Zylinder befummeln

Beim Stöbern in diversen Internet- Kramläden stolperte ich über ein kleines, schwarzes Täschchen, welches im virtuellen Regal feilgeboten wurde. Darin: Kleine Häkchen und seltsam befräste Federstahl- Werkzeuge, mit denen man in Schlössern herumstochern kann: Ein Lockpicking- Set für Einsteiger! Ob das etwas für mich war? Immerhin machte es mir auch im Dienst Spaß, in die dummen Gesichter der Nachbarn zu schauen, wenn ich bei „Hilfloser Person hinter Tür“ in Sekunden mit einem einfachen Draht die Falle im eingeschnappten Schloss aufdrückte und die Tür einfach ohne Zerstörungen den Weg freigab.

Set mit den häufigsten Picks und drei Spannern

Grob überschlagen war das in fernöstlichen Automaten produzierte Set für unter 10 Eumel nicht zu teuer für ein Experiment. Sollte mir das „Picken“ gefallen, konnte ich die Sache nach und nach vielleicht ausbauen, und wenn nicht, waren eben nur ein paar Flocken weg. Andere Hobbys erfordern da erheblich mehr Investitionen. Ich bestellte das Set also. Und zum Üben noch gleich ein durchsichtiges Übungsschloss dazu.

Beim Lockpicking geht es um das gewaltfreie Öffnen von Schließzylindern mittels „Picks“, also speziell geformten Werkzeugen, um die verschiedenen Mechanismen zu überwinden. Grob gesagt versucht man, die Stifte, die eigentlich mit dem Schlüssel auf die richtige Höhe gerückt werden, durch das Vorspannen des Zylinders einzuklemmen und mittels eines Werkzeuges einzeln auf die passende Stelle zu setzen.

im Übungsschloss kann man „unter Aufsicht“ rödeln

Die Einzelheiten spare ich mir hier, die schaut man sich besser in den Videos an, zum Beispiel in denen von „T&J’s Lockpicking Nord“. Dabei ist es nicht das Ziel, an das zu gelangen, was womöglich „hinter“ so einem Schloss ist (dazu wäre das Zerstören oft viel einfacher), sondern nur das austricksen der Technik. Profan gesagt: Man „knackt“ ein Schloss, freut sich, dass man es ohne Schlüssel öffnen konnte – und macht es wieder zu. Der Weg ist das Ziel. Dass dabei nur das Öffnen der eigenen Schlösser bzw. es nur mit der Genehmigung eines Berechtigten erlaubt und alles andere strafbar ist, sollte jedem klar sein. Ich wurde auch gefragt, ob es denn überhaupt legal sei, diese Werkzeuge zu kaufen und zu benutzen. Dem entgegnete ich, dass es auch viele andere Werkzeuge zu kaufen gibt, die man nur an den eigenen Sachen benutzen darf. Das fängt schon bei Anhängerkupplungen an, geht über Brecheisen bis hin zu Motorsägen, mit denen man ja auch nicht einfach in den Wald darf, um sein Brennholz zu holen, nur, weil das Ding zum „Bäume umsägen“ gebaut wurde.

Um ausreichend Herausforderungen zu haben, gehen Picker übrigens auch gerne in Baumärkte, nur um sich neue Schließzylinder zu kaufen, die sie dann zu Hause bearbeiten und auseinandernehmen können, oder sie mit Gleichgesinnten austauschen, damit „jeder mal ran darf“.

Da die Lieferzeit des Fummelsets mit bis zu 6 Wochen angedroht war, machte ich mir natürlich Gedanken, wie ich die Zeit bis dahin eventuell überbrücken konnte.

