Physik sucks …

Bei den Freiwilligen wird regelmäßig gelernt, geübt und wiederholt. In „meiner“ Wehr alle 14 Tage am Freitag Abend. So trafen wir uns auch an diesem Freitag bei schwül- warmem Sommerwetter am Gerätehaus. Weil es so drückend war und ich später nicht in einem Backofen heimfahren wollte, ließ ich meine Seitenscheiben ein gutes Stück weit unverschlossen.

„Dieses mal findet der dritte Abend zum Thema ‚Unterstützung Rettungsdienst‘ statt“, meinte unser heutiger Vorturner, als die Mannschaft komplett umgezogen und vor ihm versammelt war. „Es werden Bereiche der ersten Hilfe wiederholt. Um 21 Uhr soll es Gewitter geben, bis dahin sollten wir aber wieder zurück sein.“ Er war da ganz optimistisch.

Dazu wollten wir mit einigen Fahrzeugen auf ein naheliegendes Schulgelände fahren, um dort an verschiedenen Stationen an der „frischen“ Luft, aber abseits von störendem Publikum, die Reanimation, das Immobilisieren von Patienten, Techniken zur Blutungsstillung und anderes zu üben. Mit dem Löschfahrzeug, dem Einsatzleitwagen, einem Mannschaftstransporter und der Drehleiter rückten wir aus. Ich war auf der Leiter eingeteilt. Bei der Abfahrt wies mich einer der Kameraden noch darauf hin: „Henrik, deine Scheiben am Auto sind noch nicht zu!“ – „Kein Problem!“, feixte ich altklug. „Cheffe sagt, bis zum Unwetter sind wir wieder da! Und der war schließlich an der Feuerwehrschule, der weiß alles…“

Ein paar Minuten später rollten wir auf besagtes Gelände und verteilten uns dort in Gruppen an die vorbereiteten Lernstationen im Freien. Es wurde munter etwa eine Stunde lang der Einsatz des Spineboards, das Zu-tüdeln von spritzenden Blutungen, Rippenbrechen an der Übungspuppe und anderes praktiziert, als sich der Himmel plötzlich recht schnell zuzog. Die ersten Tröpfchen trafen mein semibewachsenes Haupt. „Henrik, dein Auto…“, meinte der Kamerad wieder nachdenklich. „Ach watt, nur ’n büschn Mückenpisse“, winkte ich ab. „Cheffe hat gesagt: “ … nicht vor neun“. Hast du doch gehört. Und wir haben es jetzt erst halb.“ Mit einem kritischen Blick in die dunklen Wolken rang ich mir ein säuerliches Lächeln ab. Auffrischende Windböen strichen über meine Pleete. Uns war beiden klar, dass ich damit weder recht hatte, noch dass ich nun irgendetwas an der drohenden Flutung meines rollenden Einkaufskörbchens ändern könnte, sollte nun die Hölle losbrechen.

Der Regen wurde stärker.

Es fing an zu grummeln.

Erste Donnerschläge.

Dann prasselnder Regen, so dass wir alle Übungen abbrechen mussten, um uns unter das Vordach eines angrenzenden Gebäudes zu flüchten.

Nun knallten die Blitze, das Regenwasser konnte kaum so schnell abfließen, wie es vom Himmel fiel. Ich sah mich schon in einer Badewanne nach Hause fahren. Dafür wäre sie aber nicht so heiß …

Dann passierte das Unvermeidliche: Der Keller eines Geschäftshauses im Ort lief durch den Sturzregen voll, und unsere Piepser riefen zum Einsatz!

Durch den strömenden Regen sprinteten wir zu den Fahrzeugen, der Löschbomber und der ELW rückten direkt zur Einsatzstelle aus. „Wir fahren erst zum Gerätehaus und machen einen Fahrzeugwechsel“, meinte unser Führer auf der Drehleiter, während ich mir die Regentropfen von der Nasenspitze blies. „Mit der Leiter können wir bei dem vollgelaufenen Keller nichts anfangen. Aber auf dem Rüstwagen, der noch im Haus steht, sind Tauchpumpen.“ – Ich überlegte, ob wir eine dieser Pumpen nachher vielleicht in meinem Auto einsetzen könnten.

