Nervenkitzel

Ich hatte Dienst auf dem AOK-Taxi, als uns am frühen Nachmittag einer dieser spontan abzuarbeitenden Aufträge erreichte: „HP psych in Wohnung, Anrufer: Schwester“, war die lakonische Formulierung, die von einer einfachen, kurzen Taxifahrt bis zum Hinzuziehen von Dottore und Polizei und dem anschließenden Raufen mit dem Patienten reichen kann. Zunächst jedoch fuhren mein Kollege Ralf und ich alleine.

Vor dem angegebenen Wohnblock aus den Siebzigern mit 5 Etagen winkte uns eine junge Frau zu. Da wir nicht mehr die Jüngsten sind und gerade ungeschminkt waren, ging ich davon aus, dass sie uns nicht anmachen, sondern uns die Einsatzstelle zeigen wollte. Und damit hatte ich recht. Als wir ausstiegen, kam sie zu uns und erklärte, dass sie die Anruferin sei. „Mein Bruder ist in der Wohnung und hat sich verbarrikadiert“, hub sie an. „Der hat in letzter Zeit irgendwie Verfolgungswahn entwickelt, ganz komisch … Heute rief er mich an und sagte, dass er sich umbringen wollte und es ihm jetzt ganz schlecht geht, darum bin ich hergekommen.“ Ich hakte nach: „Was meinen Sie mit ‚verbarrikadieren‘?“  „Nun, er hat Möbel vor die Wohnungstür gestellt, so dass sie kaum auf geht. Ich habe ja einen Schlüssel, aber der Spalt, den ich die Tür aufbekomme, reicht nicht.“ Ralf machte dicke Backen und blies hörbar Luft aus. Sie übergab mir den Schlüssel: „Hier, der ist für die Wohnung. Aber ich gehe da nicht mit rein, das traue ich mich nicht.“ Ralf und ich wechselten skeptische Blicke. Ich fragte weiter: „War denn da irgendwie Gewalt im Spiel? Hat er Ihnen oder anderen gedroht? Oder hantiert er mit Waffen, einem Messer oder so?“ Sie verneinte: „Nein, aber er ist ganz komisch in letzter Zeit. Der hat auch mindestens drei Tage nicht mehr geschlafen!“  Trotzdem fragte der Kollege: „Sollen wir nicht erst die Polizei hinzurufen? Oder den Notarzt?“ Ich überlegte kurz, entschloss mich aber dann: „Nein. Wir schauen erst mal nach. Wenn der einfach die Tür öffnet, ist doch alles gut. Wenn die Tür nicht zu öffnen geht oder er irgendwie komisch kommt, bestellen wir ‚großes Besteck‘.“

Wir gingen in den ersten Stock, wo sich die Wohnung befinden sollte. Und auch, wenn ich die Polizei noch nicht für nötig hielt, mussten wir zunächst natürlich die Eigensicherung beachten. Ich schellte an der Wohnungstür, wobei ich mich neben dem Türrahmen an die Wand stellte, um nicht im Weg zu stehen, falls gleich jemand aus der Bude stürmen sollte: „Hallo? Können Sie mich hören?“ – Stille. Ich klingelte nochmals. Ralf ging zwei Stufen die Treppe hinab, um sich ebenfalls nicht im Bereich der Tür aufzuhalten, als ich nach einem weiteren Klingeln auch noch laut klopfte: „Hallo?! Rettungsdienst! Können Sie mich hören? Machen Sie mal bitte auf!“ Die Sekunden verstrichen. Es blieb still. Hatte er sich erfolgreich umgebracht? Saß er friedlich auf dem Sofa, weil wir ihm schlicht egal waren? Oder war am Ende niemand in der Wohnung? Ich steckte aus der Deckung heraus den Schlüssel ins Schloss, weiter rufend: „Hallo! Hier ist der Rettungsdienst. Wir kommen jetzt rein!“ Von unten rief die Schwester, die das Schlimmste zu befürchten schien, aus sicherer Entfernung: „Der ist wahrscheinlich im Schlafzimmer!“

Sie sprach anfangs von „Verfolgungswahn“. Da mussten wir natürlich damit rechnen, dass der Patient sich womöglich gegen einen vermeintlichen Angriff wehren würde, falls er uns für Aliens oder die Mafia hält. Trotzdem drückte ich gegen die entriegelte Tür. Nach etwa 30 Zentimetern stieß sie gegen einen Widerstand. Waren das nun die Möbel, die die Angehörige erwähnte? Oder lag dort schon der Patient, womöglich tot? Zumindest war unter der Tür kein Blut auf dem Boden, und ich spitzte vorsichtig um die Ecke. Hinter der Tür lagen in einem engen Flur ein Polstersessel, zwei umgestürzte Stühle und ein Schuhschrank, die die Tür blockierten. In der Wohnung Stille. Nur meine Stimme, die immer wieder rief: „Hallo? Wo sind Sie denn? Wir kommen jetzt rein!“ – Keine Reaktion.

