Respekt unter Kollegen

Wir hatten gerade einen Patienten in der Notaufnahme eines Krankenhauses übergeben und ich machte mich daran, das Einsatzprotokoll an dem Drucker neben den PC- Arbeitsplätzen der Räumlichkeit auszudrucken. Dort standen neben dem Drucker auch drei Bildschirmarbeitsplätze, an denen zum Beispiel Ärzte ihre Berichte tippen konnten.

In sinnvoller weise verteilt saßen davor eine Krankenschwester und ein junger Arzt mit dauergenervtem Gesichtsausdruck und zurückgegelten Haaren und befummelten die Tastaturen. Da klingelte bei der Schwester ein Telefon: „Ja? … Ach, die Frau Schalla … Den Brief? … Okay, der sitzt hier, Moment.“ Sie wandte sich an den neben ihr in den Stuhl gefläzten Studierten: „Das ist die Station 4. Eine Frau Schalla möchte dort auf eigenen Wunsch nach hause und braucht nun die Bescheinigung, dass sie gehen darf.“ Der Arzt verdrehte die Augen und drehte dann den Kopf in ihre Richtung. Allerdings versagten auf halbem Drehweg zwischen Bildschirm und Schwester scheinbar seine so strapazierten Halsmuskeln, so dass er eigentlich nur an dem Monitor vorbeiblickte, ohne sie anzusehen, und schimpfte los: „Was? Haben die da keine Stationsärzte? Können die Spasten denn nix selbst? Oarr, ey… Wozu sind die Idioten überhaubt da?“ Die Schwester blieb ruhig: „Da ist wohl im Moment niemand greifbar, und du hast die Frau doch behandelt …“ Er seufzte unwirsch: „Dann gib das Telefon her!“ Sie übergab den Knochen wie befohlen. Er: „Ja, was iss? … Und das können die Bekloppten nicht alleine? Was können die überhaupt? Haben die nicht den Arsch in der Hose, das zu machen, oder was? …. Wieso ist da keiner? … Ja, dann mache ich das eben, wenn von den Vollspacken keiner dazu in der Lage ist.“ Er drückte das Gespräch weg und warf das Gerät entnervt auf den Schreibtisch, um sich wieder seinem Monitor zuzuwenden. Mit einem Stöhnen schüttelte er seinen Helm aus sorgsam verklebten Hornanhangsgebilden.

Ich hatte mein Protokoll derweil aus dem Drucker gerödelt und ging damit nun sehr irritiert in den Behandlungsraum, in dem unser Patient gerade von einer weiteren Schwester angebohrt wurde, um Blut für die kommenden Untersuchungen abzuzapfen. „Hömma, was ist das denn für ein arroganter Typ da vorne?“, fragte ich sie halblaut. „Wie? Der Arzt am Computer?“ – „Ja sicher! Wie der spricht, das geht ja GAR nicht!“, gab ich zurück. „Jo, der spricht immer so …“ , sagte sie gelassen, während sie die Laborröhrchen füllte. „Der meint das aber nicht so.“ Ich schüttelte meinen Kopf: „Also, wenn er mit mir so sprechen würde, könnte er hier Oberarzt sein, das würde ich mir trotzdem verbitten! Das ist völlig daneben, wie der mit und von Kollegen spricht. Ein wenig Grundrespekt sollte doch wohl immer möglich sein.“ Sie zuckte nur mit den Schultern.

Was mag in der Kindheit eines so selbstherrlichen Typen alles schief gegangen sein, dass er sich nun wie ein Herrgott aufführt?