Die ersten, selbst gebastelten Picks. Sie funktionieren sogar.  🙂

Ich schaute mir also Videos an, in denen die Technik erklärt wurde, stöberte in verschiedenen Fachforen und eignete mir so schon mal etwas Theorie an. Hier wurde meine Entscheidung zu einem recht günstigen, aber umfangreichen Set bestätigt: So kann man herausfinden, mit welchen Picks man gerne arbeitet, und diese dann „in gut“ einzeln nachkaufen. Die kosten dann etwa einen Heiermann pro Stück. Dabei las ich, dass Picker sich auch das eine oder andere Häkchen selbst herstellen. Klar, was kam: Ich wollte auch dieses probieren! – Aber mit welchem Material? Nach einigem Überlegen fiel es mir ein: Die Kehrmaschinen in den Straßen haben Bürsten mit Metallborsten. Diese sind aus Federstahl und gehen ab und zu verloren. Dann oxidieren sie achtlos am Straßenrand herum. Ob sie wohl die erforderlichen Maße hatten?

Zwanzig Minuten und 500 Meter Bordstein ausspähen später kam ich wieder nach Hause mit vier gefundenen Borsten. Ich skalierte am Laptop Bilder der Picks auf ungefähre Originalgröße und stellte fest: Ja, die Maße der Metallstreifen aus der Gosse stimmten in etwa!

Den Dremel Multi raus, kleiner Schraubstock an den Küchentisch: Die ersten drei „Hooks“ und ein Spanner waren schnell geschliffen. Zusätzlich machte ich noch Tiefenmarkierungen auf die Flanken der Werkzeuge, mit denen ich so in etwa die einzelnen Stifte im Zylinder finden konnte. Die Griffe stellte ich einfach her, indem ich Panzerband mehrfach drumtüdelte.

geknackt!

Das schien sogar zu funktionieren. Am nächsten Tag auf der Wache kramte ich aus dem Fundus der „Krimskrams- Box“ einen alten Schließzylinder hervor und begann eifrig, mit den selbstgeklöppelten Dingern darin wie in den Videos herumzustochern. Welch‘ Schrecksekunde, als der Kern sich nach etwa 4 Minuten plötzlich frei drehte! Ich hatte mein erstes Schloss geknackt! Keine Ahnung, wie. Aber das war doch nun egal … 😉

Ich versuchte es zu Hause noch an meiner Wohnungstür. Bis mir die Knie weh taten. Frustrat.

Links: Der Schlitz ist unten gewinkelt. Schwieriger zu knacken als rechts, wo der Schlitz gerade ist.

Der Schlüsselschlitz war zu verwinkelt. Ein Vorhängeschloss trieb sich noch in den Regalen meines Kellerraumes herum. Nach zähem Kampf und Stunden der Verhandlung musste ich auch hier einsehen: Klappt noch nicht. Hier war aber wohl ungeeignetes Werkzeug die Ursache: Der Spanner, den ich mir gebastelt hatte, war zu breit, so dass im Schlitz kaum Platz zum Rödeln übrig blieb. Ich fertigte also als nächstes einen „Spezialspanner“ für kleine Zylinder. (Der ist übrigens so gut geworden, dass ich ihn nun auch bei den meisten anderen Zylindern benutze!) – Die Zylindertechnik zeigte mir trotzdem den Mittelfinger.

Billiges Schloss – aber erst mit dem richtigen Spanner besiegt!

Nach drei  Wochen traf das bestellte Set dann ein, und ich bestaunte die verschiedenen Haken und Stifte. Meine Frau amüsierte sich darüber, dass ich mich minutenlang damit beschäftigen konnte, sie einfach nur anzusehen. Männerspielzeug eben … Der Vergleich mit den Eigenproduktionen ergab übrigens, dass ich mit meinen nach Fotos gearbeiteten Dingern recht nah an die Originalmaße herangekommen war.  😉 Nach ein paar Versuchen an den mittlerweile drei vorhandenen Zylindern konnte ich schon drei oder vier Picks aussortieren, mit denen ich nicht recht warm wurde. Vornehmlich waren es sogenannte „Rakes“, also Harken, mit denen man durch herumwühlen im Schlitz mehr oder weniger zufällig die Stifte im Schloss setzte. Aber diese „Hollywood- Methode“, die bei den günstigen Zylindern ebenfalls zum Erfolg führen kann, ist nun ja nicht wirklich „picken“, also das gezielte Arbeiten … Ich bemerkte beim Herumprobieren, dass sich unter den Picks nur zwei gebogene Haken in Standartgröße befanden.

