Baum- Umarmer

An einem schönen Frühlingsnachmittag saßen wir vor der Wache in der Sonne und bekamen vom Wachführer etwas über die neuesten Tagesanordnungen erzählt, als das Alarmlicht in der Fahrzeughalle aufflammte und die Stimme aus der Wand zu uns sprach: „Einsatz für das Löschfahrzeug: Kind klemmt in Baum-Ast!

Die Meldung, die zunächst erst einmal für Verwunderung sorgt, kann einen ernsten Hintergrund haben: Laut Alarmschreiben, welches parallel zur Durchsage aus dem Drucker kam, war zu lesen, dass sich das Kind wohl in einer Astgabel verklemmt hatte. Mehr nicht. Aber was bedeutete das? Saß es nun einfach in mehreren Metern Höhe und kam einfach nicht mehr hinunter? Hatte es sich so verklemmt, dass Nerven geschädigt werden könnten? Oder hing es sogar kopfüber und bewegungsunfähig in der Großpflanze, so dass ein Hängetrauma und Hirnschäden zu befürchten waren?

Während wir uns auf den Weg machten, entwickelten wir schon Strategien, was möglicherweise zu tun war. Von „kurz raufklettern und ein verklemmtes Bein befreien“ über „Nachforderung Drehleiter“ bis zu „Baum umsägen und Kind einfach aussteigen lassen“ war alles dabei. Aber man musste eben erst mal sehen. Die Meldung klang zwar in der Leitstelle nicht sehr dramatisch, trotzdem hatte der Disponent zur Sicherheit mal einen RTW mit losgeschickt, wie er uns über Funk verriet.

Vor Ort in einer Siedlung mit großen Wohnblocks, die von Rasenflächen und sonstigem Grünwuchs umgeben waren, stand vor einer großen Linde eine Frau und winkte uns heran. Der rote Löschlaster blieb an der Straße neben dem Baum stehen, wir stiegen aus und sahen uns die Sache näher an:

Ein herrlicher Kletterbaum! Beim Pfeil war das Knie eingeklemmt.

Die stattliche Linde hatte gleich mehrere Stämme, und zwei davon, die dicht nebeneinander und halb umschlungen aufragten. Die ersten Äste begannen schon in geringer Höhe, so dass wohl dann und wann Kinder aus der Siedlung daran hinauf kletterten. So versuchte es auch heute ein etwa 6- Jähriger Junge. Es schien ja auch so einfach: Sich in dem Spalt zwischen den Stämmen bis zum ersten Ast hochschieben hatte ja auch bei anderen Kindern schon geklappt! Dummerweise rutschte der Pupser dabei mit seinem Fuß ab und das Knie verklemmte sich in etwa 70cm Höhe zwischen den Stämmen. Gerade so konnte er auf dem verbliebenen Bein noch stehen, aber seine Versuche, das Knie zu befreien, klemmten es nur noch tiefer ein. Eine Tante, die die Aufsicht führte, konnte ihn leider auch nicht selbst befreien, sondern ihm nur ihren Oberschenkel anbieten, damit der Junge sich darauf setzte, um das Knie etwas zu entlasten. Nun ging es nicht mehr vor und zurück. Und wen ruft man dann? Klar: Die Feuerwehr ist für alles zuständig.

Nun saß der Kleine auf dem Knie seiner verzweifelten Tante und heulte, während er eng umschlungen „den Baum lieb hatte“. Dumm gelaufen …

rechts die Klemmstelle noch etwas näher

„Hallo! Was hast du denn hier fabriziert?“, fragte der Chef. „Ich wollte nu- hur da raufklettern, und dann h- habe ich mich ei- heingeklemmt!“, schluchzte der Junge. „Das tut weh! Ihr müsst mi- hich hier befrei- hen!“

