Spritziges Erlebnis …

„Das Wunder des Lebens! So schöööön!“ – Wer glaubt, eine Geburt sei total flauschig, angenehm und eine saubere Sache voller Freude, sollte nun besser nicht weiter lesen, um sich diese Vorstellung zu erhalten. Denn ich habe auch nach der zweiten Geburt, bei der ich in die Rolle des Geburtshelfers geraten bin, dieses Klischee nicht bestätigt gesehen.

Unter den Rezensionen zu meinem Buch befindet sich auch ein Kommentar, in dem sich jemand darüber beschwert, wie ich die damalige Geburt in einem Wohnzimmer beschrieb: Nüchtern und mit wenig Rosa, auch den Dreck nicht verschweigend. Aber genau so war es, und so bot sich mir auch der zweite Fall.

Wir wurden um etwa Mitternacht mit der „Red Box“ in ein Wohngebiet mit hohem sozialen Zündstoff gerufen. „unklare Schmerzen im Bauch, Schwanger“ stand auf der Alarmdepeche. Zunächst einmal muss es sich dabei nicht um eine einsetzende Geburt handeln, sondern der Schmerz kann auch eine andere internistische Ursache haben. Mit Blaulicht fuhren wir also zwischen den Wohnsilos hindurch zum Zielquadranten, während uns der Callboy unserer Zentrale über Funk ansprach: „Ich konnte leider nicht mehr darüber herauskriegen, was da los ist. Der Anrufer spricht kaum deutsch. Wenn ihr Hilfe braucht, sagt Bescheid.“  Am Zielort stiegen wir aus und umschifften erst mal einen auf dem Gehweg liegenden Sperrmüllhaufen, bevor wir auf den Zuweg zum Haus gelangten. „Kommen schnell!“, erwartete uns ein etwa 35jähriger vor dem Plattenbau. „Frau viel Schmerz!“ – „Wie lange denn schon?“, fragte ich ihn, während wir mit dem Fahrstuhl in den achten Stock fuhren. „Was? Weiß nischt. Viel Schmerz. Krankenhaus“, entgegnete er nur aufgeregt. Knarzend hielt der mit Edding beschmierte Lift in der Etage, rumpelnd gingen die Türen auf. „Hoffentlich versteht uns die Frau besser“, raunte ich meinem Kollegen zu, was er mit einem verzogenen Mund und Augenbrauen, die schon fast über dem Kopf wieder zusammenschlugen, quittierte. Wir folgten dem Mann in seine spartanisch eingerichtete Wohnung, wo er uns ins Wohnzimmer führte. Jammernd und stöhnend kniete dort die schwangere Patientin mit einem unübersehbaren Bauch und einem bunten Kopftuch auf dem Teppich und umklammerte die Heizung. Sie trug einen hellen Trainingsanzug aus Baumwolle.  „Die hat nicht einfach nur zu viel Pflaumen gegessen“, entfuhr es mir. Ich fürchtete, dass es sich bei ihren Schmerzen um Wehen handelte. „Fruchtblase? Wasser weg?“ fragte ich den Mann mit einer entsprechenden Geste, die nicht bedeuten sollte, dass mir ein Blumenstrauß aus dem Schritt heraus wuchs. Doch er verstand nicht und deutete auf seine Frau: „Nicht weiß. Schmerzen. Helfen!“ Immerhin schien die Traningshose der Patientin trocken. Nun, ich versuchte etwas anderes: „Mutterpass?“ Das verstand er nun und holte mir schnell das Dokument. In ihm sah ich, dass es die zweite Geburt der Mutter war und die jetztige Schwangerschaft wohl ohne Probleme verlief. Und auch, dass der errechnete Wurftermin in zwei Tagen war!

Ich hegte noch die Hoffnung, dass wir die Dame wohlbehalten und in einem Stück im Kreißsaal abliefern konnten. Immerhin war die Fruchtblase noch nicht geplatzt, lediglich ein etwas feuchter, rötlicher Fleck war zwischen ihren Beinen zu erkennen. „Wir sollten  keine unnötige Zeit vertrödeln“, gab auch mein Kollege zu bedenken. Übrigens war es der selbe Kollege, mit dem ich schon meine erste Geburt begleitete! Irgendwie hatte ich das Gefühl, er hatte recht. Also führten wir die Frau behutsam zum Lift und anschließend zum Auto, wo sie sich auf die Trage legen ließ. Eine Decke bekam sie nicht, damit ich den Schritt im Auge behalten konnte. Man weiß ja nie … Den werdenden Vater ließ ich ausnahmsweise mit im Patientenraum Platz nehmen. Grundsätzlich sollten Begleitpersonen nicht im Patientenraum mitfahren, aber in diesem Fall könnte er seine Frau beruhigen und womöglich doch noch irgendwie als Übersetzer fungieren. Dachte ich. Jedoch war das im Nachhinein natürlich Blödsinn: Bei seinen allenfalls in homöopathischen Dosen vorhandenen Deutschkenntnissen konnte ich alles, was ich ihm verständlich machen würde, auch gleich seiner Frau bedeuten.

