Nur Bekloppte …

Es gibt Schichten, in denen man wirklich mit seinen rettungsdienstlichen Fähigkeiten gefordert wird.

Und dann gibt es die anderen Schichten, in denen wir alles sind – nur kein Rettungsdienst.

Kindertaxi

Die Schicht auf der Rett-Box fing recht geruhsam an: Wir konnten in den ersten zwei Stunden in aller Ruhe das Auto checken und putzen, und es war sogar noch Zeit für einen dreiviertel Becher Beamtensprit (Kaffee. Ohne den läuft der Motor nicht.) Doch dann wurden wir durch unsere Callboys zum ersten dramatischen Einsatz geschickt: Ein Jugendheim rief um Hilfe. „Psych. NF, W, 13 Jahre“ war unter anderem auf dem Alarmschreiben zu lesen, was wohl heißen sollte, dass ein Mädchen am Rad drehte. Und so war es auch: Als wir wenig später am Heim eintrafen, wurden wir von einer Betreuerin zum Heimbüro geführt. „Michaela hat sich mit ihrem Vater am Telefon gestritten, und dann hat sie angedroht, aus dem Fenster zu springen. Eine Betreuerin wurde von ihr gezielt getreten, und als ihre Mutter hier eintraf, hat Michaela sie ebenfalls beschimpft und angegriffen. Zudem ist sie auch noch alle Nase lang abgängig, so dass sie für uns unberechenbar ist“, beschrieb die Pädagogin die Situation. „Sie ist im Moment nicht mehr führbar.“  Im Büro stand mit verschränkten Armen bockig unsere Patientin und herrschte ihre Mutter an: „Nein! Ihr könnt mich mal. Ich gehe nirgendwo hin!“ Die davor stehende Erzeugerin redete ruhig mit Engelszungen auf sie ein, dass das Mädchen nun, nach ihrem angedrohten Suizid, nicht einfach im Heim bleiben könne, sie zunächst von einem Psychologen eingeschätzt und unter Umständen „wieder eingefangen“ werden müsse. Das Mädel war natürlich wenig begeistert.

Die recht einseitige Diskussion ging ein wenig weiter, bis mein Kollege und ich den Kaffee auf hatten: „Gehen Sie mal bitte einen Moment vor die Tür“, forderte ich die Mutter auf. Als wir mit dem Böckchen alleine im Büro waren, klärte ich sie auf: „Wir können dich nicht einschätzen, weil wir dich nicht kennen, und werden dich nach deinen Drohungen und deinem Verhalten nicht einfach hier lassen können. Es gibt also genau zwei Möglichkeiten: Entweder, du kommst freiwillig und gesittet mit uns zum Auto, oder wir werden dich zeternd und schreiend an deinen Freundinnen vorbeitragen. Ich glaube nicht, dass du das brauchst.“ Sie bockte immer noch: „Ich komme auf keinen Fall mit!“ Erst, als ich sie fragte, ob sie sich ernsthaft mit uns körperlich anlegen wollte, schien ihr zu dämmern, dass ich keine Witze machte. Nachdem mein Kollege sie dann bestimmt am Arm fasste und meinte: „So, du kommst nun mit. Und ich werde dich nicht los lassen, damit du gleich nicht die Treppe herunter fällst. Fertig“ , ließ sie sich widerwillig zum Auto führen. Die Fahrt verlief reibungslos – außer, dass sie kein einziges Wort sagte, so sehr ich mich auch bemühte, die Lage wieder etwas zu entspannen.  In der Klinik angekommen, stand sie wieder mit verschränkten Armen auf dem Hof, bis sie im „Polizeigriff“ von vier Betreuerinnen der Station abgeführt wurde. Nach kaum 90 Minuten war der Einsatz dann auch gegessen…

Nicht ganz in der Unterkunft, bekamen wir einen Krankentransport in die Urologie, der ohne besondere Vorkommnisse abgearbeitet werden konnte. Ruhe bekamen wir danach aber nicht.

