Neutralität im Dienst

Manchmal kann man im Job nicht so, wie man will. Neulich Nacht um drei zum Beispiel: „Atemnot“ hieß das Stichwort, und wir fuhren in eine eigentlich bodenständige Wohngegend. Die Mutter unseres Patienten empfing uns vor dem Haus und wies uns den Weg: „Treppe rauf, da sitzt er.“ Wir nahmen an, dass sie nun voraus gehen würde, aber nach dem Betreten der Wohnung bog sie in einen Nebenraum ab, um dort irgendetwas zu kramen. „Sagten Sie eben: Die Treppe rauf?“, fragte unser Arzt. „Jaja, da oben. Gehen Sie ruhig.“ Also, wenn mein Sohn wirklich Atemnot hätte, würde ich mich doch zumindest vor dem Zimmer aufhalten, um eventuelle Fragen beantworten zu können?!

Im ersten Stock saß also der Sohnemann im Zimmer: Etwa 25 Jahre alt, das „Vater Unser“ hätte man ihm durch die Rippen blasen können, überall tätowiert und eine zischende Überdruckmaske auf dem Gesicht. Er japste schwer nach Luft. Was mir aber ebenfalls auffiel: Er saß unter einer Reichskriegsflagge, im Zimmer hingen SS- Dolche und Uniformteile herum, über dem Schreibtisch der böhmische Gefreite in Heldenpose, der damaligen Politik entsprechende Literatur im Regal. Da er mir nicht den Eindruck eines geschichtlich interessierten Studenten machte, kam ich zu dem Schluss: Hier war offensichtlich die Höhle eines Vollblut- Rassisten.

Der Notarzt legte einen Zugang und spritzte verschiedene Medikamente, ich kümmerte mich um die zusätzliche Sauerstoffanreicherung, indem ich an seinen Puste- Aparillo unseren O2- Schlauch anschloss. EKG, Sauerstoffsättigung, Blutdruck … Das volle Programm. Langsam ging es dem Patienten mit dem „HASS“- Tattoo auf den Fingerknöcheln und der „18“ auf der Schulter etwas besser. „Dann wollen wir mal den Transport vorbereiten“, meinte der Arzt. Der Kollege vom RTW brachte einen Stuhl, mit dem man auch Treppen herunter fahren kann, und gemeinsam verfrachteten wir den Freund des römischen Grußes schonend und ohne ihm Anstrengungen abzuverlangen zunächst ins Auto, dann ins Krankenhaus, wo er weiter behandelt werden sollte. Seine Mutter lief übrigens in der gesamten Zeit irgendwo im Haus herum und kramte. Scheinbar hatte sie schon aufgegeben.

Wir haben alles mögliche getan, um ihm zu helfen. Keine Diskussion, kein Unmut, keine blöden Bemerkungen. Der Notarzt sprach uns nach dem Einsatz trotzdem aus der Seele, als er sagte: „So ’n Arsch. Für den hätte ich privat bestimmt keinen Finger krumm gemacht.“ Aber was soll man machen: Auch Arschlöcher haben ein Recht auf Leben. Da muss man professionell drüber hinweg sehen. Auch, wenn es einem total gegen den Strich geht. Und aufgrund der Schweigepflicht kann man nicht einmal „an entsprechender Stelle“ einen Hinweis geben, um abklären zu lassen, was er womöglich sonst noch Verbotenes in seiner Butze versteckte.

Übrigens: Nachdem die Medikamente bei dem GröFaZ- Jünger angeschlagen hatten, hatte er es nicht einmal für notwendig befunden, bis zum nächsten Morgen abzuwarten, ob sich der Zustand wieder verschlechterte. Wahrscheinlich lag eine wichtige Wehrsportübung an … Obwohl: So kränklich, wie der war, hätte man ihn früher wahrscheinlich als „für die Gesellschaft nutzlos“ aussortiert. Unter den Leitlinien „seiner“ Epoche hätte er jedenfalls nicht eine so umfangreiche Hilfe erwarten können.

Aber man ist im Dienst eben neutral. Machste nix. Da hilfst du einfach.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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6 Antworten zu Neutralität im Dienst

  1. Hermione schreibt:

    Um den Einsatz beneide ich euch wirklich nicht.

  2. roerainrunner schreibt:

    Zynisch, aber professionell… 😉

  3. Nobody schreibt:

    Das Verhalten von euch ist genau so wie es sein sollte. Auch solche Personen haben ein Anrecht auf Hilfe.
    Es wäre schlimm wenn ihr euch auf das Niveau von denen begebt und plötzlich rasistisch gegen bestimmte Leute werdet und ihnen nicht nach bestem Wissen und Gewissen alle mögliche Hilfe und Versorgung angedeihen lassen würdet!

  4. rettungsmaedchen schreibt:

    Hab hier leider in Ö schon ähnliches erlebt – bei uns sind es dann aber meist die alten Leute, die von „der guten alten Zeit und dem Onkel“ erzählen und mich fragen, ob mein Nachname denn deutsch ist.
    Toll, dass ihr in dieser doch wirklich heftigen Situation so professionell geblieben seid.
    Und ich schließe mich dem Kommentar oben an: zynisch, professionell und (für mich) absolut verständlich 😉

  5. Jerowski schreibt:

    An einem auf seine Art ja schon besonders extremen Beispiel sehr gut beschrieben, vielen Dank!

  6. Jochen Saiz schreibt:

    Großes Lob an das Vermögen so Neutral und Sachlich zu bleiben!

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