Wir fuhren los. „Fahr mal mit Blau!“, wies ich den Kollegen an. „Wir sollten zügig in der Geburtsklinik sein. Ich traue der Sache nicht.“ Die nächste Klinik mit Kreißsaal war etwas weiter entfernt, wir würden an zwei anderen Krankenhäusern fast vorbeifahren. UNd irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl. Mein Spannmann hatte seinen Finger allerdings schon auf dem Schalter für das Reklametransparent, als ich dieses durch das kleine Fenster zur Fahrerkabine sagte: „Yo, ich beeile mich.“  Ich setzte mich nicht auf den Stuhl neben der Trage, sondern blieb am Fußende der Trage stehen, um sofort sehen zu können, wenn zum Beispiel die Fruchtblase platzte, was die Geburt einleitete. Ehrlich gesagt hatte ich in diesem Moment auch nicht die Ruhe, mich gemütlich daneben hinzufläzen.

Im Stöhnen der verhüllten Patientin erkannte ich nun auch einen Rhythmus von Presswehen. Und dieses schon fast minütlich! Mein Blick ging zur Uhr an der Wand. Mist! So schnell hintereinander kamen die Wehen, das konnte nicht gut gehen! Ich hangelte mich an der Deckenstange also wieder nach vorne zum kleinen Fenster: „Hömma, das wird mir zu heiß. Drück mal die Neun (Anm.: Das ist der Status-Code am Funk, mit dem dem Callcenter ein ‚dringender Sprechwunsch‘ mitgeteilt wird), und sag der Leitstelle Bescheid, dass sie den Notarzt vom nächsten Krankenhaus in die Anfahrt schicken sollen, damit der zusteigt. Wir holen den da ab, sind ja in fünf Minuten da! Stichwort: Einsetzende Geburt.“ Er tat so und ich turnte wieder nach hinten. Was ich dann sah, war eher suboptimal: Unter dem Pressen der Frau bekam die Trainingshose eine Beule! „Kollege, Planänderung! Es geht los! Sieh zu!“ rief ich nach vorne und zog erst den Koffer für Kindernotfälle aus dem Wandfach, um ihn schon mal auf dem Boden liegend aufzuklappen, und dann der Patientin vor den Augen ihres Ehemannes die Hose runter: „Tut mir leid, muss jetzt sein“, sagte ich, in der Hoffnung, dass der Mann mich nicht davon abhalten würde. Immerhin schienen die beiden gläubige Muslime zu sein, und da lässt nicht jeder Mann einfach einen anderen Typen an seiner Frau rumfummeln! Ehrlich gesagt sah ich ihn aber zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr. Was ich sah, war ein halber Kopf zwischen ihren Beinen, der noch in einer dünnen Haut steckte, sowie hellbraunen Kot im Schlüpper, den dieser Kopf aus dem Darm gepresst hatte und der sich beim Hose strippen nun über die Trage verteilte. Dann geschah kurz darauf mit der nächsten Wehe das, was ich mir etwas früher gewünscht hätte, als die Hose noch über dem Hintern war: Die Fruchtblase platzte! Und zwar an der dafür schlechtesten Stelle: unter dem Kopf des Kindes. Das unter dem Druck der Wehe stehende Fruchtwasser schoss nun wie aus einer Düse mit einem hörbaren Klatsch unter dem Kindskopf über die Trage hinweg, riß die dort liegenden Fäkalien mit und spritzte bis hinten an die Hecktür, wo dieses Gemenge langsam der Gravitation nachgab. Ich verlor einen Moment lang die Kontrolle über meine Gesichtszüge und schaute dem Happening an der Tür entgeistert zu. Das war also „das Wunder der Geburt“, welches das Leben für mich bereithielt. Danke. Fand ich jetzt nicht ganz so prickelnd. Wenigstens war das Fruchtwasser klar, was auf einen bisher normalen Verlauf hinwies. Und mein Shirt hatte die Explosion schadfrei überstanden.

