Der arme Notarzt: Will Leben retten, und dann sowas …

Gestern wurde mir über Twitter und Facebook eine Meldung in die Timeline gespült, die „viral ging“, wie man so schön sagt:

„Görlitzer Notarzt fährt zu schnell zum Einsatz: Jetzt muss er Führerschein abgeben!“ (Focus)

„Geblitzt bei Rettungseinsatz: Notarzt muss Führerschein abgeben!“ – Im Artikel: „Das Problem bei der Angelegenheit: Der Rettungseinsatz, zu dem Prejzek unterwegs war, war zu dem Zeitpunkt, als der Arzt geblitzt wurde, bereits beendet. Prejzek will das erst am Abend erfahren haben.“ (Stern)

„Arzt soll nach Noteinsatz den Führerschein abgeben – und zieht drastische Konsequenzen!“ – Unterzeile: „Es klingt unglaublich: Weil er so schnell wie möglich zu einem Notfall geeilt ist, soll ein Arzt aus Görlitz nun seinen Führerschein abgeben.“ (TZ)

Und besonders tendenziös:

„Arzt schließt Praxis aus Protest“ (https://www.sz-online.de/sachsen/arzt-schliesst-praxis-aus-protest-3912683.html)

und so weiter… und so weiter.

„JA, WER HAT BEI DENEN DENN DIE SCHEISSE IM HIRN GEKOCHT???“, möchte der geneigte Helfer etwas agitiert ausrufen. Der war doch im Einsatz! Zu einem lebensbedrohlichen Notfall! Und nun muss er seine Praxis schließen! 5000 Patienten deswegen nun bald ohne Versorgung! Ja, hackt’s??

Hallo? Sind die bekloppt? – Oh, wait… (am 07.04. von der Praxis-HP)

Er wäre als „Notarzt“ unterwegs gewesen, lässt er verlauten. Mit satten 84 km/h in einer 30er- Zone, das ist schon eine Ansage. Wenn bei meinem Chef so ein Zielfoto auf dem Tisch landen würde, hätte ich bei dem vielbeschäftigten Mann einen spontanen Termin. Auch, wenn ich im RTW mit Blaulicht unterwegs gewesen wäre. Die Kollegen könnten dann auf dem Innenhof der Wache hören, was der Chef mir dazu mitteilt. Bei geschlossenem Fenster.

Aber  es war ja ein Notfall- Einsatz. Dass es nicht so dringend war, konnte er nicht wissen, schreibt die Zeitung, und auch er selbst auf seiner HP. Angeblich hätte sogar ein Anwalt gesagt, dass die Chancen gut stünden, dass das Verfahren eingestellt werde, wenn er einfach nur Widerspruch einlegen würde. Diesen würde er aber nicht einlegen, da er nicht möchte, dass dafür Steuergelder verschwendet werden, und stattdessen seine Praxis schließen. Schließlich könne er die Fahrt zu seiner Praxis ohne Fühereschein nicht leisten: Er hat seinen Wohnsitz 64km entfernt in Tschechien.

Aber irgendwie passte das alles nicht:

OK, die 84km/h sind nicht wegzudiskutieren. Vor allem, wenn man sich diesem Geschwindigkeitsrausch vor einer Klinik hingibt, wo viel Publikumsverkehr herrscht. Aber ein Notarzt im Notfall- Einsatz? Er hat nach seiner Aussage Spitzenchancen, dass das Verfahren eingestellt wird, und er tut es nicht, weil es ja Steuergelder kosten würde, wie er schreibt? Verlangt aber laut SZ- Artikel, dass „der zuständige Sachbearbeiter im Ordnungsamt für seinen Fehler bestraft werden“ (SZ) müsse? Und es gibt für ihn keine Möglichkeit, 2 Monate lang zur Praxis zu kommen, ohne selbst zu fahren? Hat er niemanden, der ihn fahren könnte? Was ist mit Betriebsferien? Oder einem Taxi? Stattdessen will er die Praxis dauerhaft schließen, 3 Arzthelferinnen entlassen und das Land verlassen? 5000 Patienten seiner Hausarztpraxis verlassen, weil er im Notarzt- Dienst (der nichts mit seiner Praxis zu tun hat) nicht rasen darf?

