Randalierer in der eigenen Wohnung

Wir waren auf dem Rückweg von einem Fehleinsatz. Der Alarm hierzu kam natürlich just in dem Moment, als ich mein Besteck in die soeben zubereiteten Asia- Fertignudeln, wegen der Instant- Tütchen von mir liebevoll „Chemie- Bausatz“ genannt, steckte. „Der Fehlalarm hat ja zum Glück nur kurze Zeit gedauert“, sagte ich zu Ralf, der hinten im Löschfahrzeug neben mir saß. „Vielleicht sind meine Nudeln noch warm, wenn wir zurück sind.“ Doch dann wurden wir vom Callcenter angefunkt: „Sie fahren in die Kolpingstraße. Dort soll Wasser aus einer Wohnung im zweiten Stock ins Treppenhaus laufen.“ Da bekannt war, dass der anwesende Bewohner zwar in seiner Bude war, aber nicht öffnen wollte, war auch die Polizei auf dem Weg. Good bye, fluffiges Asia- Gericht. Hello, überwürzter Mikrowellen- Teigklumpen.

In einer ärmlichen Wohngegend mit Nachkriegsbebauung hielt die Kraftspritze vor einem Haus, in dem die meisten Fenster keine richtigen Gardinen hatten. Sie waren teils mit Tüchern zugehängt, teils erkannte man hinter den Fenstern, die wohl zur Wende zuletzt geputzt wurden, gelbliche Stofffetzen auf „halb neun“, die auch schon mal optimistischere Zeiten gesehen hatten. Auch die Tradition des „Tand-und-Gedöhns-auf-der-Fensterbank-stapelns“ wurde von einigen Anhängern vergangener Epochen gepflegt. Vor der Tür warteten ein Schwarzafrikaner und jemand, der libanesischer oder syrischer Herkunft sein mochte, auf uns. „Guck an“, meinte der Maschinist. „Die Muschelschrupper warten schon. War klar.“ Es war dieser tägliche Rassismus, der gerne mit „Ist doch wahr!“ oder „Jaja, die Gutmenschen…“ gekontert wird, wenn ich darauf aufmerksam machte, dass solche abfälligen Feststellungen noch nichts über die Qualität des zu erwartenden Einsatz sagten. Es ärgerte mich jedes mal. Als jedoch noch vor unserem Aussteigen auch zwei Ureinwohner im Hauseingang auftauchten, entfuhr mir ein spitz bemerktes: „Guck an: Unsere Biodeutschen fermentieren da auch schon rum und wissen sich nicht zu helfen …“ Dieses mal kam keine Antwort. Ich hörte aber schon fast das Augenrollen des Maschinisten.

Der Afrikaner in Jeans und Filzpantoffeln hatte einen mit einem bunten Tuch umwickelten Turm auf dem Kopf, der aussah, als würde er die Frisur von Marge Simpson darunter verstecken. So einen beeindruckenden Zylinder aus Hornanhangsgebilden, der etwa 40cm hoch über ihn emporragte, hatte ich bisher noch nie gesehen! Ich stieß Ralf an und raunte ihm zu: „Wenn der auspackt, kommt er damit nicht mehr durch die Tür!“ In der Tat fragte ich mich, welche Lockenflut bei Entfernen des Tuches freigesetzt werden mochte. Aber wir waren nicht zum Haarpracht bestaunen hier, und der Turmbesitzer legte auch gleich im gebrochenen Deutsch los: „De ‚hat in Wohnung randaliert. ‚At Krach gemacht. Dan wa stiel, aba nach Weile kam Wasser. Wir ‚abe da geklingelt, ‚at er aufgemacht un geßagt: Mach disch weg, sonst poliere die Fresse!“ , berichtete er aufgeregt gestikultierend. „Dan ‚at Tur wieder ßu gemaakt. Ganze Wasser lauffe de Treppe runter! Aales naß, laufe bis in Keela!“ Einer der beiden Deutschen, ein hagerer, fahl- grauer Starkraucher zwischen 45 und 60 (ließ sich bei der Strukturtapete im Gesicht nicht so gut abschätzen) mit Badeschlappen, Trainingshose und darin steckendem schmutzigen Pullover, führte entsetzt fort: „Der hat mir beim Tür zuschlagen fast die Finger abgehackt! Ist der bräsig? Als wir dann noch weiter geklopft haben, hat er einfach nicht mehr reagiert. Aber das Wasser läuft unter seiner Tür durch!“ Chefchen nickte: „Dann schauen wir uns das mal an. – Im zweiten, sagten Sie?“ Zusammen schoben wir uns an den vier Bewohnern vorbei in das düstere Treppenhaus. Auf den ausgetretenen Stufen floss ein kleines Bächlein hinab, Pfützen bildeten sich im Flur und bahnten sich ihren Weg zur Hintertür, um gelassen in den Garten zu plätschern. So sah es aus bis in den zweiten Stock. Dort, unter einer angeranzten Tür hindurch, drang munter das Wasser. Deutlich war aus einer Wand das Strömen in den Leitungen zu hören. „Ich gehe mal in den Keller und schaue, wo der Haupthahn ist“, schlug ich vor. Der Wachführer nickte, und dem fahlen Mitbewohner, der hinter mir stand, war anzumerken, dass er sich nun fragte, warum er nicht schon selbst auf die Idee gekommen war … Der Einsatzleiter wandte sich der Tür zu. Die Klingel schien nicht zu funktionieren, also klopfte er und sang unsere Erkennungsmelodie: „Hallo? Feuerwehr! Machense mal auf!“ – Keine Reaktion.