Notfallkoffer, speziell für Kindernotfälle

Dann funktionierte ich wieder: Wir mussten in etwa vier Minuten am Krankenhaus eingetroffen sein, wo hoffentlich der Notarzt auf uns wartete. Aber zunächst einmal steckte da noch ein halb geborenes Kind im Schritt der bekopftuchten Dame, die gerade eine Wehenpause hatte. Mittlerweile waren auch die Schultern schon durch die Scheide gerutscht und das Kind hatte sich schon passend auf die Seite gedreht. „That escalated quickly!“, dachte ich mir. Es quäkte nun bereits zum ersten mal, worüber ich sehr froh war, denn das hieß, das es atmete. Hektisch rupfte ich eine Handvoll Zellstoff aus dem Schrank und schob ihn unter das Kind, damit es nicht in der Pfütze aus erkaltendem Fruchtwasser liegen würde. Doch ich wurde der Massen an Fruchtwasser

Im Koffer u.a.: Windeln, Nabelklemmen, Kinder- Adapter für med. Geräte, Beatmungsbeutel

nicht Herr. „Decke!“, versuchte ich dem Vater klar zu machen, da ich von meiner Position am Unterleib der Patientin nicht an die Einmaldecke, die unter dem Kopfende lag, heran kam. „Decke! Da, unter dem Kopfende“, sagte ich noch mal und deutete mit dem Kopf in die Richtung, während ich mit der einen Hand das Kind stützte und mit der anderen Hand weiter Zellstoff unter den Hintern der Mutter stopfte. Der Vater verstand, dass er etwas machen sollte, aber nicht, was! So stand er nun verwirrt und aufgeregt am Kopfende der Trage, kreiselte zwei mal um sich selbst, bevor er an den Entriegelungsgriff der Seitentür fasste. Während der Fahrt! „Nein!“, stoppte ich ihn. „Decke! Da drunter!“, versuchte ich es abermals, während mein Kopf seltsame Bewegungen machte, da ich keine Hand frei hatte. Die nächste Wehe kam, das Kind flutschte heraus, und der Vater fand endlich die Decke. Ich legte das Kind, welches ich unter dem letzten Herausrutschen etwas führte und über der Wasserpfütze hielt, am unteren Ende der Trage auf einigen Zellstofftüchern ab und packte schnell die einfolierte Decke aus, um das Baby darin einzuwickeln. Nun spürte ich die Verkehrsberuhigungs- Aufpflasterungen der Straße vor dem Krankenhaus unter dem Fahrwerk des Pflasterlasters. Wir waren also in wenigen Sekunden in der Krankenwagenanfahrt, wo wir den Doc aufnehmen würden. Ich legte das eingetüdelte Baby zwischen die Beine der Mutter und holte noch eine weitere Decke aus dem Wandschrank, die ich als Saugpolster zusätzlich der Mutter vor den Hintern schob. Ein Berg von Papier türmte sich dort nun auf.

Als wir in der Anfahrt hielten und die Seitentür geöffnet wurde, blickte der Straßendoktor auf einen schwitzenden Rettungsmenschen und ein notdürftig eingewickeltes Baby, welches unwillig Grimassen zog. Der Mutter ging es augenscheinlich auch sehr gut. „Ein Mädchen. Gesund“, gab ich spartanisch bekannt. „Tut mir leid, dass ich euch geweckt habe. Ist schon fast alles gelaufen.“ Die ganze Geburt hatte keine vier Minuten gedauert, und nun lag das Baby, noch mit der Nabelschnur verbunden, zwischen den Beinen der Mutter. Der Gelehrte untersuchte kurz den Zustand des Kindes und der Mutter, bevor er meinte: „Ja, dann lass uns mal abnabeln und weiter in die Geburtsklinik fahren.“ Er setzte also die Nabelklemmen aus unserem „Kinderkoffer“ an die Nabelschnur und ließ den Vater das Versorgungskabel kappen. Dann verwirklichte er sich noch selbst, indem er das Baby mehr oder weniger Kunstvoll in ein Tuch „einpuckte“. Ich fand meine Lösung mit der Einmaldecke, die ich nun vor der Weiterfahrt am Boden zusammengedreht ablegte,  auch nicht schlecht … Wenige Minuten später erreichten wir das Krankenhaus mit dem Kreißsaal, wo wir Mutter und Kind der Hebamme übergaben.