Screenshot der Praxis-HP mit „Nachruf“

Auf seiner eigenen Homepage hat er schon mal einen „Nachruf“ veröffentlicht. Ab Juni (also, wenn er den Lappen schon längst wieder hat), wird der Schuppen geschlossen, schreibt er. Zudem lässt er sich darüber aus, dass er nur ein Sündenbock sei (wofür sucht man da eigentlich einen Schuldigen?), wie viel Steuern er zahlt, wie viele Notärzte so fehlen (und „rasen“ ist dann die Lösung?), und behauptet, dass der „ärztliche Leiter Rettungsdienst“ einen „dringenden“ Einsatz attestiert habe. Er fordert alle seine Patienten auf, die Verantwortlichen mit seiner Ansicht zu belästigen, und gibt die direkten Dienstadressen an. Na, wenigstens nicht auch noch die privaten Adressen …

Kommt schon, da stinkt doch was!

Wie erkennt man z.B. bei Gesichtsbuch, dass mit einer Meldung womöglich etwas nicht stimmt? Es steht „Teilen! Teilen! Teilen!“ dabei!

Die „alternativen Fakten“, die man herausbekommt, wenn man nur EIN WENIG selbst recherchiert, sobald die Hyperventilationstetanie abgeklungen ist, sehen da ganz anders aus. GANZ anders. Denn irgendwie schien mir die Sache beim ersten Überfliegen des Artikels der SZ etwas tendenziös. Ich suchte also weiter und fand die offizielle Stellungnahme der Stadt. Nach dem Lesen der Pressemitteilung der Stadt Görlitz wird hier aber offensichtlich gezielte Desinformation betrieben und die Story ganz anders dargestellt. Sie bieten dem Arzt auch an, in ihre eigenen Erkenntnisse, auf die die Entscheidung zur Bestrafung fußt, einzusehen. Will er aber wohl nicht. Wozu auch: Er war ja dabei …

Das Recht auf Sonderrechte ist m.E. schon mal strittig: Im §35 StVO Abs. 5a wird es – anders als bei der Feuerwehr, bei denen das Recht an der Person festgemacht werden kann – nur den „*Fahrzeugen* des Rettungsdienstes“ zugestanden. Der Arzt war mit einem Privatwagen ohne Kennzeichnung unterwegs. Kein Mensch konnte erkennen, wer da angeheizt kommt.

Ebenfalls im §35 Abs.8 steht, dass diese Sonderrechte „nur unter gebührender Berücksichtigung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ genutzt werden dürfen. Wir erinnern uns: Vor einer Klinik, Geschwindigkeitsbegrenzung bei 30, fuhr er (nach Abzug der Toleranz) 84 km/h. Wer rechnet dort damit, dass gleich ein bunter Streifen auf der Fahrbahn aufblitzt und vorbeischießt?  Und der Arzt als Fahrer? Wäre er bei der Geschwindigkeit überhaupt in der Lage gewesen, auf eine Person zu reagieren, die in Sichtweite auf die Straße tritt? Dort stehen beidseits der Fahrbahn geparkte PKW, wie es bei Kliniken eben so üblich ist. Mit den zu erwartenden kreuzenden Fußgängern.

Sein „Aufschrei“ in der Presse, die offenbar willfährig mitzog, ohne wirklich zu hinterfragen, zog jedenfalls dermaßen Kreise, dass die Stadt Görlitz sich genötigt sah, sich dazu öffentlich zu äußern – und das in einem Fall, der eigentlich noch „in der Schwebe“ ist: Ab dem 26.03. hatte der Arzt hat noch 2 Wochen die Möglichkeit des Widerspruches, daher war die Entscheidung offensichtlich „noch nicht rechtskräftig“ , wie es so schön heißt. Also, zu meinen Strafzetteln hat sich die Stadt noch nie öffentlich geäußert! Da muss ja ganz schön was los gewesen sein!

