Funkübung mit Hindernissen

Bei „meiner“ Freiwilligen Feuerwehr war ein Übungsabend angesetzt. In dieser Woche stand eine Funkübung auf dem Programm. Nach einem einführenden Vortrag über die neueste Software, die auf die Digitalfunkgeräte aufgespielt wurde, sollte nun ein praktischer Versuch folgen: „Wir schicken den ersten Trupp mit einem Funkgerät auf den Berg neben der Ortschaft und stellen ihr Gerät dann auf „Gateway“ [eine Relais- Funktion]„, erklärte der Übungsleiter. „Die anderen schwärmen in vier Gruppen mit den Fahrzeugen aus, um zu sehen, wie weit entfernt dieser Empfänger durch andere Funkgeräte genutzt werden kann.“ Sein Hintergedanke war, dass wir damit vielleicht eine Rückfallebene zum üblichen Funken hätten, wenn das System mal ausfallen sollte.

Diese Transporter haben verhältnismäßig wenig Gewicht auf der Hinterachse – und sind nicht geländegängig.

Aufgeteilt in 5 Gruppen besetzten wir also die kleineren Fahrzeuge der Wehr und fuhren in die zugeteilten Bezirke. Mit dem Fahrzeug meiner Gruppe, einem alternden  VW Transporter mit Ladefläche und Truppkabine, Baujahr ’88, genannt „GW- Nachschub“, rollten wir durch die Abenddämmerung zu viert in den angeordneten Zielquadranten, einem Nachbardorf. Dort hatten wir allerdings keine Verbindung mehr zum „Gateway“ der Behelfsstation in der Kernstadt. „Fahr doch mal da den Feldweg rein, der führt auf eine Anhöhe“, meinte Frank, der älteste Kamerad im Fahrzeug, der auf der hinteren Bank neben André saß. Jens, der junge Maschinist, tat wie geheißen. Ich saß auf dem Beifahrersitz und versuchte fleißig, die Wache anzufunken. Aufgrund der schwierigen Topographie in der Gegend wurde mir sporadisch Funkempfang angezeigt, im nächsten Moment brach die Verbindung wieder ab. „Fahr mal da vorne rechts! … Und nun geradeaus, dort hinten dann links! …“ dirigierte Frank den Chauffeur über die schmalen Feldwege. Draußen wurde es dunkler, die Gegend immer einsamer, die Wege schlechter. Ich fragte mich langsam, ob in dieser verlassenen Einöde seit dem Krieg mal jemand vorbeigekommen war. Aber Frank kannte sich scheinbar aus.

Wir kamen nun endgültig ans Ende der befestigten Wege, immer noch ohne Funkverbindung. Vor uns lag im funzeligen Scheinwerferlicht des alten Transporteisens eine Biegung, hinter der nur noch ein Schotterweg zu erkennen war. Die Hasen am Wegesrand schüttelten schon verständnislos mit dem Kopf, als wir dort auftauchten. Frank stutzte: „Äh … Fahr mal vorsichtig rein. Ich glaube, da kommt gleich wieder ein befestigter Weg …“ Jens wurde nervös und schaute hektisch wie ein Eichhörnchen. Er hatte nur wenig Fahrpraxis mit diesem Auto. „Okeee … ich soll jetzt also den Weg hier reinfahren?“, suchte er ungläubig Bestätigung. Ich war da etwas sicherer: „Ja. Wenn du langsam fährst, kannst du sehen, wie der Weg sich entwickelt. Schau‘ mer ma“, meinte ich unternehmungslustig.

Er bog in den Weg ein. Etwas abschüssig, aber noch befestigt mit hellem Schotter, führte der Weg ins Dunkel. Langsam rollten wir den Feldweg hinab. Er wurde schlechter, im Auto wurde es stiller. Wir ahnten, dass es hier nirgendwo hin ging. „Oh- oh! Soll ich echt noch …?“, fragte Jens. Er rollte noch ein Stück. Die Steine auf dem ausgefahrenen Weg wurden weniger, die Spurrinnen tiefer und das Gras dichter. Ein paar Meter noch, dann ordnete Frank an: „Nee, lass mal. Halt an, wir fahren dann rückwärts wieder raus.“ Ich nickte mit starrem Blick auf den nun unbefestigten Hohlweg: „Yepp. Gute Idee.“ Der alte Bulli hatte schließlich weder Allrad noch grobstollige Reifen. Wie geheißen hielt Jens an, legte den Rückwärtsgang ein – und kam nicht mehr von der Stelle. Die Räder drehten auf dem schlüpfrigen, abschüssigen Untergrund lustig durch. „Nee, ne?“, lachte André von hinten. Frank und ich wussten, dass die Sache nun vielleicht gar nicht so lustig war. Jens schmiss angesichts der mangelnden Traktion sofort die Flinte ins Korn und verließ das Gehäuse: „Nö, Jungs. Das kann ich nicht. Da soll jetzt ein anderer fahren.“ Nun hatte er endgültig das Hemd am flattern.

