Wieder mal zu spät

20121230_084505Der Mann Anfang 50 geht die Wohnstraße entlang. Es ist früher Morgen, und er ist auf dem Weg zu einer Dame, die er seit einigen Jahren pflegt. Noch zwei Häuser, dann ist er dort. Aber als er das dreigeschossige Haus sehen kann, in dem die alte Frau wohnt, erschrickt er: Es dringt Rauch aus den Ritzen der dunklen Fenster! Der Mann beginnt zu laufen, stürmt ins Haus und schließt die heiße Wohnungstür auf. Dichter, undurchdringlicher Qualm schlägt ihm entgegen und hindert ihn am Betreten der Wohnung. Der Pfleger sieht ein, dass er zu seiner über die Jahre liebgewonnenen Patientin nicht durchdringen kann und beginnt, panisch um Hilfe zu schreien. Ein Nachbar hört ihn und ruft die Feuerwehr. „Da ist noch eine bettlägerige Frau drin!“, sagt er. Der Disponent nimmt die Adresse auf und alarmiert.

Wir sitzen gerade beim Frühstück, als das Alarmlicht aufflammt und die Stimme aus der Wand uns informiert: „Schulstraße 14, dort Wohnungsbrand mit Menschenrettung, eine Person in der Wohnung!“ Wir stürmen los. Wir wissen, dass bei einem Feuer in der Wohnung nur sehr wenig Zeit bleibt, wenn man dem Rauch ausgesetzt ist. Ich bin in dieser Schicht Maschinist, springe nach dem Anziehen der Überhose und der Jacke auf den Fahrersitz  des roten Bombers und drehe den Schlüssel. Die Kollegen im Mannschaftsraum beginnen unverzüglich, sich nach dem Anziehen der Schutzkleidung mit den Pressluftatmern auszurüsten. Ich fahre so schnell es geht über die durch den Berufsverkehr verstopften Kreuzungen.

Der Callboy in der Leitstelle stutzt nach der Alarmierung: „Die Straße kenne ich doch? Dort in der Nähe wohnt doch ein Kollege, der heute Dienstfrei hat!“ Er zieht sein privates Handy und ruft bei ihm an, in der Hoffnung, dass er sich schnell melden würde. Dieser sitzt gerade beim Frühstück: „Moin! Was rufst du mich denn um diese Zeit an?“, meldet er sich. Der Disponent klärt ihn kurz darüber auf, dass es in seiner Nachbarschaft brennt. „OK, ich laufe mal rüber und melde mich“, sagt der Angerufene kurz angebunden. Nur wenige Augenblicke später meldet er sich wieder in der Leitstelle und gibt seine erste Rückmeldung. Diese teilt die Leitstelle wiederum allen eingesetzten Fahrzeugen über Funk mit.

Die kurze Fahrstrecke zieht sich endlos. „An die Kräfte auf der Anfahrt Schulstraße: Wohnungsbrand im ersten OG, eine pflegebedürftige Frau im hinteren Wohnungsbereich im Schlafzimmer!“, quäkt es aus dem Funkgerät. Der Angriffstrupp hinten im Auto legt seine Masken an, der Truppführer schlägt dem Chef vor: „Wir gehen sofort ohne Rohr rein und gucken, dass wir die Frau da schnell raus bekommen!“

Als wir in die Schulstraße einbiegen, winken von weitem schon der Pfleger und der Kollege, der uns sofort nach dem Anhalten brieft: „Die Frau ist im ersten OG, letzter Raum links. Sonst sind keine Personen mehr im Haus, die anderen Wohnungen werden gerade renoviert!“ Während der Angriffstrupp sich noch schnell die Wärmebildkamera und eine Sicherungsleine schnappt und im Hausflur verschwindet, springe ich vom Sitz und nehme hinter dem Fahrzeug die Haspeln ab, um an den Pumpenraum zu gelangen. Pumpe einschalten, den Schlauch und den Verteiler aus dem kleinen Seitenfach entnehmen und bis vor die Haustür ziehen ist tausendfach geübte Routine.

DIGITAL CAMERAWährend ich Wasser bis zum Verteiler in den Schlauch gebe, trifft auch schon die Verstärkung ein. Sie haben von unserem Chef bereits über Funk die Meldung bekommen, dass sie das erste Rohr vornehmen sollen, und laufen mit dem Schlauchtragekorb an mir vorbei.

