Mitteilungsbedürfnis

Abends um halb elf wurden wir alarmiert, um einen Hausbesuch zu machen: „Dornfelder Straße 4, dort Wasser aus Heizung, 7. OG“, quäkte es nach dem Aufflammen des Lichtes aus der Wand. Wir gingen geordnet zum Löschbomber. Bei so einer Meldung macht natürlich niemand einen Hechtsprung ins Treppenauge, um Zeit zu sparen.

Die Einsatzstelle war ganz in der Nähe, nach zwei Minuten Fahrt hielt das rote Ungetüm vor einer Mietkaserne. Sperrmüll lag neben der Eingangstreppe, das Treppenhaus im funzelnden Sparlampen- Licht war mit Graffiti beschmiert. Aufgebrochene Briefkästen, Werbezettel auf dem Boden und ein Fahrstuhl, aus dem eine Blume von Pipi quoll, rundeten das Bühnenbild für einen qualitativ hochwertigen Einsatz ab.

Im 7. Stock öffneten sich die Türen der Fahrstuhlkabine und gaben den Blick frei in ein schwarzes Loch: Die Treppenhausbeleuchtung hier oben war kaputt … Im Licht der Handlampen suchten wir die angegebene Wohnung, als sich eine Tür auftat: „Hallo? ’schapp Se geruf’n … Kommse ma hier!“, lallte ein Herr, er mochte mittleren Alters sein und trug einen Trainingsanzug. Sein 1- Zimmer- Appartment war ebenfalls dunkel. Nur das Vollmondlicht schien durch die großen Fenster und spiegelte sich auf dem nassen Boden. „Warum haben Sie denn kein Licht an?“, fragte Chefchen. „Mein Betreuer hat wohl die Rechnung nich‘ beßaalt“, erklärte der Wohnungsinsasse mit Ethanol- gelähmter Zunge. „Kommse ma gucken, hier, da iss aal’s nass!“, lallte er weiter. Ohne Frage hatte er schon die eine oder andere Granate mit „Heilwasser St.Auder“ weggelutscht. Wir betraten im Licht unserer Lampen den Raum, der etwas verwohnt aussah. Nur wenige Möbelstücke hatten den Weg in diese Bude gefunden. Die Polstergarnitur in der Mitte des Raumes sah aus, als hätte sie sich nur auf den Teppich geflüchtet, weil der Linoleumboden darum herum Pfützen trug. „Da, kucken‘ se ma, datt ganze Wasser hier üa-all. Datt iss‘ ausse Heißung gelauf’n“, verkündete der Alkoholisierte mit ausladenden Bewegungen, als wolle er uns den flusigen Teppich verkaufen. „Wo ist denn das aus der Heizung rausgekommen?“, fragte der Cheffe etwas genervt, während er und mein hinter ihm stehender Kollege den Heizkörper ableuchteten. Sie fanden keine Ursache für die Pfützen, die zweifelsohne großflächig um und im Teppich unterwegs waren. Ich schätzte die Menge auf etwa 10 Liter. „I’schapp fasucht, die Heißun‘ zu entlüften, da iss‘ dann datt ganze Wasser rausgelauf’n. Hier, üa- all allet ganz nass!“ Der Hobby- Installateur deutete wieder emotional berührt mit beiden Händen gen Boden und schüttelte bei dem Anblick, der sich ihm in unseren Lichtkegeln bot, den Kopf. Chef wurde etwas nöckelig: „Aber hier ist doch alles trocken am Ventil! Da läuft ja gar nichts aus!“ So sehr er sich anstrengte, konnte er keine Wasserquelle entdecken.

„Nono“ konnte im Gerätefach bleiben.

„Onkel Faxe“ stemmte immer noch auf die Wasserlachen blickend die Hände in die Hüften: „Ja nee, klar: I’schapp datt dann irgendwann wieda ßugedreht, weil datt ja so lief!“ Wir hätten uns jetzt bestimmt angefressen angeschaut, wenn nicht unsere Augen schon mit rollen beschäftigt gewesen wären. Kollege brachte es auf den Punkt: „Und was sollen WIR jetzt hier? Wenn nix mehr ausläuft, ist doch alles gut!“ Der Kunde mit den geschätzten 2,5 ATÜ auf dem Kessel entgegnete: „Abba hier iss‘ doch alles nass! Kuckense sich datt ma an!“ Mein Kollege streckte den Kopf vor und sprach in der Zunge des Benebelten: „Und? Watt meinense, wer datt getz aufwischt??“ Dieser stutzte einen Augenblick, bevor ihm die Fackel der Erleuchtung die Trainingsjacke ansengte, und erkannte, dass diese Pfützen kein unlösbares Problem darstellen würden: „Ähm … Ich?“ – „Na, sehnse, da sind wir uns doch einig“, schloss mein Spannmann. „Dann können wir uns ja wieder verabschieden.“ Ohne seinen Widerspruch sagten wir alle brav: „Schönen Abend noch“, und bestiegen kopfschüttelnd wieder den Lift nach unten.

