Fürsorgepflicht. Fürsorgepflicht?

 

Das Klingelding schreckte uns abends gegen 22.30Uhr auf und verkündete, dass jemand auf der Straße rumoxidieren würde. „Mann, schon wieder ein Besoffener, mit dem man erst diskutiert, ob er ins Krankenhaus will oder nicht, und anschließend von den Schwestern in der ZNA angemacht wird, wieso wir den bringen!“, dachte ich mir. In dieser Sache waren wir echt die Pfeiler der Gesellschaft. Oder besser: Die Vollpfosten …

Als wir mit Blaulicht auf die Einsatzstelle zurollten, sahen wir ein Passantenpärchen neben einem am Boden liegenden Mann in desolater Kleidung warten. „Der kniete eben neben seinem Rollator auf der Wiese, als wir kamen“, empfingen sie uns. Der Mann am Boden, etwa 75 Jahre alt, trug eine Jeans, die mit einem Kopfhöhrerkabel zusammengebunden war, ein verwaschenes Shirt und darüber eine aufgetragene Winterjacke, die viel zu warm für das Sommerwetter war. Wie er nun auf der Seite auf dem Gehweg lag, brabbelte er unverständlich vor sich hin. In einem Stoffbeutel neben ihm steckte eine billige Flasche Schluck.

Wir entließen die Ersthelfer dankend und kümmerten uns um den alten Herren. Auf unsere Fragen brachte er kein geregeltes Wort hervor, er beschränkte sich nun auf ein lautes und immer wiederkehrendes und langgezogenes „Eeeeeels – bett! Eeeeeels – bett!“ – Offensichtlich war sein mentaler Scheinwerfer etwas oxidiert. Da der Mann scheinbar keine Schmerzen hatte oder verletzt war, verfrachteten wir ihn zunächst auf die Trage und dann in die „Red Box“. Auch mein Verdacht, dass der Patient möglicherweise ein cerebrales Energieproblem hatte, wurde durch das Blutzuckermessgerät nicht bestätigt: Zucker im üblichen Bereich.

„Wer sind Sie denn?“, fragte ich, um irgendwelche Informationen über seine Identität oder seinen Zustand zu bekommen. „Lalalalala…“ war die Antwort. Information Identität: 0, Information Zustand: 1. In seinem Kragen fanden wir ein eingenähtes Namensschild. Diese Schilder werden in vielen Heimen in die Kleidung eingenäht, um sie nach der Reinigung wieder richtig zuordnen zu können. Offensichtlich wohnte der Mann also in einem Heim und war abgängig. Sonst fanden wir weder Papiere noch anderes, was seine Identität preisgab. Auf Aufforderung hob der Alte aber seine Arme und blickte mich beim Ansprechen mit dem inwändig gefundenen Namen auch an. Druck, Puls … alles im Normbereich. Nur der „Morbus Mütze“ verhinderte eine sichere Abschätzung, ob auch der Rest wirklich in Ordnung war, weshalb wir ihn mit ins Krankenhaus nahmen.

Dort übergab ich den offensichtlich verwirrten Mann und seinen stark gebrauchten Rollator an die Schwester. „Ich glaube, der ist irgendwo abgehauen. In seiner Kleidung sind Namensschilder eingenäht“, gab ich ihr weiter. Sie schaute unter dem vermutlichen Namen im PC-Patientensystem nach: „Joah … der hier könnte es sein. Wohnt im Johannis- Heim (Anm.: Name natürlich geändert!) . Ich rufe da mal an, ob die einen Bewohner vermissen.“ Schnell wählte sie die Nummer und fragte die Rufannehmende Pflegekraft nach dem Herren. Und die Antwort war kaum zu glauben:

„Ja, der wohnt hier. Keine Ahnung, wann der weg ist. Der verschwindet schon mal für ein paar Tage. Ich glaube, der besucht dann wohl Freunde oder so.“ Opa lag derweil auf der Trage, nahm einen Schluck aus seiner Flasche und chantete weiter „Eeeeeels- bett! Eeeeeels- bett!“ Das Karbolmäuschen war schwer irritiert: „Habt ihr ihn denn schon bei der Polizei als vermisst gemeldet?“ Aus dem Höhrer quäkte es leicht gleichgültig: „Nö. Den Bewohner melden wir da nicht mehr. Die bringen ihn trotzdem oft wieder zurück. Keine Ahnung, wo der sich dann rumtreibt.“ Wir waren entsetzt.

