heimlich weggeschwächelt

Nachts um halb drei machte die Leitstelle das Licht auf der stillen Wache an und sprach mit uns aus der Wand: „Stellwerk am Westbahnhof, dort Türöffnung. Bundespolizei vor Ort.“ Als wir auf den steuerbezahlten Dienstwagen sprangen und der Anstaltsleiter uns für den Einsatz anmeldete, bekamen wir weitere Informationen über Funk: „Der Fahrdienstleiter ist nicht mehr zu erreichen. Die Bahner befürchten, dass dort ein medizinischer Notfall vorliegt! Die Schottersherriffs sind schon da.“

(Symbolbild. Dieses Stellwerk war in meiner Geburtsstadt und beherbergt heute ein Restaurant)

(Symbolbild. Dieses Stellwerk war in meiner Geburtsstadt und beherbergt heute ein Restaurant)

Die Anfahrt war nicht weit, um diese Zeit war auf den Straßen fast nichts los, so dass wir schon fast heimlich und unbemerkt von der Bevölkerung unser Ziel erreichten. Unser großes rotes Auto hielt hinter dem kleinen Blauen, dessen Besatzung uns entgegen kam und uns „briefte“ (früher war das „in die Lage einweisen“, das ist aber heutzutage nicht englisch genug): „Der Fahrdienstleiter  schaltet keine Signale fei und reagiert weder auf Funk noch auf Telefon. Wir haben auch schon wild an der Tür geklingelt, er macht aber nicht auf. Da muss was passiert sein, vielleicht ein Herzinfarkt oder sowas!“ Unser Chef gab einen Wink an uns, dass wir schon mal die Einbrecher- Kiste holen sollten, und fragte den Älteren der bemützten Exekutiv- Kollegen: „Habt ihr denn keinen Generalschlüssel für die Tür?“ – „Nein“, antwortete der. „Sowat gibbet bei uns nich. Und die Tür iss‘ natürlich aus Metall und verrammelt. Kommse nich einfach so rein in die Bude!“

Koffer mit Werkzeugen für verschiedene Türöffnungsmöglichkeiten

Koffer mit Werkzeugen für verschiedene Türöffnungsmöglichkeiten

Fenster gab es nur zum Gleiskörper hin und zur Seite, die aber alle geschlossen waren. Wir gingen also um das zweigeschossige Häuschen herum zur Blechtür. Daneben eine Klingelanlage mit Gegensprecheinrichtung und Kamera. Im Lautsprecher der Anlage war noch das leise Dauersignal zu hören, mit dem nach dem Klingeln der „Sprechwunsch“ angezeigt wird. Wir machten uns am Schloss zu schaffen, während die BuPos sich weiter mit unserem Vormund unterhielten: „Die Züge bekommen von hier aus ihr Streckensignal und dürfen ohne die Freischaltung nicht fahren“, meinte der Jüngere der beiden. „Der Zugverkehr steht schon bis Duisburg! Das gibt ein schönes Chaos.“ Unser Anstaltsleiter schüttelte den Kopf: „Sehr seltsam. Wie lange ist er denn schon nicht erreichbar?“ Der RTW traf ebenfalls gerade ein, die Kollegen gesellten sich mit ihrem kompletten Equipment zu uns. „Etwa schon eine halbe Stunde, bevor die in der Zentrale Alarm gegeben haben. So lange haben sie versucht, ihn anzurufen. Da muss was passiert sein.“

Geräuschvoll bohrten wir den Schließzylinder an und drehten unsere Schraube hinein. Als wir die Zugaparatur ansetzten, um den Zylinder gewaltsam aus dem Schloss zu ziehen, quäkte es plötzlich aus der Sprechanlage: „Hallo? Wer iss’n da?“ Wir schauten uns alle erstaunt an. Der Sherriff antwortete: „Ja hallo! Bundespolizei hier! Machen Sie mal bitte auf!“ , und ergänzte nach einem Blick auf das demolierte Schloss halblaut: „… wennet überhaupt noch geht…“ Der Türsummer ertönte, die Polizisten und die Kollegen der „Red Box“ verschwanden im Treppenhaus. Wir blieben zurück, bauten den demolierten Zylinder aus und ersetzten ihn durch einen neuen.

Nach einer Weile kam die ganze Karawane wieder herunter: „Datt gibbet nich. Echt getz“, schüttelte der ältere der BuPos den Kopf. Die beiden vom Pflasterlaster hintendrein grinsten breit. „Was war denn los?“, fragte unser Wachführer. „Der Schlauen war nur eingepennt!“, polterte der ältere Schutzmann. „Ich glaube, der weiß gar nicht, dass sein Job auf dem Spiel steht.“ Fehlalarm also.

Wir waren etwa 15 Minuten später wieder „in der Ladeschale“ und der Einsatz für uns erledigt. Der Knoten auf den Bahngleisen musste aber noch bis in den Berufsverkehr hinein gelöst werden. Und der Fahrdienstleiter wird wohl demnächst die Fahrkartenautomaten neu bestücken dürfen.