Ich stieg die Treppen wieder hinab, ließ mir von der Kalkleiste die Kellertür aufschließen und betrat den Unterbau des Gehäuses. Schnell fand ich eine Batterie aus vier Absperr- Ventilen auf nebeneinander liegenden Wasserleitungen. Auf gut Glück drehte ich die rechte Leitung zu, und siehe da: Das Rauschen hörte auf. Bingo! 🙂

Auf dem Weg wieder nach oben kamen mir die Kollegen entgegen: „Der soll psychisch daneben sein“, meinte unser Vorsteher. „Da machen wir nicht selbst die Tür auf, sondern warten erst mal auf die Polizei.“  „Besser ist das“, stimmte ich zu. „Bevor der noch meint, er müsse sich verteidigen … Habt ihr denn schon was aus der Wohnung gehört?“, fragte ich. „Nö. Totenstill“, entgegnete Ralf, der nun ebenfalls wieder unten angekommen war. „Der liegt womöglich schon tot in der Wanne, wenn der so ‚durch‘ ist“, brummelte ich. Damit zu rechnen war nicht abwegig, aber nicht die „erste Wahl“ unter den Möglichkeiten. Vielmehr musste man damit rechnen, nach dem Öffnen der Tür angegriffen zu werden. Also blieben wir zunächst draußen.

Vor der Tür warteten wir mit den Bewohnern auf die Kollegen in den blauen Autos. Während dessen erzählte der zweite deutsche Mietvertragsnehmer, ein Glatzkopf Ende 50 mit „auskragenden Bauteilen“, wie wir im Jargon der „Feuerwehrrelevanten Baukunde“ einen Bauch nennen: „Es wird Zeit, dass die den mal hier wegfischen. Unglaublich, wie der drauf ist! Der hat doch einen Jagdschein!“, echauffierte sich „Locke“. „Der gehört eingesperrt.“ Ich merkte erschrocken auf: „Wie meinen Sie DAS denn?“, fragte ich alarmiert. „Hat der etwa Waffen da oben?“  Doch er bremste mich wieder auf „Normalgeschwindigkeit“ runter: „Nee! Kennense nich? „Jagdschein“, das heißt doch so landläufig, dass eer „durch“ ist. Verstehsse? Der iss‘ bekloppt. Keine Angst, nix mit Waffen.“ Ich klärte ihn darüber auf, dass ich vom Dorf komme, wo es durchaus nicht ungewöhnlich wäre, jemanden mit einem Jagdschein anzutreffen. Und auf ein plötzliches Loch in der Tür, wenn wir davor standen, hatten wir alle kein Bock. Er lachte nur.

Die Polizei traf ein, und nach einem kurzen Briefing durch unseren Anstaltsleiter und den Bewohnern, welches sie etwas genervt mit „Ja, den kennen wir. Wir waren schon häufiger hier“ beantworteten, gingen sie rauf zur Wohnungstür. Aber auch auf ihr Klopfen und Rufen kam keine Reaktion. Als wir hinterher kamen, bemerkte ich eingetrocknete, blutige Handabdrückke auf dem Treppengeländer. Hier scheint jemand wohl seine „Flurwoche“ nicht richtig ernst zu nehmen, dachte ich mir. Geländer putzen gehört schließlich mit zum Reinigungsplan! Der Chef und Ralf standen nun ebenfalls auf dem Treppenabsatz vor der Wohnung, bis ich sie daran erinnerte, dass der Budeninsasse womöglich aggressiv sein könnte: „Geht lieber ein paar Stufen auf der Treppe zurück, damit die Schutzmänner gleich etwas Platz haben, falls der rauskommt. Übrigens: Hier ist Blut auf dem Treppengeländer, der könnte verletzt sein.“ „Locke“, der hinter uns auf dem unteren Absatz stand, erklärte: „Ja, das ist von gestern. Da hat er schon mal randaliert und im Treppenhaus eine Scheibe eingeschlagen, dabei hatte er sich die Hand aufgeschnitten.“

