Mit dem RTW zur Tierrettung

Das AOK- Taxi fuhr rumpelnd über die schlechte Straße. Hinten im Patientenraum saß ich neben der Trage, auf der ein älterer Herr mit einer defekten Runkel darauf wartete, dass wir endlich das Krankenhaus erreichten, damit das Geschaukel ein Ende hat. Ich tippte auf unserem elektronischen Schneidbrett herum, um die aktuellen Patientendaten zu protokollieren. Da wurden wir vom Callcenter über Funk angesprochen: „Melden Sie sich in der Leitstelle, wenn Sie den Patienten abgeliefert haben!“, forderte der Disponent uns auf. Ich überlegte reflexartig: Hatten wir irgendwo etwas von unserer Ausrüstung vergessen? Oder ein Patient, der einen persönlichen Gegenstand vermisst? Ist auf einer anderen Wache etwas passiert, und wir sollten für einen ausgefallenen RTW das Einsatzgebiet übernehmen? Mir fiel nichts plausibles ein.

Wenige Minuten später war der Patient in einen Behandlungsraum der Notaufnahme einsortiert worden und ich rief die Leitstelle an, um zu erfahren, ob ich vielleicht irgendwo Mist gebaut hatte und vor dem Einrücken besser noch etwas Zeitungspapier in die Hose stecken müsste, falls mir der Chef den Hintern versohlen wollte. Aber es kam anders: „Du hast doch mal so einen ‚Schlangen- Kurs‚ gemacht, nicht? Wenn ihr jetzt fertig seid, dann fahrt doch mal in die Felsenstraße. Dort wurde eine Schlange gesichtet, und der Kollege auf dem Arbeitswagen, den ich geschickt habe, hat schon gesagt, er würde so ein Viech nicht anfassen.“ Ich fand es natürlich gut, dass man es noch „auf dem Schirm hatte“, dass ich diese Qualifikation besaß. Hey, ich bin „multifunktionaler Feuerwehrmann“!  „Klar“, entgegnete ich. „Woll’n mal sehen, was wir da machen können. Schickst du uns den Einsatz?“ – „Ja, ich ziehe euch rein. Wenn es klingelt, drückt ihr einfach die Drei“, kündigte der Callboy an.

Oben das Bedienpannel des digitalen Funkgerätes mit den Status- Tasten. Rechts das gleiche auf einem analogen Funkgerät.

Das heißt, dass er im Leitstellenrechner unsere Fahrzeugkennung in den für den Arbeitswagen laufenden Einsatz schreibt und per Mausklick den Rechner nötigt, unsere Piepser klingeln zu lassen. Die Zahlentasten an unserem Funkgerät wiederum sind mit Standardmeldungen verbunden. So verrät der „Status 2“ dem Computer zum Beispiel, dass das Fahrzeug auf der Wache bereit steht, der „Status 5“ lässt in der Leitstelle die Information aufploppen, dass wir mit ihr sprechen möchten. Wenn ich, wie jetzt verlangt, mit der Funkgeräte- Tastatur den Statuscode „3“ übermittle, weiß der Leitstellenrechner, dass wir den zugewiesenen Einsatz übernommen haben.  Mit dieser Codierung spart man eine Menge Funkverkehr.

An der mit der Alarmierung übermittelten Adresse, einem Einfamilienhaus, welches direkt an einem felsigen und bewaldeten Abhang gebaut war, wartete ein älteres Ehepaar auf uns. Sie schauten natürlich ein wenig sparsam aus der Wäsche: Sie rufen die Feuerwehr, weil sie eine Schlange gefunden hatten, und es kommt ein Rettungswagen … „Guten Tag. Sie hatten angerufen, weil sich hier eine Schlange rumtreiben soll?“, begrüßte ich sie. „Jaja! Hier auf der Treppe, unter dem Eimer. Den hat mein Mann todesmutig drübergestülpt, als ich das Tier entdeckt hatte!“, klärte mich die Dame aufgeregt auf. Auf der Zugangstreppe des Hauses stand ein umgestülpter, roter Plastikeimer. Über die Größe des Tieres darunter sagte das noch nicht viel aus: Wenn Schlangen sich zusammenrollen, passt eine ganze Menge Schlange unter so einen Bottich. Ich fragte sie, wie das Reptil denn aussah, und sie zeigte mir auf ihrem Handy ein Foto: „Schauen Sie, hier. Gestern habe ich schon eine andere hinter dem Haus gefunden. Aber die war tot“, erzählte sie.

häufig sind Fundschlangen solche Kornnattern. Sie können bei ähnlichem Muster in allen Gelb-, Rot- und Brauntönen gefärbt sein und sind ungiftig.

