Sitzpisser

Praktikant: Kleiner Retter, der mal groß werden will. 😉

Zur Ausbildung hatten wir einen Sani- Praktikanten zugewiesen bekommen, der nicht nur als „medizinischer Sherpa“ gute Dienste leistete, sondern sich auch wirklich sehr interessierte. Dadurch waren wir bei den RTW- Einsätzen zu dritt unterwegs. Heute würde er etwas über den „Umgang mit Patienten“ lernen …

An diesem Abend bekamen wir eine Meldung auf den Piepser, bei der jeder Pflasterkleber begeistert ist: „HP-Alk vor REWE“ hatte der Callboy uns geschickt. Jemand hatte zu viel getrunken und fermentierte also vor dem Supermarkt rum, was irgendwem nicht passte. Ob der Betreffende wirklich Hilfe brauchte, ist oft eine ganz andere Sache. Die aufgefundenen Patienten bieten dabei nämlich alles von „wecken und weiterschicken“ über „hat sich durch alkoholbedingte Bodenwellen aufs Maul gelegt“ bis „seit 4 Wochen nicht geduscht, nun noch vor dem Koma Pipi und Bäuerchen gemacht“. In diesem Fall lief es auf Option 2 hinaus:
Als wir am genannten Markt ankamen, erkannte ich sofort, dass ich dem Einsatzgrund, der im Kreise von einigen „besorgten Kunden“ und einem Security- Mann lag, schon ein, zwei mal begegnet war. Bei den vorangegangenen Treffen hatte es gereicht, den Herren, der seinen tagsüber genutzten Stammplatz vor diesem Laden okkupierte und aufgrund fortschreitenden Destillatkonsumes von der Müdigkeit übermannt wurde, zu wecken, ihm aufzuhelfen und nach hause zu schicken. Praktischerweise wohnte er nämlich drei Häuser weiter in einem Bürgersilo. Heute hatte er sich beim Daniederlegen allerdings ein Asphalt- Ekzem und eine kleine Platzwunde am Kopf zugezogen.

„Nabend, die Feuerwehr ist da!“, sprach ich ihn an, als wir uns in der umstehenden Kümmerherde etwas Platz verschafft hatten. Der Patient brummelte uns etwas unverständliches entgegen, er war wach. „Was‘ los?“, fragte ich ihn. „Butzemann gemacht? – Tut Ihnen sonst noch etwas weh?“ Ich befummelte den noch am Boden liegenden, scheinbar war sonst aber alles in Ordnung. Mein Kollege befragte eine Zeugin, die erzählte, dass der Betrunkene, der zunächst auf einem niedrigen Geländer saß, wahrscheinlich im Sitzen einschlafen wollte und dabei von der Stange gekippt ist. Als er am Boden aufschlug, war er zwar sofort wieder wach, hatte aber wohl kein Bock mehr, sich wieder hinzusetzen. Und als der hinzugekommene Security- Mann des Supermarktes das Blut am Kopf sah, durfte er nicht mehr …

„Sie bluten da am Kappes. Ist eine kleine Wunde“, klärte ich den Bachus- Jünger auf und ließ mir vom Praktikanten eine nasse Kompresse geben, mit der ich das schon etwas eingetrocknete Blut von der Runkel putzte, um den Schaden zu begutachten. „Die Platte mit der Schruppwunde ist in Ordnung, aber das an der Seite ist etwas tiefer“, diagnostizierte ich. Die entdeckte Platzwunde war nicht ganz zwei Zentimeter lang und immerhin so tief, dass sie etwas aufklaffte. „Jaaa, mach‘ Pflaster, unn dannisch guut. Ich will im Bett“, lallte der Patient. „Nein. Ich bin mir nicht sicher, ob da ein Pflaster reicht“, widersprach ich ihm. „Vielleicht muss das geklebt oder geklammert werden. Oder auch ein Stich. Aber das muss ein Arzt entscheiden.“ Der Mann vor uns war zwar nicht wirklich „Gammelfleisch in Altkleider- Design“, aber die Körperhygiene war trotzdem noch verbesserungswürdig. Unbehandelt konnte sich so eine Wunde auch gerne mal entzünden, was solchen Menschen dann manchmal völlig egal ist, aber gefährlich werden kann. Wir überredeten den Mann also, uns zu begleiten, was uns etwas Mühe kostete. Wenn betrunkene Patienten ihre Verletzung nicht sehen können, kann man schon froh sein, wenn sie einem überhaupt glauben, dass sie wirklich ein Leck haben. „Sch’muss aber erss‘ noch pinkeln“, verkündete der Blutende. „Wie? Das geht jetzt aber nicht vor all‘ den Leuten!“, entsetzte sich der Prakikant. Mein Spannmann drehte sich schon feixend weg. „Können Sie nicht noch ein wenig einhalten? Wir sind in ein paar Minuten im Krankenhaus, die haben eine Toilette“, schlug ich vor. Er ließ sich überreden, aber meine Zweifel blieben, ob er bis ins Lazarett durchhalten würde. Aber hier konnte er nun wirklich nicht vor dem belebten Laden „unter unserer Aufsicht“ ins Gebüsch pinkeln. Es fände sich bestimmt jemand, der sich beim Chef über uns beschweren würde.