Weckdienst, die Erste

„Bewußtlose Person am Busbahnhof. Mit Notarzt“, stand auf den vibrierenden Meldern. Wir düsten also „mit Blau“ los, die Fahrt war nicht sehr weit. Nach etwa fünf Minuten standen wir dann vor der „bewußtlosen Person“, um die sich zwei, drei besorgte Passanten geschart hatten: Ein Obdachloser war ob des fortschreitenden Alkoholkonsumes und dem unseren Staat heizenden Zentralgestirns hinter seinem Bettelbecher weggeschwächelt. Tief atmend schlief er den Schlaf des Unschuldigen, seine letzte Kanne Billigbrand noch im Arm. „Hallo! Morgen, Rettungsdienst! Hören Sie mich?“, rief ich ihn an. Auf Rütteln an der Schulter wollte der Mensch nicht so recht reagieren, aber die „Eskalationsstufe 2“ brachte wieder Leben in seine Glieder: Mit den Fingerknöcheln rieb der Kollege fies auf dem Brustbein des Bedröhnten herum, bis dieser die Augen zunächst zusammenkniff, dann mit viel Arbeit auf Halbmast öffnete: „Halloooo! Mal aufwachen! Jemand da?“  „Brrrmmmmmäääääääääääää!“, kam es aus seinem verzogenen Mund. „Na bitte, da isser ja“, quittierte ich. Dieses Reiben ist zwar ungefährlich, aber sehr unangenehm. „Könnse sich mal aufsetzen?“ Der Angesprochene kämpfte sich hoch und saß nun aufrecht vor uns. Nach einigen Fragen, ob er wüsste, wo er wäre, ob er Schmerzen oder andere Beschwerden hätte, und dem guten Tipp, sich zum Schlafen vielleicht ordentlich auf eine Bank zu legen, damit „die Leute sich keine Sorgen machen“ würden, bestellten wir den noch nicht eingetroffenen Notarzt über Funk ab und verließen die Szene. So oder ähnlich laufen immer wieder Einsätze mit Betrunkenen ab. Die Bevölkerung erträgt es nicht, wenn ein Obdachloser einfach ein wenig in der Öffentlichkeit schlafen will. Es ist dem Betroffenen aber nicht im geringsten geholfen, wenn wir ihn in eine Notaufnahme karren, er dort eine Stunde schläft und sich dann schimpfend selbst wieder entlässt, um an der nächsten Bude das nächste Zündhütchen reinzuschrauben, um „ordentlich schlafen zu können“.

Es folgte kurz nach dem Eintreffen auf der Wache eine Alarmierung zu einem weiteren Krankentransport aus einem Altenheim. Während der Fahrt hörten wir über Funk, dass bereits der nächste Rettungswagen in unserem Gebiet eingesetzt wurde: Busbahnhof. Weckdienst für den gleichen Obdachlosen wie oben, wie sich kurz darauf herausstellte. Er hatte wohl kein Bock, seinen Schlafplatz zu wechseln.

Weckdienst, die Zweite

Es folgte wenige Minuten, nachdem wir nach dem Transport wieder auf der Wache waren, der nächste Alarm: „Mit Notarzt: Bew. Person im Hauseingang“ wurde gemeldet. Also wieder aufs Auto springen, zur angegebenen Adresse fahren, das Elend schauen: In einem Windfang lag zusammengekauert eine ungepflegte Enddreißigerin mit Undercut- Frisur, leichtem Sommertop und ohne Schuhe. Auch diese Dame mussten wir mit einem Schmerzreiz auf dem Sternum zunächst einschalten. „Wer sind Sie denn?“, fragte ich, nachdem ich ihr angedroht hatte, nicht locker zu lassen, bis sie mich anschaut. „Schbinn die Rosa. Undu?“, kam zurück. Gut, auch hier schien Alkohol eine gewisse Rolle zu spielen. Außerdem hatten wir uns scheinbar auf das „Du“ einigen können. „Ich bin Henrik von der Feuerwehr“, meinte ich. „Hast du irgendwelche Verletzungen? Tut was weh? Oder ist dir schlecht?“ Sie sortierte zunächst sich selbst, dann einen Kuli in der Hand: „Moment… schreibe das auf…“, lallte sie, und kritzelte ein paar Hieroglyphen auf ihren Unterarm, die sie vermutlich nicht einmal selbst als „Buchstaben“ bezeichnen würde. Ich fragte nochmals nach ihrem Befinden. „Nö, aaas klaa“, antwortete sie. „Wo wohnst du denn?“, fragte ich weiter, um ihren Zustand abzuchecken. „Na, hier!“, kam zurück. In dem Moment ging die Tür auf und ein Mann verließ das Haus. „Tach. Kennen Sie die Dame?“, ergriff ich die Gelegenheit. „Nö. Nie gesehen“, meinte er kurz. Ich sprach Rosa wieder an: „Hömma, hier wohnst du aber nicht.“ Sie wurde verlegen: „Jaaa … schapp immument keine Wohnung, aba gemeldet binnich in Zentrum …“ Ich erlöste sie: „Schon gut. Ich will ja nur wissen, wie klar du bist. – Wo sind denn deine Schuhe?“ – „Brauchich nich. ßu teuer.“ – „Wenn du mir jetzt auch noch zeigst, dass du laufen kannst, musst du nicht mit ins Krankenhaus“, forderte ich sie auf. Rosa stand auf, wankte etwas den Weg entlang, hob einen Kassenbon von der Straße auf, schaute etwas belämmert zurück, und setzte ihren Weg fort. Wir schauten eine Weile hinterher, doch sie schien ihren Weg zu finden. Einsatz Ende.