Das Tier auf dem Bild war keine Kornnatter, wie sie schon mal ausbüchsten. Ich vermute, Kornnattern sind die hierzulande die am häufigsten gehaltenen Schlangen, und wenn irgendwo eine herumliegt, ist es oft so ein Exemplar. Diese war aber dunkelbraun gefärbt, hatte auf dem Rücken und an den Seiten der Länge nach helle Streifen und dazwischen orangene Flecken. Da scheinbar schon zwei gesichtet wurden und das Gelände hinter dem Haus „Schlangenfreundlich“ schien (Südseite, Steine, Unterholz, recht trocken…), hatte ich die Vermutung, dass es sich vielleicht tatsächlich um eine heimische Schlange handeln könnte. Diese sind alle geschützt und dürfen nicht gefangen werden. Ich bin aber trotz Seminar kein Experte, so dass ich das Tier nicht mit Sicherheit bestimmen  konnte, und das Foto war eher schlecht. Klar: Die Dame hatte mehr Angst als Vaterlandsliebe, da macht sie natürlich keine „Close-Ups“. Also war mein Plan: Eintuppern, ins Tierheim bringen und dort bestimmen lassen, und die können sie bei Bedarf wieder auswildern, falls sie heimisch sein sollte. „Und was machen Sie jetzt?“, fragte der Ehemann. „Wir warten am besten auf den Kollegen mit dem Arbeitswagen, dann schauen wir mal“, erklärte ich das weitere Vorgehen. „Er hat Kartons und Kästen mit, mit denen er die Schlange transportieren kann.“ Plötzlich rief der Mann aus: „Ja, hallo! Da ist ja noch eine!“, und deutete aufgeregt ins Blumenbeet neben dem Weg. Und tatsächlich: Gerade konnte ich noch den langen Rückenstreifen eines Artgenossen in den Rabatten sehen, bevor sich das Viech fix unter einen Findling schlängelte! „Sehen Sie“, sagte ich der Dame des Hauses, „die haben mehr Angst vor Ihnen, als Sie vor denen!“ – Allerdings sedierte sie diese Information nur marginal. Sie machte jedenfalls noch einen weiteren respektvollen Schritt in Richtung Hauseingang.

Einige Minuten später, in denen ich den Bewohnern etwas Allgemeinwissen aus dem Nähkästchen zum Thema „Schlangen“ erzählte, fuhr das erwartete Fahrzeug vor. Der Kollege stieg aus, kam zu uns herüber und starrte den Eimer an: „Hmm….“, brummte er skeptisch. „Ist da das Vieh drunter?“ – „Ja, soll so“, sagte ich. Immerhin hatte ich auch noch nicht nachgeschaut, denn unter dem Eimer würde es nun hübsch warm sein, was Schlangen sehr flink machen kann. „Und nun? – Ich gehe da nicht dran“, verkündete er. „Hast du einen dichten Behälter im Auto? Und ein paar dünne Lederhandschuhe vielleicht?“, fragte ich. Wir gingen gemeinsam zum Einsatzwagen, wo er mir das Gewünschte zusammenstellte: Einen großen Eimer mit Deckel, ein Paar Handschuhe und sogar einen größeren Schlangenhaken. Die Handschuhe zog ich auf dem Rückweg zur Haustreppe an, stellte den leeren Eimer bereit und wies den „Kollegen Bangbüx“ an, nun den umgestülpten Eimer über der Schlange zu entfernen. Gespannt hielt ich Haken bereit. Was würde mich gleich erwarten? Wie groß mag die Schlange sein? Sie war auf dem Foto schlecht einzuschätzen. Ob sie versuchen würde, mich zu beißen, wenn ich ihr ans Schlangenleder wollte? Oder nutzte sie meine erste Orientierungsphase, um sich aus dem Staub zu machen? Wenn sie groß war, würde sie durch den Handschuh beißen können? Ist sie womöglich giftig? Die Bisse der meisten Schlangen bringen einen gesunden Erwachsenen nicht um. Die der einheimischen sowieso nicht. Aber so ein Biß kann sehr unangenehm werden, und bei einigen Exoten sogar dazu führen, dass man zum Beispiel schwere Gewebeschäden durch absterbendes Fleisch bekommen kann. Da hatte ich auch nicht unbedingt Bock drauf. Mit der Anzahl meiner Finger war ich jedenfalls immer zufrieden gewesen, sie schienen mir für die üblichen Tätigkeiten gerade so ausreichend.