Ich stieg also aus und schwang mich auf den Fahrerplatz. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass hier gleich der entspannteste Platz in dieser Geschichte sein könnte. Meine eigenen Versuche, uns rückwärts aus dieser Lage zu manövrieren, scheiterten allerdings ebenfalls. Auch das Versetzen des roten Blechles auf die Grasnabe zwischen den Fahrspuren brachte beim nächsten Versuch keinen Benefit in Puncto Traktion: Unter dem Gras war der Boden zwar verdichtet, aber alles glatt wie Schmierseife, so dass die Reifen wieder ihr Streifenmuster in der Natur hinterließen. Der nächste Versuch, bei dem die Kollegen sich auf die Ladekante setzen sollten, um mehr Gewicht auf die Achse zu bringen, hatte keine Wirkung auf den Grip der Reifen. „Tja“, informierte ich die Kollegen. „Hilft nix. Ihr müsst wohl schieben.“ Jens und André nahmen also Aufstellung vor der Fahrzeugfront und schoben, während Frank es für eine größere Hilfe hielt, mit dem Handylicht hinter dem Auto auf den Boden zu leuchten (was allerdings erwartungsgemäß nicht annähernd an die Leistung einer gewöhnlichen Handlampe heranreichte und somit allenfalls ihm die Beobachtung erleichterte). Doch die Räder drehten mal durch, mal rutschte das Auto seitlich weg – es wollte nur nicht mehr zurück fahren! „Hmm. Haben wir denn vielleicht Schneeketten im Staukasten?“, fragte ich die Mitstreiter. „Nein. Weil es so wenig Schnee gab, haben wir die nicht aufs Fahrzeug gelegt“, enttäuschte mich Frank. „Das Auto ist ja fast nur noch für geplante Transporte im Einsatz, deswegen ist da sowieso keine weitere Ausrüstung mehr drauf.“ Kein Zweifel: Es war dunkel, einsam und verlassen – und wir steckten fest. Es war nicht ganz „am Arsch der Welt“, aber bei gutem Wetter könnte man ihn von einem Hochsitz aus bestimmt sehen. Ohne fremde Hilfe würden wir hier nicht mehr weg kommen.

Etwas ratlos standen wir um das Dienstfahrzeug herum. Keine Funkverbindung, keinen Handyempfang, kein brauchbares Werkzeug. Ich sah mich um, soweit das Mondlicht der sternenklaren Nacht es zuließ. Unterhalb des Hanges endete der Feldweg vor einem Waldrand. Oberhalb begann erst in einigen hundert Metern Entfernung die befestigte Fahrbahn. Rechts ein Feld, links eine Weide … – Moment mal! Plötzlich hatte ich ein Flashback: „Jungs, das gibt es nicht: Wir haben uns genau an der Stelle festgefahren, an der ich mich vor fast 25 Jahren schon meinen Audi 50 in den Weg eingegraben habe!“, verkündete ich den Funfact des Abends. Ich erzählte ihnen die Geschichte:

Es muss 1994 gewesen sein, als ich dort mit meinem ersten Auto, einem „lofotengrünen“ Audi 50, die Gegend erkundete – und just auf diesem Weg, fast auf den Meter genau, stecken geblieben war! Auch damals wurde es immer dunkler, als ich versuchte, mit dem Wagenheber den Kleinwagen anzuheben, um Fußmatten unter die Räder zu schieben. Allerdings hatte das Schicksal damals einen längeren Spaziergang für mich vorgesehen: Ich kurbelte den Wagenheber unter dem Schweller hoch. Es knirschte. Dann fiel das Auto mit der nächsten Umdrehung der Kurbel mit einem Krachen wieder runter. Der Wagenheber steckte im rostigen Schweller, der Teppich im Fußraum hatte eine imposante Beule. Ich musste damals meine Rettungsversuche abbrechen, bin fast 4 Kilometer durch stockfinstere Nacht ins nächste Dorf gelaufen und habe von dort aus ein Taxi nehmen müssen. Erst am nächsten Tag konnte ich einen Bauern mit einem Trecker organisieren, der meinen  Laubfrosch, Baujahr 1976, für 20 Mark aus dem Schlamm zog. Und nun stehe ich an der selben Stelle. Das nennt sich dann wohl „Karma“ …

