Terror- Samariter

2016-03-26 08.46.51-bDie RTW- Klingeldinger am Gürtel taten ihren Job: Klingeln, wenn ein Einsatz anliegt. Auf dem Display las ich, dass an einer Straßenbahn- Haltestelle eine „HP“ (hilflose Person) auf uns warten würde. Oft ist diese Abkürzung eine Umschreibung für einen Betrunkenen, der aufgrund fortgeschrittenen konsums vergorener Produkte nicht mehr in der Lage ist, am Fußgängerverkehr teilzunehmen. Kollege und ich fuhren also mit unserem Versehrtentaxi los.

An der Haltestelle sahen wir schon von Weitem einen offensichtlich verwahrlosten Mann stehen, der wohl unser Patient sein sollte: Die schmutzige Hose, deren Absturz nur durch einen Strick verhindert wurde, fast in den Kniekehlen, eine löcherige Jacke, gekrönt von einem dicht zugewachsenen Gesicht, stand er da und schien auf die nächste Bahn zu warten. Wir parkten das AOK- Shuttle verkehrsschonend ab und gingen zum Wartehäuschen rüber. „Tach. Wass’n los? Gehts Ihnen nicht gut?“, fragte ich den Mann, der im Gesicht aussah wie ein Löwe umme Füße. Etwas Sabber hing in seinem Kinnflokati. „Nööö …“, lallte er stockend mit leicht glasigen Augen. „Iss‘ aas in Onnun‘. “ Er schien nicht viel Wert auf unsere Gesellschaft zu legen, denn er wandte sich leicht schwankend den Schienen zu, blieb aber brav am Bordstein stehen. Ich ging ihm nach: „Hallo, warten Sie doch mal! Jemand hat sich Sorgen um Sie gemacht. Was war denn los?“ Ich schien ihm lästig: „Nix. Sch’warte auffe Bahn.“ Nun mischte sich ein weiterer Haltestellen- Okkupant ein, der zwar etwas gepflegter aussah, aber ebenfalls von „gutem Geist“ beseelt schien. „Ich habe Sie angerufen. Dem ging es eben in der Bahn nicht so gut. Und als ich ihn angesprochen habe, wurde er sauer und fing an zu randalieren“, informierte er uns mit schwerer Zunge. „Ach“, hakte ich nach, „Sie sind zusammen mit der Bahn hier angekommen?“ – „Ja. Der war schon am anderen Ende der Stadt zugestiegen.“ Ich wandte mich wieder dem „Patienten“ zu: „Und Sie? Wie geht es Ihnen jetzt?“ Er schien immer noch nicht besonders erfreut über unsere Gegenwart: „Gut. Nu’ss gut. War nur kurz eingenickt. Aber nu’ss gut.“ Er ging wiederum ein paar Schritte weiter, schwankend, aber keinesfalls so unsicher, dass ein Sturz zu befürchten war. Er schien mir ausreichend verkehrssicher. „Wollen Sie trotzdem mal mit ins Krankenhaus kommen?“ Erwartungsgemäß ließ er verlauten: „Woßu? Nöö, kein Bock. Sch’faar weiter.“ Nun mischte sich der immer noch auf der Haltestellenbank sitzende Anrufer nochmals ein: „Der brauch Aufmerksamkeit. Und Liebe. Dann geht es dem auch wieder gut. Den müssen Sie mitnehmen.“ Ich fragte mich, wie er sich das praktisch vorstellte: „Free hugs for everyone“? Wir trugen zwar Schutzkleidung, aber so etwas taten wir für Gewöhnlich trotzdem nicht. Ich wollte schon darauf hinweisen, dass das Krankenhaus kein Puff oder „Orden der barmherzigen Schwestern“ wäre, sagte ihm aber lieber: „Tja. Der Herr will aber offensichtlich nicht mit und scheint auch noch einigermaßen zu wissen, was um ihn herum passiert. Und gegen seinen Willen können wir ihn nicht hier wegbringen.“ Nun war der Herr etwas entsetzt: „Den müssen Sie aber doch mitnehmen, der brauch doch Hilfe! Ich habe quer durch die Stadt bis hier hin gebraucht, um ihn so weit zu bringen, dass ich Sie anrufen konnte! Der muss jetzt mit.“

Die nächste Bahn kam an, der Obdachlose ging zielstrebig zur nächsten Tür, traf auf Anhieb den Öffnungsknopf und stieg ein. Ich fragte den Zurückgebliebenen irritiert: „Was heißt denn: ‚Bis hier hin gebraucht‘? Wie meinen Sie das?“ – Und was er dann von sich gab, war die größte Frechheit gegen Mitmenschen, die ich an dem Tag erleben durfte: „Der stieg ein und zitterte ein wenig, wollte aber keine Hilfe. Ich musste ihm erst eine Flasche Sekt und eine Tüte Wein geben, bevor er so weit war!“ Jetzt wurde auch ein Schuh aus der Sache: Der Sandler stieg angetrunken in die Bahn und bekommt Leckerchen, bis er kurz einnickt. Als er geweckt wird, ist er etwas Ungehalten ob der Leute, die plötzlich an ihm herumzerren und irgendwas von ihm wollen. Klar soweit.