Der Kollege hob zügig den Eimer an. Darunter: Eine zusammengekringelte, etwa ringfingerdicke Schlange, vielleicht 60cm lang. Sie wand sich ein wenig, da ihr das plötzliche Licht scheinbar unangenehm war, und guckte sehr erstaunt. Klar: Eben noch geschützt unter dem Eimer, nun nackig und ohne Deckung vor vier riesigen Menschen, die sie skeptisch beäugten. Zwei davon direkt über ihr, zwei weitere in respektvollem Abstand.

Wenn die sich mit Hugo vertragen würde … 😉

Ich war nach dem kurzen Beäugen der Meinung, dass a) der Schlangenhaken viel zu groß war, um sie damit zu angeln, und 2.) sie wohl nicht in der Lage sein würde, die Handschuhe zu durchbeißen. Falls sie es denn versuchen würde. Ein schneller Griff war also vermutlich die sicherste Variante, sie am Flüchten zu hindern. So geschah es: Ich musste zwar ein wenig nachfassen, weil die Kleine sich nicht nur wandte, sondern ich ihren schlanken Körper mit den etwas zu großen Handschuhen schlecht gefasst bekam (als wenn man eine einzelne Spaghetti vom Fliesenboden aufheben will), aber dann hing sie zwischen meinen Fingern und wurde kurz darauf eingetuppert. Der Kollege traute sich dann angesichts der sparsamen Korpulenz der Schlange doch, den Deckel zu schließen. Nicht jedoch, bevor ich ein Foto machte, um sie später identifizieren zu können. Der Kollege packte den Eimer in sein Auto und fuhr ab zum Tierheim, Einsatzende.

Später auf der Wache glich ich den Schnappschuss mit Bildern von heimischen Schlangen auf diversen Internetseiten ab: Kein Treffer. Dann bekam ich aus der virtuellen Nachbarschaft den Tipp, dass es sich um einen Zugewanderten handeln könnte, und tatsächlich: Es war eine junge, nordamerikanische Strumpfbandnatter. Ungiftig, als „Einsteiger- Terrarienschlange“ sehr beliebt. Somit ist zumindest für mich klar: Da dort  insgesamt schon drei dieser Schlangen gesichtet wurden, hat wohl jemand seine unerwünschte Nachzucht rausgeschmissen!

Später kam auch die Rückmeldung aus dem Tierheim, das meine Recherche richtig war. Was die aber mit dem Tierchen machen, weiß ich nicht.

 

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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4 Antworten zu Mit dem RTW zur Tierrettung

  1. WPR_bei_WBS schreibt:

    Ich verstehe nicht, wie man (solche) Tiere einfach so aussetzen kann. Zumindest sie selbst ins nächstgelegene Tierheim bringen (von mir aus auch mit einem „Hab ich im Garten entdeckt und gefangen“, falls man Angst vor Unbill hat) sollte man ja wohl erwarten koennen. Anstatt das gleiche Resultat mit unnötigem Aufwand und blockierten Lebensrettern zu verteuern.

    • firefox05c schreibt:

      Ich kann mir sogar vorstellen, dass das eine oder andere Zoogeschäft die Tiere gerne zum Verkauf annehmen würde. Aber einigen Menschen ist das auch schon zu viel Mühe: Genauso, wie man immer noch Altölkanister in der Natur findet, obwohl man es an den Ölverkaufsstellen kostenlos zurückgeben kann!

  2. Chestermusic schreibt:

    Hui, was Du so alles kannst und erlebst !
    Ich freue mich über jeden neuen Beitrsg & meistens lese ich sie sofort aus Neugierde.
    Vielen Dank für’s teilhaben lassen.

    • firefox05c schreibt:

      Das ist der Grund, warum ich mir keinen interessanteren Job vorstellen kann als Feuerwehrmann: Man erlebt immer wieder etwas anderes, und das über 40 Dienstjahre! 😉

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