Auto kaputt – und zwei mal Glück

Ein Platzregen nach langer Trockenheit. Straßen wie Schmierseife. Frau hat es eilig. Die Ampel wird rot, das erste und zweite Auto halten an. Meine Frau nicht …

Kühler kaputt, Haube gefaltet …

Der Schuhkarton war nun durch die spontane Ummodellierung vorne nicht mehr so hübsch, der Motor blutete sein Kühlwasser aus. Und Frau war natürlich unschuldig. „Du warst entweder zu schnell für den Abstand, oder du hast geträumt“, warf ich ihr vor. Sie verteidigte sich: Es hätte geregnet, und die Straße war glatt, und die Ampel so schnell, und überhaupt! „Ja, richtig“, konterte ich. „Bei Regen ist der Bremsweg länger. Habe ich auch mal gelernt. Also: Zu dicht auf dem Vordermann.“ Sie wollte das natürlich nicht hören. Im Nachhinein favorisiere ich aber eher die Version, dass sie einfach nicht wahrgenommen hatte, dass da bereits zwei Autos vor der Ampel standen – und das Fahren bis an die Haltelinie dadurch schwieriger war, wenngleich sie sich auch alle Mühe gegeben hatte. Wie man am Auto sehen konnte.

Zusätzlich doof an dieser Sache: Meine Liebste musste jeden Morgen in die Nachbarstadt zur Arbeit, während ich ausgerechnet in der kommenden Woche eine tägliche Fortbildung hatte. Wir hatten also beide keine Zeit, uns „zu den Geschäftszeiten“ mit der Sache zu beschäftigen. Das alte musste weg, da sich die Reparatur nicht mehr lohnte: Die Ersatzteile sollten im Zubehör etwa 500€ kosten. Glücklicherweise hatten die Airbags nicht ausgelöst, sonst hätte ich den Haufen gleich im Kanal parken können. Für die Reparatur stand mir aber nur der hauseigene Gemeinschaftsparkplatz zu, auf dem solche Hobbys verboten waren. Dann müsste der ganze Vorbau auch mit glänzender Autotapete versehen werden, was ich nicht kann. Darum brauchten wir einen Ersatz. Aufgrund unserer Budgetknappheit natürlich gerne ein gutes Gefährt, aber nicht zu teuer. Also quasi eine Tageszulassung für 200€ …

Ich stellte den Klumpen daher mit ein paar Fotos bei eBay- Kleinanzeigen und Autoscout ein, mit 1000€ als Verhandlungsbasis, und rechnete mit einem Preis nach zähen Verhandlungen von etwa 500 Flocken. Allerdings riet mir der Schätzdienst von Autoscout, dass das angeschlagene Vehikel nur noch 50 Euro wert sei. Fünfzig Euro!!  FÜR WEN ARBEITEN DIE EIGENTLICH??  Drei Minuten später hatte ich schon ein Angebot: „fur 600 bar kaufen“, stand in der schlecht formulierten, lakonischen Nachricht ohne Anrede und Absender. ‚Nach nur drei Minuten? 600? Dann könnte ich auch noch mehr rausholen!‘, dachte ich mir. Also wartete ich ab. Man will ja nichts verschenken. Es folgten zwei Angebote über 400 Euronen, die ich nicht beantwortete. Ich hatte schließlich schon ein Angebot über 600! Als aber kein besseres Angebot eintrudelte, meldete ich mich nach zwei Tagen nochmals bei dem Lakonier mit der dürftigen Eloquenz: „Steht das Angebot noch?“, fragte ich höflich. Antwort: „fur 400 sofort“. Bitte? Was war aus den 600 geworden?? Und nun hatte er nicht einmal ein Satzzeichen für mich übrig?  „Ach, leck‘ mich doch“, brummte ich, „dann verschrotte ich es lieber, als es so einem abgezuppten, unstetigen Menschen zu überlassen!“

Gut, dass es Google Übersezter gibt. Und Twitter, wo man Googles Ungereimtheiten übersetzen lassen kann. 😉