Nur Momente später melden sich meine Kollegen: „Einsatzleitung von erstem Angriffstrupp: Im ersten Durchgang keine Person gefunden! Fangen mit der Entlüftung an und durchsuchen erneut!“ Scheinbar ist die Sicht in der Wohnung gleich Null, und so ist es trotz Wärmebildkamera schwer, jemanden zu finden, der zum Beispiel unter einen Tisch gerutscht war. Ein Raum, in dem man nichts sieht, bietet tausend Verstecke. Doch  nur etwa eine halbe Minute später meldet sich der Trupp erneut: „Person gefunden! Rettungsdienst zum Eingang!“ Ich stoße einen Kollegen an, der im Moment auch nur abwarten konnte: „Lass uns denen mal entgegen gehen und helfen. Ab der Rauchgrenze können wir die Frau übernehmen.“ Doch der Kollege antwortet mir etwas, das ich bis heute nicht nachvollziehen kann: „Ach was. Da sind doch schon zwei Trupps, das ist doch genug.“

Hatte er noch nie unter Atemschutz eine Person aus einer Wohnung geschleppt? Kann er sich nicht mehr daran erinnern, wie fertig man nach einer Übung ist, wenn man die 75kg- Puppe aus unserem Übungs- Brandhaus zieht? Die Kollegen vor Ort waren die Treppen hinaufgestürmt, hatten im Schweinsgalopp die Wohnung durchsucht, vielleicht hektisch schwere Möbel verrückt, um die Fau zu finden. Jetzt waren sie mit vier Mann, alle das 14kg schwere Atemschutzgerät auf dem Rücken, das ganze Gerödel wie Wärmebildkamera, Funkgerät, Lampe, Leinenbeutel und anderes im Schlepp, im engen Wohnungsflur und dem schmalen Treppenhaus auf dem Rückweg und zerrten die Gefundene mit sich. Sie konnten sich nur wie Teddybären bewegen, die Sicht war eingeschränkt, und mit der Maske auf dem Gesicht kann man nicht einmal vernünftig nach unten sehen. Da ist man froh um jeden Meter, dem einen die Arbeit erleichtert wird!

Ich kann jetzt aber nicht lange mit dem Faulpelz diskutieren und laufe in das Treppenhaus. Von oben höre ich das schwere Zischen der Atemgeräte, ein Wust aus blauen Jacken und Reflexstreifen schiebt sich polternd und Schulter an Schulter die enge Treppe herunter. Ich lasse die ersten beiden Jungs an mir vorbei. Zwischen den Trupps baumelt ein ausgemergelter Körper. Fast nackt, die Haut großflächig verbrannt, das Gesicht dunkelgrau. Ich fasse unter den Rumpf, die Person wiegt vielleicht 40 Kilo: „Habe sie! Ihr könnt loslassen!“ Die Kollegen überlassen mir die leblose Frau. Hautfetzen baumeln an den bunt verbrannten Beinen und die Arme bleiben nahezu unverändert in die Höhe gereckt, als ich mit ihr die letzten sieben, acht Meter zur Krankentrage laufe, die auf dem Zuweg wartet, wo ich sie schnell ablege. Ich höre den Notarzt, wie er die Kollegen des Rettungsdienstes anweist: „Intubation fertigmachen, schaut mal nach einem Zugang …“ Doch er bricht seine Bemühungen abrupt ab: „Hmm … Lasst mal. Wir brauchen wohl doch nur noch eine Decke.“ Erst jetzt habe ich einen Moment Zeit, die Dame näher anzusehen: Der Kopf ist von der Hitze schon fast mumifiziert, die Arme wegen der Muskelverkürzungen durch die Hitze schon steif. „Fechterstellung“ nennt man so etwas. Keine Chance, noch etwas für sie zu tun.

Ich klopfe und reibe mir die zurückgebliebenen Hautreste von der Schutzkleidung und gehe zurück zum Löschfahrzeug. Über Funk höre ich, dass die Kollegen in der Wohnung nun mit der Brandbekämpfung beginnen. An den Manometern der Pumpe sehe ich, dass in der Wohnung ein wenig Wasser abgegeben wird. Viel kann dort also nicht brennen, denke ich mir. Recht schnell kommt nach einigen Minuten auch die Meldung des zweiten Trupps, dass die Wohnung nun entgültig abgelöscht sei.

