Die Luft war raus …

DIGITAL CAMERAWir zirkelten mit dem Löschfahrzeug im Wachgebiet herum, um die jährliche Hydrantenkontrolle bei den Großwasserpfosten durchzuführen, die der Feuerwehr zur Wartung anvertraut waren. Fast fertig, hörte ich als heutiger Chauffeur nichts gutes: Ein lautes „PUFF!“, gefolgt von einem langen Zischen. „Oh-oh“, unkte ich in das erschrockene Gesicht des Chefs. „Da wird doch nichts an der Bremse geplatzt sein? Oder an der Luftfederung?“ Also die Warnblinker an, rechts ran gefahren. Es zischte immer noch laut vernehmbar, die Passanten schauten wie eine Kuh bei Gewitter. Ein Blick auf die Bremsdruckanzeige versicherte mir aber, dass die Bremsleitungen in Ordnung sein sollten. Auch blieb der Bomber gerade stehen, also war scheinbar auch kein Federbalg geplatzt. „Ich schaue mal nach. Irgendwas ist jedenfalls kaputt gegangen“, meinte ich und stürzte mich aus der Tür.

Das Zischen von Luft, mittlerweile um einiges leiser, kam aus dem Bereich der Hinterachse. Ich kroch unter das Auto, bis nur noch die Füße zu sehen waren. „Und? Siehst du was?“, wollten die Kollegen wissen, die sich um das Heck des Dienstfahrzeuges versammelt hatten. „Nö…“, gab ich enttäuscht zurück. Allerdings konnte ich das Rest- Zischen direkt am Zwillingsreifen lokalisieren. Ich kroch also unter dem automobilen Feuerlöscher heraus und trat gegen den äußeren Reifen, der aber hart war. Danach trat ich gegen die Kante des hinteren Reifens: Dieser federte etwas zurück. „Klar. Der innere Reifen ist platt“, verkündete ich. „Da haben wir ja Glück, dass nicht einer der vorderen geplatzt ist. Wir hätten sonst womöglich erst mal die Rabatten umgepflügt…“, gab einer der „hinteren“ Kollegen zu bedenken. Chef fragte: „Kann man damit noch bis zur Hauptwache fahren?“ Hierin sah ich kein Problem. „Durch die Stadt geht das bestimmt, wenn wir etwas verhalten fahren. Auf die Autobahn würde ich damit aber nicht mehr kurven… – Wir können zusätzlich ja noch etwas Ballast abwerfen, um den verbliebenen Reifen zu entlasten!“, fiel mir dazu noch ein. „Ja klar, gute Idee!“, scherzte unser Vorgesetzter. „Wir könnten den Angriffstrupp hier lassen. Das sollte reichen.“ Der Angriffstrupp-Mann fing den Ball sofort auf: „Hast du mich gerade ‚fett‘ genannt? Hast du??“ Ich beschwichtigte lachend: „Eigentlich meinte ich das Wasser. Das ist mit anderthalb Tonnen etwa so viel wie ihr beide mit Schuhen und Helm …“

Während wir also wieder einstiegen, damit ich den nächsten Parkplatz anfahren konnte, verständigte unser Vorsteher schon mal die Leitstelle, dass wir nicht mehr einsatzbereit waren. Anschließend rief er den Schirrmeister an, um zu erfahren, ob er noch ein Ersatzrad für uns hatte. Hatte er NICHT. Stattdessen gab es vom Schirrmeister (der Begriff stammt noch aus Zeiten, in denen er sich um die Pferdegeschirre und Kutschenfahrwerke bei der Feuerwehr zu kümmern hatte) die Anweisung, zum Reifendienst zu fahren, den er vorab verständigen wollte. Ich rollte also zunächst auf den Parkplatz eines Supermarktes, um das Wasser aus dem Tank zu lassen. Die Kollegen nutzten die Gelegenheit, um für den Abend noch etwas Verpflegung einzukaufen, während ich an der Pumpe die Anschlüsse öffnete. Ein Schwall von Wasser stürzte quer über den Parkplatz zum nächsten Gulli, und der Zufall vermittelte mir mal wieder eine neue Erfahrung: Sämtliche Autos, die durch die Pfütze fuhren, taten dieses in Schrittgeschwindigkeit! Wasser ist also wirksamer als Verkehrsleitkegel und Blitzleuchten, an denen die Verkehrsteilnehmer vorbei rauschen, als sei die Straße frei. Beim nächsten Verkehrsunfall sollten wir uns vielleicht die Hütchen- Aufstellerei sparen und einfach etwas Wasser über die Straße laufen lassen! (eine ähnliche Überraschung erlebte ich auch mit Besenstielen vs. Warnweste: eine im Vorbeifahren gestriffene Warnweste macht weniger Kratzer als ein Besenstiel. Folglich fahren die Leute einen weiteren Bogen um mitgeführte Besen als um Warnwestenträger …)