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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13 Antworten zu Respekt unter Kollegen

  1. Lysander schreibt:

    Ich hatte auch schon das Vernügen, dass ich mich auf der Geschlossenen halb manisch, hab psychotisch, trotz mehrfach erlittener Zwangsbehandlung dazu durchgerungen habe, mit einem Arzt zu sprechen, weil die diejenigen am längeren Hebel sind und jeder Scheiß von denen abgesegnet werden muss und der ranzt mich erstmal volles Rohr an, warum ich denn so vorwürfig sei und dass er sich extra meinetwegen auf Station bequemt habe.
    Bei solchen Ärzten frage ich mich dann immer, warum die frei rumlaufen dürfen und dabei noch ihren Kittelfetisch ausleben. Wenn ich halbwegs stabil bin, bin ich garantiert null vorwürfig, weil das alles andere als deeskalierend wäre. Ich erwarte von Ärzten Verständnis für meine Krankheit und eine gewisse Nachsicht, was akute Zustände anbelangt.
    Da muss ich fast schon sagen, besser, der Knilch rüffelt seine Kollegen an als die Patienten. Oder wo soll der sich sonst abreagieren, beim Sport? Soweit ich weiß, haben Ärzte keine Zeit für sowas.

    • firefox05c schreibt:

      Bei Respektlosigkeit mache ich immer dicht. Gott sei Dank sind die Ärzte für den Rettungsdienst hier keine „goldenen Kühe“ mehr, so dass es auch schon einige erfolgreiche Beschwerden unsererseits gab, wenn jemand mal meinte, sich völlig daneben zu benehmen. (Ich habe auch schon mal einfach wortlos aufgelegt, als ein Vorgesetzter angerufen hat und sofort ohne Begrüßung anfing, mich anzumoppern. Als er dann zum zweiten mal anrief, war er irritiert, aber wesentlich flauschiger. 😉 )

      • Lysander schreibt:

        Ich habe ja in der Ergotherapie gelernt, eMails nicht aus dem Affekt zu beantworten. Ich behaupte mal, das lässt sich wunderbar auch auf Telefonate übertragen. 🙂
        Die Eier hätte ich auch gern, beim Chef einfach aufzulegen.^^

      • firefox05c schreibt:

        Es war nicht direkt „der Chef“ – So würde ich unseren Amtsleiter bezeichnen. Es war ein Vorgesetzter, der etwas höher als unser Wachführer stand, also irgendwas dazwischen. 😉

      • Lysander schreibt:

        Trotzdem. 😉

    • WPR_bei_WBS schreibt:

      Das ist dann ja noch mal eine ganz andere Situation, wenn man dem Arzt / dem Arroganten in gewissem Maße ausgeliefert ist. Wobei ich nicht weiß, was da besser ist: Die Kollegen anraunzen und hinten rum dem Patienten eins reindrücken – oder ein Typ, der so von sich überzeugt ist, dass er sich zu Äußerungen hinreißen läßt, die er nicht mal für schlim erachtet, den Richter aber dann an dessen Objektivität zweifeln läßt. Wie auch immer, wenn auch sicherlich der Mehrzahl des medizinischen Personals in diesem Bereich das Wohl des Patienten am Herzen liegt, so ich bin froh, noch nicht in diesem Abhängigkeitsverhältnis gewesen zu sein (und hoffe, es wird nie dazu kommen bzw. nie nötig sein).

  2. Löschdrache schreibt:

    Halbgötter in weiß – mein Lieblingszitat eines RA zu einem zickigen NA: „Sag du mir nicht, wie ich meinen Job machen soll.“

  3. BRC_MEDIC schreibt:

    Respektlosigkeit haben wir hier meist nie von Docs – wir kriegen die einfach nie zu sehen 🙂

    Es kommt aber vor das wenn ich mit meiner HiOrg unterwegs bin, andere RD’ler uns als „Plastic-Paramedics“ betiteln (Sowas wie „Möchtegern Sanis“). Mein Kollege sagte darauf mal ganz gelassen: „Also in meinem Hauptberuf bin ich System Consultant fuer Enterprise Server Systeme. In meiner Freizeit mache ich Deinen Job. Was machst Du wenn Du mal Freizeit hast?“.
    Danach war Ruhe und keiner in der Region hat uns seitdem blöd angetextet.

