Winterlager

„Aber klar stehe ich noch zu meinem Wort!“, versicherte mir der Kollege am Telefon. „Sag, wann du das Motorrad vorbei bringen willst, und wir stellen es in die Tiefgarage hinter mein Auto.“ Das hörte ich natürlich gerne: Mein eigener Stellplatz in einer Garage war gekündigt (da habe ich 40 Euronen im Monat bezahlt! Das war das Teuerste am ganzen Moped- Unterhalt …), und der Winter stand vor der Tür. Also, im Grunde genau da, wo nun mein Motorrad in den letzten Wochen abgeparkt war. Da war es ein Glücksfall, dass ich nun dieses Angebot bekam.

Am abgesprochenen Tag suchte ich also meine gepolsterten Textilien aus dem Schrank und stopfte mich in die Schutzkleidung: Die dicke Hose und die Jacke, beide mit Protektoren und eingezogenem Innenfutter, dazwischen noch einen Nierengurt – schließlich war es draußen etwa 10 Grad kalt, und ich hatte einen Ritt von fast 80 km vor mir. „Umme Ecke“ ist anders. Aber worüber beklage ich mich: In Afrika rennt man schon kilometerweit, um das Wasser für den morgendlichen Tee zu holen. Da sollte mir eine knappe Stunde auf dem Bock nicht allzu viel Mühe machen. Weil es schon den ganzen Tag immer wieder leicht nieselte, pellte ich noch eine Regenkombi über den Hintern und ein paar Gamaschen aus Kunststofffolie über die Lederstiefel. Momentan war es zwar trocken, aber ich gehe bei solch‘ unsicherem Wetter gerne auf Nummer Sicher. Das Gesamtpaket aus X Lagen sollte dem Wetter schon trotzen!

Eingepackt wie ein Michelinmännchen watschelte ich nun zum Hobel, der vor der Tür stand, schwang mich etwas unbeholfen in den Sattel und ritt los. Tja: Und was passiert, wenn man sich dermaßen eingepackt hat? Richtig: Es juckt in der Leiste. Handschuhe, Regenkombi, zwei Schichten von der Jacke, zwei Schichten von der Hose … das ist ganz schön mist, sich dann irgendwo kratzen zu wollen! Aber wie sagt man im Pott: Wattwillzemachn. So fuhr ich dick eingemummelt durch die feuchte Luft dahin und ertrug es einfach, das ich nirgendwo mehr dran kam. Ich hatte es nicht eilig, und bei nasser Straße und diesiger Luft sollte man vorsichtig fahren. Ich ließ mir also Zeit. Mein Cruiser, eine Kawasaki EN500, ist sowieso kein Asphaltfresser.

Den Weg hatte ich mir vorher aufgeschrieben. Allerdings hatte ich den Zettel in einer Tasche der Regenkombi stecken, weil richtige Männer schließlich wissen, wo es lang geht. Nachdem ich die Autobahn zum ersten mal gewechselt hatte, war ich mir dann aber nicht mehr ganz so sicher, auch in die richtige Richtung aufgefahren zu sein. Also: Nächste Ausfahrt wieder raus, auf der Landstraße angehalten und kurz nachgesehen, um festzustellen, dass ich mir diesen Stop aus Selbstzweifeln hätte sparen können. Nun gut, wie geschrieben: Ich hatte es nicht eilig, und bei diesem Scheiß- Wetter wollte ich nicht das Risiko eingehen, stundenlang in die falsche Richtuung zu fahren, bis mich irgendwann ein Schild angrinste: „Leipzig    35km“, oder so …

Ich wendete das Motorrad und bog wieder in die Autobahnauffahrt ein. Moderat beschleunigte ich, und in der langgezogenen Kurve der Auffahrt bemerkte ich, dass die Fahrbahn offensichtlich noch recht neu war. Es nieselte wieder ein wenig. Plötzlich schlenkerte der Lenker kurz. „Huch!“, dachte ich mir. „Was war das denn? Eine Bodenwelle?“ Das Motorrad hatte zwei Monate zuvor erst die TÜV- Bespitzelung überstanden, da sollte das Lenkkopflager, welches schon mal für Mopped- Wedeln sorgt, in Ordnung sein. Mich wunderte nur, dass der Hobel bereits bei diesem für diese langgezogene Kurve geringen Tempo so empfindlich auf Bodenunebenheiten reagierte. Zickig heute, die Dame.