Tja, und dann ging es ans Reinemachen. Gleich in der Krankenwagenhalle des Karbolbunkers nahmen wir den Kampf auf: Auf der Trage stand eine Pfütze von Fruchtwasser, sie war besprenkelt von Stuhl und etwas Blut aus der Nabelschnur. Boden und Hecktür des Rettungsbombers waren ebenfalls mit der Mischung vom „Geburtsschuss“ verschmutzt. Wir verbrauchten unzählige Tücher und gefühlte 120 Liter Reinigungslösung, bis wir wieder „Klar Schiff“ hatten. Der Kinderkoffer war auf Links gedreht, weil der Kollege die Schere zum Abnabeln nicht fand, und musste getauscht werden. Die Zellstoffvorräte waren verbraucht und das Desinfektionsspray alle. Aber immerhin ging es beiden Patienten gut, und das war die Hauptsache. Nur: Sooo toll finde ich Geburten immer noch nicht.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu Spritziges Erlebnis …

  1. roerainrunner schreibt:

    Obwohl ein wenig eklig, habe ich mich doch köstlich über deinen Bericht beömmelt 😀
    Bist du eigentlich selbst auch Vater 😉

    • firefox05c schreibt:

      Nein. Vielleicht daher die etwas kühlen Emotionen bei Babys. Ich kann mit Säuglingen leider kaum etwas anfangen.

      • roerainrunner schreibt:

        Deine Berichte erklären zumindest, wieso du das nicht mitmachen willst 😀

        Wobei es mich doch immer wundert, dass nach neun Monaten Schwangerschaft die werdenden Eltern so von der Geburt überrascht werden… Aber es heißt wohl nicht umsonst „Sturzgeburt“…

      • firefox05c schreibt:

        Offensichtlich wird das Tempo der Entwicklung schon mal unterschätzt. Vielleicht trösten sich die Eltern beim zweiten Kind damit, dass es beim ersten Kind nach den ersten Wehen noch Stunden oder Tage gedauert hatte, bis es dann endlich so weit war. 😉

  2. stuttgarterapothekerin schreibt:

    Ich lach hier gerade Tränen – Deine Schreibe ist echt toll, vielen Dank!

  3. Tirsi FlauschiBauchi schreibt:

    Da kann ich nur zustimmen, Geburten sind ein Wunder des Lebens ❤
    Aber eben nicht ruhig, still, sauber, trocken, usw. Da kann man von aller Art Körperausscheidungen überrascht werden die einen treffen oder in die man hineinfassen muß inklusive dazugehörenden Gerüchen. Schreien Knurren Singsang Flüche Gebete usw kreiseln um den Gehörgang, je nachdem wo man steht und wie lange die Schwangere schon mit Schmerzen usw kämpft, kann einem von Kratzen Quetschen Beißen Schlagen oder gar Treten alles geschehen.
    Es gibt Geburten wo der Tod mit im Raum steht und es gibt Geburten die wirklich leise und entspannt ablaufen und vor Romantik nur so übersprudeln, trotz allem ist immer Nässe Schmutz Schmerz Schreie usw mit dabei … auch wenn das danach alles ziemlich flott vergessen ist bei den Eltern und das ist auch ganz prima so von der Natur eingerichtet 😉 Ein dreifaches Hipphipphurra auf die Hormone ^^
    Bei allen Geburten die ich miterleben durfte gab es danach ordentlich genug zu tun beim aufwischen säubern und entsorgen. Egal wie irgksigitt es manchmal auch war, ein geplant ablaufender Geburtsvorgang auf den man sich vorbereiten und begleiten konnte (auch als Personal) ist immer reizvoller als wenn einen das Baby so unverhofft plötzlich an"springt".
    (zb wenn in der Inneren Abteilung eine Patientin mit unklarem Abdomen auf Station zur Aufnahme gelaufen kommt, und man sie gerade noch aufs Bett schubsen kann ehe der Einweisungsgrund plötzlich zwei Arme und zwei Beine hat und lauthals zum Brüllen anfängt o.O )

    Ich wünsche dir, lieber firefox, weiterhin fröhlich krähende Neugeborene mit glücklichen Eltern ❤ … und genügend Wischtücher mit viel Reinigungslösung 😛 du machst das super *knuffelknuddelz*

    LG, FlauschiBauchi 😀

  4. BRC_MEDIC schreibt:

    Jetzt weiss ich auch warum wir einen Druckwasserreiniger bei unseren Wachen stehen haben. Dann ist man eben abgemeldet bis der Truck wieder begehbar ist.

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