Verkehrsunfall mit Aufklärungsgespräch

Das Abendprogramm auf der Wache begann gerade über das Medien- Endgerät zu flimmern, soeben hatte ich mich meiner Stiefel unter der roten Rettungsdienst- Hose entledigt. Als hätte die Leitstelle eine Kamera in unserem Aufenthaltsraum installiert, klingelten die Brüllwürfel: „Rettungseinsatz, Stuttgarter Straße 14, Blutung nach GV“, war auf dem Kästchen zu lesen. Ich schmunzelte und bemerkte in Richtung meines Kollegen Jens: „Der hat sich bestimmt vertippt. Das sollte wahrscheinlich „KV“, also Körperverletzung, heißen.“

Wir gingen zügig zum Dienstwagen in der Fahrzeughalle, öffneten das Tor davor, meldeten uns per Statusgeber bei der Leitstelle für diesen Einsatz an und fuhren los. Einige Sekunden später klingelte das Handy des RTW, das Callcenter rief an: „Tach. Feuerwehr“, witzelte der Disponent zur Begrüßung, bevor er mir weitere Infos zum Einsatz gab. „Das Mädel hatte wohl nach dem Höckern eine Blutung, ihr wäre dann auch schwindelig geworden“, erklärte er. Aha, er hatte sich also doch nicht verschrieben, dachte ich. „Ich habe schon geschaut, ob irgendwo in der Nähe eine weibliche Besatzung aufzutreiben ist, aber ich habe momentan niemanden. Also müsst ihr da mal schauen. Ich denke, dass die Sache vielleicht mit einem „Beratungsgespräch“ erledigt sein könnte“, hoffte der Disponent. „Nun, dann werden wir uns die Sache mal anschauen“, entgegnete ich. Klang ja schon mal recht peinlich, was da passiert sein mochte …

Einige Minuten später hielten wir vor einem größeren Mehrfamilienhaus der „Sparklasse“ an und klingelten. Als uns geöffnet wurde, stiegen wir in den zweiten Stock, wo uns an der Tür ein schlanker, etwas betreten dreinschauender Mann Ende zwanzig empfing. „Äh… kommen Sie bitte rein … ähm … sie sitzt im Bad“, stammelte er. Als wir in der Wohnungstür standen, kam uns im Flur eine hübsche Blondine mit schulterlangem Haar und einem hellen, kuscheligen Bademantel entgegen. Sonst nichts. Und der Mantel war auch eher nachlässig geschlossen worden, so dass ich einen Moment aufpassen musste, sie nicht zu auffällig zu mustern. Sie schien etwas gelangweilt. Oder frustriert ob des plötzlichen Endes? In dem Raum hinter ihr stand noch ein weiterer vollständig angezogener Mann, ebenfalls wahrscheinlich Mitte zwanzig. „Meine Freundin ist hier im Bad“, meinte Blondie und zog die Tür zum Porzellanzimmer etwas auf. Dort auf dem Toilettendeckel, der mit einem Bademantel bedeckt war, saß nun unsere etwas verstörte Patientin, deren Gesichtsausdruck eine Mischung aus Angst und Peinlichkeit erkennen ließ. Sie war etwa Anfang zwanzig, ebenfalls schlank, hatte kurzes, dunkles Haar und einen schwarzen BH an. Und Ende. Sonst nix. „Hallo“, sagte sie leise und vorsichtig zu mir. „Können wir uns bitte erst mal alleine unterhalten?“ Ich fragte mich einen Moment, wieso die Herren komplett bekleidet waren, während die Mädels immer noch fast nackt hier herumsprangen …

