Leckagebekämpfung und Grobreinigung

rd-minionIch war mit meinem Kollegen Jörg mit dem RTW auf dem Rückweg von einem Einsatz und wir freuten uns auf einen Kaffee auf der Wache, als wir vom Callboy einen neuen Alarm auf unsere Stresselektronik bekamen: „Hausunfall, Blut auf Ohr“ stand darauf zu lesen. „Das ist aber eine seltsame Ausdrucksweise: ‚auf Ohr‘“ , wunderte ich mich laut. „Ob der sich vertippt hat und ‚aus Ohr‚ meint?“ Nun, es würde an unserer Anfahrt nichts ändern. Mein Kollege schaltete die Leuchtreklame ein und wir steuerten die Einsatzadresse an.

Vor Ort betraten wie einen Nachkriegs- Wohnblock und stiegen mit unserem Gerödel in den ersten Stock, wo die Patientin auf uns wartete. Die kleine, zierliche Oma stand in dem engen Wohnungsflur, auf eine Telefonkonsohle gestützt, in einer großen Blutlache. Das Gesicht war blutüberströmt, die antiquierte Haushaltsschürze (wahrscheinlich von Neckermann, späte DDR- Produktion) war so durchtränkt, dass sie glänzte. „Ach, et tut mir so leid! Datt iss so schlimm. Schaunse ma! Allet voller Blut!“, jammerte sie sofort los, als wir uns in den Flur schoben, wobei ich vor der roten Pfütze erst einmal stehen blieb. „Ich bin gestürzt, hörnse, unnu datt!“ Sie war ziemlich aufgelöst. Die übliche Vergewisserung, ob sie es war, die uns gerufen hatte, war obsolet. „Guten Tag. Was ist denn überhaupt passiert?“, fragte ich stattdessen. „Ach, ich wollte aussen Wohnzimmerschrank ne Schürze ziehen. Die liegen aber ganz oben, da komm‘ ich so schlecht bei. Ja, und dann habbich die Ballanze verloren und bin mitte Runkel auffet Bord geschlagen.“ Offensichtlich war sie noch gut orientiert und konnte sich an den Sturz erinnern, was schon mal darauf deutete, dass das Hirn keinen Schaden erlitten hatte. Ich turnte um die Blutlache zu ihr herum, so weit es ging. „Dann bleiben Sie mal stehen, wir machen erst mal das Löchsken zu, damit Sie hier nicht noch alles verteilen. Sieht ja auch nicht aus, wenn das die ganze Zeit so tröppelt…“, wies ich sie an. Sie erzählte aufgeregt weiter: „Wie ich wieder hoch gekommen bin, habe ich ersma beie Pflege angerufen, dattich mir watt getan habe unnu innet Krankenhaus muss. Die sachte dann, ich solle mir die Feuerwehr rufen.“ Ich begutachtete die Platzwunde am Kopf. Sie war etwa 4cm groß und sehr produktiv. „Habbich dann gemacht und gesacht, dattich aussem Ohr blute. Und als ich mich dann inn‘ Spiegel geguckt habe, da habbich gesehn, dattet nich‘ aussem, sondern überm Ohr saftet.“ –  „Gut. Halten Sie mal bitte still. – Jörg, gib mir mal einen Stapel Kompressen und eine Mullbinde“, wies ich den Kollegen an. Oma fuhr fort: „Ich habe meine Tochter dann angerufen und ihr datt so erzählt. Sie sachte dann, ich solle doch lieber nomma beien Notruf Bescheid sagen, dattet nich aussen, sondern nur überm Ohr blutet. Ich hab‘ dann nomma angerufen, also, beie Hundertzwölf. Da habbich dann gesacht, dattet nich‘ aussem, sondern auffet Ohr blutet.“ Aha, dachte ich mir. Dann hat der Telefonmensch den Finger wahrscheinlich schon auf „Alarmierung“ gehabt und nach dem erneuten Anruf nur eben noch kurz das „aus“ in „auf“ geändert.