Kam die Pflegerin sich nicht selbst blöd mit ihrer Aussage vor? Der Mann soll ernsthaft auf eigene Faust irgendwelche Freunde besuchen (wir erinnern uns: Die einzig zu verstehenden Worte des Rollator- Piloten mit der kabelgebundenen Hose waren „Eeeeels- bett!“ und „Lalalalala!“), legt sich dann nach Tagen des Verschwindens mit seiner Flasche auf die Straße und wartet darauf, dass die Polizei ihn zurück bringt? Vielleicht bin ich etwas naiv, aber ich finde das nicht sehr schlüssig. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass der Herr es zwar noch irgendwie schafft, abzuhauen und sich vom Taschengeld etwas Pennerglück zu kaufen, aber dann nicht mehr nach Hause findet, weil er womöglich dement ist. Das Heim geht dabei in sehr bedenklicher Weise mit ihrer Aufsichts- und Bertreuungspflicht um, wenn es so etwas duldet: Auch, wenn der Patient noch in der Lage sein sollte, sich eine Flasche aus dem Supermarktregal zu pflücken und sich an einer Kasse anzustellen, halte ich ihn nicht automatisch auch für voll Entscheidungs- und Geschäftsfähig. „Eeeeels- bett!“, verstehsse?

Da der alte Mann medizinisch gesehen nichts für das Krankenhaus war, bekamen wir einen Transportschein ausgestellt, um ihn dem Heim zuführen zu können. Rettungstransport und Taxifahrt für zusammen 350€ auf Kassenkosten, weil die Pflege scheinbar überfordert ist. Mir ist klar, dass es nicht möglich ist, bei Abwesenheit eines Patienten sofort einen 11- Köpfigen Suchtrupp zu Pferd zusammenzustellen. Gerade nachts sind die Heime chronisch und geplant unterbesetzt. Aber ein Anruf bei der Polizei, um den Abgängigen, der nun irgendwo im Stadtgebiet herumirrt, zu melden, sollte doch drin sein, oder? Und solche Geschichten wie „Der besucht irgendwelche Freunde…“ kann man sich doch echt sparen!

Als wir mit dem Herren am Heim ankamen, meinte mein Kollege: „Man sollte denen vielleicht sagen, dass das so wahrschinlich nicht rechtens ist.“ Worauf ich brummelte: „… wenn ich mich dazu zusammenreißen kann. Sonst erzähle ich da noch etwas ganz anderes, und morgen bekommen wir einen Termin bei der Beschwerdestelle.“ So übernahm mein Kollege den Hinweis, dass die aufgetischte Geschichte nicht so glücklich ausgedacht war, als eine Pflegerin uns strahlend mit den Worten begrüßte: „Ach, da isser ja, der Herr xxx! Wir haben Sie schon vermisst!“ – Ich hätte kotzen können. „Sorry“, meinte sie zu den Bemerkungen meines Spannmannes nur. „Ich war nicht am Telefon. Jaja, ich werde es der Kollegin ausrichten.“

Lebensabend. Oft nicht so sonnig.

Auf dem Rückweg meinte ich betroffen und nachdenklich: „Also, wenn DAS auch meine Zukunft ist, will ich nicht alt werden. Wie kann ein Mensch den Betreuenden so egal sein? Die hätten doch wenigstens bei der Polizei bescheid sagen können, damit die wissen, wen sie womöglich tot aus der Ruhr fischen!“ Aber es war ja nicht das erste Mal, dass ich in die Abgründe der Gesellschaft blicken durfte. Und nun, da ich ordentlich gekotzt habe, bekomme ich auch langsam wieder Huger.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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16 Antworten zu Fürsorgepflicht. Fürsorgepflicht?