Ein paar Meter weiter musste ich einsehen, dass das Schlenkern nicht vom Vorderrad kam: Das Heck brach aus! Die Maschine rutschte nach links unter mir weg, hart prallte die Lenkstange auf den Asphalt, und ich rutschte auf der rechten Seite über den Beschleunigungsstreifen! Sofort wurde mir klar: Sollte ich bis auf die Autobahn rutschen und vielleicht ein Fahrzeug mit 140 die Bahn entlang geschossen kommen, hatte ich keine Chance mehr! Das Motorrad schleuderte stark Funken reißend vor mir her und driftete wieder in Richtung der rechten Leitplanke. Ich sah einen Rückspiegel abbrechen, ein Stück Plastik vom Windschild flog mir entgegen. „Das wird teuer“, dachte ich, während ich dahinrutschte, weiter auf die Fahrbahn der Autobahn zu. Ich konnte aber nicht sehen, was hinter mir los war! Kommt da nun ein Auto auf dem Beschleunigungsstreifen hinterher? Ist die Autobahn frei, oder nähert sich der Sattelschlepper mit dem Fahrer, der gerade auf sein Handy schaut? Wie schnell komme ich von der Fahrbahn, sobald ich aufstehen kann? So lange ich noch rutschte, konnte ich aber nichts tun. Ab wann wäre es sinnvoll, besser zum Mittelstreifen zu springen? Kann ich so dick eingepackt überhaupt schnell genug beiseite springen? Tausend Fragen schossen mir in den wenigen Augenblicken durch den Kopf, und ich rutschte immer noch. Unglaublich, wie schnell die Gedanken kommen: Was, wenn nun jemand auf das Motorrad auffährt? Wird der Fahrer dann womöglich die Kontrolle verlieren und selbst verunglücken? Und wie hoch wird der Schaden am Motorrad sein? Werde ich mich verletzen? Sollte ich gleich wieder zurück fahren oder meine Fahrt fortsetzen? Und immer wieder die Panik: Kommt jemand von hinten angefahren? Ich darf nicht auf die Fahrbahn rutschen!

die Schlunderbahn

die Schlunderbahn

Endlich blieb ich liegen, nach über 30 Metern Rutschpartie, nur einen halben Meter vor der rechten Autobahnspur! Auch das Motorrad, immer noch in meinem Blickfeld, hatte nun vor der Leitplanke seine „Parking Position“ eingenommen. Ich rappelte mich hoch, kurzer Blick nach hinten: Das nächste Auto war noch weit genug entfernt! So schnell es ging, hüpfte ich mit den übergroßen Gamaschen zur Leitplanke, um mich erst einmal zu sortieren. Überlebt! Gott sei Dank. Nix passiert. Und es war zum Glück nur wenig Verkehr unterwegs.

Als ich an der Leitplanke stand, fuhren in den nächsten Sekunden einige Autos vorbei, während ich einen Checkup machte: Mir tat nichts weh. Naja, außer dem rechten Ringfinger, der wohl beim Sturz auf den Boden geschlagen war. Ich konnte auch keine Beschädigungen an der dünnen Regenkombi sehen, von der ich dachte, dass sie nun eigentlich in Fetzen von meiner rechten Seite hängen müsste. Etwa zehn Meter weiter lag der Bock. Der Motor war abgestorben, die Maschine hatte keinen Anprall an der Leitplanke gehabt. Auf der Beschleunigungsspur lag der abgebrochene Spiegel herum, ebenso ein verchromtes Teil, das ich von meinem Standpunkt aus nicht zuordnen konnte. Und ich war froh, dass nichts schlimmeres passiert war.

Eilig ging ich zum Motorrad, welches halb auf dem Beschleunigungsstreifen lag. Es musste hier weg! Wer die Auffahrt entlang kommt, schaut schließlich nach links, um zu sehen, ob die Autobahn frei ist, und weniger nach vorne, ob da vielleicht ein Kamel oder ein Müllcontainer im Weg steht – oder eben ein Feuerwehrmann im Plastiksack, der an seinem Moped rumrupft. Immer wieder den Verkehr beobachtend, wuchtete ich mit Mühe den Hobel hoch, der immerhin über 200 kg wiegt. Ich schaffte es! Anschließend schob ich das Motorrad, so schnell es ging, an die Leitplanke und stellte es dort zunächst ab.

abgebrochener Spiegel, zerstörter Windschild

abgebrochener Spiegel, zerstörter Windschild

Mittlerweile hatte ich mich gesammelt und fragte mich, warum kein Auto angehalten hatte. Zumindest die ersten beiden Fahrzeuge, die mich passierten, mussten doch gesehen haben, dass ich die Autobahn in abnormer Position benutzt hatte! So schnell es ging, holte ich den abgebrochenen Spiegel und das „Silberding“ vom Beschleunigungsstreifen, damit nicht noch mehr passierte. Den Spiegel warf ich kurzerhand in die Rabatten, den verchromten Knauf steckte ich ein. Später sah ich: Es war ein Tilgergewicht vom Lenker, welches mitsamt der Gewichtsaufnahme abgebrochen war. Vielleicht lässt es sich ja wieder anschweißen…

verbeulte Tüte

verbeulte Tüte. Teuer.