Weckdienst, die Dritte

Etwa eine halbe Stunde auf der Wache zurück (wieso fahren wir da überhaupt noch hin?), klingelte es erneut an der Gürtelelektronik: „HP an Haltestelle. Drogen?“, wurde uns geschickt. An der Busbox, die wiederum nur einige Fahrminuten entfernt war, saß Rosa zusammengesunken auf der Haltestellenbank. Davor ein uns bekannter Krankenpfleger aus der Notaufnahme. „Hallo!“, begrüßte er uns grinsend. „Dieses mal habe ich zur Abwechslung mal euch gerufen. – Das Mädel ist kaum aufweckbar und hat eben schon versucht, nach mir zu schlagen. Ich glaube, die hat irgendwas genommen.“ Ich sparte es mir, ihn daran zu erinnern, wie er reagierte, wenn wir Betrunkene von der Straße in „seine“ Notaufnahme brachten („Maaaann! Der schon wieder! Was soll ich denn damit?“) , und meinte stattdessen nur: „Ach, die Rosa … ja, der sind wir eben schon mal begegnet.“ Wir weckten sie (komisch, nach uns schlug sie nicht…), und sprachen kurz mit ihr. Der Zustand hatte sich nicht geändert. „Schau mal“, hub ich abschließend an. „Da drüben ist eine Parkbank. Schön im Schatten, da knallt dir die Sonne nicht so auf die Birne. Und wenn du dich da ordentlich drauf legst, kannst du auch in Ruhe ein Stündchen schlafen. Geht das in Ordnung?“ Wir brachten Rosa noch sicher über die Straße und schauten ihr hinterher, wie sie wiederum ein paar Schritte ging, sich gelangweilt umschaute, wieder ein paar Schritte ging … „Ich glaube, die hat schon wieder vergessen, dass sie sich auf die Bank legen sollte“, meinte mein Flügelmann, als wir uns wieder in den Pflasterlaster setzten.

Sündenbock

Als wir wieder auf der Wache waren, erzählten uns die Kollegen, dass zwischenzeitlich eine seltsame Frau mit gelockten Haaren und dunklem Oberteil angeklingelt hätte. Als sie über die Türsprecheinrichtung angesprochen wurde, fing sie an zu schimpfen: Die Kollegen seien alles Arschlöcher und Drecksäue, und im Übrigen würde sie uns alle anzeigen. Der Kollege wollte das natürlich näher hinterfragen, aber als er an der Eingangstür war, sah er die wütende Dame nur noch von hinten. Keiner konnte sich erklären, wo ihr Problem lag.  Alle bekloppt heute …