    Ich muss dazu aber wirklich sagen, dass es die große Ausnahme ist, dass wir mal so dumm adressiert werden.

    • WPR_bei_WBS schreibt:

      Wichtig ist bei sowas immer, dass man es (erstmal, kommt natürlich immer auf den EInzelfall an) nicht persönlich nimmt und nicht auf alle einer bestimmten Gruppe überträgt. Vielleicht hat der „echte[tm]“ Sanni auch nur zu oft Kontakt mit der Sorte Leute gehabt, wie ich zwei kenne (schon ein paar Jährchen her): Sannis beim roten Kreuz mit initialem zwei Wochen Kurs (der dann glaube ich jedes Jahr wiederholt wurde) und ab und an mal Übungen in der Gruppe, Einsätze beim dem ein oder anderen Fest etc. als Erstkämpfer. So weit, so nobel und von mir durchaus wertgeschätzt – nur dass die sich ob ihrer „profunden“ Ausbildung und Erfahrung für sowas wie die Granden der Notfallmedizin hielten und dies auch bei jeder unpassenden Gelegenheit raushängen ließen. Wenn dann einem gestandenen RA (oder NFS, …) da im Einsatz mal der Kragen platzt und verallgemeinernd antwortet, kann ich das schon nachvollziehen. Aber wie gesagt, auf alle aus der Gruppe der „Leicht-Sanitäter“ 😉 beziehen sollte er eigentlich auch nicht.

      • firefox05c schreibt:

        Mir sind auch häufig Sanis /Assis aus zwei extremen Kategorien begegnet: Die einen wissen nach viel auswendig lernen, dass die klebende Seite am Pflaster nach unten gehört, und die anderen stecken mich z.B. in Sachen Medikamentenkunde mal eben in die Tasche, ohne vom Kaffee aufzublicken. Erstere sorgen natürlich für viel Häme, die anderen vielleicht eher für Neid. Trotzdem alles kein Grund, allgemein ausfallend und respektlos zu reden. Und besagter Arzt schien mir in seiner ganzen Erscheinung jemand von dieser Sorte zu sein.

  4. WPR_bei_WBS schreibt:

    Jepp. Nicht, dass ich den „Opfern“ hier die Schuld geben möchte, aber wenn dann auch keiner Kontra gibt, können die ja nicht sozialisiert werden. Ich hab jedenfalls weiland als Zivi im X* einmal gegen einen OA der Anästhesie zurück geschossen (der war im Stress, ich seh’s im nach) und auch gegen den Chef der Inneren, Typus „Herr Professor und Herrgott in weiss“ . Bei letzterem meinte zwar die Geschäftsführung, ich solle beim nächsten mal doch direkt dort die Sache berichten, gab mir aber eben damit recht :-).

    * X = der Laden, der genau so heisst wie einer der beiden, die im anderen Stadtteil direkt nebeneinander liegen 🙂

    • firefox05c schreibt:

      Auf jeden Fall sollte man sich beim „Zurückschießen“ gegen Höhergestellte (oder die, die einem Ärger machen könnten) seiner Sache ziemlich sicher sein. Aber dann denke ich, dass es nur noch ein Problem der Sachlichkeit ist, um sich ohne Reue Luft machen zu können. 😉

  5. roerainrunner schreibt:

    Hm, es gibt ja zwei Seiten und man kennt die andere nicht.
    Ich habe auch Kollegen, denen man jahrelang tausendfach sagen kann, wie etwas zu machen ist, worauf zu achten ist, etc. Sie tun es trotzdem nicht und verärgerte Kunden lassen dann bei mir ihren Frust ab. Irgendwann reicht’s auch mal und dann bezeichne ich die betreffenden Kollegen gern als „lebende Fleischreserven“, weil ich meinen Frust nicht mit mir rumschleppen und an einem Herzkasper sterben will.
    Dennoch hat ihm die Schwester ja nichts getan, die das Telefonat beantwortete…

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