  1. Thomas Kuhn schreibt:

    Recht haste. Mahlzeit!

  2. sst89 schreibt:

    Es ist echt traurig was in manche Altenheime abgeht. Es gibt Heime, die Regelmäßg angefahren werden, wo man denkt: „So sehr kann man seine Angehörigen doch nicht hassen, dass man die da in dieses Heim steckt“.

    Und solche schlechten Heime bringen die guten Heime wieder mit in den Verruf…

    • roerainrunner schreibt:

      Vermutlich reicht für etwas besseres die Kohle der Angehörigen nicht aus 😦

    • A.F. schreibt:

      Wir haben erst vor kurzem meine Oma ins Heim bringen müssen, da alle drei Kinder und alle 4 Enkel zu weit weg zum Selberpflegen wohnen bzw. ein Kind mit Frau schon des Fraus Mutter pflegt. da haben wir dann natürlich ein Heim gesucht aber dabei gibt es auch mehr Probleme als man denkt. Erstens muss man Oma vll erst mal überzeugen das es in der Wohnung, die sie kaum noch alleine verlassen, geschweige denn (trotz Haushaltshilfe) sauber halten kann und anderen Problemen vll doch in ein Heim sollte. Nach dem das geklärt wurde kommen noch einige anderen Probleme dazu.
      Die da wären:
      1. Beim normalen anschauen sehen alle Heime mehr oder weniger gleich gut oder schlecht aus, außer man weiß ganz genau wonach man schauen muss. Da hatten wir Glück, meine Mama ist mit einem Altenpfleger verheiratet, so dass wir zumindest schon mal das gröbste umschiffen konnten.
      2. Heim finden wo sich Oma wohlfühlt und am besten schon Leute kennt, um den Übergang einfacher zu gestalten.
      3. Überhaupt einen Heimplatz bekommen, trotz der vielen die hier neu gebaut werden haben die teilweise echt lange Wartelisten bzw. gar keine freien Plätze.
      4.Haufen teilweise widersprüchliche Siegel die Qualität vorspiegeln aber im ende nicht viel Aussagekraft haben. Selbst das vom MD sagt nicht viel, da unterscheiden sich selbst gute von schlechten Heimen kaum bis gar nicht.
      Und sicherlich noch einiges andere, was ich nicht mit bekommen oder wieder vergessen habe.
      Am Ende haben wir ein gutes Heim gefunden und Oma ist sogar etwas aufgeblüht und scheint wieder mehr Freude am Leben zu haben. Aber das war wirklich nicht einfach und wir haben sicherlich noch Glück da Oma eine sehr große eigene und Witwen Rente hat, so das Geld kein zu großes Problem war.

  3. BRC_MEDIC schreibt:

    Ist das wirklich so einfach da rauszukommen? Bei den ganzen Pflegeheimen die mir hier[TM] untergekommen sind, war ich das ich rausgekommen bin, ganz zu schweigen von „Insassen“.
    Trotz alle dem sollte doch genug Fürsorge getroffen werden, sollte einer „abhanden kommen“. Wenn man so abstumpft sollte man sich fragen ob der richtige Beruf ist.

    • firefox05c schreibt:

      Wenn wir keine „Altengefängnisse“ wollen, wird es immer vorkommen, dass auch demente Bewohner das Heim verlassen können. Ich habe auch kein Problem damit, dass es womöglich erst Stunden später bemerkt wird. Heime sind eben keine Gefängnisse mit lückenloser Überwachung. Meine Kritik bezieht sich auf den Umgang damit, wenn bemerkt wird, dass jemand abgängig ist.

      • BRC_MEDIC schreibt:

        Wobei ich Dir recht gebe.
        Der Grund warum die hier so „verrammelt“ sind, sind die Demenzkranken – aber das scheint eher eine Landessitte zu sein. Die „Aufsichtsbehörde“ a.k.a. CQC hat das bisher nicht beanstandet; im Gegenteil, viele solcher Heime haben gute Beurteilungen.

