Schwein gehabt

In einem früheren Leben 1.0 war ich eine Weile als Baumaschinenschlosser in einem kleinen Tiefbauunternehmen beschäftigt. Klar musste man dann auch mit auf die Baustelle, wenn gerade mal nicht viel zu reparieren oder draußen „Not am Mann“ war. Der Vorteil als Schlosser war aber: Während die anderen Mitarbeiter im Winter zu Hause saßen und „stempelten“, also quasi Arbeitslos waren, konnte ich in der Werkstatt die größeren Instandhaltungs- und Überholungsarbeiten an den Maschinen machen.

Da ich aufgrund meiner flexiblen Multifunktionalität als Allround- Laie „betriebsbedingt unentbehrlich“ war, wurde ich manchmal auch für das private Hobby meines Brötchengebers eingesetzt: Er war leidenschaftlicher Jäger. Das hieß für mich, dass ich zwischendurch mal sein Auto gründlich von Dreck befreien oder ab und zu auch Blutflecken von der Ladefläche waschen sollte, oder wir fuhren gemeinsam in sein Revier und stellten Stubben für die Drückjagd auf oder befestigten einen Forstweg mit gebrochenem Bauschutt. Einmal mussten wir sogar einen „Luderplatz“ verlegen. Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Er bleibe ein paar Stunden nüchtern und schaue bei Wikipedia nach … In diesem Fall meinte der Chef es dabei übrigens besonders gut (und setzte sich über die bestehenden Verordnungen hinweg), und wir zerrten beim Verlegen des Platzes gleich ein ganzes, verwesendes Kalb auf die Ladefläche eines Pickups. Ich glaube nicht, dass das Erleiden der olfaktorischen Begleiterscheinungen mit meinem üblichen Lohn fair abgegolten war, das kann ich euch verraten! Mir war aber auch bewusst, dass ich mit solchen Einlassungen meinen Arbeitsplatz etwas mehr sicherte. Schließlich ließ sich das nicht jeder gefallen.

Die Schlechtwetter- Saison hatte zwar in diesem Jahr nicht eher begonnen als in den letzten Jahren, trotzdem hatte der Chef schon früh angefangen, die Mannschaft nach und nach zu ihren Frauen zu schicken, da die Auftragslage zum Saisonende doch etwas mau war. Das bekamen alle anderen zu spüren. Ich blieb als letzter Beschäftigter tagsüber in der Werkstatt zurück und brachte den Maschinenpark wieder auf Vordermann. Unter anderem sollte ich in diesem Winter zwei LKW entrosten und neu lackieren.

Eines Morgens im Winter, als ich zum Anbruch der Morgendämmerung die kalte, verlassene Firma betrat, um meine Lackiervorbereitungen an den LKW zu beenden, zog ich die Tür zwischen dem Empfangsbereich und der Werkstatt auf, und erstarrte: Die gegenüberliegende Tür, die zur Fahrzeughalle führte, stand weit auf und hätte den Blick in die Halle freigeben müssen. Doch im Rahmen zeichnete sich ein dunkler, mannsgroßer Umriss ab! Er war in der noch fast stockdunklen Werkstatt kaum zu erkennen. Aber er hing dort, das war sicher! Der Umriss reichte fast vom Türsturz bis zum Boden.

„Langsam, kaum sichtbar baumelte der Schatten hin und her …“

Unten konnte ich etwas erkennen, was wie zwei Beine aussah. Langsam, kaum sichtbar baumelte der Schatten etwas hin und her. Kein Ton war zu hören. Mir gingen blitzartig Gedanken durch den Kopf, während ich mich nicht zu rühren wagte: War das der Chef? Ging es der Firma so schlecht, dass er keinen Ausweg mehr sah? Oder hatte er Knatsch mit der Frau? Ach! Du! Scheiße!!! Muss ich den da nun runter holen? Die Sekretärin hatte auch einen Schlüssel zur Firma! Brauchen wir nun eine neue? – Gehe ich überhaupt weiter??? Oder pisse ich mir vor Angst einfach in die Hose und fahre wieder nach Hause? Ich hatte keine Hose zum Wechseln mit, also tastete ich vorsichtig um die Ecke des Türrahmens nach dem Lichtschalter. Der Arm bewegte sich dabei fast unabhängig vom Rest des Körpers, wie bei einer Marionette.  Gebannt starrte ich stocksteif wie ein erschrecktes Kaninchen auf den langen, dunkelgrauen Schatten im gegenüberliegenden Durchgang, der fast unmerklich vor sich hin pendelte. Kaum wagte ich es zu atmen. Ich hatte einen Druck auf der Brust, als wenn sich der fette Baggerfahrer darauf ausruhen würde! Meine Hand erreichte den Lichtschalter, und nach einem deutlichen „klick!“, das man in dieser Stille wahrscheinlich bis ins nächste Dorf hören konnte, plinkerten die Starter der Neonröhren, die daraufhin arbeitswillig aufflammten. Das Licht gab nun die Tatsachen preis. Gegenüber hing: Ein Wildschwein. Ich brach fast zusammen vor Erleichterung.

Etwa eine halbe Stunde nach mir kam der Chef in schmutzigen Klamotten durch die Werkstatt. Sein gut gelauntes „Morgen!!“ konterte ich etwas angesäuert mit: „Datt machense aber auch nich mehr mit mir, wennse mich behalten wollen!“ In sein überraschtes Gesicht sprach ich die Kunde meines Beinahe- Ablebens. Er amüsierte sich prächtig und klärte mich auf, denn die Wahrheit war wieder mal, wie so oft im Leben, völlig unspektakulär: Er war des Nächtens auf der Jagd, und das arme Schwein hatte das Pech, ihm vor den Drilling zu laufen. Chefchen packte die Sau mit den Jagdgefährten auf seinen Pickup und hängte das tote Tier zunächst in den Türrahmen der Werkstatt, um sich dann noch einen Absacker mit den anderen zu gönnen. Nun tauchte er hier auf und wollte es ausnehmen und zur Verarbeitung weiter vorbereiten.

Und ich bin fast den Herztod gestorben.

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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2 Antworten zu Schwein gehabt

  1. Nobody schreibt:

    Besser so als wäre es wirklich deine erste Leiche gewesen. Inzwischen ist der Anblick einer Leiche vermutlich leider zur Normalität geworden.

    • firefox05c schreibt:

      Meine erste Leiche hatte ich mit 16 bei einem Tiefbauunfall. Im Feuerwehreinsatz ist es trotzdem etwas anderes als „privat“, wo man nicht ahnt, dass überhaupt etwas passiert sein könnte.

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