Wenn es „menschelt“

Morgens um halb fünf keifte mich der Melder der Freiwilligen aus dem Bett. Im Dunkeln und mit verklebten Augen las ich irgendwas von „Hilfeleistung: Tragehilfe. Bauchschmerzen“. Ich tüdelte mich also in den für Nachteinsätze bereitliegenden Trainingsanzug und fuhr im mentalen Notbetrieb durch die menschenleere Kleinstadt zum Feuerwehrhaus.

Am Depot brannte das Alarmlicht, und nur das erste Rolltor war geöffnet: Es war also noch kein Fahrzeug ausgerückt. Fix in die Umkleide gelaufen, die Schutzkleidung übergezogen und wieder hinaus zum Löschbomber, wo schon die ersten Kameraden warteten. Ich setzte mich auf einen freien Platz (natürlich einer der Fensterplätze gegen die Fahrtrichtung… 😉  ), und nachdem noch zwei, drei weitere Schlaftrunkene hinzugesprungen waren, fuhren wir los. Mir gegenüber saß ein Kollege, der auch im Rettungsdienst beschäftigt ist. Zu ihm brummelte ich: „Womöglich wieder jemand, der seit zwei Tagen Bauchweh hat, aber keine Zeit für den Hausarzt. Und jetzt geht es nun wirklich nicht mehr.“ Er lachte bitter und nickte. Die Erfahrung hatte uns beiden gezeigt, dass es oft so lief. Dieses mal täuschte ich mich allerdings.

Der rote LKW hielt in einer Wohnstraße an. Ich stieg aus, hielt den Kollegen noch die Fahrzeugtür auf, und trottete ihnen hinterher zum Haus. Dabei hielt ich den Blick auf dem Boden, damit ich nicht im Tran über den Bordstein kugelte und womöglich ein unschönes Asphalt- Ekzem im Antlitz bekam. Als ich den Hausflur betrat und auf die erste Stufe schaute, wunderte ich mich: Mein nun etwas funktionsfähigeres Sehvermögen erfasste eine kitschig-grüne Auslegware mit gelbem Fleckenmuster. „Ups“, dachte ich mir. „Den usseligen 70er- Teppich kenne ich doch? Den hat nur noch einer in der Bude liegen!“ Ich schaute im Haus hoch, und tatsächlich: Jetzt erst merkte ich, dass ich im Haus von Detlef, einem guten Vereinskollegen, stand! Und mir fiel sofort ein: Ausgerechnet bei ihm waren meine Frau und ich später, am Abend, sogar zum Essen eingeladen …  Ich stieg die Treppen hinauf und hörte auch schon Sandra, die ebenfalls gut befreundete Gattin des Erkrankten, im Schlafzimmer die Fragen des anwesenden Notarztes beantworten. Sandra war eine schlanke, gutaussehende Frau mit langen, blonden Haaren. Nun stand sie neben dem Bett und machte einen recht hilflosen Eindruck, ihr Mann lag ohne Decke auf der Liegestatt. Da sich im Schlafzimmer schon ein mittleres Völkchen aus Rettungsassistenten, dem Notarzt und drei oder vier Kollegen in blau tummelte, blieb ich im Wohnungsflur stehen. Von dort bekam ich mit, dass Detlef schon Morphin und anderes bekommen hatte, nur noch dummes Zeug laberte und nun ins Krankenhaus der nächsten größeren Stadt gefahren werden sollte.