Ich wickelte ihr einen Turban, wobei ich als Druckpolster noch eine verpackte Mullbinde in meinem Gesamtkunstwerk versteckte. Offensichtlich war Oma damit zunächst einmal dicht. Es ist immer wieder erstaunlich, was für Blutungen mit einem vernünftigen Druckverband zu stoppen sind!  Nachdem sie mir gestanden hatte, dass sie blutverdünnende Mittel zu sich nahm, war auch die Ursache für das Blutbad klar. Somit war es Zeit, mir vor dem Abtransport noch mal den Ort des Geschehens zeigen zu lassen, um vielleicht den Unfallmechanismus besser einschätzen zu können. „Wo ist denn das passiert?“, fragte ich die alte Dame. Sie stieg vorsichtig aus der Blutlache und wackelte ins Wohnzimmer: „Hier annen Schrank. Sehnse, da oben sind de Schürzkes, an die ich wollte. Und dann binnich wohl so hier rüber geschlagen und mittem Kopp auffet Brett hier unten.“ Sie zeigte auf das Schrankboard vor sich. Davor ein paar Bluttropfen und ein verlorener Pantoffel, sonst nichts. „Ich bin dann wieder auf und hab‘ gemerkt, wie et nass anne Runkel wurde. Dann bin ich zum Telefon.“ – Wo sie dann anfing, auszulaufen. „Nun ja, in diesem Zustand müssen wir aber nicht im Krankenhaus auftreten, nicht?“, gab ich zu bedenken. Immerhin würde sie mit ihren durchtränkten Pisselünten nicht nur unser Auto wie eine Metzgerei zurücklassen, sondern auch wie „the walking dead“ in der Notaufnahme die anderen Patienten erschrecken. Auch wollte ich die Wohnung nicht so zurück lassen: Wenn das Blut erst einmal eingetrocknet sein würde, könnte man wahrscheinlich mit dem Spachtel daran gehen. Das Blut war der Dame vom klatschnassen Ärmel über die Telefonkonsole gelaufen, und auch auf dem Boden war eine große, dunkle Pfütze, die schon anfing, zu gerinnen.  Ich buchsierte die Oma vorsichtig über die noch begehbaren Stellen meinem Kollegen zu: „Mach du mal die Patientin im Bad etwas landfein, ich kümmere mich mal um den Schaden hier im Flur“, wies ich ihn an. Jörg nahm die Frau mit Turban in Empfang und verschwand mit ihr im Bad. In der Küche fand ich ein paar Geschirrtücher, mit denen ich anfing, die Sauerei im Flur zu bekämpfen. Zumindest so viel wollte ich entfernen, dass dem Rest mit einem Wischmop Herr zu werden war. Wir wollten ja nicht, dass Oma irgendwann aus dem Krankenhaus zurück kam und sich als erste Amtshandlung beim Putzen so tief bücken musste, dass sie gleich wieder stürzte! Die blutigen Geschirrtücher ließen sich nur ungenügend am Spülbecken der Küche säubern, aber nach einer Weile und einem halben Dutzend Geschirrtüchern hatte ich die Lage im Griff: Der Boden war fast sauber, und auch das Gröbste an der Telefonkonsole war weggewischt. Allerdings musste ich nun zusehen, dass ich das Problem nicht in die Küche verlagerte: Beim notdürftigen Auswaschen der Tücher kamen Unmengen der roten Soße aus den Tüchern und fingen an, die Küchenmöbel zu bespritzen! Ich hielt alles so gut sauber, wie es ging. Dann kam auch Jörg mit der Oma am Arm wieder aus dem Porzellanzimmer: Die Schürze war entsorgt, der Pullover ausgetauscht und Hände und Gesicht notdürftig gesäubert. Ja, so konnte man mit der Dame im Karbolschoppen aufschlagen. Vor der Abfahrt versprach ich ihr noch: „Die flicken das Loch mit ein paar Stichen zu, und in zwei Stunden sind Sie wieder zu hause.“ So gab ich das Mütterchen vorgereinigt und provisorisch abgedichtet in der Notaufnahme ab. Mit einem guten Gewissen, denn ich denke, wir hatten ihr mit der Grobreinigung des Wohnungsflures einen großen Gefallen getan.

Leider stellte sich dann im Krankenhaus heraus, dass sie nicht nur das übliche Aspirin einnahm, sondern auch noch ein weiteres Medikament zur Gerinnungshemmung. Deshalb zerschlug sich mein Versprechen, dass unsere Patientin noch am gleichen Tag entlassen werden würde: Sie musste zur Beobachtung dort bleiben. Nach Aussage des Krankenpflegers war Oma deshalb auch etwas angesäuert auf mich …

 

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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10 Antworten zu Leckagebekämpfung und Grobreinigung

  1. freezweb schreibt:

    du versprichst Patienten was?

  2. roerainrunner schreibt:

    Na, wenigstens is das Blut dann nicht einen Tag festgetrocknet. Fein gemacht 😉

  3. Patrick schreibt:

    „… alles so gelaufen“ – sehr passend 😉

  4. Nobody schreibt:

    Du hast also dafür gesorgt, dass das Blut nicht nur im Flur sondern auch noch in der Küche und dein Kollege im Bad ist? Und für diese zusätzliche Sauerei habt ihr euer Rettungsmittel gebunden?
    In der Zeit hättet ihr euch auch um den tötlichen Schnupfen einer anderen Person kümmern können!

    • WPR_bei_WBS schreibt:

      Mal abgesehen vom menschlichen und das ich Firefox für das Verhalten danken möchte: Den Rettungsbomber nachher wieder Stadtfein zu machen hätte das Ding weitaus länger gebunden.

    • gnaddrig schreibt:

      Der Kärcher war leider auf dem anderen Auto…

    • firefox05c schreibt:

      Zum Rettungsdienst gehört hier und da eben auch etwas mehr „Service“ als nur Pflaster kleben und der Transport ins Krankenhaus. 😉

  5. raqi07 schreibt:

    toller blog, weiter so 🙂

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