Nullnummer, die Zweite

Zuviel Alkohol ist selten gut

Zuviel Alkohol gibt einen Kater

An einem usseligen Abend wurden wir mit unserem Versehrtentaxi in eine Gegend gerufen, in der der Wohlstand sich schon lange nicht mehr hat blicken lassen. Unser Auftrag war, eine „HP Psych“ zu besuchen, um sie professioneller Hilfe zuzuführen. Diese Einsätze sind größtenteils reine Taxifahrten in den nächsten, geeigneten Karbolschuppen, denn vor Ort können wir nichts tun und der Patient ist oft nicht in der Lage oder gewillt, selbst für seinen Transport zu sorgen (z.B. mit Taxi, Familie, Freunde …).

Vor dem im Marschbefehl genannten Haus erwartete uns ein angetrunkener Mann, den ich auf Mitte fünfzig schätzte. Die Hose etwas angeranzt, die Trainingsjacke schmuddelig, und die Haare durften auch machen, was sie wollten. „Ich muss ins Krankenhaus“, teilte er uns mit. „Aha. – Warum?“, fragte ich zurück, da ich auf den ersten Blick keine abgerissenen Gliedmaßen oder ähnliches erkennen konnte. Auch sonst machte der Mann weder einen kranken, noch einen sonstwie hilfsbedürftigen Eindruck. Er war halt etwas angegammelt – und betrunken.

„Ja, wie… ‚Warum‘? Ich möchte ins Krankenhaus“, gab er etwas verwirrt zurück. Ich glaube, dass meine logische Frage schon sein imaginäres Storyboard gestört hat.  Aber so einfach ließ ich nicht locker. Im Allgemeinen habe ich etwas dagegen, in irgendein womöglich ungeeignetes Haus zu fahren und den Patienten mit den Worten: „Keine Ahnung, der wollte halt mit…“ zu übergeben. Also bohrte ich weiter: „Es muss aber doch einen Grund geben, weshalb Sie uns angerufen haben. Ist ihnen nicht gut? Haben Sie Schmerzen?“ – „Äh… nein. Ich habe gesoffen“, kam er nun heraus. „Zu saufen ist in der Regel aber nicht unbedingt gleich ein Grund für einen Besuch in der Notaufnahme. Haben Sie vielleicht psychische Probleme?“, versuchte ich ihn auf eine andere Schiene zu bringen. „Nö. Aber … ach, können wir das nicht in meiner Wohnung besprechen?“ Okay. Zumindest merkte Prinz Riesling nun, dass es nicht so einfach war, wie ihm die Sache vorschwebte.

Seine Wohnung war im zweiten Stock. Zusammen quetschten wir uns in einen der üblichen kleinen Geschirraufzüge. Der Patient hatte den Lift auf Anhieb gefunden und stand nun in der Niveaukompensationseinrichtung völlig freihändig vor mir. „Volltrunken“ sah anders aus.

Auch den anschließenden Flur zur Wohnung ging er sicher vor uns her, ohne den Abstand zwischen den Seitenwänden auszunutzen. In der Wohnung, einem olfaktorischen Phantasialand aus einem Aromamix aus Kippen, abgestandenem Bier, Abfall und feuchten Socken, setzte er sich auf ein abgewetztes Sofa, welches hinter einem Tisch stand, auf dem regelmäßig und ausgiebig Rauchopfer für den heiligen Karzinogenus dargebracht wurden. Die Opfergaben waren im übervollen Aschenbecher jedenfalls reichlich vorhanden. Einige Gläser standen auch dort herum. Der Teppich hatte schon bessere Zeiten gesehen, ein Staubsauger war aber wohl zu keiner Zeit in der Nähe. Die zusammengesuchten Wohnzimmermöbel standen voll mit Sachen, die eigentlich in die Küche, den Kleiderschrank oder gleich in den Müll gehörten.

„Und? Was haben Sie jetzt für ein Problem?“, fragte ich erneut. „Ich habe gesoffen“, entgegnete er ebenfalls erneut. „Vier Liter Wein über den Tag. Und jetzt muss ich ins Krankenhaus.“ Ich war mir immer noch nicht sicher, ob ich die Szene richtig erfasst hatte. Immerhin machte mir der Mann den Eindruck, als wäre er etwa drei bis fünf mal in der Woche betrunken. Das sagte ich ihm auch: „Ich denke, dieser Zustand ist nicht neu für Sie. Ihr Alkoholproblem haben Sie doch bestimmt schon länger, nicht?“ Er richtete sich ein wenig auf, um seinen Worten nachdruck zu verleihen: „Aber ich bin volltrunken! Ich muss einen Promilletest machen lassen!“ Nun war ich etwas irritiert: „Wie? Nur einen Promilletest?“ Er bestätigte sehr überzeugt: „Ja sicher. Ich habe bestimmt 6 Promille! Und ich muss jetzt wissen, wie viel ich drin habe.“ Ich konnte ihm glaubhaft versichern, dass er in seinem Zustand keine 6 Promille intus haben wird. Vielleicht (mit gutem vorhergehenden Training) drei.