Also stieg der Verletzte nach etwas Überredungskunst in die „Red Box“ und legte sich auf die Trage. Ich hatte die Hoffnung, dass er dann einfach einschlafen und keine weiteren Probleme machen würde. Der Praktikant stieg zu uns nach hinten, während der Kollege sich wieder hinters Steuer klemmte und losfuhr. Doch nicht einmal zwei Minuten später war der Tank im Patienten voll: Er löste während der Fahrt die Gurte der Trage und stand auf. „Hey!“, rief ich. „Wo willze? Wir sind noch nicht da!“ – „Sch’muss pinkeln!!“, gab er unwirsch zurück. Ich fürchtete schon, er wolle während der Fahrt aussteigen, doch er wankte zu einem der beiden Sitze im Patientenraum, hielt sich an dem dortigen Wandgriff fest und schaute suchend umher, während er mit der freien Hand an der Hose nestelte. Ich rief dem Kollegen durch das kleine Frontfenster zu, dass er anhalten solle. „Hallo! Das geht da nicht!“, klärte ich den Patienten eindringlich auf. „Da ist keine Toilette in der Ecke!“ Der Praktikant reagierte in einer Mischung aus Belustigung und entsetzen und verließ fluchtartig seinen Sitz, um sich vor einem womöglich unkontrolliert umherspritzenden Strahlrohr in Sicherheit zu bringen. „Aba sch‘ muss pinkeln!“, wiederholte der Angeschlagene, ließ sich dann von mir aber in den Notsitz, der im Patientenraum vor Kopf heruntergeklappt werden kann, zurückschieben. „Können Sie nicht noch einen Moment einhalten? Wir sind gleich da!“, bat ich flehend. „Neiiin, Mann, sch‘ muss!“, zerstörte er meine Hoffnung. Er stand wieder auf und suchte an der Wand nach dem Becken. Offensichtlich brachte er den Wandgriff mit einer Behinderten- Toilette in Verbindung, so dass er sich immer wieder vor die Wand stellte. Ich musste einsehen, dass hier kein Krieg mehr zu gewinnen war, turnte eilig halb über die Trage hinweg um den Praktikanten herum, der sich hinter mir in Sicherheit gebracht hatte, und entnahm dem Wandschrank eine Pullertüte. Unser angehender Kofferträger schob ihn wieder zurück in den Sitz und passte einen Moment auf den Patienten auf, während ich wieder zurückturnte und den Beutel auspackte. In diesem befand sich ein Zellstoff, in dem Flüssigkeiten zu Gel werden, um die Notdurft sicher bis zum nächsten Mülleimer zu bekommen. „Da rein!“, ordnete ich an und hielt dem Verletzten den Plastiktrichter des Beutels vor den Schritt. Er packte brav seinen Lustnippel aus, nahm die Tüte und wartete. Es kam nichts. Ich drehte mich weg und riet dem Praktikus: „Guck da nicht so hin, sonst dauert das womöglich ewig. Ich könnte auch nicht, wenn andere dabei zuschauen.“ Einen Moment später hörte ich das erleichternde Geräusch durch das Brummen des Fahrzeugmotors. Hoffentlich traf er auch den Beutel, dachte ich.  Als er fertig war, stellte sich zu meiner Freude heraus,  dass der Mann fast nicht gekleckert hatte …

Ich nahm ihm den Beutel ab und warf ihn weg. Für unseren Lehrling waren solche Situationen natürlich neu, und ich sah ihm förmlich an, wie er versuchte, damit zwischen Interesse, Abscheu und Hilfsbereitschaft umzugehen. Nun gut, bis ins Krankenhaus war der größte Notfall erst mal abgearbeitet.