Während nun ein Kollege die Tante ablöste und von hinten versuchte, den verhinderten Kletterer anzuheben, griff der Chef zwischen die Stämme und drückte von unten gegen seinen Fuß. Der Junge heulte noch lauter: „Auuuuu! Das tut weh! Nicht hochheben!“ – „Aber wir müssen dich doch hier raus bekommen!“, wandte der Kollege ein. „Ja, aber nicht hochheben!“, quängelte der Patient. „Nun, was sollen wir denn dann machen?“, fragte ich ihn. „Zu warten, bis der Baum kompostiert ist, dauert uns zu lange.“ Ich bin kein Botaniker, aber ich fürchtete, dass das nicht bis zum Schichtende passieren würde. „Mich hier rausholen. Aber nicht hochheben!“, protestierte das Kind. Verzwickte Lage. Wir überlegten, wie wir den nötigen Raum bekamen. Ein paar Millimeter bräuchten wir vielleicht, dann käme das Knie frei. Aber wie? Einfach absägen konnte man den Baum nicht: Würde man einen der Stämme als Ganzes umsägen, könnte er sich drehen und gegen das Bein des Jungen rutschen. Das Bein wäre Matsche. Von oben vorsichtig abtragen ging auch nicht: Der Baum war ziemlich groß und es würden ein paar hundert Kilo weniger den Stamm nach Außen ziehen. Der Stamm würde mit jedem abgeschnittenen Ast entlastet und sich möglicherweise in Richtung des zweiten Stammes aufrichten, das Knie würde zerquetscht. Zudem fanden wir es so unverhältnismäßig, den halben Baum wegen dieses Knies zu töten, dass wir sicher sein wollten, jede andere Möglichkeit bedacht zu haben. Mit der Säbelsäge ein wenig vom Stamm im Bereich des Knies abtragen? Ziemlich verletzungsgefährlich. Zudem würde der Junge wahrscheinlich wahnsinnig vor Angst. Einen Keil eintreiben? Ein Schlag daneben, und der Kurze bekommt eine Befreiung vom Schulsport. Lebenslang. Uns schien zunächst nur eine Möglichkeit als die beste: Mit dem Spreizer zwischen den Stämmen ansetzen und versuchen, sie etwas auseinander zu drücken. Mit dem Gerät kann man mit großer Kraft und gleichzeitig recht feinfühlig arbeiten. Die Stämme waren aber ziemlich dick, dafür wären ein paar Tonnen Spreizkraft nötig! Jedoch brauchten wir auch nur ein paar Millimeter. Dabei taten sich aber zwei weitere Gefahren auf: Die breiten Backen des Spreizers ließen sich nur sehr knapp zwischen die eng stehenden Stämme schieben, es bestand die Gefahr des Abrutschens. Sollten die Stämme ein wenig auseinander gedrückt und dann schlagartig wieder entlastet werden, weil der Spreizer abrutschte, würden sie wieder zusammenfedern. Wäre das Knie dabei aufgrund des etwas großzügigeren Raumangebotes ein wenig nachgerutscht, würde es beim Zurückfedern der Stämme zerschmettert. Aber dieser Gefahr konnten wir begegnen: Ein Kollege hielt den Jungen auf dem Schoß, um das verklemmte Bein zu entlasten, ein zweiter Kollege kümmerte sich unter großem Protest des Kindes um das zu befreiende Knie. Der Maschinist und ich wühlten auf der gegenüberliegenden Seite nun den Spreizer zwischen die Stämme, so weit es nur irgendwie ging, und ließen das Werkzeug arbeiten.

Spuren eines missglückten Kletterausfluges

Man höre, dass die Hydraulik großen Druck aufbaute, und in der ersten Stufe der Hydraulikpumpe passierte zunächst nicht viel. Nachdem sich genügend hoher Druck aufgebaut hatte, schaltete die Pumpe in die zweite Stufe, und tatsächlich ließen sich die Stämme unter dem Argument von fast 8 Tonnen davon überzeugen, ein paar Millimeter voneinander zu weichen – das Knie kam frei! Der Kletterer konnte den Baum nun aus seiner innigen Umarmung entlassen.

Während die glückliche Tante mit dem Kind von den Kollegen des Rettungswagens, der zwischenzeitlich ebenfalls eingetroffen war, zum Pflasterlaster geleitet wurden, um sich das Knie mal in Ruhe anzusehen, begutachteten wir den Schaden an der Großpflanze: Bis auf ein paar Abplatzer an der Rinde war nichts passiert. Der „Worst Case“ mit Rüstzug bestellen und unter aufwändiger Sicherung den Baum abzutragen, blieb aus. Nun kam auch der Hausmeister über die Wiese: „Was’n hier passiert? Ich habe nur das Blaulicht von weitem gesehen“, begrüßte er uns. Wir erklärten kurz die Sache. „Und nun? Deshalb muss aber doch der Baum nicht weg, oder?“, kommentierte er entsetzt. „Nö“, meinte mein Chef. „Die Stelle kann man ja auch einfach sichern. Schlagen Sie einen passenden Holzkeil zwischen die Stämme, dann kann sich da keiner mehr einklemmen“, schlug er vor. Nun ja, anders gesehen: Der Baum steht dort schon dutzende Jahre, und bisher hängen keine Kinderskelette darin.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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14 Antworten zu Baum- Umarmer

  1. firefox05c schreibt:

    — Für diese Stelle hat mir ein berliner Leser einen Text als Kommentar zugeschickt, der sich auf die dortigen Notstände bei der Feuerwehr bezieht. Die Hintergründe konnte jeder Interessierte in den Medien verfolgen (Stichwort „Berlin brennt“). Ich finde es zwar schade, aber ich werde ihn nicht veröffentlichen, da er
    a) nichts mit diesem Artikel zu tun hat und
    b) unter anderem z.B. Frauen- und LGBT- Politik für die Misere verantwortlich macht, was m.E. unrichtig und unsachlich ist (das Thema „Frauenpolitik“ kommt auf seinem Blog allgemein nicht allzu gut weg…) Zudem habe ich
    c) den Eindruck, dass mein Blog damit nur als Plattform zur Verbreitung seines Textes dienen soll.
    Ich zensiere sehr ungerne, aber manchmal muss ich mich daran erinnern, dass diese Seiten (und damit ich als Betreiber) auch über die zu lesenden Kommentare bewertet werden und ich eine gewisse Mitverantwortung trage, wenn ich Beiträge der Leser veröffentliche.