Es ist kein Wunder, dass die Rettungsdienste knapp an Kapazitäten sind!

Es ist kein Wunder, dass die Rettungsdienste knapp an Kapazitäten sind, obwohl die Hallen voller RTW stehen!

Etwas Anspannung machte sich in mir breit: „Nur noch mal zum Verständnis: Wir fahren mit dem RTW, der für Notfälle ist, mit Blaulicht zu Ihnen, nur weil es Sie interessiert, wie viel Promille Sie haben?“ Jetzt kam es ihm wohl auch etwas doof vor: „Äh… ja… Oder können Sie das gleich hier machen? Pusten oder so?“ Natürlich hätte er mal pusten können. Aber ich hatte mich gerade nirgendwo gestoßen, und meinem Kollegen war wahrscheinlich auch nicht nach einer käsigen Briese aus dem verwohnten Esszimmer in seinem Gesicht. Ich setzte mich auf den Notfallkoffer und atmete einmal tief durch, bevor ich ihm erklärte: „Der Rettungsdienst ist für dringende Notfälle da. Wenn Sie aber einfach nur getrunken haben, ist Ihr Zustand kein Notfall. Natürlich sehe ich ein, dass Sie Hilfe brauchen. Ich denke, das ist Ihnen auch klar. Aber das ist eine Hilfe, die Sie nicht in der Notaufnahme bekommen, sondern bei Ihrem Hausarzt. Bei dem allerdings sollten Sie sich dringend mal melden, wenn Sie bereit für eine Therapie sind!“ Er schmollte: „Gut. Dann setze ich mich hier hin und trinke eben weiter.“ Nun wurde ich etwas unwirsch: „Wozu? Meinen Sie, das ist eine Lösung? Sie werden heute nicht weitertrinken. Am besten legen Sie sich jetzt da hin“ – ich zeigte auf ein am Boden liegendes flaches Polster, welches in schmuddelige Textilien gehüllt war und wohl mal eine Matratze darstellte – „und dann schlafen Sie Ihren Rausch aus! Und morgen gehen Sie dann zum Hausarzt, da holen Sie sich einen Termin fürs Trockendock, damit Ihnen geholfen werden kann. Wir jedenfalls, und auch die Notaufnahme, können Ihnen nicht die Hilfe geben, die sie brauchen. Okay?“ Er nickte. „Ja gut, dann lege ich mich jetzt eben hin“, brummelte er beleidigt.

Rettungsdienst Augen verdrehend ab.

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4 Antworten zu Nullnummer, die Zweite

  1. stuttgarterapothekerin schreibt:

    Bitte sag mir, dass Ihr dem eine Rechnung schicken werdet!

    • Christoph schreibt:

      Leider ist dies in den meisten Bundesländern Deutschlands nicht so einfach möglich, da man den Patienten Mutwilligkeit und/oder Vorsatz nachweisen muss.

      Bei den meisten Patienten ist leider mitlerweile eine grundlegende Hilflosigkeit zu erkennen, vor allem wenn der Hausarzt mal nicht offen hat oder nicht erreichbar ist.
      Den Ärztlichen Notdienst bzw. Apothekennotdienst kennen viele nicht – die 112 hingegen jeder…
      Und so kommt es in den letzen Jahren vermehrt zu „Bagatellfahrten“ – wobei man den Menschen keine Mutwilligkeit nachweisen sondern eher Hilfslosigkeit vorwerfen kann.

      Liebe Grüße
      Christoph
      (Fährt ähnliche Einsätze in einem anderen Rettungsdienstbereich… 😉 )

      • firefox05c schreibt:

        In diesem Fall wäre es nicht einmal problemlos möglich gewesen, einen „entsandten und nicht in Anspruch genommenen RTW“ in Rechnung zu stellen, da ich ihn ja erst überzeugen musste, dass ein Notaufnahmen- Besuch völlig unnötige Zeit- und Geldverschwendung sowie Belastung für das ohnehin schon knappe ZNA- Personal bedeutet hätte. Abgesehen davon: Zu holen war dort wahrscheinlich wirklich nichts.

  2. Sylana schreibt:

    Ja, der Frage schließe ich mich an.

    Wobei, das ist sicher Einer, wo nix zu holen ist. So gesehen, wäre es ja dann Verschwendung von wertvoller Bürokratie.

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