Gesagt, getan: Wir fuhren zu dritt zunächst zum Standort zurück. Während der Maschinist die Leiter in das Gerätehaus einparken und der zweite Kamerad hierzu das Tor öffnen wollte, stieg auch ich aus: „Ich mache nur noch eben die Scheiben an meinem Auto dicht!“, rief ich und rannte los in Richtung meines abgeparkten Autos, welches durch den anhaltenden Wolkenbruch bestimmt schon nasse Fußmatten hatte. Meine Nomexjacke warf ich im Vorbeihasten unter das Vordach der Fahrzeughalle : Eine nasse Jacke wäre für einen eventuellen Brandeinsatz untauglich.

Der Regen strömte. Auf dem Platz stand das Wasser, und ich rannte im T-Shirt und mit dem Schlüsselbund in der Hand, so schnell ich konnte, um nicht volle Stiefel zu haben, bis ich am Auto war.

Doch irgendwie hatte ich dann plötzlich mit der Physik zu kämpfen: Ich spürte, wie der Oberkörper etwas zu weit nach vorne geriet, die Beine kamen nicht ganz hinterher. Der Schwerpunkt verschob sich somit vor den vorderen Fuß. Zur Korrektur dieser Misere gab es theoretisch nur zwei Möglichkeiten:

a) Ein oder zwei größere Schritte machen, um die Beine nach vorne zu bringen. Problem: Ich galoppierte aber schon mit den größtmöglichen Schritten und schweren Einsatzstiefeln elfengleich über den Vorplatz. Noch größere Schritte: * Mööp!*

b) Etwas abbremsen, um mit weniger Dynamik den Oberkörper wieder ins Lot zu bringen. – Problem: Massenträgheit. Auch so eine blöde Erfindung der Physiker. Habt ihr euch schon mal Gedanken darüber gemacht, dass man beim Laufen nur unten bremsen kann, und man darum den Schwerpunkt weiter oben VORHER zurücknehmen muss? * Mööp!*

Es kam also, wie es kommen musste: Wild mit den Armen wedelnd wie eine Windmühle machte ich noch zwei, drei ungelenke Schritte, bevor der Körper sich wie ein gefällter Baum nun vollends über die Körperachse schob, und legte mich amtlich mit Ass und König auf die Fresse. Ich drehte dabei die rechte Schulter etwas nach vorne, um wenigstens nicht platt mit dem Gesicht aufs Pflaster zu schlagen, rutschte etwa 30cm über den nassen Boden (war das nun dieses Aquaplaning?), bevor ich den richtigen Drall bekam und mich über die Schulter abrollen konnte. Der Schlüsselbund flog im hohen Bogen über mich hinweg durch den Regen, meine Beine taten es ihm gleich, und augenblicklich spürte ich, wie die Nässe durch mein Shirt schlug. Hart prallte ich auf mein Dorsalgebilde auf, nutzte aber den Schwung, um im Bruchteil einer Sekunde wieder auf die Füße zu kommen. Mit klitschnassem Rücken und lädiertem Fahrgestell stand ich nun nach dem Sortieren der Beine im prasselndem Niederschlag und sammelte meinen Schlüsselbund wieder ein. Mein erster Blick ging verstohlen in Richtung Drehleiter und dessen Fahrer. Mist, er hatte alles gesehen: Grinsend reckte er mir aus dem trockenen Kommunalfahrzeug den erhobenen Daumen entgegen.