Wie sieht die Sache denn nun von der anderen Seite aus?

Pressemitteilung der Stadt Görlitz

Die Stadt hat wie gesagt eine Pressemitteilung mit Details veröffentlicht. Demnach hatte der Arzt keinen Notarzt- Dienst. Auch war es gar kein „Notarzt- Einsatz“, der zur Inanspruchnahme von Sonderrechten hätte berechtigen können: Die Dringlichkeit wurde von der Leitstelle im Protokoll als „gering“ eingestuft, und der Rettungsdienst vor Ort hat zunächst den Arzt direkt kontaktiert. Aus meiner eigenen Praxis kommt es mir befremdlich vor, dass ich bei einer vermuteten (und hier behaupteten) Lebensgefahr zunächst irgendwelche Hausärzte abtelefoniere, wenn ich einen Notarzt brauche. Zumal es außerhalb der Praxiszeiten war, wo man davon ausgehen musste, dass sich der Arzt womöglich nicht in der Nähe, sondern zu Hause befindet: über 60km entfernt in Tschechien …  Ich ordere in solchen Fällen einen Notarzt direkt bei der Leitstelle, wie es sich gehört. Wenn der nächste NA bereits unterwegs ist, ist es nicht meine Sache, mich um Ersatz zu kümmern. Das kann die Leitstelle besser. Zudem würde ich nicht einerseits dem angerufenen Arzt eine Lebensgefahr erklären, während ich kurz darauf der Leitstelle mitteile, dass die Dringlichkeit „gering“ ist. Sehr unlogisch. Dementsprechend spricht das Amt auch von einer Bewertung durch die Leitstelle als „dringendem Hausarztbesuch“, was ein Abrechnungsmerkmal der GoP ist: Gebührenordnung

Auch glaube ich nicht, dass der Rettungsdienst vor Ort wirklich zunächst von einer Lebensgefahr ausging, die einen Transport ohne Notarztbehandlung verböte, diesen dann aber erst 40 Minuten später anfordert. Klar kann sich ein Patientenzustand ändern. Dass sich die Lage direkt nach dem Anruf beim Arzt plötzlich so entspannt, dass überhaupt kein Transport mehr notwendig ist, halte ich jedoch für unwahrscheinlich: Bereits 4 Minuten später hatte die Besatzung sich verabschiedet, ihre Klamotten im Auto verstaut und war auf dem Rückweg. Für mich sieht es eher danach aus, dass der Patient in Ruhe untersucht wurde, man ihm schonend beigebracht hatte, dass ein Krankenhausaufenthalt etwas übertrieben wäre. Weil man den Patienten nicht „einfach so“ zurücklassen wollte, wurde mit dem wahrscheinlich betreuenden Hausarzt ein Hausbesuch abgesprochen. Diese Darlegung der Stadt Görlitz erscheint mir da wesentlich plausibler, denn das habe ich auch schon für Patienten organisiert.

Der Arzt wurde demnach übrigens bereits um 11.16Uhr „bestellt“, und satte 18 Minuten, nachdem der RTW die Einsatzstelle schon verlassen hatte, erst geblitzt. Da war der Arzt aber immer noch nicht beim Patienten. Nebenbei: War er eigentlich überhaupt irgendwann dort? Immerhin lässt er im Stern verlauten, dass er erst am Abend erfahren hätte, dass es kein Notfallpatient war. Oder dauerte die weitere Anfahrt von 11.38Uhr „bis zum Abend“? Oder hat er es erst abends nach Auswertung der Unterlagen so eingeschätzt? („Du, Schatzi: Der Patient, zu dem ich heute gerast bin und den ich dann nicht habe transportieren lassen … ey, der war ja gar kein Notfall!“)