Ralf schloss zu mir auf und wir schoben mit einiger Gewalt die Tür auf. Knarzend wich der Möbelhaufen dem Druck. Immer wieder schaute ich dabei in den Flur und rechnete mit dem plötzlichen Erscheinen des Patienten. Vielleicht mit einem Küchenmesser in der Hand? Oder nur betrunken und genervt? Aber es kam niemand. So stiegen wir über die Stühle und schoben uns an dem Sessel vorbei. „Bevor wir weiter suchen, räum doch mal bitte die Stühle da weg. Nur, falls wir gleich ganz schnell wieder raus müssen“, bat ich den Kollegen. Ralf stimmte mir voll zu: In solchen unklaren Situationen machte ein bequemer Rückzugsweg einen schlanken Fuß. Als er einen Weg freigeräumt hatte, schaute ich ein wenig um die erste Zimmertür:

Die Tür ging nicht ganz auf…

Es war das Bad. Dunkel. Und das Türblatt ließ sich nicht bis zum Anschlag öffnen. Stand der Gesuchte kampfbereit dahinter? Ich blieb in Deckung, knipste zunächst das Licht an. Vorsichtig lugte ich durch den Spalt zwischen den Angeln hinter die Tür: Nichts. Ich stellte einen Fuß vor, um ein mögliches Zuschlagen der Tür zu verhindern, und warf einen schnellen Blick um die Ecke in den kleinen Raum: Menschenleer. Die Suche ging weiter. „Hallo? Wo sind Sie denn? – Der Rettungsdienst hier!“ Ich kam mir vor wie im Häuserkampf in „Call of Duty“ …

Geradeaus zweigten die Küche auf der rechten und der Eingang zum Wohnzimmer auf der linken Seite ab. Die Küche war sehr aufgeräumt, von der offenen Tür aus konnte man den ganzen Raum überblicken, ohne ihn zu betreten: Es ist nicht gut, in ein Zimmer gehen zu müssen, ohne die Räume, die man dann im Rücken hat, gesichert zu haben. Es war kein Patient in der Küche. Totenstille. Ralf wartete zwei Meter hinter mir, um mir nicht den Weg zurück zu versperren, falls ich plötzlich „feindlichen Kontakt“ bekäme. Dann wollte ich nämlich weg: Immerhin werden wir nicht dafür bezahlt, uns verkloppen zu lassen. Nun blieb noch das Wohnzimmer, von dem aus wahrscheinlich auch das Schlafzimmer zu erreichen war. Wiederum aus der Deckung heraus stieß ich die angelehnte Tür auf: Und wieder ließ sie sich nicht bis zum Anschlag öffnen! Und wenn er sich nun genau dort versteckt hatte, um den rot-weißen Aliens aufzulauern? Ein Blick durch den Spalt an der Zarge, nachdem ich die Türseite gewechselt hatte, ließ dort aber niemanden erkennen. Mein Herz klopfte zugegebenermaßen etwas. Oder anders gesagt: Hätte nun eine Maus gepupst, hätte man von mir wohl nur noch eine Staubwolke gesehen. Alles, was ich einem Angreifer in diesem Moment entgegensetzen konnte, war, ihm den 35000€ teuren Defi vor die Füße zu schmeißen! Mein Chef wäre begeistert. Ich streckte vorsichtig den Kopf um die Ecke, um das helle Wohnzimmer zu überblicken: Links eine Wohnwand mit Flachbildschirm. In der Raummitte auf den hellen Fliesen lagen die Trümmer eines zerbrochenen Wohnzimmertisches. Die Tischplatte stand hochkant auf dem Sofa. Muss eine geile Party gewesen sein. Oder ein Levelgegner in den Haluzinationen des Patienten. Es war sonst nichts verdächtiges zu sehen: Kein Alkohol, kein Blut, keine Waffen. An der anderen Wand und vor Kopf eine große Eck- Couch. Es sah aus, als stünde sie mit etwa einem halben Meter Abstand vor der Fensterfront. Da konnte man sich verstecken. Oder auch einfach tot rumliegen … Rechts an der Wand, neben dem Sofaflügel, eine weitere angelehnte Tür. „Hallo? Rettungsdienst! Ihre Schwester hat uns gerufen! Wo sind Sie?“, rief ich abermals durch die Wohnung. Stille. Was nun? Wenn ich den Raum betrete, um hinter das Sofa zu schauen, muss ich an der nächsten Tür vorbei. Sollte dann plötzlich jemand aus dem Raum auftauchen, säße ich in der Mausefalle. – Aber da war ja noch der Balkon! Die Glastür war frei, wir befanden uns im ersten Stock, und unten sollte eine Rasenfläche sein. Reicht das als Fluchtweg? Ich entschied mich dazu, jetzt nicht zu kneifen. Vielleicht war ja auch niemand in der Wohnung. Vielleicht hatte der Patient die Bude schon verlassen, und seine Schwester hatte ihn beim Weggehen nicht gesehen. Und wenn er nun doch in der Wohnung war? Mit einem Kabel um den Hals im Schlafzimmer hing? Immerhin konnte man nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass alle Deckendübel zu schwach für so etwas sind.