 

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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18 Antworten zu heimlich weggeschwächelt

  1. Daniel Kleck schreibt:

    Guten Tag, sehr schön geschriebener Artikel.
    Aber könnte es eventuell direkte Rückschlüsse auf den Mitarbeiter geben und somit Probleme mit der Schweigepflicht?
    Mit freundlichem Gruß,
    D. Kleck

    • firefox05c schreibt:

      Das gezeigte Stellwerk ist natürlich NICHT das beschriebene. Immerhin ist es recht besonders und daher leicht wiederzuerkennen. Es handelt sich bei dem gezeigten um das Stellwerk aus meiner Geburtsstadt, in welchem sich heute ein Restaurant befindet.

      • Michi schreibt:

        Nunja, wenn man sich die Stadt, in der du dich dienstlich herumzutreiben pflegst, mal aus stellwerklicher Sicht anschaut, bleibt bei dem Szenario „Fahrdienstleiter eingepennt, Züge stauen sich“ eigentlich nur ein Stellwerk übrig. Zumindest dann, wenn man normalen Betrieb unterstellt.

        Andererseits wird ja auch nirgends gesagt, ob das gestern war oder schon Jahre her ist 😉

      • firefox05c schreibt:

        Die Geschichte ist sogar schon über 2 Jahre her – eben aus Datenschutzgründen habe ich sie erst jetzt veröffentlicht! (Ich bin ja nicht so ganz blöd…) 😉

      • WPR_bei_WBS schreibt:

        Echt, da ist jetzt ein Restaurant drin?

      • firefox05c schreibt:

        Im abgebildeten Gebäude ja. In dem aus der beschriebenen Geschichte nicht.

  2. Sylana schreibt:

    Nee, der meldet sich auf dem Arbeitsamt. Pardon, Arbeitsagentur.

    Eingepennt, und das trotz dem Aufriss…..das glaubt doch keiner. Selbst, wenn er eingepennt war, der Radau ist doch nicht zu überhören…..

    • Michael schreibt:

      Ich hatte mal einen Einsatz in einer Fußgängerzone. Ausgelöster Heimrauchmelder in einer Wohnung im 1.OG, dank offenem Fenster gut wahrnehmbar. Diverse Passanten haben dann geklingelt und gerufen. Keine Reaktion der älteren Bewohnerin. Ergo: Alarm für die Feuerwehr, RD und Pol ebenfalls vor Ort.
      Ich habe dann als EL auch nochmal geklingelt, ebenfalls keine Reaktion. Einsatzbefehl: „Angriffstrupp über DL durch geöffnetes Fenster ins 1.OG vor.“ Unsere DL macht vor dem Ausfahren der Stützen einen ziemlich lauten Ton um Umstehende zu warnen. Darauf erschein dann der Kopf der alten Dame am Fenster. Ich habe sie dann gebeten mal aufzumachen. Lage vor Ort: Ca. 90jährige Dame mit Telefon am Ohr. Deutlich wahrnehmbare Verrauchung und Geruchsbelästigung durch ziemlich verbranntes Gulasch. Daher auch Auslösung Rauchmelder. Aussage der Bewohnerin: „Ich habe nichts gehört, ich habe telefoniert“. (Mit der Nase?)
      Führte auf der Rückfahrt zu anhaltendem Kopfschütteln unsererseits.
      Von daher halte ich das auch nicht für so unwahrscheinlich. Zumal der gut ausgebildete Bahnbeamte auch jahrelanges Training vorweisen kann. 😉

      • firefox05c schreibt:

        Thema Rauchmelder- Warnton: Es soll Hörgeräte geben, die die Frequenz eines Rauchmelders nur gedämpft bis kaum hörbar übertragen. Daher bei Meldern für Hörgeräte- Träger immer testen, ob der Ton auch wirklich laut wahrgenommen wird! 🙂

  3. roerainrunner schreibt:

    Wow, wenn man sämtliches Telefon- und Türklingeln so überhört, muss man aber echt weg sein 😀

    • firefox05c schreibt:

      Die Klingelanlage hatte einen Nachteil: Wenn man einmal geklingelt hat, erfolgte ein akustisches Signal an der Sprechanlage und ein Lämpchen geht an. Bei jedm weiteren Klingelversuch passiert: Nix. Außer, dass das Lämpchen weiter leuchtet. 😉 Aber trotzdem hast du recht, denn das Telefonklingeln war nicht nur einmal zu hören.

  4. Nobody schreibt:

    Wegen so einem Verhalten ist dann gleich ein ganzer Zug gebunden. 😉

  5. Sulfur schreibt:

    Gibt bei sowas niemanden mit einem Zweitschlüssel?

  6. WPR_bei_WBS schreibt:

    @ Michi:

    Echt? E gibt im nicht kleinen A… [;-)] nur ein Stellwerk?

    • Michi schreibt:

      Zumindest nur eines, auf das das Einsatzszenario passt, wenn ich mich nicht täusche.

      Größere Stellwerke, wie es sie auch in des Firefoxens Heimat gibt, sind mit mehreren Leuten besetzt, da können sich die Kollegen gegenseitig aufwecken 😉 Und einige Stellwerke sind normalerweise unbesetzt und werden von woanders ferngesteuert.

  7. Patrick schreibt:

    Hmmm…
    Bin ich jetzt der Einzige, der eine Dosis Druckluft „Martin“ zum Ohren durchpusten probiert hätte vor dem Öffnungsversuch? Viele Anwohner zum Stören gibbet ja meist net in der Umgebung dieser Stellwerke 😉

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