mobile soziale Beratung

Es folgten in loser Reihenfolge ein Patient mit Luftnot, der nicht einsehen wollte, dass er Luftnot hatte, und ein Alkoholiker, der vor uns und seinen Eltern in den Kellerabfluss pinkelte, während ich seinen entsetzten Eltern riet, sich beraten zu lassen, wie sie eine Therapie begleiten bzw. seine Sucht verkraften könnten. Hierzu musste ich ihnen zunächst klar machen, dass der Sohn kein Hirnbluten oder einen Schlaganfall hatte, sondern einfach aufgrund des Alkoholpegels nicht mehr in der Lage war, seine Füße zu koordinieren, und dass er demnächst wohl öfter in bepisstem Schlüpper vor ihnen stehen würde. Immerhin hatte der Sohn schon vom Hausarzt einen Termin in der Nasenbleiche besorgen können, so dass mir nicht viel mehr blieb, als den Eltern die Symptome von Alkoholismus zu erklären und zwei Telefonnummern von Suchtberatungsstellen (auch Unterstützung für Angehörige) zu geben, die ich für solche Fälle in meinen Streichelklotz eingespeichert habe.

Krisenintervention

Mittlerweile war es fast ein Uhr, als wir eine hysterische Blondine, die zu Hause im Kreise ihrer Familie zeterte, heulte und schrie, wieder einigermaßen mental einfangen mussten. „Körperverletzung, Polizei kommt auch“, lautete unsere Information hierzu. In der betreffenden Sozialwohnung standen neben zwei Polizisten auch verschiedene Menschen herum, die wir nach und nach als Mutter, zwei Schwestern, eine Freundin und zwei Nachbarn sowie einem gewaltigen Bruder identifizieren konnten. Einer der Ordnungshüter schaute uns etwas ratlos an: „Keine Ahnung, wir konnten noch nichts rausfinden. Aber die auf Toilette blutet.“ Auf der Toilette saß eine Frau Anfang zwanzig, die so heulte und schluchzte, dass man kein einziges Wort verstehen konnte. Zudem hatte sie neben etwa einem Pfund Altmetall auch Blut an den Lippen. Erst, als ich alle Anwesenden des Badezimmers verwies und die Tür schloss, nahm sie mich erstmals wirklich wahr. „Was ist denn überhaupt los?“, versuchte ich etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Sie heulte los, etwa in der Art von einem verwaschenen: „Hammanja husstabaaahr naahhhaahahahaaaa!“ , und schlug wieder die Hände vors Gesicht. Der Informationsgehalt war jedenfalls überschaubar. Mit „Mitgefühl“ und „anflauschen“ hatte es die Freundin schon versucht, also sprach ich sie barsch an: „Mädchen, jetzt komm mal wieder runter! Ich kann ja kein Wort verstehen. Hände vom Gesicht, und dann sagst du mir, was los ist.“ Sie faselte von Ärger mit irgendeinem Cousin, von jemandem, den sie gebissen hat, weil er ihren Hund gebissen hätte, von ihrem Bruder, der sowieso blöd ist … Für mich stand nun fest: Hier war keine Aufklärung zu erwarten.

Also verließ ich das Bad und befragte im Flur zusammen mit der Polizei die anderen Anwesenden. Dort kam heraus: Die Dame litt unter sporadischen Panikattacken. So scheinbar auch heute. Jedenfalls rief ein Nachbar bei der Familie an: „Hömma, die Jenny liegt draußen inne Rabatten, hat obenrum blank gezogen, und heult. Soll datt so?“ Ihr Bruder ging also vors Haus, schulterte seine Schwester, und beim Tragen durchs Treppenhaus schürfte sie sich wohl den Ellenbogen auf. In der Wohnung rastete sie kurz aus und wollte anscheinend auf die Mutter losgehen. „Da habe ich ihr eine geklatscht. Das darf ich, ich bin die Mutter“, beschrieb die etwas adipöse Dame im verwaschenen Nachthemd die Handlung mit einem Brustton der Überzeugung. Für mich war es nun naheliegend, dass sich die Tochter dabei die Lippe an einem ihrer zahlreichen Piercings verletzt haben musste. Kein Überfall, kein Sturz, nichts für die Polizei. Nun sprach ich eine der Schwestern an, die mir noch am ruhigsten erschien: „Die Frage ist: Wenn diese Ausraster bekannt sind, beruhigt sie sich dann auch erfahrungsgemäß wieder, oder müssen wir sie mitnehmen?“ Die Schwester, kaum leichter als die Mutterknolle, versicherte mir im resoluten Ton, dass sie die Hysterische wohl wieder in den Griff bekäme, und machte sich auch sofort an die Arbeit: Schwester holte Blondie aus dem Bad, schubste sie sanft, aber bestimmt in ihr Zimmer und schloss die Tür. Dann gab es eine laute und deutliche Ansprache, woraufhin das Heulen und Jammern zügig nachließen. Meine Vermutung war also richtig: Das „Eieiei!“ der Freundin verstärkte nur ihr Heulen. Wir konnten also alle wieder gehen, nachdem die Familie geordnet war und die immer noch interessiert in der Wohnung stehenden Nachbarn herauskomplimentiert wurden.