Dass er in seiner Praxis zunächst mit dem Stichwort „Schlimm-2“ alarmiert wurde und dann unterwegs nicht davon in Kenntnis gesetzt werden konnte, dass es sich doch nicht um einen Notfall handelte, halte ich für unwahrscheinlich: Die Praxis ist 3 Fahrminuten von der Blitzerstelle entfernt, liegt in der entgegengesetzten Fahrtrichtung und hat lt. Öffnungszeiten samstags (an diesem Wochentag wurde er geblitzt)  geschlossen. Dort war er dann also wohl nicht. Na, dann hätte man ihn doch wahrscheinlich auf dem gleichen Weg erreichen können, wie die Rettungseumel, die ihn anscheinend auch unterwegs erreichen konnten? Aber das ist meine persönliche Phantasie. Vielleicht hat er sich nur daran gehalten, während der Fahrt nicht zu telefonieren.Wäre ja auch noch schöner, bei so einer Höllenfahrt auch noch zu telefonieren …

Es bleibt: Ein Hausarzt- Besuch bei einem offensichtlichen Nicht-Notfall-Patienten, zu dem ein Arzt im Privatwagen durch einen 30er- Bereich vor einer Klinik vorbeirast. Mit 84 Klamotten. Heilig’s Blechle. Für mich (und die Stadt Görlitz) sieht es so aus: Es war KEIN Notfall. Er war NICHT als Notarzt unterwegs. Es war offensichtlich KEIN Verdacht auf Herzinfarkt und auch KEIN Verdacht auf Schlaganfall, wie er auf seiner HP andeutet. Sonst wäre die RTW- Besatzung nicht vor seiner Ankunft abgerückt. Und das werden sie ihm auch am Telefon gesagt haben, sonst würde die beiden Retter jetzt eine Menge Ärger erwarten – von dem ich aber nichts gelesen habe.

Letztendlich hat der Arzt dann wohl doch erkannt, dass er sich selbst ins Knie geschossen hat, denn schon am nächsten Tag konnte man lesen, dass er nun nach einem Gespräch DOCH Widerspruch eingelegt hat und seine Praxis entgegen erster Bekundungen doch behalten wolle ( hier beim MDR, und hier in der SZ) . Also das „Horneberger Schießen“?

Peinlich, irgendwie. Ich hoffe, das Verfahren wird NICHT eingestellt. Es kann nicht sein, dass für Hausbesuche mit dem Leben anderer Verkehrsteilnehmer gepokert wird. Ärzte sind keine heiligen Kühe mehr. Es ist meiner Ansicht nach ein reines Glücksspiel, mit 84 Sachen heile an einer Klinik vorbei zu kommen, ohne jemanden von der Straße zu putzen. Da kann niemand davon sprechen, dass die „öffentliche Sicherheit“ nicht gefährdet war. Und dass der Studierte spontan mit der Schließung seiner Praxis, die nichts mit dem Notarztdienst zu tun hat,  gedroht – nein, sie sogar angekündigt hat, ist nicht nur peinlich, sondern albern. Das erinnert mich an meine Schwester, die, wenn sie als Kind aufgefordert wurde, beim Essen nicht zu schmatzen, entrüstet die Gabel wegwarf und bockig schimpfte: „Dann esse ich eben überhaupt nichts mehr!“  Sie ist nicht verhungert.

Ich möchte jedenfalls nicht zu einer Einsatzsatelle gerufen werden, bei der jemand einen Fußgänger mit 80 Klamotten plattgemacht hat, um bei einem Patienten einen Hausbesuch zu machen. Wisst ihr, wie solche Fußgänger aussehen?