Die erfolglosen Polizisten versuchten nun einen Trick, um den Wohnungsrandalierer aus der Reserve zu locken: In dem alten Haus befanden sich die Sicherungskästen der Wohnungen im Treppenhaus. Kurzerhand drehten die Kollegen die Sicherungen raus. Schon manches mal hatte in der Vergangenheit jemand, der in seiner Wohnung saß und sich nicht um das Klopfen kümmerte, die Nerven verloren, wenn vor ihm plötzlich die Flimmerkiste dunkel wurde! Aber auch, nachdem die Ampère- Käfer nicht mehr durch die Leitungen kriechen durften, blieb die Tür zu. Also brachen die Herren mit den Colts sie auf, was nicht sehr schwer war: Ein Hüftstoß, und das Türblatt gab den Weg frei. Hinter der Tür blickten wir nun in einen schmuddeligen Flur mit beigefarbenem Teppich, von dem wir nicht wussten, ob er schon immer diese Farbe hatte. Darauf ein See aus Leitungswasser, in dem überall verstreut Bierflaschen lagen. Möbel gab es kaum. Dafür aber rechts eine an der Flurwand stehende, ramponierte Badezimmertür, die farblich auf die angeranzte Auslegware abgestimmt war. Wie lange musste man wohl rauchen, bis eine Tür so bernsteingetönt aussah? Die Polizisten gingen vorsichtig geradeaus in die Wohnung, auf das runzedunkle Wohnzimmer zu, wo der Randalierer auf einem sterbenden Sofa saß, umgeben von Flaschen, Pizzakartons und Kippen. Dort angekommen, gab es nach der Ansprache des vorgehenden Polizisten ein kurzes Handgemenge: Der Mieter, voll wie eine Haubitze, saß auf dem Sofa und sprang wortlos auf, um den Beamten anzugehen. Er griff nach seinem Hals. Dieser schubste ihn unsanft zurück auf das siffige Sitzmöbel, und der zweite Kollege hielt ihm gleich den schwarzen Stängel unter die Nase: „Du willst jetzt aber keinen Ärger machen, oder? Bleib sitzen! Besser ist das!“, wies er ihn bestimmt an. Die Fronten waren geklärt, er sog lieber noch etwas Hopfenschorle aus einer angefangenen Flasche, die er von einem kleinen, zugemüllten Tisch neben dem Polstermöbel angelte. Ansonsten blieb er wortlos.

Ralf und ich schauten im Bad nach, woher das Wasser gekommen sein mochte. Die Suche dauerte trotz Chaos nicht lange: Die Wanne war zerschlagen, Handtücher und Badutensilien lagen verstreut- und im Waschbecken thronte der Durchlauferhitzer! Der Täter hatte die Wasserleitungen an der Wand wahrscheinlich abgekniffen oder abgesägt und den Kasten einfach von der Wand gerissen. So hatte das Wasser freien Zutritt in den Raum und füllte langsam die Wohnung und das Treppenhaus, bis ich das Ventil im Keller geschlossen hatte.

Neben dem Klo, welches mangels Putztätigkeiten mit braungelblichen Flecken patiniert war und vor sich hin odorierte, ragte ein Handrad aus der Wand. Ralf entdeckte es: „Damit kann man die Wohnung trocken legen. Aber ohne Handschuhe packe ich das Ding nicht an!“ Ich hatte immer ein Paar Gummihandschuhe in der Tasche, so zog ich mir also einen an und drehte das Ventil zu.