tiefer Haken, um besser „um die Ecke“ zu kommen, ohne den davor liegenden Stift gleich mit zu verschieben. Zu sehen auch meine „Anfängermarkierungen“

Für kleinere Zylinder brauchte ich aber einen etwas flacheren Haken, und für besonders tief zu setzende Stifte eventuell einen etwas längeren. Die nächste Bastelarbeit stand also an. Das Ergebnis war dafür, dass ich nunmal blutiger Anfänger war, meines Erachtens gar nicht so schlecht!

Resultat der anschließenden Fummelei, die zum Beispiel stattfand, wenn Mausi mal wieder sowas wie „Shopping Queen“  im Flimmerpanel schaute, war eine Blase am Zeigefinger. Ohne Zweifel: Hier musste nachgebessert werden! Nach einem ungeeigneten Experiment mit Isolierband kam ich auf die Idee, mir Schrumpfschlauch zu bestellen.

Handschmeichler (2.v.l.: einer der selbstgemachten Haken)

Diese Plastikschläuche schrumpfen bei Hitzebeaufschlagung etwas zusammen und werden zum Beipiel genutzt, um Kabelenden passgenau zu isolieren. Solche Dinger schob ich also über die Griffe der Picks und schrumpfte sie mit einem Föhn zusammen. Ein herrliches Tastgefühl!

Seit dem nutze ich die Gelegenheiten, wie sie kommen, um mir einen Schließzylinder und einen Spanner in die eine Hand, ein Häkchen in die andere zu nehmen und im Zylinder herumzupopeln. Manchmal mit, manchmal ohne Erfolg. Dabei kann man jeden Zylinder quasi vierfach knacken: Jede Seite sowohl einmal in Drehrichtung links- als auch rechts herum. Genug zu tun, und zum Kopf klarkriegen eine gute Konzentrationsübung.

Und wenn es irgendwann keinen Spaß mehr machen sollte, habe ich nicht einmal zwanzig Euro ausgegeben, um mittlerweile stundenlange Beschäftigung gehabt zu haben.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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4 Antworten zu Zylinder befummeln

  1. Nobody schreibt:

    Und welche Schlösser von deiner Frau willst du im Geheimen öffnen?

  2. gnaddrig schreibt:

    Selbst habe ich gar keine Erfahrung mit sowas, aber eine Geschichte drüber gelesen. Es gibt ein paar Bücher über Colditz Castle, ein Kriegsgefangenenlager in Sachsen, wo durch Ausbruchsversuche aufgefallene alliierte Offiziere interniert wurden. Die haben sich einen Spaß draus gemacht, es ihren Bewachern möglichst schwer zu machen. Dazu haben sie sich im Lauf der Zeit eine gewisse Expertise im Schlösserknacken angeeignet. Niederländische Kriegsgefangene dort waren in der Lage, einen neuartigen, eigentlich für völlig unknackbar gehaltenen Typ Sicherheitsschloss (mit vier kreuzförmig angeordneten Schlitzen, keine Ahnung, wie die Sorte Schloss heißt) in Nullkommanix mit ein bisschen Draht zu öffnen. Da sie das geheimhielten, konnten sie lange Zeit überall ein- und ausgehen, ohne dass die Lagerleitung das auch nur wusste.

  3. HaJo schreibt:

    Dann fehlt natürlich noch der Link zu Sportsfreunde der Sperrtechnik https://blog.ssdev.org/ und https://koksa.org/index.php

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