Ich lief weiter zum Auto mit den offenen Fenstern, wobei ich schon den ersten Schmerz im Oberschenkel spürte. Den hatte ich mir bei der unkoordinierten Bewegungsaktion wohl etwas gezerrt. Als ich meine Autotür öffnete, waren die Sitze erwartungsgemäß schon dunkler, weil nass, und in den Griffmulden der Türen schaukelten munter kleine Pfützchen hin und her. Fix drehte ich die Scheiben hoch, verschloss den PKW wieder und kehrte zum Gerätehaus zurück, wo die beiden Kollegen bereits den Rüstwagen vor das Tor gefahren hatten und auf mich warteten. Nachdem ich in das Fahrerhaus geklettert war, musste ich mit anhören, wie Kollege A dem Kollegen B, der von meinem Sturz nichts mitbekommen hatte, haarklein meine Stunteinlage schilderte. Die Geschichte würde also noch am gleichen Abend unter den Kameraden rum sein.

Mit durchnässtem Shirt, einer Schürfwunde am Ellenbogen, schmerzender Hüfte und gezerrtem Oberschenkelmuskel half ich kurze Zeit später humpelnd beim Auspumpen des gefluteten Kellers. Die schmerzende Stelle am Schenkel fühlte sich an, als hätte man mir dort einen Schwamm implantiert. Scheinbar hatte sich dort also eine Blutblase gebildet.

In der kommenden Woche wurde ich jedes mal, wenn ich mich im Sitzen nach rechts beugen wollte, an meine feucht- fröhliche Becker- Rolle erinnert. Und nachts sowieso, wenn ich mich auf die Seite drehte.

Hüftgelenk. Bunt tapeziert.

Ein paar Tage später konnte ich dann auch sehen, dass der Aufprall bei dem Sturz nicht ganz „ohne“ war: Zwei dicke blaue Flecken machten sich über meinen Körper breit! Dabei war ich etwas überrascht, dass die Einblutung in den Oberschenkel nicht mittig an die Oberfläche trat, wo der „Schwamm“ zu fühlen gewesen war, sondern durch das Gewebe bis kurz über die Kniekehle heruntergesickert war.

Mittlerweile ist der Oberschenkel wieder beschwerdefrei, die Hüfte allerdings spüre ich immer noch.

Und was lernen wir daraus? Leute, die in der Feuerwehrschule einen Führungslehrgang absolviert haben, wissen auch nicht mehr über das Wetter.

Und: Physik sucks.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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6 Antworten zu Physik sucks …

  1. Nobody schreibt:

    Vielen Dank für deine Ausführung. Vielleicht wäre es besser gewesen vor der Abfahrt die Fenster zu schließen. Immerhin hätte es auf der Übung auch einen Einsatz mit Drehleiter geben können.

    Aber wie du nach dem Einsatz dein Auto gerettet hast fehlt in der Geschichte

    • firefox05c schreibt:

      Nein, Schuld war natürlich ausschließlich die inkompetente Einschätzung des Gruppenführers… 😉
      Das Auto war mit einer halben Rolle Zewa und zwei Tagen Sonne wieder fit. Weil der Artikel eh schon so lang war, hatte ich mir und euch das erspart. Auch, dass ich danach um 22.00 noch in der Kirche war und unter Begleitung der Orgel Dudelsack spielen durfte. 🙂

      • Chris schreibt:

        Die Beschreibung wäre allerdings interessant. Die Akustik muss doch grandios sein!

        Ansonsten weiter gute Besserung. Ich muss aber gestehen, dass ich spätestens beim Bild schallend gelacht habe, was zu irritierten Blicken der Kollegen führte.
        Auf ähnliche Weise, mit Zeit zum Denken während dem Sturz, hab ich mir eine nicht unkomplizierte Fraktur im Handgelenk zugezogen. Auch Schräglage kann den Effekt haben 😉

      • firefox05c schreibt:

        Ja, die Akustik war grandios. Es war eine Probe für eine Hochzeit.
        Die Zeichnung hatte ich beim Dienst auf Altpapier gekritzelt und testweise an meine Frau geschickt. Als die sich amüsiert, war das Werk freigegeben. 😉

      • WPR_bei_WBS schreibt:

        Oh, wie cool! In der örtlichen Kathedrale deiner FFW?

      • firefox05c schreibt:

        „Kathedrale“ ist gut… 😉

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