Kaum waren wir jedoch in der Krankenwagenhalle, mopperte der Mann erneut herum: „Iss hier Klo? Muss pinkeln.“ „Schon wieder?“, fragte ich entsetzt. Der Mann war ein Durchlauferhitzer! Doch dieses mal waren wir im Vorteil: „In der Notaufnahme ist auch eine Toilette. Da können wir hin. Aber vorher packen Sie ihren Puller bitte noch weg. Da sind Damen in der Notaufnahme“, forderte ich ihn auf. Er schaute irritiert an sich herunter, wo ihm aus der offenen Hose und der unperfekt hochgezogenen Unterbuchse sein schrumpeliger Docht entgegen winkte. „Aso …“, brummte er und verpackte wieder alles notdürftig. Einen Moment später wankte der Betrunkene in die kleine Kabine der ZNA und schloss die Tür hinter sich. Pause.  Nach einer ganzen Weile fragten wir uns, ob es ihm noch gut ginge, und klopften an: „Hallo? Alles in Ordnung da drinnen?“ – „Jaaha!“, gröhlte es durch die Tür. Einen Augenblick später ging sie auf und er lugte kurz raus. Und dann ging die Tür wieder zu. Wir schauten uns an. „Watt iss’n nu?“, fragte ich noch mal durch die Tür. „Jaaha!“, schallte es wieder zurück. Die Tür öffnete sich. Dann sah ich das Licht in der Kabine aus- und an gehen. Und wieder: Aus und an. Aus und an. „Was macht der denn da?“, fragte mich der Vitalwertemechaniker- Aspirant irritiert. Ich schaute um die Ecke in den kleinen Raum hinein. Neben der Schüssel stand unser Patient mit der Stirn gegen die Wand gelehnt und betätigte mit wachsendem Unmut wieder und wieder den Lichtschalter. Hell, dunkel. Hell, dunkel.  „Und was ist nun?“, fragte ich. „Wo ist das Problem?“ – „Der Scheiß geht nich‘!“ , schimpfte er und fing an, mit der Faust gegen den Lichtschalter zu schlagen. Der Lehrling ging beeindruckt einen Meter zurück. Er konnte nicht abschätzen, ob es gleich zu einer Eskalation kommen würde, und hielt nun lieber etwas Abstand. Ich brauchte einen Moment, bis ich checkte, was der ungehaltene Schalterbetätiger überhaupt wollte: Spülen!

„Ey, nicht den Schalter demolieren! Das ist bloß der Lichtschalter!“, ging ich dazwischen, bevor er das Ding kaputt schlug. Ich schob mich an dem verwunderten Typen vorbei und drückte den Taster über der Schüssel: „Hier isser, der Spülknopf!“ Klar, dass man den im angenebelten Zustand schlecht finden konnte: Der Knopf aus Edelstahl befand sich Ton-in-Ton schräg über dem Edelstahlbecken in einer großen Edelstahlabdeckung … Nun begriff auch der Neuling, wo das Mißverständnis des mental eingeschränkten Kunden lag, und brach in lautes Lachen aus. Mit zwei Schritten war ich bei ihm und bremste ihn etwas ein: „Hallo!“, raunte ich ihm zu. „Nicht so laut lachen! Wenn der sich verarscht vorkommt, kippt die Stimmung vielleicht. Bisher ist alles friedlich.“ Auch Betrunkenen ist es manchmal peinlich, wenn sie ihren verzapften Blödsinn bemerken, und einige wollen sich dann mit entsprechend großspurigem Auftreten wieder Respekt verschaffen. Das kann dann eskalieren.

Zufrieden wandte sich unser Verletzter vom Konzertzimmer ab und torkelte mit Unterstützung unseres Praktikanten zu einem Stuhl, der in der ZNA an der Wand stand. Der angehende Helfer hatte sich wieder gefangen, aber ich konnte deutlich sehen, dass nicht viel fehlen würde, um ihn wieder zum Platzen zu bringen.

