Kein Sternekoch

Der Notruf erreichte die Leitstelle von einem Bewohner, dessen Wohnzimmereinrichtung gerade betropft wurde: „In der Wohnung über mir läuft das Wasser, und das kommt hier durch die Decke. Da müssen Sie mal schauen!“ So, wie es sich anhörte, versprach der Einsatz für meine Kollegen einige Arbeit. Sie rückten nach der Alarmierung also mit dem Löschfahrzeug ohne Blaulicht ab, in der Erwartung, zum Beispiel ein defektes Rohr abdichten und eine Wohnung aussaugen zu müssen. Es gestaltete sich dann aber etwas komplizierter.

Am Einsatzort trafen die Feuerlöscher auf eine Polizeistreife, die ebenfalls alarmiert worden war. Gemeinsam betraten sie das genannte Haus. Doch die Kollegen staunten dann nicht schlecht, denn nach dem Klingeln an der Tür der betreffenden Behausung öffnete der Insasse in wenig gesellschaftstauglicher Garderobe: Oben ein schmuddeliges Fanshirt des örtlichen Fußballvereines, unten „free Willy“. Überrascht fragte er die genau wie er verdutzten Brandschützer: „Watt issn?“ Hinter ihm quoll leichter Rauch aus der Wohnung, während seine Füße in einer Wasserlache standen. „Was ist denn bei Ihnen los?“, fragte der Einsatzleiter, um den Angriffstrupp dann anzuweisen, die Bude zu stürmen, um die Rauchquelle zu überwältigen. „Mir ist da was angebrannt“, antwortete der Mieter. Im folgenden Gespräch stellte sich dann heraus, dass der Bewohner nicht nur „Morbus Mütze“ hatte, sondern auch seine Problembewältigungsstrategie etwas eigen war:

Der Mann Ende fünfzig wollte sich etwas zu Essen kochen. Dieses kochte aber – wohl aus Trotz darüber, dass ihm nicht genügend Aufmerksamkeit zuteil wurde – über und brannte hemmungslos an. Die Bude wurde zum ersten Mal verraucht. Der Bewohner zog, als er dieses bemerkte, den Topf von der Platte. „Gibt hier wohl nichts mehr zu essen“, dachte er sich, „dann gehe ich eben zu Mackes.“ Aber vorher, so sein Plan, wollte er noch schnell baden gehen. So von der Essenskohle aromatisiert wollte er wohl nicht dort aufkreuzen. Nun dauert es eine Weile, bis so eine Wanne voll ist, und so fiel dem Herren nach dem Entledigen seiner unteren Bekleidung ein, in der Zwischenzeit schon mal den Herd reinigen zu können. Die herumliegenden CDs schienen ihm durch ihre geringe Stärke ein hervorragendes Werkzeug zum Abkratzen der Suppenkohle zu sein. Dummerweise hatte er nur den Topf von der Herdplatte gezogen, diese aber nicht ausgeschaltet. Was kam, war eine Sisyphos- Arbeit: Beim Reiben der CD auf dem Herd wurde diese aufgrund der Hitze immer kleiner, der Herd immer verschmierter. Macht ja nichts: Dort lagen schließlich noch genug weitere CDs! Und so schrubbte der Herr mit dem nackten Hintern einen immer größeren Haufen stinkenden, geschmolzenen Kunststoff zusammen, während „Dingel und Dongel“ im Takt wippten.

Da der etwas bewölkte Mensch also in seine „Reinigungsarbeiten“ vertieft war, verrauchte die Bude immer mehr von den sich verflüchtigenden Silberscheiben – und irgendwann war auch die physikalisch vorgegebene Kapazität der vernachlässigten Wanne erschöpft. Der Boden im Bad lief voll. Das Wasser drang in den Flur. Der See breitete sich in die Küche aus. Und Putzi schrubbte konzentriert mit schrumpfenden Scheiben den dampfenden Herd. Bis die Nachbarn unter ihm die Feuerwehr riefen, weil die Suppe durch die Decke tropfte …

Die anwesenden Staatsdiener stellten also den Herd ab, lüfteten die Bude, drehten das Wasser aus und begannen, den Boden abzuflitschen. Chef rief bei der Leitstelle an und erklärte kurz, dass an der Einsatzstelle jemand sei, der etwas unorganisiert in der Murmel war: Jetzt kamen wir mit dem Rettungsbomber ins Spiel.