Nachtrag:

Nachdem ich einige Kommentare (nur einige, alle habe ich nicht ausgehalten) unter den tendenziösen Zeitungsartikeln gelesen habe (besonders mal wieder im Qualitätsmedium Huffington Post), bin ich fast schon wütend über a) die unreflektierte, verantwortungslose Berichterstattung der Presse, und b) über diese kritiklosen Schafe, die einfach voll auf das „Framing“ der Presse aufspringen, ohne, dass ihnen etwas komisch vorkommt. 84km/h im 30er- Bereich? – geschenkt. Kein Widerspruch des Arztes, obwohl die Sache doch so klar ist? – Ist eben so. Die Praxis MUSS geschlossen werden, nachdem der Führerschein schon wieder mehrere Monate da ist? – Kein Grund zum Stutzen. Stattdessen wird sogar unterstellt, dass die Behörde die Strafe ohne Rechtsgrundlage ausgesprochen hätte. Die Schreiber haben offenbar ihr Leben bisher als Fußgänger verbracht, sonst hätten sie schon mal etwas von der Straßenverkehrsordnung gehört. (Übrigens ist die „Rechtsgrundlage“ ordnungsgemäß auf dem auf der Praxisseite abgebildeten Bescheid vermerkt. Aber das wäre wahrscheinlich zu viel verlangt, dort oder auf einem eigenen Bescheid mal nachzusehen.)

Nein: Es war ein NOTARZT, der LEBEN RETTEN wollte! Dann ist scheinbar bis zum Anzetteln eines Atomkrieges alles erlaubt. Das logische Denken schaltet ab. Haben verantwortungsvolle Journalisten nach gründlicher Recherche ja schon gemacht. Bestimmt.  Außerdem geht es gegen „den Staat“: Es MUSS also richtig sein. Nicht, weil die Fakten stimmen, sondern weil … iss so. Hurra, und wieder ist die Merkel doof!

Zum Kotzen. So viele blökende Schafe, die sich für dumm verkaufen lassen. Von einer Presse, die sich ihrer Verantwortung nicht bewußt ist und mehr auf Klicks schielt statt auf  Fakten.

 

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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22 Antworten zu Der arme Notarzt: Will Leben retten, und dann sowas …

  1. A.F. schreibt:

    Einerseits hast du Recht, 80 in einer 30iger Zone ist viel zu viel und der Herr hat ganz schön viel Aufriss gemacht der nicht hätte sein müssen. Andrerseits weiß ich von Urteilen der Vekehrsgerichte, die das ganze komplett anders sehen als du und die Kommentatoren hier. http://jule-stinkesocke.blogspot.de/2014/05/zu-schnell-ist-nicht-immer-zu-schnell.html?m=1 Dieser Link ist nur als Beispiel gedacht und ja der Fall liegt anders, das es auf gerader Strecke war, aber die Frau war dennoch über 40 km/h zu schnell in der Stadt. Ähnliche Fälle gibt es immer wieder und meistens Urteilen die Gerichte wirklich für den betroffenen Arzt. Du solltest dir vor allem mal die Begründung der Richter in dem Link durchlesen.

    • firefox05c schreibt:

      Wie du schon bemerktest, sind solche Urteiel Einzelentscheidungen. Auf diesem Feld gibt es kein „Schwarz oder weiß“. Nachdem ich den Blogpost gelesen habe (und die geschilderten Umstände als Fakten voraussetze), zeigt sich hier, dass die beiden Fälle kaum miteinander vergleichbar sind: Im einen Fall ein schnöder Hausarztbesuch bei einem Patienten, der nicht einmal ins Krankenhaus musste, mit einer Geschwindigkeitsübertretung in einer engen Wohnstraße mit Fußgängerverkehr, geparkten Autos und alten Leuten, lange nach dem Abrücken des Rettungsdienstes: Es gibt kaum ein Verhältnis zwischen Risiko und möglichem Nutzen.
      Im anderen Fall ein bestätigter, akuter Herzinfarkt, Geschwindigkeitsübertretung außerhalb geschlossener Ortschaft und ohne Bebauung, mit dem erreichen der Praxis noch vor dem Rettungsdienst (offensichtlich im ländlichen Bereich, wo der RD auch schon mal erheblich länger brauchen könnte). Die Übertretungen auf einer (nach der Beschreibung) freien, übersichtlichen Landstraße könnten dem Patienten das Leben retten. Ich habe (mit der Erfahrung von jährlich etwa 150 Alarmfahrten, bei denen ich auch immer entscheiden muss, was noch geht und was nicht) wenig Probleme damit, beide Entscheidungen als nachvollziehbar anzusehen.