Ich wartete weiter. Und es lohnte sich: Am 3. Tag bekam ich einen Anruf aus Frankfurt. Ein Herr mit leichtem Akzent erklärte mir, dass er einen Freund in Italien hätte, der das Auto wollte. Für sage und schreibe 800 Mäuse! Ungesehen! Und er wolle mir sogar das Geld über Western Union sofort überweisen, falls wir uns einig würden! Hörte sich nach Glück an. Aber konnte ich der Sache trauen? Wer schickt einem Unbekannten einfach so 800€, ohne eine Sicherheit, ohne das Auto gesehen zu haben, ohne den genauen Schaden zu kennen? Und dann nicht einmal nur eine Anzahlung, sondern gleich den vollen Betrag? Allerdings kannte ich die gängigen Betrugsmaschen nur umgekehrt: Man wird als potentieller Käufer zu einer Anzahlung überredet, und das Geld ist weg. Oder man bekommt als Verkäufer einen Scheck, der platzt – und das Geld ist weg. Oder es wird vor Ort bei der Übergabe Palaver gemacht, um den Preis zu drücken, indem man wegen vorgeblicher Täuschung mit einem Anwalt droht. Aber das alles war hier nicht der Fall… „Schicken Sie ihm Ihren Namen, dann schickt er den Code für die Auszahlung bei der Post“, erklärte der zugewanderte Frankfurter. Ich ließ mich darauf ein. Wichtig war mir nur, dass ich die Kennzeichen nicht herausgab. Da hatte ich schließlich einschlägige Erfahrung.

Abends bekam ich eine Whatsapp von einer italienischen Nummer in „Google- Deutsch“: „Auto kaufe, welche preis letzte?“ – Aha, also doch noch verhandeln. War klar. Ich handelte nun 600€ aus, womit der Schreiber einverstanden war. Allerdings wollte er meine IBAN- Nummer für die Überweisung. Wollte er das Geld nicht mit WU senden?? Nun gut, vielleicht hatte ich etwas verkehrt verstanden. Ich schickte ihm noch ein paar Fahrzeugdaten, als kurz darauf das Telefon klingelte: Frankfurt wieder am Rohr. „Kannst du bitte die Fahrzeugdaten an den Käufer schicken, damit er alles für den Zoll vorbereiten kann?“, fragte der Strohmann. „Aber die habe ich doch vor zwei Minuten bereits per Whatsapp geschickt!“, antwortete ich verdutzt. „Nein“, widersprach Frankfurt, „mein Kollege sagt, da ist nichts angekommen. Der hat auch gar kein Whatsapp. Weißt du, das Auto ist in Italien heiß begehrt, er will es dort reparieren und verkaufen. Du verkaufst ihm das Auto doch? Er heißt übrigens Angelo.“ Ich wurde stutzig. Nach dem Telefonat schickte ich eine Nachricht über die Alpen zum Whatsapp- Kontakt: „Bist du Angelo?“ Einen Moment später: „DING“: „Nein, ich pietro“. Ich hatte mit meinem Angebot scheinbar gleich zwei kleine Italiener aufgeschreckt! Wicked, nech? Folgerichtig war meine nächste Nachricht: „Kein Geld überweisen! Auto für 800 an Angelo verkauft“ – Der Deal mit Angelo ging klar. Ich fürchte, Pietro war nun sehr enttäuscht …

Einen Tag später stand ich mit einem Foto von Angelos Überweisungsdokument vor dem Postschalter und ließ mir den vollen Kaufpreis auszahlen. Sein Geld war mir also schon mal sicher. So einfach. Zu einfach. Ich suchte den Haken, fand aber keinen. Mir war nicht sehr wohl …  Abholen lassen wollte er das verbogene Blechle irgendwann innerhalb der nächsten zwei Wochen. Ich war gespannt. Und rechnete täglich mit einem Anruf, in dem mir der Termin genannt würde. Oder wollten sie bloß irgendeinen Schindluder mit den Fahrzeugdaten treiben? Versicherungsbetrug, zum Beispiel?