Auf der Rückfahrt sinnierten mein Spannmann und ich über den Tag: drei mal Weckdienst, ein paar Taxifahrten, zwei, nein: mit der Klingelfee gleich drei durchgeknallte Mädels … heute musste irgendetwas in der Luft liegen. Und das wurde uns auch sofort wieder bestätigt:

Sündenbock, die Zweite

Es war schon fast zwei Uhr nachts. Die Straße war schlecht beleuchtet, und auf dem Gehweg entdeckten wir eine Frauengestalt, die uns entgegen schlenderte. Als sie uns sah, drehte sie sich plötzlich um, zog die Trainingshose herunter – und der Mond ging auf! Entgeistert schaute der Kollege zu mir herüber: „Ey, die hat uns gerade den Arsch gezeigt! Das ist doch jetzt nicht wahr! – Kennt die dich?“ Ich beugte mich nach vorn, um im Rückspiegel etwas zu erkennen: „Yo … zieht sich gerade die Hose wieder hoch und schaut uns nach! Dunkle Locken, dunkles Oberteil … hatte der Kollege da nicht etwas erzählt?“ Zum Lachen waren wir mittlerweile zu verstört. „Meinst du, die ist das?“, fragte mein Kumpel. „Soll ich umdrehen, und wir schauen nach?“ Ich winkte ab: „Lass mal. Wenn sie das wirklich ist und wir dort anhalten, eskaliert die Irre womöglich.“  Wir fuhren nur noch kopfschüttelnd weiter und verstanden die Welt nicht mehr.

Weckdienst, die Vierte

Dann ging auch schon wieder der Rappelkasten los. „HP auf Straße, Polizei vor Ort“, kündigte sich dort an. Etwa drei Minuten später waren wir mit zuckenden Blaulichtern über die leeren Straßen an den Einsatzort gelangt. Hinter einer Reihe am Straßenrand geparkter Autos standen zwei Männer und eine Frau in Uniform und erwarteten uns. Als wir ausstiegen, deuteten sie zwischen sich auf den Gehweg, wo wir nun einen Frauenkörper erkennen konnten: „Nabend. Die kriegen wir nicht wach. Und wenn doch, grunzt sie nur“, erklärte einer der Beamten. „Voll?“, fragte ich kurz. „Jupp. Wie eine Strandhaubitze“, bekam ich zur Antwort. Der zweite Sheriff verkündete: „Aber Musikgeschmack hat sie!“ Ich erkannte im Dunkeln auf dem Shirt, welches die Patientin trug, die Konzertdaten einer „Metallica“- Tour. „Naja, aber nicht meinen“, gab ich zurück. Mein Kollege zauberte mit seinen Knöcheln wieder etwas Leben in die Dame, die aber sofort wieder abschaltete, als er aufhörte, sie zu ärgern. „Okay, dann bringen wir sie mal ins Krankenhaus“, seufzte ich, und holte die Trage aus unserem Bomber. Schnell war die Betrunkene darauf verstaut und ins Auto geschoben. „Hat sie irgendwelche Personalien dabei?“, fragte ich noch. „Nö, wir haben nur einen Schlüssel gefunden. Keine Papiere.“ Na klasse, nun konnte ich sehen, wie ich ein klares Wort aus ihr heraus bekam, um wenigstens ihren Namen zu erfahren. Inständig hoffte ich, dass sie keine polnischen oder serbokroatischen Vorfahren hatte. Doch als wir losfuhren, hatte sich das mit dem Namen erst einmal erledigt: Sie übte sich nämlich im Beschimpfen, ohne überhaupt die Augen zu öffnen: „Ihr Pissgesichter! Leckt mich! Ihr seid alle totale Versager! Ihr kriegt doch nix auf die Reihe!“, fluchte sie. Ich war genervt: „Glaubst du nicht, dass du hier die Szene verwechselst? Immerhin haben WIR gerade DICH besoffen von der Straße gepflückt!“, hielt ich dagegen. Sie schien etwas irritiert, denn die Flucherei stockte einen Moment. Dann drehte sie sich interessiert um, um zu sehen, dass ich eher gelangweilt als beeindruckt von ihrer wüsten Beschimpfung dasaß. Das Geschimpfe beschränkte sich danach nicht mehr auf ALLE Männer, sondern nur noch auf ihren Vater und ihren Ex.