‚Nono‘ blieb dieses Mal trocken

Für uns war damit der Einsatz in der Wohnung fast beendet: Das Wasser ging uns nichts mehr an, was wir auch den anderen Bewohnern erklärten. Da die „öffentliche Sicherheit und Ordnung“ nicht gefährdet war, gab es keinen Grund, die Reinigung des Treppenhauses durch uns von der Allgemeinheit bezahlen zu lassen. Wenn wir in einem Haus wegen entlaufenem Wasser tätig werden, dann in der Regel nur mit einem Arbeitsauftrag durch den Hausbesitzer (der den Gebäudeschaden hat), oder einem Wohnungsnehmer (der den Schaden an seiner Einrichtung hätte). Diese müssen den Einsatz dann bezahlen und später mit der Versicherung abrechnen. Person a) war aber nicht erreichbar, Person b) war sturzbesoffen und psychisch krank, also eh nicht Geschäftsfähig. Zudem er offensichtlich keinerlei Einrichtung von Wert hatte. So rieten wir den anderen Bewohnern, das Treppenhaus selbst trocken zu legen und schlugen das Angebot des Afrikaners aus, der uns einen Besen zum „rausfegen des Wassers“ leihen wollte. „Nein. Das können Sie genauso gut, und auch noch umsonst“, entgegnete ich ihm. Wir sind schließlich keine Putzkolonne, und hier standen 4 Männer im arbeitsfähigen Zustand vor uns. Zudem war in der betroffenen Wohnung wahrscheinlich noch einiges an Wasser in die Geschossdecke gesickert, was erst über Stunden wieder herauslaufen würde. Da würden die Mieter wohl mal dringend bei dem Hausbesitzer vorsprechen müssen. Was uns noch blieb war das Zeigen des richtigen Absperrventiles im Keller, falls der Randalierer wieder auf die Idee käme, das in seiner Wohnung wieder aufzudrehen.

Ob die Polizei den Randalierer mal wieder in die Psychiatrie brachte, um ihn für die nächsten Tage wieder hinbiegen zu lassen, weiß ich nicht. Wir verabschiedeten uns jedenfalls und kehrten zur Wache zurück, wo ich meinen gut durchgezogenen Chemiebausatz in der Mikrowelle thermisch aufbereitete. „Hmmm, Nudelklumpen!“ …

 

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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6 Antworten zu Randalierer in der eigenen Wohnung

  1. roerainrunner schreibt:

    Mir tun eher die Nachbarn leid. Die können nix für den, leiden aber drunter. Und ob der Hauseigentümer den Wasserschaden dann ordnungsgemäß beseitigen lässt oder es ihm einfach egal ist. Wer weiß… :-/

  2. blaulichtauto schreibt:

    Mehr Überrschungskiste als bei einer Türöffnung geht glaube nicht mehr.

  3. BRC_MEDIC schreibt:

    „Jagdschein“ kennste nicht? Entweder bin ich viel[TM] zu alt oder es ist eine lokale Redewendung (original bin ich etwa 100 KM südlich von Dir).

    Bei Psych-Sachen bin ich auch schon mal reingefallen – Des Patienten Alk-Level jenseits der KFZ-tauglichen Grenze, hat seinem „Sicherheitsdienst“ (a.k.a. Rufknopf-Mitarbeiter) fast eine Gesichtsmassage verpasst, weil er „aufgeweckt“ wurde; ich sah da auch schon die Truppe Gelb/Blau antanzen um den Patienten zu geleiten, aber war nicht: Der PAT war im eigenen Haus, scheinbar keine Gefahr mehr für sich oder andere (Der PAT war recht freundlich zu mir). Der Paramedic hat mit dann unterbreitet, das man solche Leute lieber im eigenen Heim belässt. Hatte ich anders erwartet – andererseits war das Haus eigentlich recht aufgeräumt.
    Solche Wohnumgebung wie Du beschrieben hast, habe ich soweit nur bei Nutzern harter Drogen gesehen. Selbst die bleiben dann meist zu Hause – idR nach einer Sitzung mit der blau/gelben Brigade.

    • firefox05c schreibt:

      Ich habe aufgrund der Zeichendarstellung aufgetretene Probleme hoffentlich in deinem Sinne behoben.
      Wenn hier jemand (augenscheinlich) weder für sich noch für andere eine unmittelbare akute Gefahr darstellt, darf er auch zu Hause bekloppt sein, so lange er will. 😉 Sollte aber die Lage eingeschätzt werden, dass er eine Gefahr sein könnte, wird der Mensch einem Psychiater vorgestellt.
      Dieser Mann war bereits bekannt. Wofür allerdings, weiß ich nicht: Ob er nur ab und zu „neben sich steht“, ohne andere zu bedrohen oder gefährden, oder ob er schon Suizidversuche oder Bedrohungen „auf der Karte hat“, wurde uns natürlich nicht mitgeteilt.
      Verwahrloste Wohnungen treffen wir oft bei Alkoholikern an, wenn wir sie abholen.

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