Parallel musste ich zusammen mit Frauchen ein passendes Gefährt als Ersatz suchen: Nicht zu groß, aber mit ausreichend Platz vorne, um ihr endloses Fahrgestell unterzubringen. Klima, 4 Türen. Sowas eben. Und wir stießen auf zwei Puntos: Der eine für 2700 deutsche Dollar. Hörte sich im Angebot gut an, aber als wir davor standen: Loch im hinteren Stoßfänger, der vordere gerissen, außen diverse Kriegsverletzungen, Tankband verrostet, Auspuff durch, Klimaanlage gestorben, unlogische Fehleranzeige im Display, die Lüftung schaffte nur ein dezentes Säuseln, Wassereinbruch in der Beifahrertür, Halterung der Hutablage abgebrochen, 3. Bremsleuchte defekt – und als Krönung: der Lautstärkenregler vom Radio festgeklebt. Ich konnte meine Frau mit etwas Gewalt vom Kauf abhalten.

Der Zweite war ein Treffer: Er sollte 1850 Euro kosten. Stand gut da im Lack, gute Ausstattung, nix zu mäkeln, ehrlicher, privater Vorbesitzer – und der schlug mir ungefragt den Preis von 1600 Schleifen vor! Klar, welches Auto ich favorisierte. Wir hatten den Ersatz gefunden. Im Übrigen erklärte mir der Vorbesitzer: „Da waren schon zwei da, die wollten das Auto angeblich für ihre Mutter kaufen und haben ein Angebot abgegeben.“ Ich fragte natürlich, wie hoch dieses war, und fühlte mich gebauchpinselt, als er erwiederte: „1700€. Und wollten noch handeln.  Aber Sie sind mir sympathischer, da habe ich es lieber Ihnen verkauft.“ Man muss auch mal Glück haben. Bisher fährt das Wägelchen jedenfalls klaglos.

Etwa eine Woche lang, in der wir uns schon bei einigen Nachbarn ob des Wrack- Dauerparkens erklären mussten, tat sich bezüglich des schwer verletzten Vorgängers nichts. Bis sich eines sonnigen Tages meine Frau in Richtung meiner 170km entfernt wohnenden Eltern verabschiedete und ich zum Dienst fuhr, da klingelte das Telefon auf Italienisch. Im schlechten, SEHR schlechten Deutsch hustete mir ein Mann ins Ohr: „Iin Stuhnde isch da, fur Panda. OK?“ – „Watt? Nee, geht nich!“, entfuhr es mir. Doch er verstand nicht.

Mir fiel alles aus dem Gesicht: Über eine Woche nix, um dann das Eintreffen ein paar Minuten vorher anzukündigen? Na toll. Die Katze würde ihm das Auto wohl nicht herausgeben. Das faule Tier machte nicht einmal die Tür auf, wenn es klingelte! Und ich hatte gerade meine Schicht angefangen. Klasse … „Ich nicht zu Hause, Okay? Nix vakanzia, on duty!“, kramte ich mein bestes Italienisch raus. „Wie lange du in Deutschland?“, fragte ich in der Hoffnung, die Abholung verschieben zu können. „Germani heute. Morgen Italia. Sono ad Essen.“ – Ich fürchtete, dass er damit nicht meinte, dass er nun zunächst Pause machen würde, sondern dass er schon im Pott rumgurkte. Läuft ja perfekt.

Ich weiß nicht, ob es unter italienischen Autoschiebern bekannt ist, dass es in Deutschland noch Arbeitsplätze mit geregelter Arbeitszeit gibt. Dieser hier schien jedenfalls davon auszugehen, dass ich hauptsächlich zu Hause sitze und Mickey Mouse lese. Ich vertröstete ihn also erst mal: „Ich rufe zurück. Telefon in cinque minutes, OK?“ Gut, dass ich fließend Italienisch spreche. Er verstand. Ich lief also zu unserem Wachbetreuer und schilderte ihm die Lage. „Tja. Wir fahren mit Minimalbesetzung, da kann ich dich nicht mal eben eine halbe Stunde rauslösen“, überlegte er. „Dann müssen wir wohl mit dem LF fahren und das Risiko inkauf nehmen, zwischendurch einen Einsatz zu bekommen. Mehr kann ich dir nicht anbieten.“ Wenigstens etwas. Hat eben auch seine Vorteile, wenn man im eigenen Wachgebiet wohnt! Ich versuchte, Angelos Fahrer zu instruieren: „Wenn du bei Adresse, call me! Verstehsse? Wenn arriva, dann telefon!“ – Er war einverstanden. Glaube ich.

