Der befreite Heiland

Hinweis: Kirchenfans könnten vielleicht schon mal einen Entspannungs- Tee ansetzen.

In einer Ecke meines Wohnzimmers ist, wie in vielen anderen Wohnzimmern auch, eine kleine Ahnengalerie aufgehängt: Die Großeltern meiner Angetrauten im besten Alter (also, die abgebildeten Großeltern), und, weil ich von meinen Großeltern keine Portraitfotos besitze, ersatzweise ein Bild von Karl Ranseier. RTL- Gucker der 90er werden sich daran erinnern, dass er ebenfalls verstorben ist. Er eignet sich daher hervorragend als Platzhalter.

Das „Gesicht“ ist ein einziger Klumpen

Über irgendeinen sozialen Kanal wurde mir das Foto eines Wandkreuzes zugeschickt, welches wie gemalt über unsere Ahnen passen würde: Der Heiland hing nämlich nicht wie gewöhnlich an seiner Balkenkonstruktion, sondern hatte sich in besonderer Weise befreit. Dazu später genaueres. So ein Ding wollte ich aber unbedingt auch haben! Ich versank also kurzerhand in den Regalen von eBay und trieb unter all‘ dem gebrauchten Gerümpel ein altes Wandkreuz auf. Mit Jesus aus Metall. Allerdings in einem trostlosen Zustand: Irgendein Vorbesitzer hatte es für nötig befunden, die Figur zu „verschönern“, und verpasste ihr einen beigefarbenen Anstrich. Naja, dafür war das Werk billig. Ich kaufte es also.

Als es dann ankam und ich es ausgepackt hatte, blies ich zunächst die Backen auf, dass ich Ähnlichkeiten mit einem vollgestopften Hamster haben musste: Die Farbe auf der Figur musste offensichtlich die Konsistenz von Marmelade gehabt haben, denn die Details unseres Religionsstifters gingen bis zum Impressionismus unter dem Quark aus Babykacke- braunen Pigmenten zugrunde!

Es hat ein Gesicht! (links der schon abgetrennte Sockel)

So schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt … Aber ich behielt den Mut und löste Jesus aus seiner Zwangslage am Kreuz. Anschließend kramte ich den Werkstattfön aus dem Sockelgeschoss unserer Behausung und heizte dem Metallkörper ein, bis die Farbe kochte. In mühsamer Schab- und Kratzabarbeit popelte ich mit einem kleinen Schraubendreher und einem Bastelmesser die nun pastöse Schicht vom Korpus, pfriemelte jedes erkennbare Detail sauber, so gut es ging, und schliff anschließend die Oberfläche mit etwas Stahlwolle nach. Zum Vorschein kam ein filigraner Zimmermannssohn, wahrscheinlich aus Aluminium. Dabei musste ich feststellen, dass die Figur auf der Rückseite auch noch zwei Löcher hatte. Dem armen blieb aber auch nichts erspart …

alte Farbe entfernt, neue drübergenebelt.

Ähnlich verfuhr ich auch mit dem INRI- Schildchen an der Spitze des Kreuzes, welches allerdings eine abgebrochene Ecke hatte. Nachdem ich dann dieses Schildchen und eine hinter der Kopfposition angebrachten Korona silber lackiert hatte, sah die ganze Sache schon ansprechender aus. Das Holz ließ ich in dem Zustand mit den Gebrauchsspuren. Genauso vunterließ ich es, die abgebrochene Ecke des Schildes irgendwie zu kaschieren, wie es mein Vorgänger versucht hatte. Ich finde, es passt wunderbar in das beabsichtigte Endergebnis.

Nun zum eigentlichen Clou der Klamotte: Die Befreiung des Heilandes!

Wie bei vielen Kreuzigungsfiguren üblich, stand der ans Kreuz gepinnte Korpus mit den Füßen auf einem Sockel. Dieser war aber nicht am Kreuz angesetzt, sondern in einem Stück mit der Metallfigur gegossen worden. Ich sägte ihn ab und klebte ihn an seine logische Position aufs Holz. Die Füße Christi entgratete ich dann sorgfältig, und nach des Predigers Pediküre sah das Ergebnis tatsächlich gut aus.

Aus dem Kleiderschrank der Holden klaute ich mir alsdann einen Drahtbügel aus der Reinigung, aus dem ich mir ein gehöriges Ende herauskniff. Die eine Seite dieses Drahtes wickelte ich nun um das Kreuz, die andere um die Fußgelenke des Heilandes und bog das Ganze in eine geschwungene Position. Ich war begeistert ob des Ergebnisses!

„Freiheiiit!!!