Zu viel Alkohol gibt 'nen Kater.

Zu viel Alkohol gibt ’nen Kater.

Jetzt aber war ich entsetzt: „Was soll das denn heißen? Sie haben dem auch noch zusätzlich Alkohol gegeben?“ – „Ja klar. Der wollte doch nicht, dass ich einen Krankenwagen rufe“, lallte er mir entgegen. Ganz selbstverständlich. Ich platzte: „Bitt- hee? Sie geben einem Alkoholiker noch weiter Sprit, damit er endlich umfällt, um uns dann anzurufen? Sie füllen den noch zusätzlich ab, nur, damit wir ihn ins Krankenhaus bringen können? Wie bescheuert ist das denn??? Da bringe ich Ihnen aber überhaupt kein Verständnis entgegen. Das ist ja fast vorsätzliches Vergiften!“ Immerhin schien er selbst ebenfalls ein Alkoholproblem zu haben. Scheinbar verstand der Mann aber trotzdem nicht, was an seinem Verhalten falsch war: „Der wollte doch keine Hilfe, was sollte ich denn machen?“ Tja, das ist natürlich ein Dilemma: Man möchte unbedingt irgendjemandem helfen, um sich selbst aufzuwerten, und dann ist da niemand, der Hilfe braucht …  Laut und deutlich riet ich ihm deshalb: „In Ruhe lassen, vielleicht! Der hat doch schon genug Probleme. Oder meinen Sie, ein paar Stunden im Krankenhaus sind eine echte Hilfe für ihn? Das sollte gerade Sie doch wohl gut verstehen!“ Er schüttelte den Kopf. Ich auch. Mein Kollege ebenfalls. Wenigstens da waren wir uns einig.

Wir stiegen wieder in den Pflasterlaster und fuhren frustriert über so viel Selbstherrlichkeit davon. Ich steigerte mich noch ein wenig in den Vorfall hinein, bevor wir auf der Rückfahrt den nächsten Einsatz bekamen: Ein älterer Herr sollte gestürzt sein. Ich hoffte, dass der nicht womöglich von einem hilfswütigen Scheinsamariter geschubst worden war.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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12 Antworten zu Terror- Samariter

  1. roerainrunner schreibt:

    Gut gemeint, schlecht ausgeführt. Sehr schlecht. 😀

  2. Ich schreibt:

    Leute gibt es auf der Welt, da packt mach sich an dern Kopf und wills nicht glauben, weiß aber vom eigenen Job das es solche gibt.

  3. Tom schreibt:

    Um Himmels willen. Hat der denn einen Kurs in Dämlichkeit belegt oder ist er ein Naturtalent?

    Eigentlich hättet ihr den Anrufer mitnehmen müssen und bei der nächsten Anstalt abgeben…

  4. gnaddrig schreibt:

    Holla, reife Leistung. Volle Punktzahl für Verpeiltheit…

  5. Tirsi FlauschiBauchi schreibt:

    Da fällt mir echt nichts zu ein o.O Habe selbst im Beruf oft genug Alkoholbirnen auf zwei Beinen erlebt, man dachte das im Oberstübchen echt nur noch ein Schuldschein liegen und die Intelligenz vor langer Zeit den Hausschlüssel weggeworfen hatte. :-/

    Aber andere Frage, ist das Katzi vom Foto das Katzi mit Rückenaua aus einem deiner früheren Posts? ❤ *Katzennärrisch bin* ^^

  6. Auf sowas muss man wirklich mal kommen. Sehr gut geschrieben!

  7. claudi661 schreibt:

    Hallo firefox05c, ich lese Deinen Blog schon sehr lange (als stille Beobachterin) mit. Manchmal mit ner hochgezogenen Augenbraue, manchmal mit einem lachenden Gesicht, manchmal mit über dem Kopf zusammengeschlagen Händen. Vielen Dank für die Tipps mit der Wetter-App. Liebe Grüße von Claudi (aus Schalke-City).

  8. Hermione schreibt:

    Was zur Hölle hat den denn geritten? Hoffen wir mal, dass der sich noch an die Ansprache erinnert und das nicht hobbymäßig macht, um sich ein paar Karmapunkte dazuzuverdienen…
    Aber „normale“ Menschen, die einfach nicht fassen können dass wir Leute nicht gegen ihren Willen einsammeln und mitnehmen, die gibts auch erstaunlich oft.

    „Der Zurückgebliebene“ war von der Formulierung her sicher keine Absicht, aber herrlich treffend. 😀

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