Zunächst mussten wir aber das Wohnzimmer sichern. Wenn wir schon so weit gekommen waren, ziehen wir das nun auch durch! Im Bogen ging ich um das Polstermöbel herum, bis ich vor der Balkonfront stand. Hinter dem Sofa war bei näherer Inspektion aber doch kein Platz, um vermeintlichen Angreifern aufzulauern. Gut, dann nun den nächsten Raum.

Links und rechts des Rahmens stellten wir uns vor die Wand, ich drückte die Tür auf. Vorsichtig spähte ich wieder um die Ecke: „Hallo? Sind Sie hier drin?“ Ich schaute in ein helles Schlafzimmer. Und bäuchlings auf dem Bett lag ein Mann, etwa 40 Jahre alt. Er schien zu schlafen, zuckte aber zwischendurch am ganzen Körper mit seltsam verzerrtem Gesicht. Schob er Haluzinationen? Einen Arm hatte er neben sich liegen, die andere Hand unter dem Kopfkissen. Ich konnte sie daher nicht sehen. Also: Vorsichtig bleiben! Ralf blieb in der Tür stehen, während ich ins Zimmer ging und aus zwei Metern Entfernung laut rief: „Können Sie mich hören? Aufwachen! Machen Sie mal die Augen auf!“ Nun endlich reagierte er! Der Patient fing stöhnend an, sich zu bewegen, und zog auch die verborgene Hand unter dem Kissen hervor: Sie war leer. Erleichterung, die Lage entspannte sich etwas. Kein Messer, kein Knüppel, kein panischer Patient mit Kringeln in den Augen. Die Vorsicht war dieses mal nicht nötig.

Nun konnte „das Übliche“ beginnen. Zunächst etwas widerwillig, dann zugänglicher, aber immer orientiert, beantwortete der Mann unsere Fragen, ohne dass wir ihm viel näher kommen mussten. Er habe morgens in suizidaler Absicht Toilettenreiniger getrunken, und eine Flasche Händedesinfektionsmittel. Der Kollege schaute kurz im Bad nach: Die erwähnten Gebinde standen dort herum. „Aus der Flasche mit dem Reiniger fehlen etwa 300 Milliliter“, verkündete er. „Die halbe-Liter-Pulle Desinfektionszeug ist leer. ‚Händedesinfektion auf alkoholischer Basis‘ steht drauf“, las er vor. Damit war das Ergebnis klar: Patient war knülle und hatte Halsweh. Speiseröhre verätzt.  Aber er war Gott sei Dank offensichtlich nicht gewalttätig.

So überredeten wir ihn kurz, mit uns in ein Krankenhaus zu fahren, damit sich ein Gelehrter Gedanken über seinen Verdauungstrakt und seine Sehkraft (wgn. des vergällten Alkohols) und anschließen über seine Psyche machen konnte. An der erleichterten Schwester vorbei begleiteten wir ihn – immer noch mit der gebotenen Vorsicht – zum Pflasterlaster. Unterwegs fragte er nach einem unserer „Elefantenkondome“, Brechtüten mir Kunststoffring. Ich klärte ihn auf: „Wenn es geht, kotzen Sie bitte nicht. Der Reiniger hat Ihren Hals jetzt schon verätzt, und wenn das Zeug nun noch mal daran vorbei muss, macht es die Sache nicht besser.“ Außerdem könnte er womöglich auch etwas in die Luftröhre bekommen – was ihm den Tag dann ganz versauen würde.

Der Herr machte aber keine Probleme mehr, spuckte nur etwas Schaum und kam auch brav mit in die Notaufnahme. Sobald er sich dort hinsetzte, verdrehte er todmüde die Augen und nickte fast ein. Ich war erleichtert, dass alles so glatt lief.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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4 Antworten zu Nervenkitzel

  1. Steffen schreibt:

    Rein aus Interesse, wie lange hat es eigentlich gedauert von dem Moment, in dem ihr die Wohnung betreten habt bis ihr Feindkontakt melden konntet? Lässt sich aus dem Geschrieben echt schlecht abschätzen.

  2. kleiner_Geist schreibt:

    Gott sei dank, dass das gut gegangen ist. Ich hätte mich das nicht getraut, trotz meiner nicht gerade zierlichen Figur und einer Ausbildung, mit der ich mich zu wehren weiß.

    • firefox05c schreibt:

      Bis zum „wehren müssen“ darf es gar nicht erst kommen: Hat der Angreifer ein Messer, ziehst du höchstwahrscheinlich den Kürzeren, wenn er nahe genug rankommt. Daher auch meine ständige Sorge um den möglichen Fluchtweg: Man muss nicht die bessere Kampf- oder Verteidigungsausbildung haben als der Angreifer, man muss dann bloß schneller sein… 😉
      Davon ab war es m. E. zugegebenermaßen schon ein Grenzfall dessen, was man noch „alleine“ machen sollte. Bei einem Quäntchen mehr Unsicherheit hätte ich die Polizei vorgeschickt.

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