    Henrik

  2. Nobody schreibt:

    Manchmal fragt man sich wie wir früher überlebt haben. Weil auf Bäume zu klettern gehörte bei uns zur täglichen Übung.
    Apropos täglicher Wahnsinn. Warst du oder ein direkter Kollege aus der Wache für den gefährlichen Auftrag Hydranten zu prüfen in letzter Zeit eingeteilt?

    • firefox05c schreibt:

      Das waren zwei andere Kollegen. Auf einem Baumarkt- Parkplatz… 😉

    • WPR_bei_WBS schreibt:

      Naja, also gerade dieser Artikel gibt mir das beruhigende Gefühl, dass nicht bei allem und überall gleich Weltuntergangsszenarien propagiert werden, sondern tatsächlich mal Sachen noch so sind wie „früher“ . Also hier „maximal nen Keil rein reicht, wenn das einmal in hundert Jahren passiert“ . Ich hatte tatsächlich schon befürchtet, dass Ende vom Lied waere eine Abholzverfügung oder gross angelegte Sicherungsmassnahmen der Marke „Fundort des Tschernobyl Reaktorkerns“ , gepaart mit Vorwürfen der gefühlten Größenordnung „Holocaust“ an den Knirps und die Tante, oben drauf noch Klagen im Milliardenbereich vor einem US-Gericht. Alles aber offenbar nicht passiert… Gute alte Zeit 🙂

  3. clicxx schreibt:

    Mal eine Frage von jemandem, der wesentlich mehr mit Rettungsdienst als mit Feuerwehr zu tun hat: Wäre es denn nicht auch eine Möglichkeit gewesen, Hebekissen zwischen die Bäume zu setzen? Oder hätten diese nicht genügend Kraft gehabt?

    • firefox05c schreibt:

      Wir haben auf dem HLF nur große Hebekissen, zu groß für diesen Einsatz. Die kleineren liegen auf dem Rüstwagen, wie auch vieles andere auch. Den wollten wir aber nicht auch noch anfordern (10km Anfahrt, kommen gerne komplett mit Kran und 2. HLF)

      • firefighter1986 schreibt:

        Also ich weiß ja nicht, aber wie wäre es mal der Abteilung Technik zu sagen, dass es andersrum evtl. mehr Sinn macht? Also kleine Hebekissen aufs HLF und die großen auf den RW

      • firefox05c schreibt:

        Die Flatbags sind als Ersatz für die Niederdruck- Kissen gekommen. Die Einsätze, die ich bisher mit solchen Kissen hatte, erforderten auch immer die großen Kissen (Hubhöhe bis ca. 50cm): 2x Anheben eines PKW, 1x ein Bus. Dafür ist die Hubhöhe der kleineren Kissen (voll aufgeblasen: 18 – 25cm?) oft nicht ausreichend. Auch beim Stapeln der Kissen würde es nicht einfacher, je kleiner die Kissen sind, von daher: Passt schon. 😉

    • WPR_bei_WBS schreibt:

      Meine Gedanke für „Wenn der Sprecher nicht will“ war: Zwei (Stahl)Seile, je um einen der Stämme, evtl. noch mit irgendwas gepolstert, und dann von beiden Seiten ziehen (mit dem HLf etc) bis der Baum die gewünscht mm nachgibt.

      • firefox05c schreibt:

        Ist aber (abgesehen davon, dass es nicht erlaubt ist) recht risikoreich: Die Zugkraft lässt sich nicht wirklich dosieren bzw. überwachen, wenn keine Seilwinde am Fahrzeug ist. Zudem brauchst du mindestens einen Festpunkt auf der entgegengesetzten Seite, der auch günstig liegt (Entfernung, Winkel, Festigkeit). Mit zwei Lastschlingen à 2,5m, die wir an Bord haben, nicht leicht… 😉

  4. roerainrunner schreibt:

    Baum und Kind gerettet. Tolle Geschichte 😀

  5. BRC_MEDIC schreibt:

    Nette Aktion – Hat das Grünflächenamt dann was auf den Stamm geschmiert? Normalweise sind die doch so pingelig von wegen Schädlingsbefall.
    War weiter oben keine Chance rein zu kommen? Scheint mir besser gewesen zu sein – hinesight und so 😉

    • firefox05c schreibt:

      Das Foto täuscht nicht: Der Spalt wurde bis etwa 1m weiter oben nicht wesentlich breiter. Wir hätten auch gerne einen kurzen Zylinder eingesetzt, war aber in der erreichbaren Höhe nicht möglich. Aber so ging es ja auch. 😉 (Mit dem Nachbestellen des Rüstzuges hätten wir auch noch mehr Möglichkeiten gehabt)

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