Nachdem unser Trupp wieder aus dem Haus trat, erzählen die Kollegen mir, dass es scheinbar schon Stunden in der Bude gebrannt haben muss: „Als wir dort reinkamen, war zwar schon der Putz von den Wänden gefallen [Anm.: Dieses geschieht nur bei großer Hitze] , aber es waren kaum noch Flammen zu sehen. Auch das Bett, vor dem wir die Dame gefunden haben, war fast vollständig weggebrannt. Das hat bestimmt schon in der Nacht angefangen und war jetzt fast von alleine ausgegangen.“

Nachdem das Feuer gelöscht und die Wohnung an die Polizei zur Ermittlung übergeben worden war, hatte die Rettungsdienst- Besatzung noch ein kleines Problem: Die tote Bewohnerin lag noch auf deren Trage. Nachdem der Transportführer sich mit der Kripo besprochen hatte, kam man überein, dass die Leiche in den Hausflur umgelagert werden sollte. „Aber lasst die Decke gut drum. Die Pressevögel und Schaulustigen warten doch nur darauf, ein „geiles Foto“ schießen zu können“, ermahnte uns unser Chef noch. So holte einer der Pflasterkleber ein „Traumatuch“ (ein Einmal- Rettungstuch zum Umlagern von Schwerverletzten) und breitete es neben der Trage aus. Gemeinsam legten wir die Frau von der Trage auf das Tuch, wobei ich wieder ihren Rumpf fasste. Dann trugen wir die Dame gemeinsam in den Hauseingang, die Trage konnte nun wieder hergerichtet werden. Allerdings hatte die Frau beim Umbetten einiges an Flüssigkeit aus den geplatzten Brandblasen verloren: „Hey, dir ist da was auf die Stiefel gelaufen!“, rief mir ein Polizist wohlwollend hinterher, als ich mich wieder entfernen wollte. „Das solltest du abspülen.“ Ich bedankte mich: Konnte so eine Flüssigkeit nach einigen Stunden doch ein erhebliches Aroma entwickeln! Nach dem Abspülen der ekligen Flecken setzte ich mich also wieder in den Löschbomber, wir konnten abrücken.

Als wir auf der Wache das Fahrzeug wieder einsatzbereit gemacht hatten, erschien der dienstfreie Kollege auf der Wache: „Ich wollte nur sagen, dass ihr gut gearbeitet habt. Hat alles super funktioniert.“ – „Naja“, gab der Löschknecht vom Angriffstrupp zu bedenken. „Der Oma hat es aber nichts genützt.“ Doch er wurde sofort unterbrochen: „Wie ich zu dem Haus gekommen bin, waren alle Fenster der Wohnung schon schwarz und einige Scheiben hatten Risse. Da war mir schon klar, dass in dieser Bude niemand überlebt haben kann. DSCN1650Ich habe dann nur den Pfleger daran gehindert, in die Wohnung zu laufen, und für euch kurz die Infos erkundet.“ – „Hat ja auch gut geklappt“, meinte der Angriffsführer. „Wir wussten dadurch zumindest, dass nur eine Person zu suchen war, und wo wir sie ungefähr finden konnten.“

Aber „zu spät“ ist „zu spät“. Machste nix.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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19 Antworten zu Wieder mal zu spät

  1. Tirsi FlauschiBauchi schreibt:

    *still einfach nur viel Kraft zum Verarbeiten allen Beteiligten wünsche* 😦
    Danke das ihr trotz solcher Erfahrungen und Erlebnissen immer noch jeden Tag für alle da und im Einsatz seid ❤

    • firefox05c schreibt:

      Wir werden immer wieder zu Extremsituationen gerufen. Wir wissen aber auch, dass wir nicht „Gott“ sind und alles können. So etwas ist nicht schön, gehört aber dazu.
      Und wenn man dann mal wieder jemanden retten kann, zehrt man noch Wochen davon!

  2. roerainrunner schreibt:

    Das sind dann leider die traurigen Seiten solcher Jobs 😦

  3. Thomas Kuhn schreibt:

    Da machst Du nix, und gibst trotzdem alles.
    Dafür machen wir das. Weil wir so ticken.
    Toll geschrieben wieder. Trotz aller Tragik!

  4. Nobody schreibt:

    Bedrückende Geschichte.

    Aber was anderes: Was hast du am 16. Mai nach 13:45 Uhr gemacht?