Wie lange das Heizungswasser durch die kleine Bohrung am Entlüftungsventil auslaufen musste, um in dieser Menge den Boden zu bewässern, weiß ich nicht. Vielleicht war der Herr nach dem Aufdrehen kurz auf dem Töpfchen. Und an der nächsten Bude. Was in ihm dabei vorging, wird immer ein Rätsel bleiben.

Wahrscheinlich hatte der Herr bloß jemanden gebraucht, dem er diese Sauerei zeigen konnte, bevor er tätig wurde.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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11 Antworten zu Mitteilungsbedürfnis

  1. Ensch schreibt:

    „Philosophen-Viertel“? … Auf mich wirkt der mitteilungsbedürftige Hauptdarsteller in dieser Story ja ehrlich gesagt nicht wie ein Philosoph 😉

    • firefox05c schreibt:

      Weder war er einer, noch wohnt er dort. 😉

      • Ensch schreibt:

        Wäre er einer gewesen, dann hätter er geschwiegen (oder so…)…

        ich hab ja nur gefragt, weil Du in einer Antwort auf einen anderen Kommentar dieses „Philosophenviertel“ erwähnt hast… aber dieses Viertel heißt vermutlich nicht wegen seiner Bewohner so, oder? 😉

  2. Talianna schreibt:

    Vielleicht wollte er seinen Brand mal vorsorglich mit Heizungswasser löschen und sorgte sich, dass es nicht klappt. Die Nummer der Profis in Sachen „Brand“, wenn auch nicht DIESE Art Brand, ist einfach kürzer als die des Gas-Wasser-Exkremente-Notdiensts 😉

  3. gnaddrig schreibt:

    Heizkörperentlüftung ist nicht trivial, da muss man sich auskennen. Wenn am Anfang Wasser kommt, muss man das lange genug laufen lassen, bis die Luft kommt, sonz wödtasnix mitte Entlüftung.

    • firefox05c schreibt:

      Ich vermute eher, dass man bis zum nächsten Entlüften erst mal einen halben Kubikmeter Luft nachblasen muss, bevor überhaupt wieder irgendwo ein Bläschen auftaucht, so gründlich wie der war! 🙂

      • gnaddrig schreibt:

        Oder man macht gleich ein Heißluftgebläse draus, weil Wasser dürfte da ja auch kaum noch drin sein…

  4. WPR_bei_WBS schreibt:

    Hammse dich auf ne andere Wache versetzt, oder rotiert ihr regelmäßig? Zumindest würde ich das von Dir beschriebene Wohnszenario jetzt nicht in dem Sprengel erwarten, in dem Du dienstlich schon mal das knallrote GummiAluboot enterst.

    • firefox05c schreibt:

      Oh doch: Wir haben sogar ein ganzes Viertel mit solcher „Kundschaft“ … 😉

      • WPR_bei_WBS schreibt:

        Echt? Aber doch nicht in dem Stadtteil selber, oder? Bis wohin geht denn Euer Einsatzgebiet (und gleich mal eine schon länger vorhandene Anschlußfrage: Wenn Du auf dem RTW bist, bist Du dann auf der nächstgelegenen Wache mit RTW, oder janz woanders)?

      • firefox05c schreibt:

        Unser RTW steht seit einiger Zeit an unserer Wache. Ich brauche zu den Diensten also nicht mehr umziehen, wie noch vor ein paar Jahren.
        Unser Ausrückebereich umfasst z.B. auch das „Philosophen- Viertel“, falls du dich auskennst. Und gerade dort passiert viel, was eigentlich keinen Einsatz des RD oder der Fw wert wäre. – Bei uns gibt es bereits den Spruch: „Wenn du da vorbei fährst, pass auf, dass man dich nicht sieht. Sonst fällt denen ein, dass sie uns ja wieder wegen irgendetwas anrufen könnten!“ So einige Stories in diesem Blog stammen aus der Gegend. 😉

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