Die Wohnung war knalleng und verwinkelt, die Treppe steil und Detlef etwa 2 Meter groß. Die drei Rettungs- Olme konnten Detlef also tatsächlich kaum alleine durch diesen Parcours zum Pflasterlaster pfriemeln, daher riefen sie uns um Hilfe. Nun lagerten die Kollegen ihn auf ein Tragetuch, während Sandra sich an ihnen vorbei in den Flur quetschte. „Henrik!“, entfuhr es ihr, als sie mich sah. „Gott sei Dank, du bist hier!“ Ich fühlte mich geehrt – ging es doch bloß darum, ihren bereits versorgten Mann aus dem Gehäuse zu tragen! Sie machte zwei Schritte auf mich zu, wie Üblich umarmten wir uns kurz zur Begrüßung. Dachte ich. Doch ich fühlte, dass der Druck stärker als sonst war. Offensichtlich war sie mit der Situation etwas überfordert und suchte Halt, was man scheinbar auch sah: Die Kollegen, die von unserer Freundschaft nichts wussten, schauten etwas irritiert, und ich amüsierte mich darüber. Ihr Kopfkino würde ich jetzt gerne haben! 🙂

„Was ist passiert?“, fragte ich sie. „Detlef ist aufgewacht und hatte enorme Bauchkrämpfe“, erzählte Sandra. „Die waren so stark, dass er zunächst gar nichts sagen konnte!“ Ich wunderte mich: „Bauchschmerzen? So plötzlich?“ – „Ja. Er hatte doch vor Kurzem diese OP, vielleicht ist da etwas geplatzt“, vermutete sie. Also doch nicht „Schmerzen seit X Tagen“, tröstete ich mich. Es wäre schwer, mich darüber aufzuregen, wenn ich mit dem Betroffenen verbandelt bin. (Ich würde es aber trotzdem hinbekommen, da bin ich mir sicher! So gerne, wie ich eskaliere …  😉  )

Detlef wurde hinausgezirkelt. Ich konnte dabei nicht helfen: Alle Griffe des Tragetuches waren schon besetzt. Als sie an mir vorbei waren, ging ich hinterher. Sandra war schon auf der Straße und vergewisserte sich noch einmal bei den Rettern, welches Zielkrankenhaus nun angefahren würde. Sie sah sehr verloren aus, wie sie dort etwas abseits stand und sich alles nur um ihren Mann drehte. Ich wechselte noch ein paar Worte mit ihr, während meine Kameraden schon wieder ins hinter dem RTW stehende Löschfahrzeug stiegen. „Gestern hatte er noch für heute Abend vorgekocht“, erzählte Sandra. „Jetzt ist die Hälfte schon fertig. Unser Essen fällt also NICHT aus. Ich kann das doch nicht alles einfach wegwerfen!“ Vielleicht war es auch ganz gut, wenn sie am Abend nicht so viel alleine war, falls es schlimm um Detlef stand, dachte ich mir. Wenn man ins Grübeln kommt, wird so ein Abend lang. Ich nahm sie noch einmal in den Arm: „Mach dir keine Sorgen. Detlef ist jetzt in guten Händen“, sagte ich leise. Sie nahm die Umarmung, die etwas länger dauerte, dankbar an. Dann ging auch ich zu unserem „Truppen- und Geräteträger“. Als ich enterte, fragte mich ein Kollege, der Sandra und mich beobachtet hatte, grinsend: „Hömma, läuft da was mit der Blonden?“ Ich grinste zurück: „Wennze dat meine Frau erzählst, krisse inne Fresse!“ Ein anderer Kollege, der alle Beteiligten der Sache kannte, klärte die Situation dann auf. Schade, dachte ich mir, die Dorfgerüchte hätte ich gerne gehört!

Zurück zu Hause legte ich mich wieder leise neben meine Angetraute. Morgens sagte ich ihr: „Heute Abend um sechs ist doch das Essen bei Detlef und Sandra. Da fahren wir schon um halb fünf hin, zum Helfen.“ Sie schaute verwundert: „Wieso? Detlef kocht doch?“ Ich lächelte süffisant, während ich am Kaffee schlürfte: „Nö. der ist im Krankenhaus, und Sandra alleine.“ Irritierte Gesichter von Leuten, die weniger als man selbst wissen, sind unbezahlbar… 😉

Freundschaft…

Am Abend merkte ich dann die „Spätfolgen“ meiner einfachen tröstenden Geste: Sandra freute sich wie Bolle, als wir ihre Wohnung betraten. Mehrfach am Abend betonte sie vor den anderen Gästen, wie gut es ihr tat, dass jemand da war, bei dem sie sich auch einen Moment fallen lassen konnte, bei dem sie Halt fand.