2016-05-29 23.24.41Der Rest ist schnell erzählt: Unser Notarzt überzeugte den Reinigungsspezialisten davon, einmal einen Psychiater über seine Medikamente schauen zu lassen (nicht jedoch, ohne dass ihm versprochen werden musste, dass er noch was vernünftiges zwischen die Zähne  bekommen würde. Also, außer Medikamenten) , die Kollegen in blau legten seine Wohnung trocken, und wir transportierten den Herren in das nächste geeignete Krankenhaus.

Neben einem neuen Medikamentenplan sollte man ihm dann vielleicht auch einen Kochkurs vermitteln.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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19 Antworten zu Kein Sternekoch

  1. Nobody schreibt:

    Du hattest keinen Hunger oder Bedarf an CDs oder vielleicht sogar an einem Bad?

  2. connysblog schreibt:

    Hat dies auf connysblog rebloggt und kommentierte:
    Ich schmeiß mich gerade weg *gg*

  3. A.F. schreibt:

    Also Leute gibt es. Da fehlen einem ja glatt die Worte und danke für den Lacher!

    • firefox05c schreibt:

      Man muss dabei aber auch immer im Auge behalten, dass Menschen mit solchen Erkrankungen in einer Art Parallelwelt leben, in der solche Dinge logisch erscheinen – und die Folgen oft nicht wahrgenommen werden. Dieser Mann war sich z.B. bis zum Schluss nicht darüber im Klaren, dass überhaupt etwas schief gelaufen war.

  4. Top Artikel! Die Großstadt hat stets eine Überraschung parat!
    A propos Stadt: Du achtest ja i.D.R. der Pressestelle und dem Amtsleiter zuliebe darauf, den Stadtnamen nicht zu erwähnen; Auf dem Amtl. Zeugnis welches du im Artikel hast, ist der Stadtname ausgeschrieben. Nur so zur Info 😉

  5. Martin schreibt:

    Herrlich, das sind dann wieder so Einsätze die das Verhalten jeglicher Steineschmeisser oder stänkernden Busfahrern iwie entschädigen. Auch wenn es eigentlich nicht lustig ist wenn jemand so dermaßen Psych. Krank ist, aber ohne diesen ich nenne es mal Galgenhumor würde man den Job nicht lange machen und ist mit großer Wahrscheinlichkeit selbst nach 2-3 Wochen reif für die Couch und deswegen stumpft man ab, aber wem erzähl ich das. Kennst du alles selber.

  6. Olivier schreibt:

    Zum totlachen. Vielen Dank für diesen lustigen Blogeintrag.

  7. Bianca schreibt:

    Ein herrlicher Eintrag. Auch wenn weiß Gott was hätte passieren können. Das nenne ich mal Glück im Unglück. Vorab einen Rauchmelder kaufen hätte vielleicht die Rauchentwicklung frühzeitiger angezeigt, aber gegen das laufende Badewasser wäre er machtlos gewesen. Hut ab vor dem Schutzengel des unbekümmerten Herrn. Ein Glück, dass eine Etage tiefer ein aufmerksamer Anwohner die Leitstelle kontaktiert hat.

    • Der Rauchmelder wäre sicher losgegangen, aber ob der Mensch das wahrgenommen und dann auch noch „richtig“ interpretiert hätte, wage ich (laut der Beschreibung) doch etwas zu bezweifeln.

      • firefox05c schreibt:

        Die Nachbarn hätten eventuell darauf aufmerksam werden können. Das passiert in solch ruhigen Gegenden recht häufig.

  8. Talianna schreibt:

    Was ich mich ehrlich gesagt ein bisschen frage: hatte die Wanne denn keinen Überlauf?

    • firefox05c schreibt:

      Es hat nicht gereicht: In der Wanne schwammen auch noch Klamotten …

      • Talianna schreibt:

        Okay …

        Memo an selbst: nach dem Sport, wenn ich einen Teil der nur einmal verschwitzten Klamotten nass mache und auswringe, nicht zwischendrin kochen gehen.

        Krass, wie viel da zusammenkam.

  9. Ich mag deinen Schreibstil wirklich gerne. Jedes Mal wenn ich einen Beitrag von dir lese, kann ich mir die Geschichte bildlich bis ins letzte (beschriebene) Detail vorstellen, was das ganze meist noch amüsanter gestaltet 😀

    • firefox05c schreibt:

      Dabei ist es manchmal nicht einfach, detailliert zu schreiben, ohne die Rechte von jemandem zu verletzen. Aber du hast schon richtig bemerkt: Ich schreibe gerne in bunten Bildern. 😉

  10. Chris schreibt:

    Nach der Busfahrergeschichte etwas zum lachen, auch wenn es hier um einen kranken Menschen geht. Gut, er selber sieht das eher nicht so also alles gut!

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