Das Bild mag im ersten Moment etwas ketzerisch aussehen. In mir löst es allerdings eine andere Sichtweise aus: Vor rund 2000 Jahren ist der Arme „für unsere Sünden“ gestorben. Seit dem hängt er an seinem Folterinstrument in millionen Kirchen, Schlaf-, Kranken- und Wohnzimmern herum. Und wozu? Die Menschen werden nicht müde, immer neue Sünden zu begehen. Kriege, Versklavung, Unterdrückung, den Nachbarn bescheißen. Und weil das nicht genug ist, machen wir die Natur gleich mit platt. Wäre es unserem Religionsstifter zu verdenken, wenn er sich irgendwann frustriert sagt: „Wozu das Ganze? Ich habe kein Bock mehr. Nützt ja eh‘ nix. Ich gehe mich nun endlich auch mal ein wenig amüsieren.“ Er löst sich vom verwitterten Kreuz und springt. Statt ewigem Martyrium nun lebenslustiger Nervenkitzel. Die Korona lässt er gleich am Kreuz zurück. Nur ein mal „normal sein“! Das sollten wir ihm nach 2000 Jahren auch mal zugestehen können.

PS: Jemand meinte zu mir, wenn Kinder mein Kreuz sähen, würde es sie irritieren. Nun, wer weiß, was eine Kreuzigung eigentlich bedeutet, wird froh sein, wenn sie in meinem Wohnzimmer bloß irritiert werden!

 

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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17 Antworten zu Der befreite Heiland

  1. Jakob Thoböll schreibt:

    Eine schöne Idee. In unserer alten Gemeinde stand auf dem Altar ein leeres Kreuz, nur mit einem angedeuteten Lichttstahl in der Mitte. In der Studentengemeinde wiederum steht die Ikone „Emmausjünger“ auf dem Altar, ich finde deine Überlegungen dazu sehr spannend und nachvollziehbar.
    Und ist nicht gerade das leere Kreuz – und das leere Grab danach – das eigentliche Wunder?
    Ob sich Jesus eine Kirche gewünscht hätte. die vor allem auf dieses Kreuz starrt? Die das ganze Jahr und Leben in der Starre des Karfreitages verbringt?

    Ich erinnere mich an eine Geschichte, die wir in der Oberstufe mal gelesen haben, in der Jesus vom Kreuz steigt und sich unter die Menschen mischt, unter anderem da es ihm langweilig wurde. Das er letztendlich entsetzt von fehlender Nächstenliebe ist, bleibt leider nicht aus in dieser Geschichte. Finde ich leider gerade nicht wieder.

    LG
    Jakob

  2. squirrel1976 schreibt:

    Erinnert ein wenig an Assassins Creed 😉
    Aber im Ernst, ich find die Idee klasse!

  3. WPR_bei_WBS schreibt:

    Sehr genial :-)! BTW: Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Feuerwehrmann aller Zeiten…

  4. Don Camilo schreibt:

    Ganz ehrlich: das ist einfach nur traurig. Der Heiland der Welt als Witzfigur…
    Was macht ihr mit eurem Entsetzen, wenn er einmal wieder kommen wird?

    • firefox05c schreibt:

      Zunächst: Er ist nicht „Der Heiland der Welt“. Frag mal Muslime, Hindus oder Pastafari. Dieses Ausschließlichkeitsdenken hat bereits Millionen von Menschenleben gekostet, was garantiert nicht in seinem Sinne war. Weder im Sinne Jesu, Mohammeds, Echnatons oder sonst einem Religionsbegründer.
      Zweitens kommen wir sowieso alle in die Hölle (sofern es diese mittelalterliche Interpretation des Gegenpoles zum „Himmelreich“ überhaupt gibt), da jede monotheistische Religion es vom jeweils „Ungläubigen“ behauptet, und das selbst unter den einzelnen Zweigen des Christentums. Ob das aber stimmt, konnte auch nach 2000 Jahren nicht festgestellt werden.
      Drittens: Dass er hiermit zur „Witzfigur“ wird, ist die Iterpretation des jeweiligen Betrachters. Meine Sicht der Darstellung habe ich erklärt. Er konnte die Menschen nicht damals retten und nicht heute, da die Menschen einfach nicht klug werden. „Retten“ kann man nur den, der sich auch retten lassen will. Sollte er selbst noch darauf hoffen, wäre er sehr naiv.
      Die Darstellung als im Todeskampf befindliche „Horrorfigur“ am Kreuz ist jedenfalls in meinen Augen nicht besser. Ich habe meine Zweifel, ob er es im Falle seiner Rückkehr wirklich so toll finden würde, sich überall im Moment seines Todes, zum Begaffen ausgestellt, zu sehen. Ich selbst mag solche Folterszenen nicht, weder die zahlreichen Metzeleien, die in den Kirchen in Stein gehauen sind (man muss sich mal Gedanken darüber machen, WAS dort eigentlich regelmäßig für Szenen dargestellt sind, und was dort an Leichenfledderei mit „Reliquien“ betrieben wird! Ich wollte es meinen Kindern jedenfalls nicht erklären.), noch heutige Filmaufnahmen von Hinrichtungen. Der große Unterschied ist, dass modernere Aufnahmen von Hinrichtungen idR aus verständlichen Motiven gefiltert werden. Warum sind Gewaltdarstellungen für alle OK, wenn sie vor der Neuzeit passiert sind? Daher fand ich diese Abwandlung der Todesszene in eine lebensbejahende sehr wilkommen.
      Jeder mag glauben, an was / wen er möchte. Dass Jesus am Kreuz aber eine der grausamsten Verehrungen der Todesstrafe ist, steht für mich fest (sollte auch jedem klar sein, der den angefügten Link besucht hat). Da kann keine Erschießung oder Enthauptung von „Märtyrern“ mithalten. Daher kann ich an meiner Entschärfung nichts trauriges finden.
      Übrigens: Der Grund dafür, dass sich die christliche Religion überhaupt entwickelt hat, ist die Auferstehung. Das Kreuz sollte also doch besser grundsätzlich leer sein bzw. Jesus ohne Kreuz dargestellt werden. Am Kreuz hängend ist er nur einer von tausenden auf diese Weise hingerichteten.

    • WPR_bei_WBS schreibt:

      „Ganz ehrlich: das ist einfach nur traurig. Der Heiland der Welt als Witzfigur…“

      Das ist Ihre Sicht der Dinge. Andere sagen sich vielleicht seit 2000 Jahren „Das ist traurig. Eine Witzfigur als Heiland der Welt.“ Jedem Tierchen sein Plessierchen…

      „Was macht ihr mit eurem Entsetzen, wenn er einmal wieder kommen wird?“

      Mit Bungee-Jumping ablenken.

  5. HiPe schreibt:

    Herrlich!
    Ob so das Logo der 90er-Sportmarke Chiemsee entstanden ist? Oder eigentlich noch wichtiger: Darf man das so in Bayern in öffentlichen Gebäuden hinhängen? Fragen über fragen…

    • firefox05c schreibt:

      Mir ist kein Gesetz bekannt, nach dem ein Korpus mittels einer bestimmten Methode mit dem Kreuz zu verbinden ist. („Vorgesehene Befestigungspunkte sind … das Befestigungsmaterial muss folgender DIN entsprechen: … ) 😉

  6. Steffen schreibt:

    Das Erste an das ich denken musste war ein bungeespringender Jesus.
    War das der gewünschte Effekt? Weil geschrieben hast du das ja nicht.

  7. BRC_MEDIC schreibt:

    Geniales Projekt.
    Passt nur nicht in mein Weltbild, sonst hättest Du wieder einen Copycat. Und ja, ich trinke derweil kaffinierten Kaffee 🙂

  8. Dicker Sauerländer schreibt:

    Auch als gläubiger Christ und „ab-und-zu-Katholiik“ brauche ich keinen Beruhigungstee und auch meinen Morgenkaffee habe ich nicht in die Tastatur gespuckt.

    Die Geschichte – wie immer bildhaft beschrieben und mit herrlichen Details geschmückt – würde ich mir als Sonntagspredigt wünschen. MIT dem beschriebenen Kreuz in der Hand des Predingenden.
    Wenn die „Schmuckfarben“ dann am Ende der Geschichte etwas dicker aufgetragen werden, sollte das Ganze eine „Predigtlänge“ (wie ich sie liebe) ergeben.

    Danke, fierfox05c, für die Morgenandacht und Friede den Menschen auf Erden.

    • firefox05c schreibt:

      Neues Hobby: Laienprediger? 😉

      • WPR_bei_WBS schreibt:

        Mhh… Ich befürchte, beim brennen Dornenbusch driftest Du dann aber doch unvermeidlich in die Methoden der Feuerlöschung bei Waldbränden ab.

        Und bevor Du an Pfingsten von auf die Leute niedergehenden Feuerzungen redest, verteilst Du wahrscheinlich (diametral zur religiösen Bedeutung) Rettungsdecken an die gefährdete Gemeinde.

        🙂

      • Jakob Thoböll schreibt:

        So ein bisschen abdriften schadet nie.

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