesende Siedlungspopulation bekam unseren Verdacht, das jemand mit Absicht die Säure verspritzt hatte, natürlich mit und klärte uns auf: „Das passt ins Bild. Seit einigen Wochen geht hier nämlich die Post ab!“ Sie berichteten, dass in kurzer Zeit zwei Autos gebrannt und ein Raub stattgefunden hatte, in mehreren Wohnungen wurde bereits eingebrochen. Alles in direkter Nachbarschaft. Aus Not hatten die Bewohner schon eine Art Bürgerwehr aufgestellt, die nachts Streife lief. „Seit dem ist es etwas ruhiger. Die Kerle, die hier des öfteren herumlungern, sind scheinbar vorsichtiger geworden. Bin ja gespannt, wohin sich die Sache jetzt verlagert“, erzählte ein Herr, als eine etwa 35jährige Frau neben ihm auf einmal Hackengas gab: „Da hinten stehen zwei Typen, die waren eben auch schon mal da!“, rief sie und lief in Richtung zweier sportlich aussehender Kapuzenheinis, die uns von weitem beobachteten. Alleine.  Die beiden Eckensteher waren nicht gerade schmächtig, hatten die Kapuzen ihrer Hoodies tief ins Gesicht gezogen und die Hände in den Taschen vergraben.  „Ist die bekloppt?“, schoss es mir durch den Kopf. Wenn die ihr eine Tafeln würden, läge sie da. Womöglich hatte einer von den beiden ein Messer, falls sie wirklich mit der Tat zu tun hatten. Und wofür ließ sie sich dann abstechen? Für das alte Cabrio eines Nachbarn … Zivilcourage in allen Ehren (ich habe mich selbst auch schon mit ungewissem Ausgang mit Chaoten angelegt), aber man sollte das Risiko und den Nutzen im Auge behalten. Immerhin ging es hier nicht um ein Kapitaldelikt, sondern nur um einen beschädigten Gegenstand. Und die Täter (falls sie es denn waren) hatten genug kriminelle Energie, sich auf die Tat gut vorzubereiten. Sie würden also wahrscheinlich auch nicht sofort brav beigeben, wenn eine zierliche Frau mit einer Figur wie ein Weberknecht im Saitling ihnen drohen würde.

Glücklicherweise hatten die Verdächtigen keine Lust auf eine Konfrontation und verschwanden fix im Dunkel, noch bevor der Aktivistin jemand der Anwesenden nachsetzen konnte. Vielleicht vertrieb sie auch die Aufmerksamkeit, die sie jetzt bei gleich mehreren Männern erregten, die Anstalten machten, der Frau zu folgen. Ein paar Augenblicke später war die junge Frau dann auch wieder zurück und ärgerte sich. „Feigen Säue! Die sind abgehauen. Mist! Nächstes mal kriegen wir sie!“ Doch was hätte sie getan, wenn sie die beiden erreicht hätte? Sich mit zwei Burschen im besten Alter auf dem Boden gerollt, bis sie von uns Hilfe bekam? Ich denke, bei der Auseinandersetzung wäre sie innerhalb von Sekunden zweiter Sieger gewesen. Unwillkürlich musste ich an den Helfer eines Supermarktes denken, der ohne Vorwarnung niedergeschossen wurde, als er einen Ladendieb verfolgte. Der Einlegebodenbeschicker überlebte mit einem Durchschuss, der glücklicherweise keine Organe im Bauch getroffen hatte. Er hätte aber auch tot sein können. Der Ladendieb hatte übrigens zwei Dosen Bier geklaut. Hat also richtig gelohnt. (Vor allem für den Dieb, der sich später in Panik selbst richtete!)

PumpenstandDie Polizei traf einige Augenblicke später ebenfalls ein, um die Sache aufzunehmen. Sie gaben ihren Kollegen schnell durch, dass man die Gegend auf der Suche nach den Randalierern verstärkt bestreifen sollte, bevor sie weitere Details erfragten. Wir wuschen derweil das Auto, bis der Wassertank fast leer war, und gaben noch Tipps zur Aufbereitung der Schäden. Immerhin war schon zu sehen, dass die Klarlackschicht unter der Säureeinwirkung gelitten hatte.

Einen der Anwohner ermahnte ich noch, sich bei der Sichtung von Tätern auf das Melden und Beobachten zu beschränken, bevor wir wieder abfuhren. Tote Helden nützen nichts.

Leider werden Täter selbst bei einfachen Delikten immer rücksichtsloser, so dass man sich wirklich überlegen muss, wann es Erfolgsaussichten hat, sie anzugehen, und wann man sich lieber nur als Zeuge verdingt. Springt man einer Person in Gefahr bei, ist das Zivilcourage. Sein Leben für einen Lackschaden zu riskieren, ist Dummheit.

Advertisements

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
Dieser Beitrag wurde unter Feuerwehr und Rettungsdienst abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Kopflose Zivilcourage

  1. BRC_MEDIC schreibt:

    Ist leider nun mal so das es um uns herum immer feindseliger wird. War heute beim Pillendreher. Der hat allen Ernstes ein Schild auf der Theke, welches zu Anstand und Sitte auffordert, das andernfalls die Dienstleistung verweigert wird. Auf meine Frage ob er das Ernst meine, und ob es schon vorgekommen ist, dass sich seine Kundschaft dazu qualizifiziert, eine Lektion des Knigge zu bekommen, sagte er: „Ja, immer öfter“.

    Bald sind wir wohl auch als „Normalbürger“ genötigt stichfeste Westen zu tragen :-/

    POL und Teile unseres RD machen es vor.

    Kranke Welt.

    • firefox05c schreibt:

      Besoffene treten nach uns, eine unserer RD- Besatzungen wurde in einen Hinterhalt gelockt, zu Silvester werden wir mit Feuerwerk beschossen und Flaschen beworfen. Ehrlich gesagt, habe ich auch schon geschaut, was eine unauffällige Unterziehweste SK1 kostet. Irgendwann kommt man mit Deeskalation vielleicht nicht mehr weiter …

      • BRC_MEDIC schreibt:

        Einem unserer Paras passiert:

        Auf dem Weg zu einem Red-1, kam er auf einer Bruecke zu einem „versuchten Suizid“. Er wollte helfen, wurde aber von den Personen attackiert – inklusive dem „Springer“. Resultat: 9 Monate krankgeschrieben mit anhaltenden Panikattacken.

        Das war fuer mich auch erstmal der Hammer – zumal wir hier wirklich auf’m „platten Land“ sind und nicht in einer Grosstadt wie Liverpool oder Manchester.

        Mal sehen was mich so erwartet als HvO (demnaechst).

  2. Chris schreibt:

    Ich wäre sehr vorsichtig mein Gegenüber nach dem Äußeren zu beurteilen. Ich kenne Leute die 2×2 Meter mit 200 Kilo Lebendgewicht sind die huste ich um. Ich kenne aber auch 50 Kilo Mädels die gestandene Mannsbilder wegkicken können;-)
    Und ich finde es nur krank jemanden anzugreifen desse Job es ist anderen zu helfen. Da darf die Justiz auch keine Gnade kennen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s