Im Krankenhaus rollten wir sie mit Trage in die Notaufnahme. Noch während ich der Schwester erzählte, was passiert war, wollte die Patientin von der Trage steigen. Mein Kollege konnte sie noch zurückhalten: „Warte! Die Trage ist verdammt hoch. Bleib da mal drauf!“, was sie mit „Muss ma‘ pissen…“ konterte. Wir setzten die Trage also etwas herunter, die Schwester half ihr auf die Beine und zog mit der schwankenden Schnapsdrossel zur Toilette. Zwei Minuten später kam die Schwester grinsend zurück. Alleine. „Du glaubst es nicht“, feixte sie. „Die Toilettentür flog auf, und sie ist an mir vorbeigerannt! Bis zum Eingang habe ich sie verfolgt. Die ist abgehauen.“ Mein Spannmann und ich seufzten nur. Eine weitere Verrückte in dieser Schicht. Erst beschimpft werden, und nun noch nicht einmal Patientendaten, um den Transport protokollieren zu können! Aber wir waren ja mittlerweile Kummer gewöhnt.

Bastelstunde für den Pflegedienst

Um kurz nach drei waren wir wieder auf der Wache. Bis morgens um 7 hatten wir etwas Ruhe. Wir fuhren dann eine alte Dame mit junger Kopfplatzwunde in die Klinik und einen Altenheimbewohner mit Übelkeit hinterher. Später sollten wir einen Herren in eine Klinik bringen, weil sein Katheter undicht war bzw. eine Steckverbindung in der Leitung immer auseinander fiel. Wir bastelten dann aber doch lieber vor Ort einen Adapter für den Sekretbeutel, damit der Herr für das Versäumnis des Krankenhauses, ihm auch den passenden Beutel für seinen Sekretkatheter mitzugeben, nicht wieder in selbiges zurück musste. Statt einer Rechnung für einen Krankentransport gab es „auf dem kurzen Dienstweg“ also ein Stück Plastikschlauch aus dem Verbrauchsmaterial. Man hilft ja, wo man kann.

Weckdienst, die Fünfte

Dann kam wieder eine etwas merkwürdige Alarmierung: „Krankentransport, Bushaltestelle Klausstraße, Bus 133 kommt“. „Hömma, wir sollen auf einen Bus warten“, wunderte sich der Kollege. Ich schüttelte mal wieder den Kopf. Nach den letzten Stunden konnte mich kaum noch etwas schocken. An der Bushaltestelle, wo wor wenig später eintrafen, war noch nichts von dem Massentransporter zu sehen. Also warteten wir. Nach einigen Minuten stieg ich aus und schaute auf den Plan: „Der 133er kommt in etwa zwei Minuten“, verkündete ich daraufhin. Mein Flügelmann brummelte nur: „… wenn er pünktlich ist …“