Ich gab Jens einen Wink, dass er mit den anderen Anwesenden ins Wohnzimmer gehen sollte, während ich mit dem Notfallkoffer das Bad betrat und die Tür hinter mit zuzog. Mir war nicht ganz wohl bei der Sache, mit einer fast nackten Schönheit ohne Zeugen alleine zu sein. Andere Kollegen mussten sich nach einem solchen Einsatz schon der wildesten Behauptungen entwehren! Andererseits verstand ich natürlich, dass nun wahrscheinlich ein Gespräch folgte, das man nur ungerne in Gegenwart von Fremden führte. Ich stellte den Koffer ab und setzte mich darauf, um zu zeigen, dass wir nun etwas Zeit hätten: „Nun, was ist denn passiert?“, fragte ich. Bei einem flüchtigen Blick auf ihre Umgebung konnte ich kein Blut entdecken. Das war ja schon mal gut. Sie erzählte stockend, dass sie Sex zu dritt hatten und es „recht gut zur Sache“ ging. „Aber als ich dann mal runtergeschaut habe, war da überall Blut! Richtig viel, wissen Sie? Das kam aus meiner Scheide. Es war war auf dem Sofa und auf der Freundin … Und als ich das gesehen habe, wurde mir schwindelig, und ich bekam plötzlich auch schlecht Luft. Jetzt habe ich Angst, dass ich vielleicht innere Blutungen habe!“ Ich musste es zur Einschätzung der Verletzung leider noch etwas genauer wissen: „Haben Sie denn Spielzeuge benutzt? Oder irgendwelche anderen Gegenstände?“ Sie verneinte. Musste das peinlich sein … Auf Nachfrage sagte sie auch, dass sie nicht besonders lange geblutet habe, allerdings soll es ziemlich viel gewesen sein. „Und wo ist das Blut nun?“, fragte ich weiter. „Das haben wir alles weggeputzt und im Klo runtergespült“, schüttelte sie den Kopf. „Ich habe gerade auch schon geduscht. – Kann ich denn nun innere Blutungen haben?“ Für den Rettungsdienst ist es natürlich immer blöd, wenn man von Blutungen hört, aber keines zu sehen bekommt. Einschätzungen zur Menge oder dem Aussehen sind dann kaum mehr möglich. Für gewöhnlich wird die Menge durch Laien maßlos überschätzt. „Blutet es denn jetzt immer noch?“, fragte ich. Sie stand auf, schaute unter sich auf den Bademantel: „Nein… da ist nichts mehr…“ Damit war der Punkt erreicht, an dem ich es für besser hielt, dass sie sich zumindest wieder ein Höschen anzöge. Ich drehte mich also um, öffnete die Tür einen Spalt und bat um das gewünschte Stück. Was mir die Freundin dann brachte und übergab, hätte man aber wohl bequem in ein Ü- Ei gestopft bekommen, und womöglich hätte dann sogar noch ein Flötenschlumpf Platz darin gehabt: Dieses Etwas aus geklöppelter Zahnseide hielt nicht annähernd das, was ich mir flächenmäßig davon versprach. Während die Patientin sich dieses Riemenwerk nun über und in den Hintern zog, beruhigte ich sie weiter, dass die Sache wohl etwas heftig gewesen war und es in den Schleimhäuten, die sehr empfindlich sind und gut durchblutet, einen kleinen Riss „durch Verkanten“ gab. Dass ihr schwindelig geworden war, mag eine Panikreaktion gewesen sein und war wohl nicht auf den Blutverlust zurückzuführen. Sie setzte sich wieder hin. Auf meine vorsichtige Erklärung, dass sich ihr Schmuckkästchen aber auch verkrampfen könne, wenn es ihr „währenddessen vielleicht nicht mehr so gefiel“, meinte sie offenherzig: „Nö, das war eigentlich toll. Ich war ja schon den ganzen Nachmittag geil und habe mich drauf gefreut!“ Damit war dann für mich auch geklärt, dass alles freiwillig geschehen war. „Tut es denn jetzt noch weh?“ Sie betastete sich im Schritt: „Nee… vielleicht ein wenig… – Und Sie meinen, ich habe nun keine inneren Blutungen?“  Sie war nicht von einer Katastrophen- Vision abzubringen. Ich sagte daher mit meinen eingeschränkten gynäkologischen Vorkenntnissen und den von ihr angegebenen technischen Details recht platt: „Also, Sie sind ja unten offen. Spätestens, wenn Sie also aufstehen, würde es unten rauslaufen.“ Das verstand sie nun.  Die folgende Aufforderung traf mich dann aber doch etwas unerwartet: „Aber Sie kennen sich doch da bestimmt auch aus, können Sie dann nicht mal nachsehen, ob alles in Ordnung ist?“ Nun, ich war nicht zu meinem Vergnügen dort und sah weiterhin keinen medizinischen Benefit in einer Höhlenbesichtigung. Was sollte ich auch entdecken? Vielleicht den kleinen Riss und ein paar Blutreste. Hätte uns aber nicht wirklich nach vorne gebracht. Wäre es eine größere Verletzung gewesen, hätte sie nicht gesagt, dass die Blutung schnell wieder aufgehört hätte. Statt mir vom Kollegen also das Laryngoskop bringen zu lassen und irgendwo in den Tiefen der Anatomie herumzuleuchten, riet ich ihr, dass sie heute besser „nichts mehr in dieser Hinsicht anstellen“ sollte. „Falls Sie im Unterbauch aber doch noch Schmerzen bekommen sollten, fahren Sie ins Krankenhaus in die Gynäkologie. Die können das dann mal untersuchen. Ansonsten: Sauber halten, dass es heilen kann. Vielleicht übermorgen vorsichtig wieder anfangen … “ Es folgte ein kurzer Exkurs über ph- neutrale Intimwaschmittel. Damit gab sie sich zufrieden.