Dunkel. Einsam. Ein verlassenes Auto in der Einöde. Wie damals …

Heute sind wir Gott sei Dank im Zeitalter des Handys: Wir ließen den roten Oldtimer auf dem Weg stehen und mussten nur etwa 300 Meter zurück laufen, bevor wir Empfang auf den Streichelplättchen hatten. Ein Anruf auf der Wache, per Whattsapp den Standort geschickt (keiner von uns wusste genau, wo wir eigentlich waren!), und Hilfe war unterwegs: Es setzten sich vier weitere Kollegen in Marsch. Bis sie eintrafen, standen wir nun in der Stille unter dem Sternenhimmel. Am klaren Firmament erklärte ich den Kameraden verschiedene Sternbilder. Schließlich war dort viel zu sehen, da die nächste Siedlung, die Licht emitierte, weit entfernt war: „Da drüben seht ihr die drei Sterne aus dem Gürtel des Orion. Und da hinten ist das Sternbild Skorpion.“ Frank unterbrach und deutete nach Westen: „Und da? Ist das nicht der große Wagen?“ Ich grinste: „Nee, der hat bloß 1PS. – Der große Wagen ist hier auf der anderen Seite! Siehst du?“ Es war schon fast surreal.

Nach fast 20 Minuten traf der Mannschaftstransporter, ein Movano, mit Verstärkung und einem 5 Meter langen Drahtseil, aber ebenfalls ohne Allradantrieb, ein: „Was habt ihr denn hier veranstaltet?“, fragte der Fahrer aus dem Fenster heraus. „Ich dachte, ich mache aus der etwas drögen Funkübung mal eine kleine Hilfeleistung“, witzelte ich vorlaut. „Cheffe hat gesagt, mit einem Großfahrzeug würden wir hier nicht rein kommen“, klärte besagter Movano- Pilot uns auf. „Wir sollen euch mit dem Seil rausziehen.“ Sichtlich begeistert warfen wir die Arme in die Luft und verdrehten die Augen. Frank lachte: „Schau mal, da hinten, wo die kleinen, roten Punkte in der Pampa leuchten. DA steht der Bulli. Wenn du da runter fährst, stecken gleich zwei Autos fest!“ Das leuchtete dem Helfer ein. Also musste es anders gehen: Sechs Kollegen drückten also zwei, drei Momente später ihre Hände gegen die Front und kuschelten eng mit den Wangen am Bulli, rammten ihre Stiefel in den Dreck – und gemeinsam schafften wir es, das festgefahrene Ding zu befreien und etwa 100 Meter den Weg zurück zu schieben, bevor die Räder wieder Halt fanden und ich das gute Stück im weiteren Verlauf auf die befestigte Straße manövrieren konnte. Gerettet! Und ich war auch noch sauber geblieben. Die Kameraden sahen allerdings nicht mehr ganz so fein aus.

Zurück am Gerätehaus mussten wir nachts um 23 Uhr noch das Auto wieder „Salonfähig“ machen, bevor wir es in die Halle stellen konnten. Der Vorplatz gab ein Bild ab, als hätte man dort Kartoffeln gerodet. Aber, wie ich dem Zugführer gegenüber bemerkte: „Wir haben nichts kaputt gemacht, und das Auto stand die ganze Zeit auf dem Weg!“ Und das ist doch schon mal etwas wert.  😉

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu Funkübung mit Hindernissen

  1. paul schreibt:

    *Erbsenzählmodus ein* War es wirklich Gateway Betrieb? Also überleiten einer (DMO)Gruppe in eine (TMO) Gruppe? Oder war es nicht eher Repeater Betrieb, sprich das was früher das Relais war? *Erbsenzählmodus aus*

    • firefox05c schreibt:

      Richtig. Obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, was am „Zentralgerät“ geschaltet war, da wir zu keiner Zeit wirklich Verbindung aufnehmen konnten. 😉

  2. Nobody schreibt:

    Sehr schöne Geschichte. Ich habe zum Glück dabei nichts getrunken.
    Aber lese ich richtig, ihr habt die ganze Funkübung verpasst? Wenn das mal nicht Absicht von euch war! 😉

  3. Talianna schreibt:

    Experten in Rot 🙂 Wenn es nicht mit Technik geht, dann halt mit Kraft.

  4. Anja schreibt:

    Deine Beiträge darf man nicht lesen, wenn man erkältet ist – ich hab vor Lachen den Hustenanfall des Jahrhunderts gekriegt 😀

    • firefox05c schreibt:

      Brauche ich einen neuen Disclaimer? „Für Schäden durch Kaffee in der Tastatur oder Erstickungsanfälle durch Verschlucken kann ich keine Haftung übernehmen…“ oder so?

    • Tirsi schreibt:

      Genau das gleiche dachte ich mir auch gerade XD Entweder ersticke ich am Hustenanfall vor Lachen (Wie aktuell Dank derben grippalen Infekt) oder mir kommt beim Lachen der Kaffee durch die Nase 😄😄

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