War er. Der Fahrer öffnete die Türen, stieg aus und schickte uns nach hinten: „Geht da mal inne hintere Tür, da sitzt sie.“ Wir enterten den Bus – und wer saß dort, zusammengesunken auf der Behindertenbank, mit heruntergerutschtem Träger und entblößter Brust? „Morgen, Rosa! Aufwachen, du bist wieder angekommen!“, rief der Kollege. Ich schüttelte sie etwas an der Schulter: „Aufwachen! – Und zieh dir dein Top mal ordentlich an, da hängt ja alles raus.“ Rosa wurde wach, schaute sich etwas verwirrt um: „Watt iss?“ – „Du bist wieder in deinem Revier. Musst hier aussteigen“, orientierte ich sie. Rosa stand auf und wurde vom Kollegen am Arm gestützt, während ich ihr heruntergefallenes Kleingeld aufsammelte: „Hier, deine Kohle. Nicht, dass du sie noch vergisst.“ Sie forderte mich auf: „Und der Prospekt, der dort liegt! Der ist ganz wichtig!“, und deutete auf eine zerknüllte Werbung von Conrad. „Echt jetzt?“, fragte ich, während ich ihn aus dem Fußraum vor der Sitzbank fischte. Ich vergaß: Rosa hat es mit Zetteln … „Ja, den brauche ich dringend. Und den Becher noch! Den musst du mir auch geben!“ Ich blickte wieder zu Boden und entdeckte ein Plastikbecherchen, in dem die Pizza- Onkels ihre Kräuterbutter liefern. „Da ist doch nix mehr drin!“, gab ich zu bedenken. „Doch! Den brauche ich. Das ist doch mein Lieblingsbecher!“, bestand sie darauf. Mit dem Becher und dem zerknüllten Prospekt in der Hand verließ sie dann zufrieden am Arm des Kollegen den Bus. Eine ältere Dame, die alles mit anhörte, schüttelte entgeistert den Kopf: „Das gibt es ja gar nicht! Unmöglich, diese Person!“ Ich seufzte: „Sie glauben gar nicht, wie viele solcher Menschen es gibt.“

Vor dem Bus zeigten wir Rosa noch den Weg zum nächsten Imbiß, denn sie meinte, sie müsse dort nun dringend ein Glas Wasser trinken. Sie hatte ja immerhin die etwa 3,50€, die ich für sie aufgesammelt hatte.

Für uns war der Einsatz – und damit eine irre Schicht – nun zu Ende. Als ich später jedoch die Wache verließ und nach Hause fuhr, sah ich Rosa schon wieder in Polizeibegleitung auf dem Gelände einer Tankstelle. Das Abenteuer geht für sie weiter. Und ich habe wieder einmal mehr die Gewissheit: Eine Großstadt ist ein Schmelztigel.

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Über firefox05c

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9 Antworten zu Nur Bekloppte …

  1. gnaddrig schreibt:

    Wow, was für ein Ritt. Und Wahnsinn, wie weit völlig Zugedröhnte wie die Rosa dann doch kommen. Voll das Stehaufmännchen, oder?

    Vielleicht sollte man Leuten wie dem Mann am Busbahnhof empfehlen, sich ein Schild umzuhängen: „Bin nicht bewusstlos, schlafe nur meinen Rausch aus. Rufen Sie NICHT den Rettungsdienst!“ Könnte sein, dass das die eine oder andere Alarmierung einsparen hilft…

  2. Talianna schreibt:

    Himmel … was für Leute!

    Ich kann verstehen, dass Dir da nicht mehr zum Lachen zumute war, aber vielleicht kommt das in der Rückschau. In der schriftlichen Darstellung hier ist’s jedenfalls bei aller Tragik saukomisch – ober bei aller Skurrilität super-traurig, was da an „Rettungsnotwendigkeit“ aufläuft – in nur EINER Schicht!

  3. roerainrunner schreibt:

    Ich weiß, es hilft euch nicht, aber ich bin doch ganz froh, wenn Passanten lieber einmal zu oft Hilfe rufen, als einmal zu wenig… Denn genau wegen der „Alles Penner, bloß besoffen“-Einstellung gab es vor einiger Zeit den Fall, dass ein Obdachloser in einem Aufzug verstorben ist und es keinen interessierte – die dachten alle, er schläft seinen Rausch aus. Hinterher war die Betroffenheit dann groß.

    Vielleicht solltet ihr den „HPs“ und „NFs“ einfach ein farbiges Hütchen aufsetzen, Armband ummachen (Festivalmäßig) oder ein Post-It an den Arsch kleben: „Datum/Uhrzeit: Rettungsstelle XX war schon da, bitte nicht nochmal Notruf absetzen“ 😉

    • firefox05c schreibt:

      Ich denke, dass es vielen Besorgten zuzumuten wäre, den schlafenden anzurufen oder sogar vorsichtig an die Schulter zu stubsen, bevor sie den Notruf wählen. Oft reicht schon eine laute Ansprache, um eine Reaktion zu erhalten, die einen Notruf überflüssig machen würde. Sich überhaupt nicht zu kümmern ist natürlich auch falsch. – das mit dem „kennzeichnen“ ist so eine Sache: gerät ein betrunkener später in einen Notfall, würde es vielleicht Hilfe verhindern. Darum wecken wir auch jeden, auch dann, wenn wir uns ziemlich sicher sind, dass vor uns bloß jemand seinen Rausch ausschläft. Sicher ist sicher.
      Zudem hätte es vielleicht auch einen pädagogischen Effekt: Wird ein Schlafender am Gehweg oft genug gestört, legt er sich irgendwann dort hin, wo er seine Ruhe hat. In meinem Traum, in dem auch Blümchen fressende Einhörner Schmetterlinge pupsen, liegen Betrunkene zufrieden schlafend auf Bänken, und nur die, die auch Hilfe brauchen, liegen auf dem Boden. 😉

  4. Nobody schreibt:

    Was für eine Schicht. Ist das ein normales Pensum oder doch ungewöhnlich?

    Aber du hättest dir viel Arbeit sparen können, wenn du Rosa direkt in dein Dienstbett gelegt hättest.

  5. Finkenrieke schreibt:

    Oh Mann, was für eine Schicht!
    Sie sind bekloppt, verrückt, verzweifelt, nervend, irgendwie hinüber, in einem mitunter abstoßenden Zustand. Und doch scheinst Du Ihnen Ihre Würde zu lassen. Verstehst, dass ein zerknüllter Werbezettel und ein leeres Becherchen für jemanden unglaublich wichtig sein können. Du nimmst die Menschen wohl wie sie sind, ohne sie abzuwerten. Das beeindruckt mich sehr! Ich finde Deine Haltung (soweit ich sie hier rauslese) toll!

    Ich habe beruflich auch oft mit unterschiedlich „verrückten“ Menschen zu tun und nehme jeden in seiner eigenen Art ernst, aber ich stoße an meine Grenzen, wenn alte oder frische Körperausscheidungen in Kombination mit Alkohol u.a. Drogen im Spiel sind… Meine Abscheu könnte ich wohl nicht ausreichend verbergen, auch wenn es für die Betroffenen im Grunde am schlimmsten sein muss.

    • firefox05c schreibt:

      Ich finde, es gehört zum Beruf, die Menschen zu akzeptieren, wie sie sind. Man kann ihnen zu einigen Dingen natürlich trotzdem sagen, was man davon hält, und muss sich auch nicht alles gefallen lassen. Zudem gibt es viel weniger Ärger, wenn man den anderen einfach so leben lässt, wie er will – was sich übrigens bis in die Weltpolitik zieht! 😉
      Wir begegnen den Menschen immer nur einen kurzen Augenblick. Eine Bewertung ihres Lebensstiles bringt in dem Moment weder uns noch dem anderen irgendetwas.
      „Privat“ habe ich, was Verwahrloste und Süchtige angeht, natürlich auch andere Gedanken: mir konnte bisher noch niemand schlüssig erklären, wieso jemand zwangsläufig durch dieses oder jenes Schicksal süchtig werden oder verwahrlosen MUSS: Nicht jeder Arbeitslose oder Geschiedene ist Alkoholiker, nicht jedes vom Vater geschlagene Kind wird zum Kriminellen. In meinen Augen gibt es in einem Leben immer Punkte, an denen sich jeder selbst entscheiden kann, welchen Weg er weiter geht. In dem Moment, in dem ich aber als „Rettungsdienst“ vor ihnen stehe, kann ich nichts daran ändern, es ist eben so. Also muss ich es auch so akzeptieren.

  6. Löschdrache schreibt:

    Wenn man das so liest, ist man wieder froh, dass einem als freiwilliger Löschknecht der Dienst auf dem Pflasterlaster erspart bleibt. Welches Gefühl überwiegt bei und nach solchen Einsätzen eigentlich bei dir?

    „Ihr habt doch alle einen an der Waffel“, „Scheiße, hoffentlich ende ich nie so“ oder stumpft man irgendwann soweit ab, dass man das alles mehr so roboter-mäßig abarbeitet?

    Zum Glück hat meine Wehr keinen First-Responder, der mal wieder Lückenbüßer spielen darf, weil der RTW mit solchen „dringenden Notfällen“ beschäftigt ist…

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