Terror-Kid

Wir waren mit der Kontrolle des Versehrtentaxis fertig und hatten uns eine Tasse „Beamtensprit“ eingeschüttet, als die Brüllwürfel schepperten: „Psychologisch, Kind 11 Jahre“ stand auf dem blinkenden Display. Als wir die Red Box besetzt hatten, wurden wir auch gleich von der Leitstelle auf dem Diensthandy angerufen: „In der Wohngruppe hatten wir vor einigen Wochen schon mal einen Einsatz. Ist eine Einrichtung für auffällige Kinder. Der Kurze soll jetzt wohl am Rad drehen und die Betreuer angreifen.“ – „Aha“, quittierte ich. Dass jemand seine Zimmereinrichtung umräumt, hatten wir schon des öfteren erlebt. „Und wir sollen den jetzt einfangen? Oder die Betreuer verarzten?“ – „Schau dir das erst einmal an“, meinte der Callboy am anderen Ende. „Letztes mal hat er einen Betreuer dermaßen angegriffen, dass er ins Krankenhaus musste. Der gesetzliche Vormund ist im Übrigen wohl nicht zu erreichen. Schau mal, ob du ohne Arzt klar kommst.“  Einen Arzt würden wir brauchen, wenn wir eine Ordnungsverfügung schreiben müssten, um den Randalierer auch ohne Zustimmung des Vormundes oder ihm selbst zwangsweise einer Psychiatrie zuführen zu können.

Wir fuhren also zur Einsatzadresse und wurden vor einem zweigeschossigen Wohnhaus aus dem letzten oder vorletzten Jahrhundert von einer deutlich jüngeren Betreuerin erwartet. Sie schilderte uns die Situation: Der Zögling sei seit etwa einem Jahr in der Wohngruppe untergebracht. Er habe kaum Umgangsformen, wolle sich auf keine Kompromisse oder Absprachen einlassen, und wenn „Prinz Charly vonne Bananenweide“ seinen Willen nicht bekam, würde er ausrasten. Allerdings lag die Sache hier wohl etwas anders als bei den üblichen freidrehenden Tyrannen, wie sie uns erklärte: „Wenn er dann einen Aggressionsschub bekommt, richtet sich seine Wut nicht unkontrolliert zum Beispiel gegen Möbel, sondern er versucht gezielt, jemanden zu verletzen. Eine Betreuerin hat er vor einigen Monaten die Treppe herunter gestoßen, und nach mir hat er mal eine Flasche geworfen. Als ich schnell die Zimmertür schloss, um aus seiner Schusslinie zu kommen, hatte er nur laut gelacht, dass er noch eine weitere Flasche für mich hätte!“  Vor einiger Zeit soll er auch eine andere Kollegin mit einer zerbrochenen Glühbirne am Hals verletzt haben, berichtete sie.  Ich war etwas entsetzt: Ein Angriff gegen den Hals ist ein Angriff gegen das Leben, sagte mir mal ein Polizist. So böse konnte ein Kind doch nicht sein, oder?

„Dem Kollegen hat er vor einigen Wochen mal ein Regalbrett in den Schritt gerammt. Er musste sofort operiert werden, später noch ein zweites mal, und ist deshalb wochenlang ausgefallen!“ Womit die Story aber noch nicht durch war: Der Rettungsdienst war damals auch dort. Nachdem der Kleine dann behauptet hatte, der Betreuer wolle ihm einen Arm brechen und ihn in sein Zimmer einschließen, hatte unser Kollege (ebenfalls ein ’spezieller Fall‘) dann aber vor dem Jungen den Betreuer rund gemacht! Er solle vorsichtig sein, sein Handeln wäre Körperverletzung und Freiheitsberaubung, und überhaupt, wie man denn so könnte und so weiter …  Seit dem hatte der Junge richtig Oberwasser bekommen und sogar offen angedroht, dass er den lädierten Betreuer, sobald er wieder dienstfähig sei, erneut ins Krankenhaus bringen wolle. Zu allem Überfluss hatte der damalige Retter den Randalierer auch noch in der Einrichtung belassen, so dass der Angriff auf den Betreuer völlig Folgenlos für ihn blieb. Seit dem, so die Empfangsdame, sei der Patient einfach kaum noch führbar. „Und heute?“, fragte ich. „Warum sind wir nun hier?“ Sie fuhr fort: „Heute sollte er an einem Gespräch teilnehmen, in dem über sein Verhalten und seine Zukunft in dieser Wohngruppe gesprochen werden sollte. Er ist aber vorher einfach abgehauen und hat den Termin damit platzen lassen. Vor einer halben Stunde etwa kam er wieder, wollte die Haustür eintreten und hat an den Fenstern randaliert. Als ich ihm aufmachte, hat er einen halben Ziegelstein nach mir geworfen. Ich konnte gerade noch ausweichen! Da vorne im Rinnstein liegt er noch.“ Sie deutete auf einen Brocken, der den Empfänger ernsthaft hätte verletzen können. Da hatte mein Vorgänger mit seiner Aktion, den Jungen auch noch in seinem Tun zu unterstützen, ja ganze Arbeit geleistet. Wohlgemerkt: Der Furz war erst 11 Jahre alt! Aber gegen solche gezielten Spielchen hatten die einfachen Betreuer natürlich kaum eine Handhabe. Außer Schimpfen durften sie ja nichts tun …