Bis die Kollegen wieder zurück von ihrer Shopping- Tour waren, war auch das Wasser vollständig aus dem Tank gelaufen. Vorsichtig fuhren wir also zum Reifendienst, bei dem wir auch schon erwartet wurden: „Seit ihr der geplatzte Reifen?“ Der Kollege Angriffstruppmann sah an sich herab und griff sich ans Frühlingsröllchen, der Rest der Besatzung kringelte sich: „Du solltest dir langsam Gedanken um dein Feinkostgewölbe machen!“

Zwei Schnitte, einer ging durch.

Zwei Schnitte, einer ging durch.

Nachdem das äußere Rad entfernt war, konnte man auch den Schaden an der Seitenwand des inneren Rades sehen: Scheinbar war irgendein Blech von der Straße zwischen die Zwillingsräder geraten und hatte den einen aufgeschlitzt! Der äußere Reifen war jedoch in Ordnung, nach dem Tausch des Gummirings konnten wir etwa 30 Minuten später den Hof des Pneumologen „geheilt“ verlassen. An der nächsten Brandschutzzapfsäule füllten wir den Löschwassertank wieder auf und drückten den Status „Einsatzbereit“.

Die psychologische Bremswirkung von Wasserpfützen werde ich mir jedenfalls merken.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu Die Luft war raus …

  1. BRC_MEDIC schreibt:

    „Die psychologische Bremswirkung von Wasserpfützen“ …… Das erklaert auch warum es auf einmal auf Autobahn heisst „20 M/h [30 KM/h] sind mehr als genug“ …..

    SCNR

  2. gnaddrig schreibt:

    Sämtliche Autos, die durch die Pfütze fuhren, taten dieses in Schrittgeschwindigkeit! Wasser ist also wirksamer als Verkehrsleitkegel und Blitzleuchten, an denen die Verkehrsteilnehmer vorbei rauschen, als sei die Straße frei.

    Vielleicht könnte man aus Silikon fließendes Wasser nachbauen. Dann legt man nur den Silikonbach auf die Straße, damit die Leute langsam fahren, und muss nicht jedesmal tonnenweise Wasser verschwenden (und manchmal hat man ja auch keins übrig). Damit es realistischer wird, könnte das Zeug ja porös sein und man gießt ein paar Liter Wasser rein, damit es spritzt beim Drüberfahren. Wäre das nicht ein schönes Heimwerkerprojekt für lange, einsatzarme Winterabende?

    eine im Vorbeifahren gestriffene Warnweste macht weniger Kratzer als ein Besenstiel

    Vielleicht könnte man die Warnwesten mit Stachelnieten aufhübschen? Die Heavy Metal Feuerwehr rockt und die Autofahrer machen aus Sorge um ihren Lack schöne weite Bogen um die Feuerrocker…

  3. Chris schreibt:

    Den Gedanken mit dem Wasser hatten auch die Australier, eine geniale Idee:
    http://www.myvideo.de/themen/zoomin/sydney-virtuelles-stopschild-auf-wasservorhang-video-m-9115705
    Beim Zwillingsreifen kann es dir durchaus passieren das man den platten inneren nicht sofort bemerkt, hatte ich noch im Sommer.

    • firefox05c schreibt:

      Coole Sache! Ich habe gesehen, dass an unserem Stadttunnel die Ampeln rot zeigten und trotzdem keiner anhielt. Da wäre so ein Vorhang natürlich um einiges eindrucksvoller!

      • Nobody schreibt:

        Aber nicht jede Person reagiert so: http://youtu.be/52q8k-cXmt8
        Das ist vielleicht auch nicht die richtige Arbeitsumgebung.
        Bei meiner Arbeitsstadt gibt es eine je Richtung zweispurige Bergstraße am See. Da sind beim kleinsten Regen ganze Straßenstellen komplett unter Wasser und da fährt eigentlich jeder bei vollem Aquaplaning trotzdem mit 60KM/h durch.

  4. nessi6688 schreibt:

    Bei uns heißt es übrigens auch noch Schirrmeister. ^^ Anscheinend wurde da bis heute nicht wirklich ein aktuelleres Wort erfunden. ^^

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