Nach der Übergabe an das aufnehmende Personal kehrten wir zu unserem Dienstfahrzeug zurück. Nun durften wir auch laut lachen! Während wir das Leckagegut aufwischten und alles desinfizierten, erklärte ich dem Neuling noch einmal die Fallen, in die man im Umgang mit Betrunkenen, Obdachlosen und betrunkenen Obdachlosen tappen kann, wodurch ein Einsatz komplett aus dem Ruder laufen kann. Bei mangelndem Einfühlungsvermögen in die Situation endet so ein Einsatz manchmal nicht nur mit wüsten Beschimpfungen. Das lässt sich durch geschicktes Verhalten aber häufig vermeiden.
Für das Training im Umgang mit Menschen war dieser Einsatz jedenfalls nicht wertlos.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu Sitzpisser

  1. derenergist schreibt:

    Ich bin ja nun als Feuerpatsche mit dem hessischen Zwei-Wochen-Schnellkurs „Traumata und Dramata“ auch regelmäßig als Dritter Mann mit eingeschränktem Verständnis auf dem RTW. Natürlich verflucht man die Einsätze am Anfang, wenn man statt zum Polytrauma mit Rea on top zu einem „Dauergast“ fährt. Aber tatsächlich nimmt man aus diesen Begegnungen am Ende genau so viel mit, über das man nachdenkt und was man in das zukünftige Handeln einfließen läßt. Daher hat mir auch sehr gefallen, daß Du dem Prakti Möglichkeiten zum Machen wie zum Reflektieren geboten hast. Das macht beileibe nicht jeder RA/NFS.

    • firefox05c schreibt:

      Unser Job ist in meinem Verständnis kein rein technischer: All die Technik und Medizin dreht sich um den Menschen. Von daher bin ich der Überzeugung, dass auch beim RD- Personal „der Mensch“ Zentrum des Handelns sein muss – und nicht die Erreichung von Normwerten auf den Messgeräten.
      Natürlich sind Patienten in der beschriebenen Art „ganz unten“. Das heißt aber nicht, dass sie ein Recht auf ihren Rest Würde und auf Akzeptanz verloren haben. Das vergessen leider viele Kollegen.
      Zudem nimmt man m.M. gerade als junger Mensch auch ganz viel für sich selbst mit, wenn man erfährt, wie andere leben (müssen), und kann sich selbst und andere besser einordnen und verstehen. Das nennt man dann „Lebenserfahrung“. Von daher finde ich die „Skills“ im Umgang mit Patienten eine wichtigere Sache als das Auswendiglernen von solchen EKG- Bildern, an denen wir im RD sowieso nichts ändern können. 😉

  2. BRC_MEDIC schreibt:

    Kann sein das Deine Lehrlingskandidaten nicht ganz verstanden haben was sie zu tun haben? Die meisten Jobs sind eher auf der „musste-abkönnen“-Seite (zumindest hier). So richtige Trauma-Jobs (Bei Euch sind die unter „Chirurgisch 1/2“ glaube ich) sind eher die Ausnahme. Ich sehe eine Zunahme an Jobs wie den obigen – gut wenn man dann noch ein wenig Humor hat.

    Aber allen Ernstes: Für den Patientenumgang sollten ein paar SanDienste auf $SAUFFEST_DER_WAHL genügen. Da lernt man es auf die schnelle Art 🙂

    • firefox05c schreibt:

      Dieser Praktikant soll später im KT- Dienst fahren, Trauma- Notfälle sind daher wohl sowieso eher uninteressant für seine Ausbildung…
      Davon ab ist es eine Sache, nur erzählt zu bekommen, was auf einen im RD zukommt, eine ganz andere, wirklich praktisch in solchen Situationen zu stehen.
      (Übrigens: Da wir für Feste keine SAN- Dienste stellen, wäre das keine Option. 😉 )

  3. ittagebuch schreibt:

    Wenn’s nicht so traurig wäre, wäre es brüllend komisch 😉😂

  4. stuttgarterapothekerin schreibt:

    Vielen Dank für den Lachmuskelkater morgen…wie immer ist Deine Schreibe göttlich!

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