„Wie ist er denn jetzt drauf?“, fragte ich. „Tja, das ist es ja: Wenn er den Rettungsdienst oder auch andere Externe wie zum Beispiel seinen Vormund sieht, schaltet er sofort wieder um und ist lammfromm. Darum hatte ich dieses mal eine Aufnahme mit dem Smartphone gemacht, wie er da randaliert und mich beschimpft! Der Steinwurf ist übrigens auch mit auf dem Film. Wollen Sie mal sehen?“ Sie zückte ihr Streichelhandy, ich wehrte aber sofort ab: „Nö, lassen Sie mal. Ich denke, Sie haben keinen Grund, mich zu belügen.“ Zudem war ich mir ziemlich sicher, dass bei all dem falschen Spiel, welches der Tyrann in Turnschuhen da vorspielte, die Handyaufnahme trotzdem illegal war.

Für mich war jedenfalls klar: Der Junge konnte nicht erneut mit seinem Verhalten davonkommen. Dann würde er womöglich sofort anfangen, ein Ermächtigungsgesetz auszuformulieren.  „Was ist denn mit dem Vormund?“, fragte ich sie. „Ist der nicht erreichbar?“ – „Nein. den versuchen wir schon seit vier Tagen zu erreichen. Der meldet sich aber nicht. Ob der im Urlaub ist oder so … Ich weiß es nicht.“ Mir rutschte heraus: „Er kann ja in den Urlaub fahren. Aber wenn er so eine Aufgabe übernimmt, soll er eine erreichbare Vertretung organisieren oder den Rotzigen mitnehmen.“

Irgendwo hatte er wohl eine Sperre im Getriebe ...

Irgendwo hatte er wohl eine Sperre im Getriebe …

Immer wieder stehen wir im Rettungsdienst vor dem Problem, dass wir die Erlaubnis eines Betreuers zum Beispiel für einen dementen Menschen bräuchten, dieser aber nicht erreichbar ist. „Stellen Sie sich vor, der Junge muss mal dringend behandelt werden. Da wird sich doch keiner in die Nesseln setzen und den zum Beispiel röntgen oder Medikamente geben, ohne dass eine Erlaubnis vorliegt! Das wäre ja womöglich Körperverletzung …“, spann ich den Gedanken weiter. „Hören Sie“, teilte ich dann der Betreuerin meinen Entschluss mit. „Hier kann er nicht einfach bleiben. Den bekommen Sie dann nie wieder eingefangen, wenn er schon wieder keine Folgen spürt. Aber ich kann ihn auch nicht einfach mitnehmen, wenn der Vormund nicht zu erreichen ist. Darum werde ich nun einen Arzt nachkommen lassen, der ein Zeugnis ausstellt. Dann habe ich eine Rechtsgrundlage für weiteres Handeln.“ Ich könnte dann eine Ordnungsverfügung schreiben, um andere vor seinen Gewaltausbrüchen zu schützen (dieses obliegt normalerweise dem Ordnungsamt. „Außerhalb der Geschäftszeiten“ ist das hier aber nach einer Delegierung durch den HVB die Aufgabe der Beamten im Einsatzdienst). Damit kann der Patient dann – auch gegen seinen Willen – einem Psychologen vorgestellt werden, der seinen Zustand fachlich beurteilt und gegebenenfalls eine andere Unterbringung anstößt. Es musste auf jeden Fall etwas passieren. Wir konnten es nicht darauf ankommen lassen, dass er einem Betreuer ein Messer in den Rücken rammte, weil er vielleicht sein Wunschprogramm nicht schauen durfte.