  2. Hospitaliter schreibt:

    Mir ist auch von Freunden bekannt, dass auch Einsätze mit Sonderwegerechten sich in einem angemessenen Rahmen bewegen müssen. Daher sind bereits 84:30 nicht mehr zu hinterfragen.
    Ich bin selbst in einer 30er vor einer Klinik geblitzt worden. 37:30, da kann ich mit leben, waren nur 15€. Und ich hätte meinen Widerspruch sicher durchbekommen, da ich meine Frau mit vorzeitigen Wehen in die Klinik gebracht habe und die Übertretung nur mäßig war. Aber soll ich da ein Fass aufmachen? Frau und Kind geht’s gut, da ist die Knolle ein kleiner Preis.
    Aber das ist ein grundsätzliches Problem bei Menschen, die glauben, ihre gesellschaftliche Stellung mache sie sakrosankt. Ich hoffe, dass der Arzt eines Tages einen hellen Moment hat.
    Allein ich habe in den letzten Jahren europaweit hunderte von Kliniken besucht und immer wieder begegnen einem Götter in weiß. Gott sei Dank relativ selten, aber es gibt sie.

  3. Fastdäne schreibt:

    Moin, moin,
    du bist doch nebenbei immer mal wieder als „Freiwilliger“ bei der Feuerwehr. Wie ist es denn da nach Alarmierung auf dem Weg zum Gerätehaus? Habt ihr da Sonderrechte? Maximal gilt doch da erhöhte Toleranz, oder?
    Ich hatte mal Glück. Ich fuhr damals Taxi und bekam einen Bluttransport zu einer anderen Stadt. Am Ortseingang der Zielstadt wurde ich mit überhöhter Geschwindigkeit erwischt und angehalten. Als der Polizist die Kiste auf der Rückbank sah, durfte ich sofort weiter und habe auch kein Ticket bekommen. Das waren aber auch „nur“ die von dir erwähnten gut 20 drüber.
    Gruß Frank

    • firefox05c schreibt:

      Im Bereich „Sonderrechte“ gibt es meist kein schwarz oder weiß, sondern fast nur Graustufen. Darum kann ich meine Ansicht auch nicht in zwei Sätzen beschreiben. 😉
      Lt. §35 StVO werden z.B. „der Feuerwehr“ Sonderrechte zugestanden. „die Feuerwehr“ bedeutet nach herrschender Rechtssprechung nicht nur Fahrzeuge der Wehr, sondern auch die Mitglieder, die dann in den Privatfahrzeugen zum Gerätehaus fahren.
      Worüber sich viele Laien nicht im Klaren sind, ist die Frage, WAS „Sonderrechte“ überhaupt sind: Viele verwechseln es nämlich mit „Vorfahrt haben“. „Sonderrecht“ bedeutet lediglich, dass der Inhaber sich über die StVO hinwegsetzen darf (also die allgemeinen Verkehrsregeln), und zwar auch nur „unter gebührender Berücksichtigung der […] Sicherheit“, und nur, soweit es wirklich erforderlich. In der Regel heißt das: Kein anderer Verkehrsteilnehmer darf dadurch gefährdet werden, und das Sonderrecht muss gerechtfertigt sein.
      Beispiel: Nehme ich einem anderen Teilnehmer die Vorfahrt und er muss stark bremsen, kann das schon eine Gefährdung sein – und aus ist es mit „Sonderrecht“.
      Fahre ich auf einer gut ausgebauten, freien Hauptstraße etwa 70km/h, wirst du (wenn nichts anderes dazukommt) bei einer Geschwindigkeitskontrolle mit „Sonderrecht“ davonkommen. In einer engen Wohnstraße mit der gleichen Geschwindigkeit hingegen womöglich nicht.
      Fährst du über ein Stoppschild, ohne anzuhalten, und du begründest das mit deiner Funktion als Drehleitermaschinist und unsicherer Tagesalarmverfügbarkeit, wirst du damit durchkommen. Stellt sich dann aber heraus, dass die Alarmierung schon 20min zurückliegt und die wichtigsten Fahrzeuge erwartungsgemäß sowieso schon ausgeückt sind, bist du dran.
      Es ist eben alles eine Sache des Augenmaßes. Eine feste Regel gibt es an sich nicht, die Grenze ist fließend und wird immer aufgrund des Falles neu beurteilt. Einige Sachen – wie die von diesem Hausarzt – sind m.E. weit drüber.