Ich verließ mit ihr das Bad und schwenkte ins Wohnzimmer. Dort brachte die Blondine meinem Kollegen gerade eine Glühbirne. Er hatte die Abdeckung der Deckenlampe in der Hand. „Was macht ihr denn hier?“, fragte ich erstaunt. „Och, ich habe mich gewundert, dass hier alles so dunkel ist. Da ist wohl die Glühbirne kaputt, und hier kann die scheinbar keiner wechseln. Ich mache das noch kurz, Moment…“ Er schraubte das neue Leuchtmittel ein und baute den Lampenschirm wieder an. Service halt … 😉

Zur Sicherheit und der Beruhigung der „Geschädigten nach Verkehrsunfall“ erhob ich in der Zeit, in der Jens die Lampe reparierte, noch ihren Blutdruck und den Puls. Keine Auffälligkeiten. Anschließend ermahnte ich noch den etwas betreten dreinschauenden „Vollzugspartner“, dass er mit seinem Docht demnächst doch bitte etwas vorsichtiger umgehen soll, und wir verabschiedeten uns. Die Rolle des zweiten Mannes war uns bis zum Schluss jedoch nicht ganz klar. Vielleicht hielt er bloß die Kamera …

Was aber bleibt, ist wieder einmal die Erfahrung, dass viele Menschen noch einen großes Vertrauen in den Rettungsdienst haben. Oder würdet ihr sonst einem Wildfremden eine Intimuntersuchung anbieten?

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu Verkehrsunfall mit Aufklärungsgespräch

  1. roerainrunner schreibt:

    Doch, kann ich schon nachvollziehen. Wenn man wirklich glaubt, man hat etwas „kaputtgemacht“ und schon den RTW gerufen hat (was ich für klug halte; wie viele Leute schämen sich und laufen z.B. Tagelang mit Dauererektion herum, bis sie im KH landen und der Arzt ihnen sagt, dass es zur Erhaltung „des Dochts“ bedeutend besser gewesen wäre, mal früher aufzuschlagen…) dann will man auch „vom Fachmann“ bestätigt wissen, das wirklich alles in Ordnung ist und nicht sobald er die Tür zuschlägt, doch nochmal fünf Liter Blut aus einem rausplatschen. Die meisten Frauen sind gynäkologische Untersuchungen (auch von Männern) seit der Jugend gewöhnt und sehen das auf professioneller Ebene.
    Es erweckt sich der Eindruck, dir war es peinlicher als ihr? Dabei haben wir doch schon etliche Geburtsgeschichten gelesen und da musstest du ja auch „genauer hinschauen“ 😉

    • firefox05c schreibt:

      Ich weiß, dass eine solche Untersuchung – gerade durch „Fremde“ – von einigen Mädels als „erniedrighend“ empfunden wird. Für diese Frau überwog aber anscheinend die Sorge um Verletzungen…
      Ich habe die „Untersuchung“, wie ich schon angedeutet hatte, aus zwei Gründen nicht gemacht: Erstens sah ich keinen Sinn darin, und zweitens wollte ich keine Angriffsfläche für Nachrede bieten. Ich war schließlich mit ihr allein. (Vor einiger Zeit musste sich ein Kollege rechtfertigen, weil eine betrunkene Frau nach dem RTW- Transport behauptet hatte, der Kollege hätte sie sexuell belästigt, als sie alleine im Patientenraum waren. Einem anderen wurde unterstellt, er habe in der Patientenwohnung onaniert!)

      • roerainrunner schreibt:

        Oha, na da ist was los 😦
        Es sollte auch keine Kritik sein, eher eine Erklärung. Bei mir hätte die Sorge sicherlich auch überwogen 😉

  2. carsten schreibt:

    herrlich 😀

  3. BRC_MEDIC schreibt:

    Viele werden ein gutes Verhältnis zum RD haben – Sie sind in der Schei^C^C^Cmisslichen Lage und Du/Ihr könnt helfen. Bei uns kamen da auch schon ähnliche Fälle rein – aber keiner auf Grund einer wilden Orgie (Post-Op Sachen, „einfach mal so suppen“, etc). In den meisten Fällen ist mir das eher peinlich da zu sein – naja, peinlich vllt. nicht, aber wie geht man mit viktorianischen Ansichten um? Trotzdem waren die alle froh einen von „uns“[TM] zu sehen.

    Das mit dem Leuchtmittel wird auch dazu beigetragen haben 🙂

  4. Nobody schreibt:

    Vielleicht hat sie aber auch nur gesehen, wie stark und gut gebaut du bist und wollte deswegen dich fühlen lassen. 😉

  5. Thomas Kuhn schreibt:

    Der gute Ruf der Retter halt

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