Die Schäden am Motorrad hielten sich auf dem ersten Blick in Grenzen: Wie erwähnt war ein Spiegel mitsamt Gewinde abgebrochen, das Tilgergewicht hatte seinen Posten verlassen und die Frontscheibe hatte ein größeres Stück lassen müssen. Das Bremspedal war etwas verbogen, das ließ sich aber wohl später mit einem Rohr wieder richten. Diverse grobe Kratzspuren am Tank und den Fußrasten kompletierten mein Aktionskunstwerk. Der rechte Auspufftopf war ziemlich zerkratzt und verbeult, das war schon sehr ärgerlich. Jedoch sprang das Motorrad wieder zuverlässig an, und auch nachdem ich losgefahren war, schien nichts von der Technik gelitten zu haben.

Ich entschied mich dafür, das Motorrad die „restlichen“ 70km ins Winterlager zu fahren, dort würde es wenigstens trocken stehen und ich konnte mich in Ruhe nach den Ersatzteilen umsehen. Allerdings fuhr ich in Erwartung von irgendwelchen Zicken der Technik dermaßen verkrampft, dass ich am nächsten Tag im gesamten Brust- und Schultergürtel Muskelkater hatte! Der Rest der Reise verlief ohne Zwischenfälle. Abgesehen davon, dass ich keinen rechten Spiegel mehr hatte, was sehr gewöhnungsbedürftig ist.

Der einzige Schaden an der Schutzkleidung: Etwas Abrieb am Handschuh

Der einzige Schaden an der Schutzkleidung: Etwas Abrieb am Handschuh

Auch bei näherer Betrachtung hatte die Schutzkleidung übrigens – bis auf eine kleine Reibstelle am Handschuh – keinerlei Schäden. Nicht einmal die Regenpelle aus dünnem Plastik hatte eine Schürfstelle, geschweige denn ein Loch! Und das, obwohl ich mit einer geschätzten Anfangsgeschwindigkeit von etwa 50km/h über 30 Meter auf ihr über die Straße gerutscht war. Ein Beleg für mich, dass der Straßenbelag tatsächlich glatt wie Seife war. Ich vermute, dass Straßenschmutz durch den geringen Nieselregen zur Schmierschicht geworden war. Laub lag dort jedenfalls nicht. Das hätte ich so dicht über der Straße bestimmt gerochen …

Tja. Und nun suche ich günstig Ersatzteile für mein Moped. Ich will im Frühjahr schließlich wieder damit fahren.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu Winterlager

  1. roerainrunner schreibt:

    Wie war das, es gibt zwei Arten von Motorradfahrern: Die, die schon hingefallen sind und die, die noch hinfallen werden.
    Na immerhin nochmal Glück gehabt!
    Dass keiner angehalten hat, ist trotzdem mies. Aber nachdem du aufgestanden bist, dachten vielleicht alle, es wäre doof, den Verkehr zu blockieren? Mhh…

    • firefox05c schreibt:

      Nun, als ich schon gestanden habe, war es zu erwarten. Aber als ich noch am Moped gezerrt hatte bzw. die Autofahrer meine Rodelaktion gesehen hatten, hätte ich schon zumindest damit gerechnet, dass mal jemand nach mir fragt…

  2. Hightower schreibt:

    Ein glück, der feurige Fux ist heil geblieben !

  3. Nobody schreibt:

    Unangenehme Situation. Zum Glück ist der schönen Maschine nichts dramatisches passiert.

  4. Chris schreibt:

    Puh…! Zum Glück ists so ausgegangen. Das niemand angehalten hat finde ich ziemlich arm. Kann ich nicht nachvollziehen sowas, zumindest nicht von den Fahrern, die die Rutschaktion beobachtet haben müssen.
    Ich hab vor nicht allzu langer Zeit ein Reh totgefahren. Alleine auf einsamer Strecke, ziemlich fertig, vorne völlig demoliertes Auto, natürlich stockduster. Mindestens 10 Autos fuhren vorbei, Traktor und einige LKWs auch. Angehalten hat eine junge Frau, alleine im Auto.
    Ersatzteilbeschaffung ist ärgerlich und teuer, aber letztlich ist alles zu ersetzen. Das Wichtigste ist die Gesundheit!

  5. Torben schreibt:

    Hast du eine genaue Liste samt Fahrzeugdaten? Ich frag gerne mal meinen Kontaktmann für Asphaltfräsen- Teile.
    Der hat immer einen Riesen Fundus von sowas.

    • firefox05c schreibt:

      Ich habe eine Kawa EN500 c und brauche die Schelle des Bremsflüssigkeitsbehälters (wenn es die einzeln gibt), dort ist das Spiegelgewinde angegossen. Desweiteren den rechten Auspufftopf und ein Tilgergewicht des Lenkers (auch rechts). Zur Montage muss ich allerdings erst die Aufnahme wieder anschweißen…

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