  4. Anja schreibt:

    Das ist echt eine schräge Story (und ja, über das völlig gedankenlose Mitmeckern so mancher Kommentatoren hab ich mich auch schon gewundert, allerdings nicht nur in diesem Fall…). Spannend finde ich übrigens auch, dass der Doc noch mehrere (!) Praxen in Tschechien hat (http://www.sz-online.de/sachsen/tschechischer-arzt-behaelt-praxis-3912870.html – letzter Absatz) – wie macht der das???

  5. Steffi schreibt:

    Wir hatten das ganze im TV gesehen, Tendenz ebenfalls im Sinne von der arme Notarzt, muss jetzt sein Geld löhnen weil er Menschen retten wollte.
    Als es dann hieß über 80km/h in einer 30er Zone war mein Mitleid allerdings direkt verflogen. Das Ganze dann noch ohne Sirene im privaten Auto. Da konnte dann der Rest des Berichts (der arme Mann muss die Praxis schließen) auch nix mehr ändern.
    Ich meine, Du hattest auch schon mal hier geschrieben, dass Du im RTW maximal 20km/h schneller fährst, das hatte ich dabei zumindest im Kopf. 54km/h mehr ohne Sirene ist einfach nur wahnsinnig (gefährlich).
    Die Details und den aktuellen Stand kannte ich noch nicht, Danke für die interessante Aufarbeitung. 🙂

  6. Micha schreibt:

    …..auch heilige Kühe kann man schlachten…… 🙂

  7. Edea schreibt:

    Danke für die sorgfältige Aufarbeitung,
    es zeigt nur wie wichtig in der heutigen Zeit das kritische Hinterfragen von Informationen ist. In diesem Fall sogar nicht nur das Geblubbere irgendwelcher Leute auf Facebook, sondern sogar anerkannter (Print-)Medien, die sich nur allzu leicht vor den Karren spannen lassen.

    LG
    Edea

    • firefox05c schreibt:

      Wenn jemand die Nothilfe als Begründung für ein offensichtliches Fehlverhalten vorschiebt und dramatische Töne dieser Art angeschlagen werden, klingelt es bei mir immer. In diesem Fall schrie es förmlich nach „Framing“, mit dem durch bewusste Desinformation Stimmung gemacht werden sollte. Wenn man die Kommentare unter diversen Artikeln liest, wurde das auch erreicht: Die Abneigung gegen alles Staatliche ist mittlerweile „unter gewissen Leuten“ so groß, dass an echten Informationen überhaupt kein Interesse besteht. In unseren Zeiten der schnellen und kurzlebigen Medien wie Facebook und Konsorten sind Gefühle wichtiger als Fakten. Zu viele Menschen nehmen jede noch so unlogische Meldung einfach hin – und nehmen es dann als persönliche Beleidigung, wenn man es richtigstellen will (ist mir mehrfach passiert!). –
      Solche Aktionen lassen auch mich im schlechten Licht dastehen, wenn ich mit dem RTW unterwegs bin!

  8. Lukas schreibt:

    Hallo firefox05c,
    deinen letzten beiden Absätzen ist nichts mehr hinzuzufügen.
    Mitten am Tag 84Kmh vor nem Klinikum in einer 30 Zone… Das würde ich noch nicht einmal mit voller Randalebeleuchtung und Presslufthorn in Dauerschleife fahren… Vollkommen Verantwortungslos.