Etwa eine Stunde später der erneute Anruf: „Hallo? Sono al indirizzo! Prendi la macchina! Capisci?“ – Natürlich! Ich habe schließlich ein paar Jahre Französisch gehabt. (Die mir hier aber nicht viel nützten …) Eine Pizzabestellung wäre eher unlogisch, also vermutete ich seine Anwesenheit vor meinem Haus. „Bin da in uno momento, OK? In cinque minutes“, erklärte ich ihm, womit er zufrieden war. Einen Moment später rief ich durch die Wach- Rundsprechanlage: „Besatzung LF zum Fahrzeug!“, und fünf Minuten später waren wir vor meiner Haustür. Der große Transporter, der bereits mit sechs Autos beladen war, stand ein Stück weiter unten in der Straße. Ich sprang vom Löschbomber, ging auf den neben dem Gebrauchtwagentaxi wartenden Fahrer zu und rief: „Panda? – Hier bei casa grande. Drive back to Einfahrt!“ Er verstand wohl doch nicht so gut Italienisch, denn er schaute etwas verständnislos. Dann zog ich meinen Trumpf aus 20 Jahre Bildung aus der Feuerwehr- Bravo, und zeigte auf meine Hofeinfahrt, wo auch das Löschfahrzeug mit den amüsiert dreinschauenden Kollegen wartete: „Panda hier oben, bei Camion Vigili del Fuoco!“ – Treffer: Er stieg ein und setzte das Geschoss zurück. Dann ging alles recht einfach: Ich gab ihm die Papiere, während wir aneinander vorbei redeten, er startete kurz den Motor, um sich zu vergewissern, dass er in Ordnung war, und füllte den Wisch zum Export aus, den ich kompletierte. Weg war er wieder. Mit Panda.

Jetzt warte ich noch darauf, dass zum Schluss doch noch was schief geht: Eine Rechnung für den Autotransport, ein Betrugsvorwurf eines italienischen Anwaltes, der Anruf der Polizei, dass ich mein ausgeschlachtetes Wrack bitte aus dem Naturschutzgebiet entfernen möchte, oder dass mir ein SEK die Tür eintritt, weil der Panda an der Grenze um 20kg Heroin schwerer war … irgend so etwas. Mal sehen.

Aber vielleicht habe ich ja auch einfach mal Glück.

 

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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4 Antworten zu Auto kaputt – und zwei mal Glück

  1. WPR_bei_WBS schreibt:

    Sicher, dass das Angelo war und nicht Pietro? 🙂

  2. roerainrunner schreibt:

    Ja, klingt wirklich zu gut, um wahr zu sein. Aber hey, wenn das Ding seinen Wert in Italien spontan steigert, machen die vielleicht wirklich alles dafür. Ich frage mich nur, wieso es in Italien so begehrt ist?
    Freu dich einfach 😉

    • firefox05c schreibt:

      Kleiner, sparsamer Wagen, einfache Technik. Und für jemanden, der die Möglichkeiten hat, ihn für eine kleine Mark zu reparieren (Garage, Schrotteile, Werkzeug), was dort wahrscheinlich für 300€ möglich ist, ein gutes Geschäft. Hierzulande hingegen ist das Wort „Unfall“ schon eine Wertminderung von 50% .

  3. Arrow schreibt:

    Da drücke ich dir mal die Daumen, dass das diesmal sauber geht 😉
    Die Kennzeichenepisode habe ich mir gerade nochmal durchgelesen, mei o mei
    Toi toi toi und Gruß aus der Fahrradhauptstadt

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