sog. Ordnungsverfügung

sog. Ordnungsverfügung

Der nachgeforderte Notarzt kam ein paar Minuten später in die Einrichtung, ließ sich von dem Personal und mir „briefen“ und meinte: „Ja, wenn das so ist, dann müssen wir wirklich die Belegschaft vor dem Jungen schützen. Lass mich aber mal vorher mit ihm sprechen.“ Der Gelehrte ging in den Gemeinschaftsraum der WG, in dem der Randalierer jetzt wirklich wie ein Häufchen Elend auf einem Sitzsack kauerte und seine Hände vor dem Gesicht hatte. Genau wie vorher bereits beschrieben: Ist jemand fremdes da, schaltet er um auf „eingeschüchtertes Opfer“. Auf die dritte Nachfrage des Docs hatte er dann trotzdem zugegeben, dass er den Stein auf die Betreuerin geworfen hatte. Und dem anderen Betreuer den Familienlüster durcheinandergewirbelt hatte. Also: Fortgang wie besprochen. Der Arzt schrieb ein Zeugnis, in dem er die Fremdgefährdung bestätigte, ich schrieb die Verfügung, die später von einem Richter abgezeichnet werden musste, und unser „pazifistisches Systemopfer“ ging auf Aufforderung brav zum AOK- Taxi.

Auf dem Weg und später in der Klinik rechnete ich jeden Moment damit, dass seine Stimmung umschlagen und er die friedliche Maske fallen lassen würde. Schließlich geschah hier etwas, was er nicht selbst „angeordnet“ hatte. Das passierte aber nicht: Scheinbar wusste er, dass es keinen Zweck haben würde, den Aufstand zu proben. So unterhielten wir uns vordergründig entspannt darüber, dass er mal Blockflöte lernen musste (das erklärte natürlich einiges… 😉  ) und er früher ein wenig auf dem Klavier seines Bruders klimpern konnte. Dabei erfuhr ich zwischen den Zeilen, dass seinen Eltern das Sorgerecht vom Jugendamt abgenommen wurde (oder hatten sie es abgegeben?), er sie nur noch unter Aufsicht besuchen durfte und von der normalen Schule in eine Kleingruppe versetzt wurde. Hatte aber alles offensichtlich nicht viel gebracht. Immerhin wussten sich die Betreuer seiner Wohngruppe, die gelernt hatten, mit auffälligen Kindern zu arbeiteten, nicht anders zu helfen als uns hinzuzuziehen.

Obwohl der aufnehmende Psychologe unseren Prinzen seit seinem letzten Gastspiel vor über einem Jahr nicht mehr gesehen hatte, konnte er sich trotzdem sofort an ihn erinnern. Ich finde, das sagt schon eine Menge aus.

Warum ich das hier schreibe? Ich bin noch nie einem derart bösartigen Kind begegnet. In den folgenden Tagen stellte ich mir immer wieder mal die Frage, wie es so weit kommen konnte. Und ob es dafür einen Schuldigen gab (denn für einige haben ja immer „die anderen“ Schuld), oder ob er irgendeine Störung in der Bordelektronik hatte, die ihn so berechnend und mit dem klaren Ziel, jemanden zu verletzen, Menschen angreifen lässt.

Ich werde es wohl – wie so oft – nie erfahren.

 

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Über firefox05c

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11 Antworten zu Terror-Kid

  1. WPR_bei_WBS schreibt:

    Holy shit. Chuky ohne Plastikimplantate (ich glaube jetzt auch mal den Betreuern). Das wird vermutlich leider noch ein „Spaß“ , bis er 14 / 18 / 21 ist. Wenn er derart berechnend (und offenbar nicht dumm) ist, wird das mit dem therapieren nämlich schwierig werden. Hoffen wir trotzdem das beste.

    BTW: Warum Diensthandy? Was ist denn mit Funk? Und ich dachte, in A (;-)) hat die FW schon den digitalen, so dass das mit dem Datenschutz (bzgl. ‚verirrter‘ Funkamateure) ja auch kein Problem wäre.

    • firefox05c schreibt:

      Etwas umfangreichere Detailerklärungen laufen besser per Telefon: Der Funk ist nicht blockiert (von der Möglichkeit der Einzelgespräche wird hier kein Gebrauch gemacht), und es ist einfacher, Zwischenfragen zu stellen.