Und ich habe durch unsere Freundschaft endlich mal ein Feedback, dass selbst kleine Gesten enorm wichtig für andere sein können!

Detlef konnte das Hospital bereits am nächsten Tag wieder verlassen, nachdem ein kleiner Eingriff durchgeführt wurde.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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10 Antworten zu Wenn es „menschelt“

  1. WPR_bei_WBS schreibt:

    Schön, dass es Detlef wieder gut geht, auch wenn ich immer noch nicht glauben kann, dass ein Detlef eine Frau / Freundin hat (falls es diesen Running Gag / Stereotyp in deiner Wahlheimat heute noch gibt :-)).

    Allerdings muß ich sagen, dass DU mich schon geschockt hast: Beim Blick auf das Foto dachte ich, jetzt gibt er die Anonymität (naja, Pseudonymität) der geliebten Heimat auf – aber dann sah ich, dass zwar das Wappen noch steht, aber nicht die Stadt :-).

    • WPR_bei_WBS schreibt:

      Was ich noch fragen wollte: Warum nicht ins örtliche Krankenhaus? Die haben doch auch eine Gastro, oder nicht mehr?

      • firefox05c schreibt:

        Die OP wurde in dem anderen KH gemacht, also quasi ein „Garantie- Fall“. Es war auch keine Darmgeschichte. Mehr möchte ich nicht verraten, da vielleicht der eine oder andere hier weiß, um wen es geht. Dorf eben… 😉

    • firefox05c schreibt:

      Ich bemühe mich. 😉 Zumindest für meinen Chef bin ich nicht mehr anonym: Im Zusammenhang mit einer anderen Sache konnte ich mir schon die Drohung anhören, dass ich „auch bei dieser Blog- Klamotte aufpassen soll, was ich schreibe“. (Und nein, ich habe mir bei der Namensänderung keine Gedanken über das von dir angesprochene Klischee gemacht! 😉 )

  2. gnaddrig schreibt:

    Ich setzte mich auf einen freien Platz (natürlich einer der Fensterplätze gegen die Fahrtrichtung… 😉 )

    Was ist an den Plätzen so besonders? Im Auto rückwärts zu sitzen finde ich immer unangenehm, aber ich bin auch noch nie mit der Feuerwehr ausgerückt.

  3. Gray schreibt:

    Nur als Hinweis – es hat mich ungefähr eine Minute gekostet, das Wappen einem Ort zuzuordnen. Und zwei Seiten weiter dann die ziemlich sichere Bestätigung, dass das Bild aus eurer Halle ist – Nummer des Kennzeichens und Deko stimmen mit dem offiziellen Foto des Scania überein. Langt natürlich noch nicht für Dich selber, aber – wäre echt doof, wenn so fast der letzte, von dem ich weiß, dass er noch schreibt, Ärger kriegt.

    Danke dafür, dass Du uns teilhaben lässt und toi toi toi,
    der Graue

  4. BRC_MEDIC schreibt:

    Das schauen nach Angehörigen ist bei uns schon fast Standard. Je nachdem was es fuer ein Fall ist, hat man zwei First Responder, eine RTW Crew und einen RR Paramedic vor Ort. Da bietet es sich an das jemand den/die Angehörige(n ) beiseite nimmt und beruhigt. Das beruhigt auch wieder den Patienten, was die Arbeit der Crew leichter macht. Win-Win Lage.Ja nachdem wie lange wir da sind, wird auch schon mal Kaffee/Tee für die Runde gemacht.

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