    Ich hoffe sehr, der nette Herr wird für sein Vergehen entsprechend zur Verantwortung gezogen. Lustig wird es, wenn das ganze dann vor Gericht geht und er sich dann zum §38 erklären darf… Mit viel gutem Willen wäre sogar eine Bußgeldverdoppelung wegen Vorsatz drin.

    Danke für die umfassenden Informationen zu diesem Fall.

    Gruß Lukas

    • firefox05c schreibt:

      Ich denke, du meinst den §35. – Ja, es ist auch durchaus schon mal vorgekommen, dass bei einer erneuten Prüfung (die ja durch das OA schon mal stattgefunden hat, da zusätzliche Begründungen vorgelegt wurden) das Strafmaß erhöht wurde.

      • Lukas schreibt:

        Oh, ups ja, ich meinte wirklich den §35. Na, dass mir die beiden mal durcheinander geraten… Peinlich.

  9. Tänzerin schreibt:

    Danke für deine Darstellung. Ich hatte auch einige Links zu diesen Artikeln bei FB gesehen, hatte aber überhaupt nicht die Muse mir das durchzulesen. Bei solchen Überschriften weiß ich schon, dass ich nachher nur den Kopf schüttel über die seltsamen Auffassungen die da vertreten werden. Durch deinen Artikel habe ich jetzt einen Überblick, was da abgeht, sollte mich doch mal jemand nach meiner Meinung dazu fragen xD

    • firefox05c schreibt:

      Bei entsprechend vorhandener Zeit ist es schon fast ein Hobby von mir, „verdächtige Stories“ zu hinterfragen. Das Internet taugt dabei erfreulich oft nicht nur zur Desinformation. Und von einer unglaublichen Wand aus erdrückenden Behauptungen, an der die Gesellschaft angeblich zerschellen soll, bleibt nach dem Verifizieren nur noch eine Treppenstufe übrig, deren Bewältigung kaum Probleme macht. Meine Skepsis hat schon so manche Kollegen genervt – oft allerdings auch zu recht.

      • Daniel schreibt:

        Und genau das ist, was ich auch an diesem Blogeintrag von dir so gut finde: Du beleuchtest den Sachverhalt von verschiedenen Seiten und belegst deine Aussagen mit Quellen. Vielen Dank dafür.

      • firefox05c schreibt:

        Danke für die Blumen. 🙂

  10. BRC_MEDIC schreibt:

    Erst dachte ich: Das kenne ich auch von uns (Organtransport mit SoSi wurde von einem County (Lincolnshire) mit massiven Bußgeld belegt, weil zu schnell (im erlaubten Rahmen) und ignorieren von roten Ampeln).
    Dann die +50Km/h … da wäre auch bei uns Schicht im Schacht. Mehr als 20M/h sind nicht drin und idR. ist das schon gut ausgelegt. Mit 84Km/h ist alles was vors Auto tritt final platt. Das war ja mitten am Tag und nicht mal in der stillen Nacht. Von mir gibt es da kein Mitleid – wobei nur aus Neugierde – würde ich gerne wissen welche Lichtanlage da im Spiel war.
    Scheint aber so das jemand so ein Ego hat das keine andere Sachen zulässt.

    • firefox05c schreibt:

      Lichtanlage? – Falls du „Einsatzbeleuchtung“ meinst: Nix. Falls du den „Blitzer“ meinst: Auf dem Bescheid ist ein Lasergerät angegeben.

      • BRC_MEDIC schreibt:

        Das heißt ohne SoSi durch das Dorf heizen? Das ist ja noch besser und mit 2 Monaten wohl wahrlich sehr großzügig bedacht. Ich dachte der zumindest die Disco dabei ….. Und sowas hat dann Approbation und schaut auf uns runter?

      • firefox05c schreibt:

        Ja. Privatwagen. 18 Minuten nach Einsatzende.

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