  2. WPR_bei_WBS schreibt:

    P.S.: Guten Rutsch und Danke für den Blog

    WbW aus Z, der gestern noch sowohl in unserer beider Heimat und unserer darauf folgenden zweiten Heimat war :-). Und auf mein Angebot für Deinen pelzigen Kollegen komme ich auch noch zurück, versprochen! 🙂

  3. roerainrunner schreibt:

    Tja… wenn den Eltern das Sorgerecht abgenommen wurde, wird da wohl einiges passiert sein. Wenn das Kind nicht von Anbeginn an liebevoll umsorgt und behütet wurde, ist der einfach völlig falsch geprägt. Und so eine Wohngruppe ohne konkretes Vorbild (in Schicht arbeitende Betreuer zähle ich jetzt nicht als echten „Elternersatz“) werden das auch nicht einfach so wettmachen können, so sehr sie sich auch bemühen. Was man dann mit „so einem“ macht, ist jedoch fraglich…

    • gnaddrig schreibt:

      Wahnsinn. Was muss man mit einem Kind anstellen, damit es so wird und man die Welt vor einem 11-jährigen Steppke schützen muss? Da muss ja gewaltig was schiefgelaufen sein bevor er aus seiner Familie geholt wurde (und seitdem sicher auch einiges). Armer kleiner Kerl und natürlich arme Leute, die an ihn in Hochform geraten sind…

  4. Tirsi FlauschiBauchi schreibt:

    Es ist echt immer wieder erschreckend sowas zu lesen und ich bewundere alle Helfer und sonstige Berufssparten die sich dahingehend freiwillig involvieren lassen (müssen). Als Krankenschwester kenne ich solche Situationen aus allen Altersklassen, aber je jünger und berechnender die Klienten werden, umso mehr schockiert es mich und hinterlässt hilflose Traurigkeit. Wenn dann nur noch Chemiekeulen helfen damit kein Aussenstehender verletzt wird … es ist einfach bitter sowas mitzuerleben :-/

    Ich wünsche dir und deinen Kollegen eine ruhige Silvesternacht und das sich solche Einsätze sehr sehr in Grenzen halten.

  5. May schreibt:

    Bitter. Und wie alle anderen frage ich mich, was kann man tun damit so ein Kind umlernt

    Frohes Neues 🙂

  6. paul schreibt:

    Ich bin mir übrigens nicht so sicher, dass diese Handy-Aufnahme wirklich illegal ist. Natürlich darf er nicht einfach so dauerhaft video-überwacht werden, aber hier gab es in einer konkreten Situation einen konkreten Anlass, das Geschehen aufzunehmen. Zumal der Junge da mit einer versuchten gefährlichen Körperverletzung im Bereich des gehobenen Strafrechts ist, wenn auch nicht strafmündig. Weswegen da eine Dokumentation in meinen Augen problemlos möglich ist.

    • gnaddrig schreibt:

      Klingt plausibel. Zumal wenn die Aufnahme nicht auf Facebook oder Youtube hochgeladen sondern – wie hier – zum Belegen einer Sachlage verwendet wird (bzw. werden soll), die man u.U. nicht so ohne weiteres geglaubt kriegt. Trotzdem gut, dass der Rettungsdienst ohne die Aufnahme auskam.

      • paul schreibt:

        Natürlich hatte ich vorausgesetzt, dass die Aufnahme nicht veröffentlicht wird (zumindest nicht identifizierbar). Sonst ist das natürlich ohne Wenn und Aber nicht zulässig.

  7. Mr. Gaunt schreibt:

    Trauriger Fall. 😦
    Allerdings befürchte ich, dass diese Geschichte eine Fortsetzung haben wird und Du ihn bei einem der nächsten Male mit einem nicht geringfügigen Trauma in ein grösseres Krankenhaus fahren wirst.
    Er ist offenbar ein cleveres Kerlchen und hat fleissig gelernt. Nämlich dass man mit Gewalt weiter kommt und in gewissen Situationen das arme Würstchen spielen muss. Bestimmt weiss er auch, dass man ihm bis 14 nicht fürchterlich viel anhaben kann (danach auch nicht).
    Wenn er nicht zügig umlernen kann, dann gerät er bald mal in der Öffentlichkeit an die falsche Person oder einer der Betreuer/Erzieher wehrt sich kräftiger als ihm gut tut.

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