  4. WPR_bei_WBS schreibt:

    Echt unglaublich. Vielleicht sollte man dieses Heim mal irgendwo melden? Krankenkasse, Heimaufsicht, Staatsanwaltschaft, …?

    • Lisa schreibt:

      Das wird nicht viel bringen, denn dann müssten sich die zuständigen Stellen ja eingestehen, dass eine Pflegekraft sich nachts nicht um 60 Bewohner kümmern kann. Und das wiederum hätte ja zur Folge, dass man daraus Konsequenzen ziehen und den Pflegeschlüssel erhöhen müsste.
      Nachteile wird es nur für die betreffenden Pflegekräfte haben und wer sorgt schon gerne für seine eigene Entlassung?
      P.S.: Das soll nicht heißen, dass ich dieses Verhalten richtig finde!

  5. roerainrunner schreibt:

    Tja, demente Bewohner flüchten nunmal gern. Aber der muss ja auch irgendwo zur Tür rausgehen. Gibt’s denn da keinen zentralen Empfang, dem es komisch vorkommt, wenn Opi mit dem Rollatörchen davonwackelt? Mhhh 😦

  6. onyx schreibt:

    Krasse Story.
    Also ich werde immer nervös und setze alle hausinternen Hebel in Bewegung wenn ich einen Bewohner mit einer bekannten Weglauftendenz 30 Minuten nicht gesehen habe und ich ihn nirgends suf der Station finde. Sprich, ne Hausdurchsage, damit alle im Haus mitkriegen dass jemand vermisst wird. Außerdem habe ich die Pflicht, nach 2 Stunden die Polizei zu informieren.

    Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich dachte immer, Vorschriften und Gesetze sind nicht nur dazu da, sie zu ignorieren….

    • bloggergramm schreibt:

      Solange man damit Geld sparen kann, wird ignoriert, was ignoriert werden kann. Wie, alle ausgebildeten Pflegekräft haben die zuviele Überstunden? Dann macht halt der Praktikant die nächsten Nachtwachen. Muss er ja auch mal kennenlernen….

  7. WPR_bei_WBS schreibt:

    Also das mit dem nicht vorhandenen Empfang scheint mittlerweile wohl (leider) normal und aktzeptiert zu sein, Ich tippe auf Kostendruck. Aus früheren Jahren zu Kindheitstagen kenne ich das aus diversen Altenheimen (der Großteil davon in in der Wirkungsgemeinde von Firefox) auch so, dass da immer jemand saß und so schon mal einem Großteil (natürlich nicht alle, es gab ja auch sonst noch was zu tun und ein Altenheim ist kein Knast) der „Wanderer“ das GPS wieder justieren konnte. Was auch den Vorteil hatte, dass ungebetene Besucher es nicht so einfach hatten.

    Die heutige Erfahrung aufgrund diverser Besuche in Altenheimen zeigt mir allerdings, dass es das wohl so nicht mehr gibt (im Gegensatz zu den Erfahrungen meiner Kindheit, die da ziemlich breit waren, erhebe ich in Firefox’s Gemeinde jetzt aber keinen Anspruch auf statistische Repräsentativität), sondern die Türen auf sind und man einfach so reinmaschieren kann.

    • bloggergramm schreibt:

      Jap, Empfang kostet Geld und bringt keinen Mehrwert (für den Betreiber). Daher praktisch flächendecken nicht mehr vorhanden… Das gleiche gilt für einen angemessenen Personalschlüssel oder wirklich individuelle Betreuung…. Wehe dem, der alt wird….

  8. sakasiru schreibt:

    Ich finde nicht nur bedenklich, dass sein Verlust nicht gemeldet wurde, sondern auch dass man ihn so gekleidet herumlaufen ließ. Kabel als Gürtel? Zerfetzte Winterjacke im Sommer? Kann man da nichtmal den Angehörigen mitteilen, dass die ihm ein paar neue Sachen besorgen sollen?

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