  5. Techniker schreibt:

    Ich kenne den Frust: Alles, wirklich alles, läuft wie aus dem Lehrbuch.
    Vorbildlicher Anruf bei der Leitstelle mit korrekter Lage und Adresse: Check
    Korrekte Alarmierung durch Lst: Check
    Disponent ist auf Zack und alarmiert privat Kamerad: Bonus-Check
    Ausrückzeit rekordverdächtig: Check
    Einweisung vor Ort ohne Suche der Einsatzstelle: Check
    Anfahrt problemlos, fast alle Verkehrsteilnehmer reagieren prompt und richtig: Check
    Erkundungs- und Angriffstrupp direkt aus dem Auto vor: Check
    Technik funktioniert wie geschmiert, jeder Handgriff sitzt: Check
    Nach/ Zu-alarmierte Kräfte fast zeitgleich vor Ort: Check

    Patient: Ex (seit Stunden).
    Nicht unterkriegen lassen. Das Schicksal ist manchmal einfach ein A…loch. Abrücken. Weitermachen. Der nächste Einsatz kommt. Und dann klappt garnichts, von der Alarmierung über die Anfahrt bis zur Technik die an diesem Tag zickt. Und trotzdem bist Du rechtzeitig da und kannst jemanden retten.

  6. rettungsmaedchen schreibt:

    Die traurigen Seiten im Leben eines Feuerwehrmannes oder Sanitäters oder ähnlichem…

    In solchen Situationen wünsche ich mir oft, dass ich das Leben am Gehen hindern könnte, dass ich doch die anstrengende Arbeit machen könnte, um das Leben einzuholen. Doch manchmal ist es einfach schon weg, außer Reichweite und unsere Bemühungen würden bloß Bemühungen bleiben.
    Es stimmt, was du sagst: Wenn wir dann mal ein Leben retten können, macht das so viel wett und dieses Gefühl entschädigt uns für all die schrecklichen Situationen.

    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft, solche Einsätze zu „überstehen“ – physisch wie psychisch.

    PS: Ich finde es wahnsinnig toll, wie du über solche Einsätze berichtest, man kann die Spannung und deine Gefühle förmlich spüren. Danke!

    Liebste Grüße
    rettungsmädchen

  7. La Giù~Lia schreibt:

    Wow. Ich bin sprachlos. Was für traumatische Erfahrungen. Respekt an Euch, dass Ihr das so durchzieht. Und an der Stelle auch mal ein Danke für Eure Einsätze!

  8. gnaddrig schreibt:

    Solche Erlebnisse sind sicher nicht leicht wegzustecken, aber in diesem Fall war ja schon lange nichts mehr zu machen. Ich stelle es mir schlimmer vor, wenn es richtig knapp war und irgendwelcher sonst egale Kleinkram vielleicht ein Menschenleben gekostet hat – vielleicht der eine Autofahrer, der es an der Kreuzung nicht schnell genug aus dem Weg geschafft hat, oder die Entscheidung erst das eine und nicht das andere Zimmer durchzukämmen. So Sachen.

  9. Dustin schreibt:

    Vielen Dank für diese dramatische Geschichte.
    Leider können Wir nicht alle retten.

    Der Schreibstil mit diesen kursiv geschriebenen Passagen ist grandios.
    Das bringt sofort eine Dynamik rein. Gefällt mir gut!

    • firefox05c schreibt:

      Ich wollte den Unterschied zwischen der Vorgeschichte und dem sich überschneidenden Geschehen auf der Wache deutlich machen. Sonst schreibe ich ja immer nur das, was ich selbst erlebt habe. Ich fand aber, dass die Vorgeschichte dieses mal dazu gehörte.

  10. Deine Art zu Schreiben ist wirklich ergreifend. Man sollte fast meinen man wäre dabei gewesen.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft für deinen Job. 🙂

    • firefox05c schreibt:

      Das ist der Zweck meines Blogs: Nachrichten und Zeitungsberichte gibt es genug über Feuerwehreinsätze. Aber ich möchte mit einigen meiner Erzählungen auch einen Blick aus Sicht eines einfachen Feuerwehrmannes geben. Hier und da gelingt mir das scheinbar recht gut. 🙂

  11. Chris schreibt:

    Was mich sehr schockiert hat ist die Reaktion des „Kollegen“! Er sollte dringend darüber nachdenken (seine Kollegen und Vorgesetzen auch) ob die Feuerwehr der richtige Ort für ihn ist! Denn sorry, so ein Verhalten geht gar nicht!

  12. Schön geschriebener Artikel, auch wenn der Ausgang nicht wirklich schön war.

  13. Lysander schreibt:

    Respekt! Danke fürs Teilen.
    Sicherheitshalber: Ich like die schriftstellerische Leistung, nicht das beschriebene Erlebnis.

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